Archiv für den Monat: Mai 2011

Gipfeliges

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Letztens war ich zu einem Alumnitreffen eingeladen. Alumni klingt ja so ein wenig nach Illuminati, heißt aber tatsächlich nur Zögling. Und so lud die Taipeh-Vertretung ihre Zöglinge, die bisher etwa 120 ehemaligen Stipendiaten und Stipendiatinnen ein und immerhin gut die Hälfte davon kam aus der ganzen Republik angereist. Auch ich machte mich auf den Weg. Allerdings hatte ich es nicht weit, musste ich doch nur von Prenzlauer Berg in den angrenzenden Bezirk Mitte.

Wie immer auf solchen Treffen wusste ich nicht so recht, was ich da machen soll. Ich bin ausgesprochen schlecht im Smalltalk und daraus resultierend eine schlechte Netzwerkerin und Selbstvermarkterin. Was hätte ich nicht alles daraus machen können? Ich hätte meine laufende Ausstellung anpreisen können, meinen Tuschmalereiunterrichtsflyer in die Menge werfen können und allen mein Taiwanbuch unter die Nase halten können. Ich hätte damit unheimlich auf die Nerven gehen und mich damit bekannter machen können. Hätte ich alles können, hab ich aber nur äußerst zurückhaltend getan.

Tatsächlich ist für mich ja auch viel interessanter, was andere zu erzählen haben. Mich kenne ich ja schon. Also habe ich von einer Studie über eine nach Taiwan eingeschleppte Kletterpflanze gehört. Das Stipendium wurde für die Erforschung der Auswirkung der Einschleppung der Kletterpflanze vergeben. Das ist doch mal interessant. Nicht immer nur diese Sprachnerds. Erfreulicherweise hat sich herausgestellt, dass sich die Kletterpflanze entgegen den ursprünglichen Befürchtungen nicht schädlich auf das bestehende Ökosystem auswirkt.

Schließlich gab es Vorträge. Die Begrüßung durch Botschafter Wei war wie gewohnt geeignet, eigenen Gedanken nachzuhängen. Weil ich in dem Moment nicht so viele davon hatte, war ich froh, dass er sich kurz hielt. Dann kam der Hauptredner Dr. Croissant, der uns wesentlich länger, aber gleichzeitig wesentlich kurzweiliger über den Demokratisierungsprozess in Taiwan unterrichtete. Wir waren nicht überrascht, dass es Taiwan auf dem Bertelsmann Transformationsindex ganz nach oben geschafft hat, den Gipfel, ja den Olymp der transformierenden Staaten erklommen hat, gefolgt von Südkorea und Indien. Demokratien, die als gefestigt gelten, werden von dem Index (deshalb Transformationsindex) nicht mehr erfasst. Es kann also sein, dass Taiwan bald gar nicht mehr auf dem Index erscheint. Aufstieg in die Bundesliga sozusagen. Ach was sage ich: Champions League oder gar Weltmeisterschaft! Dort befinden sich die arrivierten, die erfolgreichen Demokratien, wie Dänemark, wir oder Italien. Und da sieht man gleich, was hier fehlt: ein Transformationsindex für den Abbau oder dem Verspielen von Demokratie. Schließlich ist ja nicht gesagt, dass eine arrivierte Demokratie immer eine solche bleibt. Italien könnte doch zum Beispiel wegen der Medienkonzentration und den sonderbaren Berlusconigesetzen auf einem Abstiegsplatz landen? Auch die EU insgesamt bekleckert sich in dieser Hinsicht nicht gerade mit Ruhm und erhält dafür schon gar keine olympischen Weihen. Vielleicht würde ein wenig Sportsgeist dem politischen Klima ganz gut tun? Spannende Relegationsspiele um Menschen- und Teilhaberechte? Wer möchte schon gerne absteigen? Das könnte der Demokratie ganz neue Attraktivität verleihen.

Ganz unten auf dem Index dümpelt wenig überraschend Myanmar/Birma, nur geringfügig hinter Nordkorea. China hat immerhin den viertletzten Platz ergattert: Glückwunsch! Das garantiert den Klassenerhalt!

Ansonsten ist es in Taiwan wie bei uns: die Mehrheit findet die Demokratie grundsätzlich gut (erstaunliche 92%), aber zufrieden sind mit ihr nur 53%. So schlecht ist das auch nicht, in Osteuropa finden beispielsweise nur 53% dass Demokratie überhaupt eine gute Idee ist. Lustigerweise genießt in Taiwan ausgerechnet das Militär das höchste Vertrauen, ganz im Gegensatz von Parteien oder gar dem Parlament. Aber wenn ich mich recht erinnere, ist das bei uns auch so, obwohl oder gerade weil das Militär nicht für seine demokratische Entscheidungsfindung bekannt ist.

In der anschließenden Diskussion wollte ein Alumnus unbedingt darauf hinaus, dass der ganze Demokratiebegriff  im Westen entstanden und entwickelt und damit eurozentristisch sei. Ja genau, der Asiate kann nämlich gar keine Demokratie. Wahrscheinlich verstehen die 92% Taiwaner gar nicht, wem oder was sie da zustimmen. Sie empfinden wahrscheinlich auch Schmerzen ganz anders und haben gar keine individuellen Wünsche. Mehr so eine Art Ameisenmensch oder so. Doch ist zu bedenken, dass auch das Automobil im Westen erfunden und entwickelt wurde. Und trauschauwem: auch der Asiate kann damit fahren. Unter Zurückdrängung all seiner eigentlichen Eigenheiten kann er vielleicht sogar wählen gehen, hört hört!

Interessanter war da schon der Beitrag, dass das taiwanische Nationalgefühl dem der Österreicher nach dem zweiten Weltkrieg vergleichbar sei. Der Taiwaner als chinesischer Schluchtenscheißer? China als die Trägerin der problematischen Mutterkultur mit all den üblichen Abgrenzungs- Ablöseproblemen für die Filia, die nicht nur Filiale sein will? Könnte schon sein. Leider war kein Österreicher da, den man zu seinem ganz speziellen Nationalgefühl, zur eigenen Verortung in der Welt hätte befragen können.

Was die Gipfel anbelangt gibt es schon gewisse Ähnlichkeiten: der Großglockner ist mit fast 3.800 m ähnlich hoch wie der taiwanische Yushan (ca. 3.900m). Dafür ist Chinas höchster Berg fast dreimal so hoch wie der unsrige. Aber wir spielen (wie natürlich auch Österreich) Demokratie in der Champions League.