Wirtschaftschinesisch

kaulquappen

Übersetzungen sind ein kniffliges Geschäft. Und damit meine ich jetzt nicht die großen Herausforderungen wie Übersetzungen von Belletristik oder gar Poesie, sondern eben die Übersetzungen fürs Geschäft. Und das sprachlichste an der Wirtschaft ist der Markenname. Die Japaner haben es da leicht mit uns. Längst gleiten uns Namen wie Suzuki und Kawasaki ohne größere Schwierigkeiten über die Lippen.  Selbst koreanisches Hyundai kriegen wir irgendwie hin. Doch der Wiedererkennungseffekt und Merkwert von chinesischen Marken ist bisher in Europa gleich null. Niemand kennt hierzulande so Firmen wie Baoxiniao (Klamotten) oder Huawei (Telekommunikation). Nicht einmal der weltgrößte (sic) Hersteller von Haushaltswaren „Haier“ ist ein Begriff. Obwohl der Name über eine längere verwickelte Geschichte aus der zweiten Namenshälfte von Liebherr entstanden ist. Praktisch eine deutsche Firma. Das Logo zeigt einen blondblauäugigen und einen schwarzhaarigschwarzäugigen Jungen im Jointventure. Ausgerechnet Tsingtao (Qingdao) Bier hat einen wesentlich größeren Bekanntheitsgrad. Komisch eigentlich. Warum wird Bier, das nach deutschem Rezept gebraut wird, aus China in ein Land importiert, dass über 1000 eigene Brauereien hat? Aber keine Kühlschränke von Haier?

Die viertgrößte Firma für die Herstellung von Privatcomputern, also ein Konzern der die Welt mit mehr Computern beglückt als Apple, heißt auf Chinesisch Lianxiang. Das will natürlich niemand aussprechen. Man könnte und würde einen Fehler machen. Peinlich. Und merken kann man es sich auch nicht. Also nennt sich die Firma für den Westen Lenovo und hat damit auch international eine Chance. Unabhängig davon, dass niemand weiß, dass das Le eine Abkürzung für Legend sein und der westliche Name demnach „Neue Legende“ heißen soll. Vermutlich schadet das nicht. Wer macht sich schon Gedanken darüber, dass Bilka für „billig kaufen“, Hanuta für „Haselnusstafel“, Edeka für „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“ und o.b. für „ohne Binde“ steht? Oder muss es einem zu denken geben, dass es Bilka nicht mehr gibt?

Chinesen haben umgekehrt natürlich auch so ihre Probleme mit unseren Marken. Die Sprachkluft ist halt doch recht groß. Ich weiß wirklich nicht, ob die Anekdote zutrifft, dass sich Coca Cola anno dazumal im Reich der Mitte mit einer rein phonetischen Übersetzung vermarkten wollte. Die Mär will jedenfalls, dass Coca Cola sich damals „Beiß in die gläserne Kaulquappe“ nannte und nicht so wahnsinnig viele Liter loswurde. Wie auch immer es wirklich war, seit über 25 Jahren heißt die Marke in phonetisch ähnlicher und inhaltlich werbeträchtigereren Übersetzung so etwas wie „Trinkgenuss“.

Auch als Versicherung muss man sich etwas einfallen lassen. Würde nun zum Beispiel die Allianz auf phonetische Übersetzung bestehen, hätte sie eine letzte Silbe, die wie Tod klingt und das wäre in dem Geschäft auch nicht so ratsam. Also heißt sie in China Anlian, Sicherheitsunion. Autos haben natürlich wieder andere Schwerpunkte. Mercedes Benz nennt sich unkritisch Benchi: Geschwindigkeit, rasen. BMW geht es eher poetisch an und vermarktet sich als Baoma, Schatzpferd. Es gibt im Volksmund allerdings auch eine engere Anlehnung an die Buchstabenfolge: BieMoWo, was soviel heißt wie: Fass mich nicht an. Schließlich kann sich auch im Kommunismus chinesischer Prägung nicht jeder einen BMW leisten.

