Archiv für den Monat: August 2011

Synthese

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Es gibt Themen, die einen verfolgen, auch wenn man selbst gar nicht weiter an ihnen interessiert ist. Was kann man tun? Was soll man mit ihnen machen? Reagieren? Im Falle von Stalking wird dringend davon abgeraten auch nur die geringste Reaktion zu zeigen.  Bloß nicht. Unter keinen Umständen. Aber ich meine jetzt gar nicht so Stalkingthemen wie die Steuererklärung, bei der sich trotz dieser belästigend-beunruhigenden Dauerpräsenz das Nichtstun entgegen diesem gutgemeinten Rat nicht wirklich anbietet.

Ich habe gerade eher ein Thema im Sinn, was zwar anhänglich, aber keinesfalls beunruhigend ist und hinter mir herdackelt. So dass manchmal Leute fragen, „Du, was ist denn das mit dem Thema da hinter dir?“ Es lautet: Was ist denn nun der Unterschied zwischen chinesischer und japanischer Tuschmalerei. Immer wieder.

Am liebsten würde ich mich umdrehen und sagen „ach man, das hatten wir doch schon“. Und ich verweise auf meinen Eintrag im April 2008. Aber man kann ja nicht ernsthaft der Meinung sein, dass es bei den vielen Millionen Menschen und Themen und Situationen reicht, wenn man einmal etwas zu etwas gesagt hat. Außer man heißt JFK und steht vorm Brandenburger Tor.

Ich könnte ablehnend sein, mich umdrehen und mit „BUH!“, das Thema verjagen. Ausformuliert würde Buh in etwa lauten: „was möchtest Du denn verglichen haben? Die Palastmalerei der Mingdynastie mit zeitgenössischer japanischer Malerei? Oder den hemmungslosen Bada Shanren aus dem 17. Jahrhundert mit dem kunstfertigen Jakuchu aus dem 18. ? Die Zenmalerei in beiden Ländern? Möchtest Du Äpfel mit Birnen, oder Fische mit Strukturreform vergleichen? Boskop mit Cox Orange? Häh?“ Wie ich schon sagte: Buh! und das verschüchterte Thema verdrückte sich kleinlaut.

Aber möchte man so miteinander umgehen? Das ist doch nicht schön. Das muss auch anders gehen. Zum Beispiel mit Synthese. Gelebte Synthese. So nahm ich  an einem Tuschmalereikolloquium auf Schloss Mitsuko teil, das von der japanischen Meisterin Kinsui Katori geleitet wurde. Ihr Meister hatte bei Zhang Daqian, einem der berühmtesten chinesischen Maler des 20. Jahrhunderts gelernt. Bevor dieser später mit Picasso Bilder austauschte, lernte eben dieser Großmeister um 1917 Malerei auch in Japan. Der Lehrer von Frau Katori wiederum wurde in Taiwan Zhangs Schüler, was in den 70ern schon lange nicht mehr japanisch war. Also lernte der Chinese Tuschmalerei unter anderem in Japan und unterrichtete dann einen Japaner in Taiwan, was ehemalige japanische Kolonie, mittlerweile aber chinesisch war. „Entscheide Du?“, sage ich freundlich zum anhänglichen Thema, das ich nun liebevoll in die Arme nehme, „Lerne ich bei Frau Katori japanische oder chinesische Tuschmalerei?“ Gewaltfreie Kommunikation kann so schön sein.

Für mich besteht der größte Unterschied darin, dass ich bei einem chinesischen Meister versuche, auch die Worte zu verstehen und bei einem japanischen nicht, weil das gar keinen Sinn machen würde. Letztlich kommt es so oder so mehr auf das Zuschauen an. Manchmal wurde Frau Katori von der  äußerst freundlichen japanischen Dame des Hauses übersetzt und dabei stellte sich heraus, dass Japaner auf jeden Fall ein noch größeres Problem mit der Unterscheidung zwischen L und R haben als Chinesen, was bezüglich der Erörterung von blauer (kiefernrußbasierter) und brauner (rapsölrußbasierter) Tusche offenbar wurde. Es ging eine ganze Weile um dieses Thema, doch ob gerade von Braun oder Blau die Rede war, musste man dem Kontext entnehmen, da auch das N meist weggelassen wurde.

Einer Übersetzerin sind ja immer Grenzen gesetzt und so lernten wir alle ein paar japanische Begriffe. Gradation beispielsweise. Das ist zwar eher Englisch oder fremdwortisch, aber Katori Sensei nutzte den Begriff so selbstverständlich, häufig und bestimmt, dass er eine gewisse japanische Note erhielt. Die Rede war von der Farbabstufung Schwarz zu Grau, die in den Pinsel einmassiert werden musste. Pinsel abstreifen: wan-tu-srie, in die Tusche und dann: Gradation.

Das andere waren die Worte kasure und nijimi. Kasure (oder kasule?) meint den gerissenen Strich, der das Weiß des Papiers wie zufällig durch die schwarze Tusche scheinen lässt. Ich habe das Kernzeichen auf Chinesisch nachgeschlagen, es hat die Bedeutung: gleiten oder rauben. Das ist natürlich ganz wunderbar und ich verstehe, warum sich der Begriff nicht übersetzen ließ. Der Pinsel gleitet zwar über das Papier und doch hat es etwas grobes, raubendes, denn das Schwarz wird beraubt, das Weiß holt sich seinen Teil.

Nijimi ist dagegen das Bluten der Tusche, die Verläufe. Das chinesische Zeichen bedeutet durchsickern oder infiltrieren. Die Tusche blutet in das Papier und durchtränkt es, Tusche und Papier werden eins.

Wenn sich die Meisterin und Frau Mitsuko-san sprachlich ergänzten beim konkreten Demonstrieren von Techniken und es nicht so sehr um die Worte ging, klang es etwa so: wan, tu, srie, dann die tusch, put, put, gradation, dann Pinsel malen, kasure, wieder wan, tu, srie, in tusch, dick tusch, put put gradation…. Auch wenn es nicht so klingt, war es sehr lehrreich.

Auch wurden natürlich gewisse Formen japanischer Höflichkeit gewahrt, doch war es mitnichten so, dass wir alle erst fünf Jahre auf den Knien rutschen mussten, bevor wir nur in die Nähe eines Pinsels durften, während sich die Meisterin in Geheimnis und Meisterschaft hüllte.  Ganz im Gegenteil sparte sie nicht mit der Preisgabe von Tricks und Kniffen, darunter auch eine Technik, die Großmeister Zhang Daqian entwickelt hatte. Ich darf diesen jetzt meinen Großmeister nennen, das hat sie uns allen ausdrücklich erlaubt. Falls ich also mal in die Verlegenheit des Namedroppings komme, kann ich ja darauf zurückgreifen.

Frau Katori hat auch in Afrika, Australien und Amerika Kolloquien abgehalten und so kommen wir auch in den Genuss Fotos von beispielsweise afrikanischer Tuschmalerei zu sehen. Die Menschen, die Tiere, die Landschaft. Eindeutig afrikanisch. Ich könnte jetzt wirklich nicht sagen, ob es eher chinesischafrikanisch oder japanischafrikanisch gemalt war. Oder die Känguruhs aus Australien. Auch wir sollen am letzten Tag europäisch frei interpretieren. Ich ließ mich davon inspirieren, dass es das ganze Wochenende wie aus Eimern geschüttet hatte und malte Nacktschnecken und Regenlandschaften.