Archiv für den Monat: Dezember 2010

Abgesang

fuchs

Es sind die Rauhnächte jetzt. Wann genau die sind, scheint umstritten zu sein, frühester Beginn ist jedoch die Wintersonnenwende und spätestes Ende der 6. Januar. Irgendwelche 12 Nächte dazwischen sind die Rauhnächte. Das ist eine haarige Angelegenheit, denn rauh kommt von mittelhochdeutsch ruch und das heißt haarig. Da die Grenzen in dieser Zeit zwischen den Jahren dünn sind, muss man mit allerlei rechnen, zum Beispiel mit sprechenden (haarigen) Tieren. Es ist außerdem eine Zeit des Überstandes. Des Überstandes des Sonnenjahres gegenüber dem Mondjahr. Ein Extra an Tagen das der Mond mitmachen muss, um es der Sonne rechtzumachen. Weil der Sonne das Mondjahr zu kurz ist. Zwischen den Jahren sind also die sogenannten toten Tage außerhalb zweier Mondjahre.

In dieser Zeit geht so manches nicht mit rechten Dingen zu und dazu passt besonders gut ein angeblich linkes Tier: der Fuchs. Wie der Weihnachtsmann kommt er tief aus dem Walde her, lacht bellend und dann die Farben: auch der Fuchs trägt Coca-Cola. In Böhmen brachte er außerdem das Jesuskind und auch sonst ist er mit seiner Schläue ganz und gar nicht geheuer und schlägt dabei das Christkind an Nebulosigkeit um Längen.

Noch besser als unser heimischer Vulpes vulpes passt der chinesische Fuchs in unsere Rauhnächte. Denn an Listenreichtum, esoterischem Wissen, Magie und Interaktion mit den Menschen ist er dem unseren überlegen. Immer das gleiche mit den Chinesen. Denn ein Fuchs ist in China nicht einfach ein Fuchs, sondern ein Fuchsgeist. Wobei das Zeichen für Geist hier nicht Gui, der Dämon ist, sondern Jing, die Essenz. Ein Fuchs ist also gleichsam Fuchsessenz.

Chinesische Füchse haben dementsprechend eine ausgesprochene Neigung zu daoistischer Selbstvervollkommnung. Das ist ungeheuer lebensverlängernd, denn während Füchse bei uns maximal 14 Jahre alt werden und in Freiheit selten ihren zweiten Geburtstag erleben, ist so eine Zeitspanne für einen chinesischen Fuchsgeist ein Wimpernschlag, nicht der Rede wert. Nach nur ein paar hundert Jahren Selbstkultivierung, sind sie zu allerlei Unglaublichem in der Lage. Zum Beispiel menschliche Gestalt anzunehmen.

Der Volksmund sagt: wo kein Fuchsgeist, da wird kein Dorf bewohnt. Der Volksglauben glaubt außerdem an den neunschwänzigen Fuchs, einen Glücksbringer, der zusammen mit dem dreibeinigen Raben der Königinmutter des Westens dient. Zusammen mit diesem Raben steht der Fuchs auch für die Sonne, was gut zu dieser Sonnenjahrüberlappung zwischen den Jahren passt.

Doch eine nicht moralgebundene Gottheit kann auch ganz schön anstrengend sein. So gab es immer wieder Fuchsdoppelgänger. Ein Fuchs nimmt zB die Gestalt eines Vaters an, kommt zu ungewohnter Zeit bei dessen Kindern vorbei, quatscht ein bisschen und verschwindet wieder. Wenn der echte Vater auftaucht, wird die Erscheinung diskutiert und schließlich als Fuchs entlarvt. Der Vater schärft den Kindern ein, beim nächsten Mal unbedingt den Fuchs zu töten. Natürlich läuft das dann wie in einer griechischen Tragödie ab und die Kinder erschlagen immer den echten Vater. Manchmal erfahren sie das allerdings erst nach Jahren (wenn einer dieser besserwissenden Priester vorbeikommt und von der dämonischen Aura um das Haus faselt). Das ist natürlich wirklich unheimlich, wenn Du nicht weißt, ob Dein Gegenüber wirklich Dein Vater/Deine Mutter/Dein Geschwister/Dein Kind ist oder vielleicht doch ein Fuchs. Heutige Japaner (die haben auch diese speziellen Füchse)  haben es da leichter. Wenn die Gesprächspartnerin am Telefon nicht die übliche Begrüßung „Moschimoschi“ sagt, dann besteht der begründete Verdacht es mit einer Füchsin zu tun zu haben. Denn Füchse können zwar viel, aber nicht Moschimoschi aussprechen.

