Archiv für den Monat: Februar 2011

Abkürzungsimitat

mao

Was wäre, wenn Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg Chinese wäre? Zunächst einmal hätte sein Name nicht 30, sondern nur drei Silben. Höchstens vier. Ein echter Pluspunkt.

Aber was wäre mit dem Plagiat? Schließlich weiß man doch, dass der Asiate allgemein und der Chinese im Besonderen ein ganz eigenes Verhältnis zur Kopie hat. Heißt es. Sogar mit sich selbst. Seien die Chinesen doch eine gesichtslosen Masse aus funktionierenden, fast identischen Rädchen. Sehen ja eh alle gleich aus. Ha!

Tatsächlich wird in Ostasien in besonderem Maße durch Nachahmung gelernt. Soweit stimmt das schon. Das hängt zum einen damit zusammen, dass das Alte traditionell besonders verehrt wird. Andererseits mit der Erkenntnis, dass es überflüssig und unmöglich ist, immer und immer wieder das Rad neu zu erfinden. So gibt es tatsächlich Kunstwerke, die obwohl fast gleich, tatsächlich zeitlich verschobene Urheber haben. Trotzdem können beide für sich berühmt und kostbar sein, und das nicht als besonders kuriose Fälschung. Kopieren fühlt sich insofern kulturell tatsächlich anders an. Das Wort Kopie täuscht hier allerdings. Es geht nicht um die reine Nachahmung, sondern um die Nachempfindung. Die muss dann schon echt und originär sein.

Vielleicht täte uns eine Neubewertung von Original und Kopie gut. In manchen Bereichen klappt das schon. Wenn zum Beispiel mein hypothetisches Haustier stürbe. Sagen wir mal, ich hätte einen Hamster. Einen Hamster, den ich natürlich über alles liebte. Wenn er nun -Gott behüte- stürbe, wäre ich am Boden zerstört und würde mich vielleicht nicht damit abfinden wollen. Ich würde ihn vielleicht wiederhaben wollen. Meinen kleinen goldigen Gefährten. Ich würde vielleicht nicht einfach einen neuen Hamster haben wollen, weil ich mich total reinsteiger in diese konkrete Hamsterliebe und mir ein neuer Hamster wie Verrat vorkäme. Wenn ich meinen Hamster also klonen lassen wollen würde -bei der Lebenserwartung etwa alle 2-3 Jahre- , wäre das viel viel aufwändiger und teurer und schwieriger als mir ein neues Original zu besorgen. Q.e.d.

Aber zurück zum textlichen. In schriftlichen Arbeiten war es in China früher üblich, Zitate ohne jegliche Kennzeichnung zu verwenden. Das galt auch oder besonders für die Beamtenprüfungen. Ich habe nie einen Prüfungstext gelesen, aber es scheint, als sei eine virtuose Jonglage mit möglichst vielen Zitaten sogar besonders gut angekommen. Wäre Karl Theodor von und zu also ein chinesischer Summacumlaude-Beamter gewesen? Wohl kaum. Denn der chinesische Beamtenanwärter kannte genau wie sein Korrektor die Zitate selbstverständlich auswendig. Irgendetwas sagt mir, dass Pomadenkalle seine Doktorarbeit oder die Zitate darin nicht aus dem Stegreif aufsagen kann. Derartige Kompetenzen hätte er auch eher im klausurdominierten, zweiten juristischen Staatsexamen unter Beweis stellen müssen. Statt knapp zwei Jahre dafür aufzubringen, hat er dann lieber sieben Jahre mit seinem Doktortitel vertüddelt. Copy und Paste sind im Übrigen keine altchinesische Kulturtechnik.

Als Chinese der Kaiserzeit hätte er jetzt natürlich ganz andere Probleme. Denn die dritte Beamtenprüfung, die man mit unserem Doktortitel vergleichen kann, war Grundvoraussetzung für das Staatsamt. Da könnte man nicht so schön die wissenschaftlich und politisch gegelten Haare spalten. Abgesehen davon hätte es einem Chinesen bei der ganzen Verhandlung über die Arbeit derart die Haut vom Gesicht gehobelt, dass die Wangenknochen schon rausgestanden wären. Dagegen gibt es dann eigentlich nur zwei Strategien: sich selbst an einer Seidenschnur erhängen, oder eben mit einem kleinen Krieg von der Malaise ablenken. Dass es sich ausgerechnet um unseren Verteidigungsminister handelt, macht mich an der Stelle etwas nervös. Auch Putin soll ja seinen Doktor erplagiiert haben und dem ist noch immer was Ablenkendes eingefallen. Zu Not auf die eigenen Leute einschlagen. Übertragung nennt man das.

Ursprünglich stammt das Wort Plagiat wenig überraschend aus dem Latein und der Lateiner bezeichnete mit Plagium die Versklavung eines freien Menschen. Ganz verstehe ich den Zusammenhang nicht, aber vermutlich sollte ausgedrückt werden, dass der geistige Diebstahl zu den Schwerverbrechen gehört. Ganz so drastisch sehen die Chinesen das zugegebenermaßen nicht. Ein chinesisches Wort für Plagiat setzt sich zusammen aus den zwei Zeichen für rauben/plündern/flink und geschickt und stehlen/heimlich. Frei interpretiert bedeutet dies, dass man beim Rauben doch zumindest so geschickt vorgehen sollte, dass es heimlich bleibt.  Je nun. Wie jemand der so schrecklich gern im Rampenlicht steht, auf die Idee kommt, dass ein beleidigend plumpes Plagiat nicht auffliegen würde, ist mir völlig schleierhaft.

