Archiv für den Monat: April 2011

Schwarzsehen

pupillas

Meine zeitlichen Rahmenbedingungen haben sich seit dem letzten Stummeleintrag nur geringfügig gebessert, dem muss ich wohl ins Auge sehen. Trotzdem möchte ich wenigstens einen kleinen Beitrag zustande bringen.

Und wer könnte mir in dieser Not besser aushelfen, als der Brüder Grimm Chinas, der stilgewandte Märchenonkel, der Novellist des ausgehenden 17. Jahrhunderts in China: Pu Songling. Er hinterließ eine Novellensammlung mit 431 Geschichten, die Volksglauben mit literarischer Finesse verbanden. Klassiker also.

Pu Songling war aber nicht mit Hellsicht begabt und hatte keine Ahnung davon, wie bekannt und beliebt er dereinst werden würde. Völlig frustriert schrieb er also am Ende seines ihm sinn- und erfolglos erscheinenden Lebens: „Ich bin nur ein Vogel, dem es vor dem Winterfrost graut und der in den Zweigen keine Zuflucht findet; die Herbstgrille, die den Mond anzirpt und sich an die Tür schmiegt, um ein wenig Wärme zu erhaschen. Wo sind die, die mich kennen?“ Eine an der Türschwelle erfrierende Grille, das bricht einem wirklich das Herz. Kennen tun diese schon lange tote Grille und ihre Geschichten nun etwa eine gute Milliarde Menschen, aber das nützt ihr jetzt natürlich auch nichts mehr.

Also eine Geschichte: Es war einmal ein Jüngling. Und natürlich war er nicht weise, gelassen und abgeklärt, sondern eben ein Jüngling, also leichtfertig und unbotmäßig. Man muss ihm aber zugute halten, dass er immerhin nicht in der U-Bahn Leute halb oder ganz tot schlug. Eigentlich war er nur lästig, ein Frauennachpfeifer. Kurz vor dem Frühlingsfest hatte es ihm eine Frau in einer Sänfte besonders angetan. Er folgte der Sänfte, um möglichst viele Blicke auf sie zu erhaschen. Zu seinem Pech handelte es sich nicht um eine schlicht reiche und schöne junge Frau, sondern eine, die außerdem Verbindungen in die Unterwelt hatte. Um den lästigen Verfolger loszuwerden, warf ihre Zofe ihm Sand in die Augen. Er rieb und rieb, um den Sand aus den Augen zu bekommen, doch es gelang ihm nicht. Stattdessen wuchs ihm auf den Augäpfeln eine Hornhaut, rechts gar fest und dick wie ein Schneckenhaus. Auch er konnte die Augen jetzt nicht mehr vor den Tatsachen verschließen: Er war blind.

Das war ein wirklich harter Schlag und genaugenommen auch etwas übertrieben. Aber so war es nun mal. Jetzt musste er blind zurecht kommen. Das ist alles andere als leicht, wie ich letztens für wenige Stunden in einem Dunkelrestaurant feststellen durfte.  Der Gedanke, wie es wäre, danach nicht einfach wieder ins Licht gehen zu können, war außerordentlich beunruhigend. Trotz oder wegen aller Betreuung. Die ohnehin blinden Kellner pflanzten uns also auf unsere Plätze und erklärten den Tischaufbau mit der Uhr. Man hörte das Murmeln der vielen anderen Gäste, aber außer im Auge selbstproduzierter Lichtflecken war nichts, aber auch gar nichts zu sehen. Ich schaute und schaute, aber ganz offenbar gab es wirklich gar kein Licht. Der Tisch war klein und damit überfühlbar, trotzdem zerbrach im Raum hin und wieder irgendwo ein Glas. Wir schafften es allerdings ohne Scherben und ohne Flecken, obwohl wir sogar die Teller tauschten. Das Essen mit Besteck auf dem Teller zu finden war eine ziemliche Herausforderung und nach der Vorspeise nahm ich dann doch die Hände stattdessen. Meine Freundin erzählte, dass sie die Augen geschlossenen und den Kopf gesenkt hätte, um sozusagen die Antennen auf dem Oberkopf zu nutzen. Ich saß dagegen mit offenen Augen rum und sah sie offenen Auges wenn auch ohne jeden Effekt an. Ich tat einfach so als ob. Als ob nichts wäre. Für ein Essen geht das schon mal.