Ansonsten fielen Füchse der Landbevölkerung vor allem deswegen unangenehm auf, weil sie mit Ziegelsteinen warfen. Oder gerne und sinnlos lachten. Das hindert einen kummergewohnten Bauern natürlich nicht an der Verehrung. Zumal: was ist schon so ein bisschen Gelächter im Vergleich zu den zahlreichen Abgaben an die Obrigkeit. Was will dagegen ein Fuchs: ein paar Opfer, ein bisschen Gutwillen. Ein anstrengender aber bescheidener Gott ist so ein Fuchs. Der Fuchsglauben hat sich daher als so haltbar herausgestellt, dass es die Partei noch in den 80er Jahren in der VR China für sinnvoll hielt, Plakate aufzuhängen, auf denen erläutert wurde, dass es sich bei Füchsen um schlichte Säugetiere handele. Wer´s glaubt.

Unter gebildeteren Schichten spielte 2000 Jahre früher zunächst der Himmelsfuchs eine Rolle, der die unselige Neigung hatte, Unheil zu stiften und den Untergang einer Dynastie einzuleiten, ohne dass man ihn hätte töten können. Doch der Himmelsfuchs konnte etwas nicht, was dem neunschwänzigen ein leichtes war: sich verwandeln. Das konnte natürlich nicht so bleiben und auch unter den Gelehrten begannen allmählich vielgestaltigere Fuchsgeschichten zu grassieren. Vorzugsweise verwandeln sich Füchse dort in weißbärtige Gelehrte oder überirdisch schöne Frauen.  Dabei werden nicht notwendigerweise Fähen schöne Mädchen und Fuchsrüden Gelehrte, denn wenn man schon die Gattung wechseln kann, stellt die Geschlechtsumwandlung nun wirklich kein Hindernis mehr dar.

Eine Fuchsverwandlung geht so vor sich: Es ist Nacht, der Mond scheint und der Fuchs befindet sich auf einem Friedhof. (Füchse wohnen mit Vorliebe in Gräbern.) Nun setzt sich der Fuchs ein menschliches Schädeldach auf und schüttelt den Kopf solange und setzt sich den Knochen so oft wieder auf, bis er schließlich hält. Dann wird noch ein wenig Gras und Schilf um sich gerafft und schon steht sie da, die unwiderstehliche Schöne. Allein und anrührend hilflos am Straßenrand. Je älter der Fuchs, desto schöner die Schönheit. Nun braucht nur noch ein lebenslustiger oder sonstwie makelhafter Jüngling vorbeikommen und schon nimmt die Geschichte ihren Lauf. Ein Fuchs braucht nämlich eine Sollbruchstelle im Charakter seines Gegenübers, irgendeine menschliche Schwäche, sonst kann er nicht andocken. Aber eine menschliche Schwäche ist ja schnell mal gefunden, sie heißt ja nicht umsonst so.

Eine andere Alternative zu einem menschlichen Antlitz zu kommen, ist die Inbesitznahme eines bestehenden, bis dato lebenden Fräuleins. So kann man natürlich in ganz andere Kreise aufsteigen, als wenn man trotz aller Schönheit irgendwie dubios auf verlassener Straße herumlungert und auch der blödeste aller Fuchsgeistexorzisten die Nachtigall trapsen hört.