Ein anderes chinesisches Wort für Plagiat wird aus abschreiben/abkürzen/Arme verschränken und überfallen/nachmachen gebildet. Beides zusammen bedeutet entweder eben plagiieren oder Erfahrungen anderer unkritisch übernehmen oder Überraschungsangriff.

Ich muss ja zugeben, dass auch ich während des Studiums einmal 0 Punkte wegen Täuschungsversuchs erhielt, wenn auch immerhin nicht wegen eines Plagiats. Und das war so: wir schrieben die die Hausarbeit flankierende Klausur für einen großen Schein. Welches Fach es war, weiß ich nicht mehr so genau. Sagen wir mal öffentliches Recht, denn da war der schwarze Graf unser Prof. Seinen Klarnamen habe ich vergessen, aber er hieß so, weil er immer so vornehm tat und nie etwas anderes trug als einen schwarzen Anzug, eine schwarze Krawatte und ein schwarzes Hemd. Didaktisch war er wie praktisch alle seine Kollegen eine Niete. Völlige Unfähigkeit bei der Wissensvermittlung scheint bei Juraprofessoren einfach zum guten Ton zu gehören. Aber gut. Wir schrieben also Klausur und weil wir Hunderte waren, wurden wir nach Buchstaben auf verschiedene Säle verteilt, in denen man dann zusehen konnte, wie man eine der dicken roten Gesetzessammlungen, den Sachverhalt, den eigenen Schmierzettel und die Klausur selbst auf dem kleinen Klapptischchen unterbrachte. Das war nicht auszuhalten. Zu dritt hatten wir uns also im Fachschaftsbüro verabredet. Da war mehr Platz und es ließ sich auch der Fall ein wenig diskutieren. Wir schrieben die paar Stunden und liefen dann vorgeblich völlig konfus zu einem anderen Saal zurück, um dort unsere Werke abzugeben. Dieses sonderbare Verhalten blieb nicht unbemerkt und so bekamen zwei von uns (eine hatte sich geschickter und unauffälliger verhalten) 0 Punkte. Schreiben in der Bibliothek war der Vorwurf. Es war der Ausbildungsabschnitt, in der nur Gesetzbücher benutzt werden durften, so dass Rechtsprechung und Definitionen auswendig gewusst werden mussten. Eine Bibliothek wäre da durchaus von Vorteil gewesen, aber dort waren wir nicht. Eine also unverschämte und haltlose Unterstellung! Ein abstruser Vorwurf! Empört suchten wir den schwarzen Graf auf, der sein Büro ausgerechnet in so einer Art Turmzimmerchen hatte (wo bitte hat die FU Berlin Turmzimmerchen?). Dort legte meine verbliebene Mitstreiterin eine rumplestielzchenhafte Szene von derart selbstgerechter Empörung hin, (wir hätten ja nur zwecks wasweißich die Klausuren von einem Saal zum anderen getragen und mitnichten irgendwo Unterschleif begangen oder sogar sonstwie abgeschrieben, was für eine Unverschämtheit etc pp!!), dass auch ich begann, mich in kohlhaasschem Maße ungerecht behandelt zu fühlen. Es war verblüffend. Unter dieser geballten Empörung knickte auch der Graf ein und gab uns unter Zurückstellung von Bedenken die jeweils ursprünglich vorgesehene Punktzahl. Mit dem Gefühl, einen gerechten Sieg errungen zu haben, rauschten wir wieder ab. So einen Überraschungsangriff hätte ich eigentlich vom Halbjuristen Guttenberg bei seiner hochnotpeinlichen Befragung im Bundestag erwartet. Stattdessen gab es nur verschränkte Arme. Plagiat eben.

Wahrscheinlich würde sich Karl Theodor im heutigen China ganz gut als Shanzhai-Minister machen.  Shanzhai heißt Bergdorf und verweist auf Rückzugsgebiete von Banditen oder einfach unkontrollierbare Orte. An diesen Orten wird nun alles produziert, was das Herz erfreut. Neben echten Raubprodukten aus allen nur erdenklichen Bereichen auch Shanzhai-Produkte im engeren Sinne, Produkte, die keine Fälschungen, sondern Imitate, zuweilen auch Parodien sind. Das geht soweit, dass auch nationale Großereignisse mit normaler Bevölkerung nachempfunden werden, wie weiland der Olympiafackellauf. Oder es treten Doubles von Stars in unbedeutenden Städten auf. Hauptsache die Form stimmt, die Qualität des Inhalts ist schwankend. Meine Galvin-Klein-Socken halten aber immerhin schon 5 Jahre. Da kann man nicht meckern! Problematisch im Fall unseres Verteidigungsministers ist aber, dass er ja schon Originalminister ist und damit schlecht einen auf Shanzhai machen kann. Das müsste dann sein kleiner Bruder übernehmen. Man muss nur die ersten sechs und die letzten zwei Vornamen weglassen, et voilà! Ähnlich und doch verfremdet, Shanzhai! (Nicht zu Verwechseln mit dem Kampfruf Banzai. Das ist Japanisch und bedeutet 10.000 Jahre.)

Abgesehen von vielen denkbaren wirtschaftlichen und kulturellen Kritikansätzen ist das Shanzhaithema nicht immer gut gewählt. So hat Gaddafi die Wiederholung des Tiananmen-Massakers vom 4. Juni 1989 als Shanzhai-Aktion angekündigt.

Peinlich berührt sah sich das Politbüro fragend an: Was für ein Massaker?