Umgekehrt sind Chinesen bei der internationalen Selbstvermarktung, sprich dem persönlichen Kontakt mit anderen Ländern in eigener Sache offen und einfallsreich. Kaum fängt einer oder eine an, eine Sprache zu lernen, gibt er oder sie sich selbst erstmal einen entsprechenden Namen. In China ist man da eh nicht so steif. Man kann es im Leben zwar nur zu einem Familiennamen bringen, dafür sind die Wechselmöglichkeiten für den Rufnamen mannigfach. Jeder und jede kann einen Kosenamen, einen Kindernamen, einen Großjährigkeitsnamen, einen Pinselnamen und sonstige Pseudonyme haben, je nach Bedarf. Und eben Namen in jeder Sprache. So hieß der allererste, waschechte Chinese den ich kennenlernte Wolfgang. Ein bisschen mehr Exotik wäre mir natürlich schon recht gewesen. Aber leicht zu merken war es in der Tat.

Ähnlich geht es der Wirtschaft im engeren Sinne, also den Chinarestaurants. Abgesehen davon, dass sich viele gezwungen sehen, die wirklichen chinesischen Geschmäcker und Gerichte aus dem Programm zu nehmen und Soßen zu kreiieren, die so original und köstlich sind wie Glückskekse, müssen sie natürlich auch einen entsprechend angenehm klingenden, merkbaren Namen haben. Indiskutabel sind so sinnfreie Namen wie  „Dingdong Original Chinesische Spezialitäten“. Auch der Imbiss zu dem Namen sieht nicht empfehlenswert aus. Einige von den wesentlich besseren Lokalen warten mit sinngemäßen Übersetzungen auf. Beispielsweise das Goodfriends, das Ostwind oder sogar das Hotspot. Manche trauen sich gleich richtig was und übersetzen gar nicht, wie das Tianfu beispielsweise. Aber oft klaffen chinesischer und deutscher Name auseinander. So heißt ein „Sichuan Gourmet China Restaurant“ laut ihren eigenen Schriftzeichen „Himmelsduft Kleineköstlichkeitengeschäft“ und auch die „Peking Ente“ will insgeheim höher hinaus und schreibt sich chinesisch „Himmlische Harmonie Essenshalle“. Das schadet der Qualität des Essens sicher auch nicht. Manche werden in ihrer Heimatsprache auch nüchterner. Beispielsweise das „Family Asia Restaurant“, das sich für Eingeweihte schlicht „China mehrstöckiges Alkoholgebäude“ liest. Oder das „Wok Show“. Auf Chinesisch kündigt es im Namen nur die eigene Spezialität an: „Maultaschen nach nördlicher Art“ und die macht man nicht im Wok.  Unbedingt mal besuchen will ich eines namens Bauernstube (auf Chinesisch: „Volksweise von Stadt und Land“), das ein traditionell deutsches Ambiente mit taiwanischer Küche vereinen soll.

Es stimmt also, dass nicht immer genau das gleiche da steht. Misstrauischere Leute fragen mich dann auch manchmal, ob auf dem T-Shirt mit dem chinesichen Schriftzeichen wirklich das steht, was behauptet wurde, oder nicht vielleicht doch so etwas wie: „Ich bin ein blöder Kartoffelesserarsch“ oder „Dickes Weißbrot“. Ich kann da beruhigen. Noch nie ist mir etwas derartiges untergekommen. Immer steht da Drache. Oder Glück. Oder Liebe. Die hundert Schreibweisen für langes Leben. Dergleichen. Manchmal auch ein Gedicht. Chinesen scherzen nicht mit der Schrift, mit der eigenen. Jedenfalls nicht auf die Art. Umgekehrt kann man schon schöne Aufdrucke finden. Mein Lieblingstext auf einem paillettenbestickten T-Shirt fängt akzeptabel an: „You got to face the fact!“ Soweit so gut. „He doesnt love or respegt you anvore.“ Das ist nicht schön, aber noch irgendwie verständlich. Dann kommt als Qintessenz: „Respegt you anvt“. Tja, hm.  Klingt wie ein Trost. Unverständlich aber vielleicht doch wirksam.

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