Archiv für den Monat: Juni 2011

Glückwunschdenken

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Glück ist keine einfache Sache. Es ist flüchtig und vielseitig, um nur die allgemeinsten Problematiken zu nennen. Beim Wünschen weiß man auch nie, ob einen letztlich die Erfüllung oder doch besser die Nichterfüllung günstiger kommt. Und Denken, ach herrjeh, wie schnell hat man sich mal verdacht. Oder verdächtigt.

Einer der berühmtesten Dichter Chinas, Su Dongpo (11. Jhdt), beschäftigte sich eingehend mit diesen und ähnlichen Fragen, während er beim Meister Foyin Zen studierte. Als sie einmal gemeinsam meditierten, und Su sich unheimlich gut fühlte, fragte er Foyin: „Was hältst Du von meiner Meditationshaltung?“ „Wie Buddha“, sagte dieser. Su beglückwünschte sich zu seiner Haltung. Als Foyin dann seinen Schüler fragte, wie er die Haltung seines Lehrers beurteile, wollte er einen Witz machen und sagte: „wie Kuhdung“. Und Su beglückwünschte sich zu seinem Humor.

Er ging nach Hause und erzählte seiner kleinen Schwester davon. Diese rollte mit den Augen, raufte die Haare und rang die Hände. „Du trotteliger Bruder“, sagte sie sinngemäß, „Foyin hat ein Herz wie Buddha und sieht Buddha. Was hast also du für ein Herz?“

Ein rapider Stimmungsabfall dürfte die Folge gewesen sein. Ähnlich wenn auch existenzieller mag es einer Frau Wang aus dem 17. Jhdt in Shandong gegangen sein. Im Jahr ihrer Eheschließung mit dem Landarbeiter Ren lief sie mit ihrem Haberer davon. Sie wird ihre Gründe gehabt haben und man kann vermuten, dass sie nach dem Aufbruch zunächst auch ein gutes Gefühl hatte. Aber dann standen sie da in einem Land, in dem nicht Mobilität und Freizügigkeit angesagt waren, sondern Beziehungsgeflechte und hermetisches Standesdenken, in dem die Städte nachts abgesperrt wurden und Ausgangssperre herrschte. Auf der Flucht sein, bedeutete zumindest für Frau Wang ohnehin schon illegal zu sein, denn dem Gatten davonzulaufen war wegen Ungehorsams an sich schon strafbar. Ganz abgesehen vom Ehebruch, der beide zu Kriminellen machte. Wie auch heute noch, wird -den trotz allem auch damals zahlreichen- Illegalen außerdem überall zu Wucherpreisen Geld abgenommen. Trotzdem folgte sie der Sehnsucht nach Glück, dem Wunsch nach einem besseren Leben? Vergebens allerdings, wie sich gleich herausstellen wird.

Doch kehren wir zunächst zum kuhfladenherzigen Su Dongpo zurück, der seinen Meister Foyin eines Tages fragte, ob Denken so schlimm sei wie Wünschen. Foyin antwortete, dass Denken sogar noch viel schlimmer sei, als Wünschen. Wünschen sei wie das tägliche Ausschöpfen eines Liters aus einem Fass. Denken aber sei wie das Aussickern aus einem kleinen  Loch im Boden des Fasses. „Was meinst du geht schneller?“, fragte er.  Su verstand und wurde erleuchtet. Das ist nicht jedem gegeben. Ich verstehe zwar auch, aber die Erleuchtung bleibt aus. Das mag daran liegen, dass ich gleich anfange darüber nachzudenken, ob man das Fass lieber voll oder lieber leer haben möchte und dass es immerhin auch auf die Größe des Loches ankommt.

Der Gspusi von Frau Wang fing jedenfalls an nachzudenken. Mut und Verlockung sickerten rasant durch dieses Loch, bis nichts mehr davon übrig blieb. Das Ergebnis war, dass er Frau Wang einfach stehen ließ. Das hatte sie sich sicher anders vorgestellt. Was sollte sie jetzt machen? Große Ernüchterung dürfte sich breit gemacht haben. Sie konnte ja nicht einfach einen Job im nächstbesten Copyshop annehmen und dann mal weitersehen. Auf ihren eingebundenen Füßen kehrte sie um, trippelte mühsam zurück und suchte im daoistischen Kloster ihres Heimatortes Zuflucht. Ein bisschen daheim sein, wenigstens. Dort erhaschte ihr früherer Nachbar eines Tages einen Blick auf sie und erzählte ihrem Ehemann davon.  Ob dieser darüber so wahnsinnig glücklich war, weiß man nicht, aber er holte sie zurück nach Hause. „Na toll“, könnte Frau Wang an dieser Stelle gedacht haben. Und damit sollte sie Recht behalten.

