Archiv für den Monat: November 2010

Zufall

schmalkaldenweb

„Ich glaube nicht an Zufälle“, hört man ja manchmal. Und ich frage mich dann, was damit gemeint ist. Vielleicht soll es heißen, dass der Zufall nur ein Produkt selektiver Wahrnehmung ist. Oder dass Ursache und Wirkung durchaus eindeutig zu bestimmen gewesen wären, hätte man nur alle Parameter gekannt. Aber jetzt mal im Ernst. Gibt es für den Alltagsgebrauch einen Unterschied, ob etwas insgesamt unvorhersehbar war oder ob es nur aus mangelnder Kenntnis aller Parameter nicht vorhergesehen werden konnte? Meist klingt „ich glaube nicht an Zufälle“ sowieso nicht nach Wissenschaft, sondern irgendwie absichtlicher, bedeutungsschwangerer. Vielleicht möchte die Person über sich sagen, sie sei karmagläubig, verbindungsfühlig, abergläubisch, sonstwie glaubend oder einfach nur fatalistisch?  Ist ein Leben ohne Zufälle wünschenswert? Überhaupt möglich? Ist es nicht schrecklich beengt?

Welches Karma oder welche aus unendlichen Weiten hergeleiteten Parameter sollten auch warum erklären, dass ich in diesem Monat zweimal von einem Ort hörte, dessen Existenz mir bis dato komplett verborgen war? Ein kleiner Ort in Thüringen schob sich wie aus dem Nichts zwei Mal unabhängig voneinander in meine Aufmerksamkeit. Aus dem Nichts trifft es eigentlich nicht so gut. Ins Nichts müsste es heißen. Denn war es nicht so, dass eines Nachts ein Stück von Schmalkalden im Nichts verschwand? Die Erde tat sich auf und nahm einen ordentlichen Bissen. Ein zufälliger Erdfall. Oder war es Absicht, dass der Schlund ein Auto verschlang? Aber wessen Absicht? Wäre Ort, Ausmaß und Zeitpunkt exakt vorhersehbar gewesen, hätte man alles gewusst? Wer bitte sollte das wissen können?

Vor allem: was hat das ganze jetzt mit Taiwan zu tun? Oder wenigstens mit China? Da kommt jetzt wieder der Zufall ins Spiel. Denn kurz bevor ein Teil Schmalkaldens in sich zusammenfiel, las ich ein Buch von einem Schmalkaldener. Also er selbst stammte eigentlich nicht aus Schmalkalden (so ist das mit den Zufällen, sie hinken zuweilen ein wenig), sondern aus dem 25km entfernten Friedrichroda, wo sein Vater Bürgermeister war. Doch ganz so armselig ist der Zufall auch wieder nicht, denn: der junge Mann hieß Schmalkalden. Caspar Schmalkalden. Ich weiß nicht, wie er es mit den Zufällen hielt, aber es wurde ihm 1642 zu eng dort im schönen Thüringen und er machte sich auf eine große Reise. Als Söldner für die Holländer.

Diese Reise führte ihn auch nach Taiwan. Und weil man Mitte des 17. Jahrhunderts noch keine Blogs schreiben und ins Netz stellen konnte, schrieb und malte er ein Tagebuch, das erfreulicherweise die nächsten 350 Jahre überstand. Mit wachen Augen beobachtete er die fremden Welten und Völker und nahm diese so offen auf, als vor seinem Hintergrund erwartbar ist.

Nach sechs Jahren des Herumgondelns auf den Meeren und den Ländern Hollands erreichte er 1648 Taiwan, das die Portugiesen Formosa genannt hatten, aber jetzt von den Holländern genutzt und beansprucht wurde.  Dort legte Schmalkalden dann seine Waffen nieder und arbeitete als Landvermesser. Die Holländer wollten schließlich wissen, was sie da famoses hatten und nicht alles dem Zufall überlassen. Im flachen und fruchtbaren Westen wohnten die Chinesen und in den Bergen der Ostseite die Formosanen, wie Schmalkalden die Ureinwohner nannte. Die waren nicht ganz freiwillig in den etwas anstrengenden Bergen. Die Chinesen, die sich in großen Auswanderungswellen (die letzte war gerade vorüber, weil die tartarische Qing-Dynastie die chinesische Ming-Dynastie ein paar Jahre davor beendet hatte) auf Taiwan niederließen, beanspruchten die bequemeren Orte für sich. Auf einer Insel vor der wirtlichen Westseite lag Zeelandia, das große holländische Fort, von dem heute nur noch ein paar Mauerreste übrig geblieben sind und das auch nicht mehr auf einer Insel liegt, sondern nunmehr auf dem taiwanischen Festland.

Von den Chinesen war er insgesamt sehr angetan, weil sie so weißhäutig und ehrbar gekleidet waren. Die Sitte, sich ein paar Fingernägel übertrieben lang wachsen zu lassen, missfiel ihm allerdings. Kann ich verstehen. Schön finde ich das auch nicht. Aber seine Abneigung war nicht durch so Skrupel wie das Selbstbestimmungsrecht anderer beschränkt. Er war immerhin Söldner zur Zeit der Kolonisation und obendrein mit der damals üblichen, guten christlichen Selbstgerechtigkeit ausgestattet. So konnte es einem chinesischen Imbissverkäufer wie aus heiterem Himmel passieren, dass eine Art Pseudoholländer namens Schmalkalden ihn ergriff und ihm die kostbar gezüchteten Nägel abschnitt. Immerhin kann man davon ausgehen, dass der Verkäufer damals nicht auch noch für teuer Geld Strasssteinchen und Unterwasserlandschaften darauf hat applizieren lassen. Aber das wird dem Chinesen sicher kein Trost gewesen sein.

