Archiv für den Monat: Januar 2011

Hasenjagd

hase

Die meisten haben vermutlich schon davon gehört. Der Zeitpunkt des chinesischen Neujahrs ist mittlerweile keine esoterische und schwer erhältliche Information mehr, sondern praktisch Allgemeingut geworden. In der Nacht vom 2.2. auf den 3.2.  ist es also so weit. Wir lassen den Metalltiger hinter uns, der mit der Explosion der Deepwater Horizon gezeigt hat, zu was er so in der Lage ist. Dieser Tiger muss weichen. Und zwar dem Hasen. Verkehrte Welt.

Dabei steht den Chinesen der Hase für Taktgefühl und Harmonie. Diplomatie soll seine Stärke, mimosische Empfindlichkeit seine Schwäche sein. Romantik und Ästhetik sind im Schwange. Vernunft interessiert den Hasen genausowenig wie den Tiger, aber die Gefühlslage ist halt eine andere. Man ist nett zueinander. Die Tunesier haben es demnach ganz klug angestellt: Aufstand im Tigerjahr, Neuformierung im Hasenjahr. Das kann man blöder terminieren.

In der Rückschau war jedoch nicht jedes Hasenjahr unbedingt ein glückliches. So eine Hasenenergie kann vielleicht nicht immer gegen das an, was andere  so losgetreten haben. Ganz speziell das Jahr 1939 hat sich bei mir nicht als eines eingeprägt, das von Harmonie, Kulturgenuss und Allesiebengeradeseinlassen geprägt war. Wo bitte war da der Hase? Vermutlich in seinem Bau, es war schließlich ein Erdhasenjahr. Wer konnte, ging in den Untergrund.

Uns erwartet jetzt ein Jahr des Goldhasens. Die Broker reiben sich die Hände. Denn die Hongkonger Wahrsagemeister rechnen mit einem sprunghaften Ansteigen der Aktienkurse. Ich habe mir unter Hakenschlagen und Zickzackkurs immer was anderes vorgestellt, aber wir werden ja sehen. Gold meint also unter anderem geldig. Was es nicht meint, ist goldig. Es geht nicht um ein Jahr niedlicher Kaninchen, auch wenn die chinesischen Länder Briefmarken mit den allerputzigsten Karnickeln rausbringen. Gold ist keine Kuschelwolle sondern Metall. Kein drolliges Kaninchen, sondern ein Feldhase in Rüstung. Im Vergleich zu anderen Hasen ist der Metallhase ein bisschen weniger nebulös, ein wenig handfester. Und so einer kann schon mal heftig werden, wenn man zu lange auf seinen Löffeln rumtrampelt.

So zeigt es auch ein Comic-Filmchen, das ein Weilchen durchs chinesische Web cruiste. Dort werden kleine weiße Häschen von bösen Tigern geschurigelt, ihre Kinder mit Milch vergiftet, ihre Häuser abgerissen und sie selbst von rasenden Tigern überfahren.  Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und völlig unbeabsichtigt. Klar. Der Zensur hat es irgendwie trotzdem nicht gefallen. Da läuft so einem Zensoren irgend ein Hase über die Leber und schon wird er komisch. Das Kind in der Rahmenhandlung des Filmchens freut sich jedenfalls auf ein sinnvolles Jahr. Denn auch so ein Tiger kann den Lauf der Zeit nicht anhalten und auf das Tigerjahr folgt nunmal das Hasenjahr. So kommt es zum Hasenaufstand und Tiger um Tiger verliert seinen Kopf, abgenagt mit Hasenzahn. Naja genagt, das klingt jetzt so harmlos nach Mohrrübe. Dabei war es schon ein rechtes Splatterfilmchen. Man sieht praktisch die Verwandlung der Karnickel in Werhasen. Wahrscheinlich deshalb die Zensur. Aus rein ästhetischen Erwägungen. Wegen all dem Blut und so. Wer es sehen möchte, der schaue:

http://www.ftd.de/politik/international/:trotz-zensur-gar-nicht-hasenfuessige-chinesen/60003709.html

Unklar ist mir, ob einem auch um die amerikanische Tigermutter Amy Chua bange sein muss, die in ihrem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch eine Pädagogik empfiehlt, die von der KP China der 50er Jahre abgeschaut sein könnte. Nichts ist erlaubt außer Drill, eigene Neigungen sind zu unterdrücken, zur Not wird drakonisch bestraft. Vermutlich taten ihr, als tiefliebender Mutter, die Strafen an ihren Töchtern auch am meisten weh. Die Arme. Quälen kann so schrecklich anstrengend sein. Doch der Erfolg gibt ihr Recht. Denn nur gesellschaftlicher Erfolg macht glücklich. So glücklich. Aber wer weiß, ob sie dabei nicht irgendwelchen Hasen in die Quere gekommen ist.  Immerhin war sie vorausschauend: keine ihrer zwei Töchter wurde im Jahr des Hasen geboren, so kommt sie vielleicht heil aus der Sache wieder raus.

Aber zurück zu häsischeren Themen. Kunst und Kultur. In der Galerie der Diven tummelt sich das Hasenvolk: Joan Crawford, Ingrid Bergmann, Tina Turner, Angelina Jolie, David Beckham, Jonny Depp, Kate Winslet, Edith Piaf und und und.

Auch Angsthasen finden sich bei näherer Betrachtung. Der Ratzinger Sepp, zum Beispiel, das Häschen das uns zum Papst gemacht hat. Ob er sich wie ein Karnickel  vermehrt hat, wissen wir natürlich nicht. Aber ein Angsthase vor dem Herrn ist er mit Sicherheit. Schon von Berufs wegen muss er sich vor anderen Religionen, Frauen, Aufklärung sexuellen Missbrauchs, Wiedergeburt, Fegefeuer und dem Belzebub fürchten. Um nur ein paar Punkte zu nennen. Aber unser Eingoldohrhase geht noch darüber hinaus. Er fürchtet sich sogar vor dem Internet. Angst um geistige Verschmutzung treibt ihn um, genau wie die chinesischen Zensoren. Weil er die aber selber nicht einsetzen kann, fleht er: bitte bitte, lasst es im Netz katholisch zugehen. Christliche Stilpräsenz ist das Zauberwort. Am liebsten wäre es ihm, die Welt käme ohne diese ganzen furchteinflößenden Techniken und Möglichkeiten aus. Vermutlich fürchtet er, dass bei dem ganzen globalem Gerede seine chinesische Hasenidentität ans Licht kommt. Das wäre peinlich, weil doch der Hase den Katholiken als unrein gilt. Wenn das auffliegt! Dabei hat er noch Glück gehabt. Zwei Jahre jünger und er wäre eine Schlange. Das wäre erst ein Skandal: Eine Schlange auf dem Stuhl Petri! Bei einer derart verschreckten Konstitution wird unserem Benedikt das Hasenjahr insgeheim sicher gut tun. Und es wird herrschen Frieden auf Erden den Menschen zum Wohlgefallen. Mittwoch geht´s los. Amen.