Aber was sollte unser Jüngling nun tun? Mit dem Nachschönenfrauenluren war es vorbei. So zu tun als ob, macht an der Stelle wirklich gar keinen Sinn. Wenn das bisher der Lebensinhalt war, wird es natürlich kritisch. Was nun? Erst dachte er an Selbstmord, wandte sich dann aber doch lieber dem Buddhismus zu.  Das zügelte Testosteron und Verzweiflung gleichermaßen, er wurde klar und ruhig. Sehr ruhig. Bis er eines Tages Stimmen in seinem Auge hörte. Man fragt sich natürlich gleich, ob die Stimmen im Auge nicht vielleicht eine verschärfte Form der selbsgenerierten Lichtflecken darstellen. Oder ob er jetzt auch noch psychotisch geworden war.

Die Stimmen sprechen davon, dass sie diese Schwärze nicht mehr ertragen könnten. Dem kann der Jüngling nur beipflichten. Doch die Stimmen belassen es nicht beim Jammern, sondern beschließen, die Schwärze zu verlassen und besser mal spazieren zu gehen. Es kribbelt den Jüngling in den Nasenlöchern und nach einer Weile kribbelt es wieder und kurz darauf hört er wieder die Stimmen. Sie sprechen über die verdorrten Orchideen im Garten.

Die Orchideen waren allerdings die andere Leidenschaft des ehemaligen Schönschauers gewesen, um die er sich nach seiner Erblindung aus gegegebenem Anlass nicht mehr gekümmert hatte. Jetzt kommt in der Geschichte ganz nebenbei ein interessantes Detail: Er beschwert sich über den Zustand der Orchideen -bei seiner Frau. Ach so! Der ist verheiratet! Er ist nicht mutterseelenallein und adoleszent, keine vergessene Grille auf der Türschwelle, sondern hat jemanden, der für ihn zuständig ist. Das ändert zwar nichts an der Blindheit, aber doch an den Begleitumständen.

Er fragt also diese seine Frau, warum sie die Orchideen so vor die Hunde hat gehen lassen. Die Frau, die mit ihrem blinden Gatten vermutlich anderes zu tun hatte, geht darauf gar nicht ein, sondern fragt ihn bloß, woher er das eigentlich wisse. Er erzählt ihr von den Stimmen und dem Kribbeln. Nach unauffälliger aber genauer Beobachtung sieht sie tatsächlich nach einer Weile zwei Homunculi aus seiner Nase klettern und in den Garten schlüpfen. Nach einer Weile kommen sie zurück und verschwinden wieder in den Nasenlöchern. Es sind die zwei Pupillenmännchen, die Pupillas, oder Püppchen auf Deutsch. Die man auf dem Kopf stehend sehen kann, wenn man jemandem scharf in die Augen schaut und die einem selbst immer so verdammt ähnlich sehen.

So ging es eine Weile, doch dann hörte der Jüngling, wie sich die Pupillas über den Umweg über die Nase und den beschwerlich langen Weg in den Garten beklagten und deshalb anfingen die Augen aufzukratzen, wie Frost von der Windschutzscheibe. Rechts war wohl nichts zu machen, aber links kratzte und schabte es ohne Rücksicht auf die Schmerzen des mittlerweile gar nicht mehr so wahnsinnig jungen Jünglings. Doch dann war es geschafft: Licht fiel wieder durch das linke Auge und das linke Pupillenmännchen lud das rechte quasi auf seinen Balkon ein.

Der Jüngling hob das Lid und Tatsache, er konnte wieder sehen. Überglücklich schaute er in der Gegend herum. Und seine Frau entdeckte beim genauen Hinsehen nun zwei Pupillen im linken Auge. Durch den schmerzlichen Reifeprozess und die buddhistischen Studien gereift, erleuchtet, oder was weiß ich, sah er nun mit einem Auge besser als vorher mit beiden. Den Frauen sah er nun aber nicht mehr hinterher. Man hofft ein bisschen, dass er zumindest seine Frau ab und zu ansah.