Ganz offensichtlich handelt es sich bei diesen Geschichten um Männerfantasien mittelloser und damit unbeweibter, oder maximal einweibiger Gelehrter. Unklar ist jedoch, ob es sich um einen Wunsch- oder Alptraum handelt. Denn Füchse in Frauengestalt waren nicht nur wunderschön und willig, sondern auch unabhängig, unkonventionell und unbeherrschbar. Dazu kam noch die Gefahr des Vampirismus, der sich nicht auf Blut sondern auf Qi, die Lebensenergie bezog. Der Geschlechtspartner als Lebensenergie-Tankstelle. Seit alters her gilt der Geschlechtsakt in China als eine Möglichkeit, dem jeweiligen Gegenüber Qi-Essenz abzujagen. (Daher auch Mao Zedongs Verschleiß an sehr jungen Jungfrauen. Die boten maximalen Ertrag bei minimalem Risiko.) Außermenschliche, durchtriebene Wesen wie Füchse und Totengeister waren darin natürlich besonders gut und konnten einen Mann in kurzer Zeit energetisch völlig zugrunderichten. Aus is und gar is und schod is, dass´ wahr is, singt da der Volksmund.

Doch mit der Zeit tauchten zunehmend Füchse auf, die sich des Qi-Vampirismus enthielten, oder im Fall des Falles mit Medizin abhalfen. Sie spielten gute Fee statt Vamp, sorgten für Reichtum und Ruhm ihres Wirtes. Taktvollerweise verschwanden sie im rechten Augenblick oder wurden ermordet, so dass der Ehrbarkeit und der gesellschaftlichen Ordnung Genüge getan war. Der Fuchs wurde die chinesische Kameliendame.

Bei der Variante des als Gelehrten auftretenden Fuchses, handelt es sich ebenfalls wohl nur zum Teil um einen Alptraum, sondern auch um Rache am rigiden Lehrsystem. Denn diese Fuchsgelehrten waren dem üblichen Konfuzianer haushoch überlegen. Das überrascht nicht, hatten sie doch ein paar hundert Jahre Zeit für das Studium. Obendrein waren ihre Interessen umfassender. Schließlich lehnte Konfuzius die Beschäftigung mit Nichtmenschlichem grundsätzlich ab. Mit so einem Fachidioten wird ein Fuchs im intellektuellen Wettstreit dann natürlich schnell fertig.

Gefährlich waren für Füchse, egal ob sie nun die Figur holde Maid oder Krone der Gelehrsamkeit gewählt hatten, buddhistische oder daoistische Einsiedler, die sie bannen, vertreiben oder zuweilen töten konnten. Welche der beiden Glaubensrichtungen da die Nase vorne hat, hing vermutlich mit dem Weltbild des jeweiligen Autors zusammen. Glaubensunabhängig problematisch waren Hunde und Falken, die sich keinen Menschen für einen Fuchs vormachen ließen.  Mehr als einer der Zauberfüchse, der zuvor noch lieblich und schön gewandet auf einem Pferd ritt, wurde von einer Hundemeute zerfleischt. Könnte das ein Hintergrund für die im Übrigen völlig unnachvollziehbare britische Fuchsjagd sein?

Zur Qingzeit (1644-1911) waren die Schönheiten darstellenden Füchse allmählich so domestiziert, dass sie am Leben bleiben durften. Aber wen interessierte das dann noch? Wenn sie nicht mal mehr Kurtisane mit goldenem Herzen, sondern schon sittsame Ehefrauen waren? Die Fuchsliteratur war vollends auf den Hund gekommen.

Aber nicht der Fuchs. Denn das Auftauchen von Füchsen in der Nähe der Macht kündigte nachwievor das Ende einer Dynastie an. Auch der letzte chinesische Kaiser Aisin Gioro Puyi berichtete von Füchsen im Kaiserpalast. Ein untrügliches Zeichen, das er aber nicht verstand. Nun hörte ich eben, dass die Stadt München von einer erstaunlich großen und weiter zunehmenden Fuchspopulation bevölkert wird.

Tja, liebe CSU: bläd glaffa.