So wenig dem Herrn Schmalkalden die chinesische Maniküre zusagte, so sehr hatte es ihm deren Krautwasser angetan: „Zur Gesundheit trinken sie öfters warm Wasser von einem Kraut, auf ihre Sprache Chia und ins gemeine Thé genannt, welches sehr gesund ist (…) Dieses Thé-Wasser ist sonderlich gut, wenn man unlustig ist oder einem das Essen nicht schmecket. Auch wenn einer trunken gewesen ist, so erwecket es wieder guten Appetit und vertreibt alle Unverträglichkeit des Magens. Auch wer von diesem Trank oft trinket, darf sich nicht der Schwind-, Steinsucht oder Podagra (Fußgicht) besorgen, wie man dann an solchen Orten von diesen Krankheiten nichts weiß.“

Schmalkalden versucht auch Fengshui zu erklären, weiß aber nicht so recht, ob er es dabei mit teuflischem Glauben oder Wissenschaft zu tun hat. Er äußert sich abfällig über die Gespenster und Schlangen, die den toten Chinesen die Hölle heiß machen sollen, wenn das Grab nicht fengshuigerecht liegt, aber sicherheitshalber malt er minutiös den für ihn völlig unverständlichen Fengshuikompass ab. Denn wer weiß? Liegen da nicht doch noch ein paar Parameter versteckt, mit deren Kenntnis man den Wechselfällen des Lebens gewappneter gegenüberstehen könnte?

Von den von ihm so bezeichneten Formosanern war er weniger begeistert und trotz seines immerhin zweijährigen Aufenthaltes, der ihn über die ganze Insel führte, fiel ihm offenbar nicht auf, dass es sich um etwa 14 unterschiedliche Volksgruppen handelte. Diese Verächtlichkeit teilte er sich mit den Chinesen. Er fand sie alle klein, stämmig, faul und skandalös bekleidet. Die Häuser von außen seien zwar hübsch und farbenfroh, aber innen schlicht zu leer. Kaum Dinge. Hausrat. Eigentum. Weil sie zu faul waren etwas zu arbeiten, war seine Analyse. Dafür liebten die formosanischen Männer den Wettlauf, wobei sie -weiterhin nur mit einem Schurz bekleidet- mehrere Metallringe um Arme und Hände trugen, die beim Rennen laut aneinanderschlugen. Heute machen die Taiwaner ohne Migrationshintergrund (Naja, irgendwo müssen die auch hergekommen sein. Ab wievielen Generationen erlischt wohl der Migrationshintergrund?) nur noch 2% der Bevölkerung aus und sind mehr oder minder sinisiert und vollständig bekleidet sowieso. Die meisten werden auch sehr viele Dinge zu hause haben, die sie zufällig immer dann nicht finden, wenn man sie braucht.

Damals wurde natürlich nicht die Sinisierung, sondern die Hollandisierung angestrebt und das Wichtigste dabei war natürlich die Christianisierung. Und so lernten die Formosaner mit Zuckerbrot und Peitsche das Vaterunser, das Schmalkalden phonetisch so notierte: Diameta Katu vullum, lulugniang ta nanang oho mabatongal ta tao tu goumoho…. Ob das heute noch jemand kennt?

Was es heute auf jeden Fall noch geben soll, ich aber leider nicht gesehen habe, ist etwas, das Schmalkalden den Tayonanischen Duyvel nannte und für eine Amphibie hielt. Heute nennt man es Ohrenschuppentier oder Manis pentadactylus und hält es für ein Säugetier. Es kann bis zu einem Meter groß werden und sieht in etwa aus wie eine Kreuzung aus einem Ameisenbär und einem Tannenzapfen. Neben der allgemeinen Körperform kämen auch die namengebenden Ohrwaschel vom Ameisenbär, während der Tannenzapfen Farben und Schuppen besteuerte. Trotzdem ist die Ähnlichkeit eher zufällig, denn eine nähere Verwandtschaft besteht weder mit dem einen noch mit dem anderen. Naja Zufall, in diesem Fall nennt man das wohl Konvergenz, was bedeutet, dass für ähnliche Probleme unabhängig voneinander ähnliche Lösungen gefunden wurden. Dieser beohrte Tannenzapfen ist wegen seines Fleisches und seiner Haut eine begehrte Beute, steht aber längst unter Artenschutz. Das klappt nur so mittelmäßig, doch es gibt ihn noch. Ganz offensichtlich war ich nachts zu selten im Wald. Denn dann und dort sucht er nach Ameisen, die er mit einer Art Stachelzähnen im Magen zerkaut. Zum Verdauen zieht er sich dann wieder in seine geräumigen unterirdischen Höhlen zurück.

Wäre es nicht ein ganz aberwitziger Zufall, wenn grabende Tannenzapfentiere aus Taiwan im ausgespülten Untergrund unter dem föhrenbestandenen Schmalkalden den letzten Anstoß für den Erdfall gegeben hätten? Wenn Waschbären Brandenburger Mülltonnen leeren, könnten dann nicht auch Tannenzapfentiere unter Thüringen herumbuddeln? Oder wäre das für einen Zufall doch zu weit hergeholt? Ich persönlich halte ja grundsätzlich fast alles für möglich. Sogar Zufälle.