Denn ein bisschen mehr Ratio hätte nun wiederum Herrn Ren ganz gut zu Gesicht gestanden. Doch dessen Fass war offenbar übervoll und konnte nirgends abfließen, so dass der berühmte Tropfen in Form eines Streites es überlaufen ließ. Und er erwürgte seine Frau. Als er sie dann so liegen sah, ging es plötzlich wieder mit dem Denken. Das ist hinterher ja oft so. Wenn man vorher länger nicht gedacht hat, kann es aber passieren, dass die Gedanken plötzlich ins Kraut schießen. Und so ging es auch Herrn Ren. Er schulterte die Leiche von der nunmehr wunschlosen, aber insgesamt doch eher glücklosen Frau Wang und wollte sie dem Nachbarn vor die Tür legen. Sie habe ein Verhältnis mit dem Nachbarn, wollte er aussagen und offenbar habe dann der Nachbar sie im Streit getötet. Wer würde ihm nicht glauben? Schließlich war sie schon mal abgehauen. Und der Nachbar, naja, was sollte der schon sagen, mit der Leiche vor seiner Tür?

Jetzt ist es mit dem Wünschen ähnlich wie mit dem Denken, beides reibt sich häufig heftig und chancenlos an der Realität. Vielleicht hätte Herr Wang, oder noch besser zu Lebzeiten Frau Wang so ein modernes Managertraining auf NLP-Basis machen sollen. Denn Du kannst alles erreichen, wenn Du nur wirklich willst. Jedoch waren beide nicht in der Technik die Realität den Wünschen Untertan zu machen geschult. Das Elend der frühen Geburt. Da geht es uns heute ja ganz anders. Nur einmal richtig gewollt und schon hat man es, ist man es, kann man es. Nur Sagen oder Benennen, das genügt heute natürlich genausowenig wie damals. Darüber können die ehemaligen Bewohner von Glücksinsel derzeit ein sehr langes und sehr bitteres Lied singen. Fukushima, wäre der zynisch klingende Titel.

Lange nicht so schlimm, aber auch nicht optimal verlief es eben bei unserem ebenfalls in Allesistmöglichtechniken ungeschulten Herrn Ren, der unter der Last seiner toten Frau ächzend, genau zwischen seinem Haus und dem des Nachbarn hörte, wie eine Art Nachtwächterpatrouille ihr Lager aufschlug. Also warf er seine Frau in den Schnee und ging schlafen. Dann soll der Nachbar sie eben unterwegs getötet haben, sei´s drum, dachte er. Aber wie es bei Brecht schon heißt: dann mach halt noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.

Der neue Witwer ging also zum Gericht und erzählte seine Geschichte, nur deshalb weiß man überhaupt von dem ganzen Vorfall. Der schlaue Richter bediente sich nur zurückhaltend der bei uns verbotenen Vernehmungsmethoden, sondern erforschte die Umstände auch nach heutigen Maßstäben sorgfältig. Auch die immer noch im Schnee liegende Frau Wang wird nach einigen Tagen nochmal gründlich untersucht. Die Widersprüche zwischen Rens Geschichte und den harten Fakten werden immer zahlreicher und schließlich gesteht Ren.  Frau Wang bekam ein nobles Begräbnis, damit sie nicht als hungriger Geist das Dorf heimsuchen würde und ihr Mann wurde zu -potenziell tödlichen- schweren Stockschlägen und Schandkragen verurteilt. Schämen sollte er sich und zwar öffentlich.

Dieses öffentliche Schämen blieb unserem Dichter Su erspart, aber seine Verfehlung war allerdings auch weniger einschneidend. So durfte er das Schämen ganz privat und für sich allein erledigen. Doch wie es bei Celebrities nunmal so ist, weiß heute trotzdem jeder davon. Als sich Su nämlich wieder einmal besonders hellsichtig und inspiriert fühlte, dichtete er die Zeilen: die acht Winde können mich nicht bewegen, wenn ich unbeweglich auf dem purpurgoldenen Lotos sitze. Soll heißen: ich bin so wahnsinnig abgehoben, dass mich nichts mehr aus der Ruhe bringen kann. Er schickte das Gedicht an seinen Meister Foyin, der in einem Tempel auf der gegenüberliegenden Flussseite wohnte. Der Gerechtigtkeit halber muss man schon sagen, dass Su Dongpo wirklich ein außergewöhnlicher Dichter war und auch diese Verse formvollendet schmiedete. Doch was macht Foyin? Auch er scheint dem Fäkalhumor nicht abgeneigt,  schreibt „Furz“ auf die Rückseite und schickt den Zettel retour.

In seinen Erwartungen krass getäuscht und außerdem empört, beginnt Su einen wütenden inneren Monolog, was eigentlich immer die Garantie für Unglücksgefühle darstellt. Was bildet sich dieser unbegabte Mönch eigentlich ein? Dieser Kretin? Diese dichterische Nullnummer? Schließlich setzt er über den Fluss und möchte Foyin mal ordentlich die Meinung geigen. Doch die Tür ist zu und Foyin nicht da. Stattdessen hängt ein Zweizeiler an der Tür: „Acht Winde können mich nicht bewegen, doch ein Furz bläst mich quer über den Fluss. „