Archiv für den Monat: Oktober 2010

Zum Geburtstag viel Glück

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Oktober ist ein guter Monat. Der Sommerglast oder sein Nichterscheinen sind vorbei. Den Abschiedsschmerz von dem Glast oder eben den entsprechenden Phantomschmerz hat man dann im September hinter sich gebracht. Im Oktober steht ganz anderes auf dem Zettel. Der Sommer ist eh nicht zu retten, der Winter noch nicht da. Tätigkeit macht sich breit, wo man hinsieht wird gearbeitet, erledigt und geräumt. Das kann man auch auf Berlins Straßen sehen, die allesamt gleichzeitig aufgerissen werden. Alles ackert, wurschtelt, schafft was weg. Diese Indiehändespuckmentalität lässt sich auch aufs Große, aufs Nationale übertragen. Und so findet im Oktober eine erhebliche Zahl von Nationalfeiertagen statt. Die einen feiern ihre Unabhängigkeit, wie zum Beispiel Österreich und Nigeria. Andere ihre inhaltliche Neugründung, wie Portugal und die Türkei. Wieder andere feiern Widerstände, zum Beispiel Griechenland, das 1940 Mussolini sein Ultimatum um die Ohren gehauen hat, oder Ungarn, das 1956 den Volksaufstand versuchte. Alles Nationalfeiertage im Oktober. Wir hierzulande sind da gespalten: die einen feiern so etwas wie eine Gebietserweiterung oder natürlich die Heimkehr der Schwestern und Brüder, ohne dass die sich räumlich bewegt hätten. Eine Heimreise praktisch in Lichtgeschwindigkeit. Die anderen feiern wie die Türkei eine inhaltliche Neugründung, nur eben nicht unter Atatürk, sondern unter Kohl. Tschechien feiert dagegen im Oktober den Gründungstag seiner Vorläufers, nämlich die Tschechoslowakei, das nehmen sie wohl nicht so eng. Den kuriosesten Anlass für einen Nationalfeiertag hat Spanien zu bieten. Die feiern im Oktober nämlich die Entdeckung Amerikas. Ach ja, die einstige Größe.

Ganz vorne bei den Nationalfeiertagen im Oktober liegt die Volksrepublik China, die am 1.10.1949 von Mao Zedong verkündet wurde. China liegt ja gerne ganz vorne. Sei es bei der Bevölkerungsanzahl, dem Wirtschaftwachstum, dem Nobelpreisträgerdissen oder anderen Großprojekten. Also führt sie auch den Reigen der Nationalfeiertage im Oktober an. Der 1.10.1949 war natürlich ein Schlag für die bisher im Amt befindliche Republik China. Trotzdem ging sie nicht unter oder auf wie die DDR, sondern wurde nur etwas randständiger. Verdrängt bis aufs Meer, fand sie Halt auf Taiwan. Und da sitzt sie noch heute.  Klein, fast verzweifelt agil und als offener Beweis dafür, dass sich auch Chinesen für die Demokratie eignen. Davon will man in der Volksrepublik natürlich nichts wissen. Wie Tschechien behielt die Republik China ihren alten Nationalfeiertag, während die Volksrepublik sich genau wie die Slowakei einen neuen zulegte. Mit dem kleinen Unterschied, dass sich der Anspruch der beiden chinesischen Staaten auf das gleiche Gebiet erstreckt.

Doch auch die Republik China feiert ihren Nationalfeiertag im Oktober, am 10.10., dem Doppelzehnten. Heuer war ein ganz besonderer Doppelzehnter, nämlich der 99.  Ja, haha, Schnapszahl denkt sich unsereins. Lustig zwar, aber wichtig ist doch der hundertste Jahrestag. Das ist nun wieder ganz unchinesisch gedacht. Denn 9 spricht sich auf Chinesisch genauso aus, wie „lange Zeit“. Eine Doppelneun meint damit praktisch die Ewigkeit. Die Doppelneun auf der Doppelzehn, das klingt wie Republik China forever. Und muss entsprechend gefeiert werden. Auch ich bekomme eine Einladung ins Interconti und das lasse ich mir natürlich nicht entgehen. Eine Einladung vom Botschafter, Frau Ilka Schneider mit Begleitung, das ist doch was. Ich war auch noch nie im Interconti und wusste nicht mal genau, wo es eigentlich liegt. Gut, wieder was gelernt.

In den Sälen nebenan findet ein Empfang wegen des deutsch-türkischen Länderspiels statt und ich denke, aha, hier ist ein Ort für derartige Ereignisse. Irgendwo muss das ja immer sein. Parallelwelten. Und ich weiß ehrlich nicht, ob die das Grundgesetz respektieren. Aber egal. Ich tue weltläufig und lasse die Fußballprominenz rechts liegen. Begleitung und ich reihen uns in die wartende Schlange ein. Ist ja wie in der DDR, maulen wir albern. Und Tatsache: als wir vorne ankommen, sind die bunt blinkenden Taiwanschildchen schon weg. Aber um die geht es gar nicht, stellen wir dann fest. Sondern um feuchtwarme Händedrücke vom Botschafter nebst Ehefrau. Davon haben sie noch genug übrig. Ein Fotograf hält jeden dieser Handschüttelmomente fest, weiß dieser doch genausowenig wen er da vor sich hat, wie der Botschafter selbst. Unermüdliches Lächeln und verbindliches Händeschütteln ist vermutlich eine der Kernkompetenzen von Diplomaten. Schließlich hat er fertig geschüttelt und die Veranstaltung kann beginnen. Botschafter Wei ist sicher hochintelligent, tierlieb und nett zu Kindern. Vielleicht kann er auch rückwärts sprechen und virtuos geigen. Wozu er sich weniger eignet, ist -abgesehen vom Händeschütteln- leider die Repräsentation. Und damit meine ich nicht die über die Glatze gekämmte Haarsträhne, sondern den Mitreißfaktor seiner Reden. Der ist wirklich unterirdisch. Trotz bester Absichten gelingt es mir nicht, ihm länger als 5 Minuten zuzuhören. Doch mit Humptata kündigt sich nach einem längeren Vortrag Besserung an.

Der Spielmannszug der königlich-bayerischen Landwehr Frisch-auf aus dem Spessart (Esselbach) hält Einzug und spielt auf, wie es sich für einen Spielmannszug gehört. Der Zusammenhang zum nationalen Wiegenfeste erschließt sich nicht sofort, aber eigentlich ist es klar: es ist laut, es ist bunt, es glitzert und das Gewehr steht bei Fuß. Natürlich kommt das bei Taiwanern an. Eingeborene in Tracht, herrlich! Tradition hat das auch, war „Frisch-auf“ doch schon dreimal in Taiwan auf Konzertreise. Ich finde sogar ein Foto im Netz auf dem man den Zug vor dieser scheußlichen Gedenkhall für Jiang Kaishek sieht. Sie spielen bis die Ohren klingeln.  Nach ein paar weiteren Redebeiträgen wird das köstliche Buffet eröffnet. Kaum bin ich satt, ergreife ich die Gelegenheit mit echten Spielmannszüglern zu reden. Ob sie per Statut oder per Zufall nur Jungs und Männer wären. Es heißt Spielmannszug, klärt mich einer auf, von daher seien Frauen nicht zugelassen. Ja, Du mich auch, denke ich. In der Frauennationalmannschaft spielen auch nur Männer, schon klar. Seinem Nachbarn ist die Erklärung offenbar zu formal und auch zu schroff. Er möchte das ein wenig ausgleichen und erläutert, dass es vor allem ein Bekleidungsproblem gäbe. Bei einer Trachtengruppe  gäbe es ja für jeden was, Dirndl und Krachlederne. Sie würden aber in Uniform spielen, die nach historischem Vorbild von Hand geschneidert würde, eine Dirndlvariante gäbe es da natürlich nicht. Mir fällt ein Kinderfoto von mir ein, auf dem ich im Dirndl mit einem Luftgewehr auf leere lila Lenorflaschen schieße und frage mich, ob er meint, dass die Frauen in der Bundeswehr Dirndl tragen. Doch bevor ich mich dazu äußern kann, meint der mit dem Spielmannszug, dass das immerhin königlich-bayerische Uniformen seien. Ihr als Franken tragt also königlich-bayerische Uniformen, soso, kann ich mir den Spott jetzt nicht mehr verkneifen. Jemandem chauvinistisch blöd kommen kann ich auch. Naja, Anfang des 19.Jahrhunderts sei es halt nicht so toll gelaufen für die Franken, muss Mister Spielmannszug zugeben. Und ich lasse ihn endlich weiter essen.

Die Taiwaner sind trotz aller Freude am Spielmannszug ganz anders, wie ich wenige Tage später feststellen konnte. Wir besuchten die Taiwanoper „Die Legende vom Schneefuchs“. In der Taiwanoper spielen traditionell Frauen die männlichen Hauptrollen. Ich weiß allerdings nicht, wie alt diese Tradition schon ist. Die jungen Helden im Schneefuchs wurden also von Frauen gespielt und die namensgebende Hauptrolle des Schneefuchses gleich von Taiwans berühmtester Männerdarstellerin. Die Kostümbildner hatten keine Kosten und Mühen gescheut, den Frauen die Männerkostüme passend zu schneidern. Uniformen, Mönchskutten, gehobene Alltagskleidung, alles dabei. Respekt. Das können die bayerischen Franken halt noch nicht. Den Hintergrund für dieses Crossdressing konnte ich nicht herausfinden, aber sie machten es gut, die Herrendarstellerinnen der Taiwan-Oper.Sonst war es ein etwas sonderbares Spektakel in dem sich Heilige und Götter aller Couleur schließlich die Köpfe einschlugen, während sich das Liebespaar, bestehend aus einer Beamtentochter und dem sterblich gewordenen Schneefuchs in völliger Unkenntnis des Tumults eine gemeinsame Zukunft erarbeiteten.  Man sieht schon, der Inhalt passt jetzt gar nicht zu diesen großen nationalen Themen. Aber weil die Gattin des taiwanischen Präsidenten zwei Reihen vor uns saß, ergibt sich doch irgendwie einer.