Archiv für den Monat: Juli 2010

Gimme Five

Hand

Es gibt ja sehr unterschiedliche Auffassungen von Sinn, Ausführung und Zweck  staatlicher Strafe schon allein in der heutigen, westlichen Welt. Man denke nur an das Erschießungskommando in Utah, USA. Fliesen zur besseren Reinigung hinterher, Sandsäcke zur Vermeidung von Querschlägern, Zuschauer hinter der Glasscheibe wegen der Hygiene. Clean und sicher. Mittlerweile ist diese Methode keine Wahloption der Walking Deadman mehr, weil es dem Ansehen des Bundesstaates schadet, oder gar dem Ansehen der Todesstrafe. Als wäre ein Giftspritzenarzt irgendwie humaner. Der ist nur stiller. Die Wahl des Todeskandidaten war vor langer Zeit gefallen, also mussten sie nochmal ran.

Aber Henkerehre Fehlanzeige. Die Herzposition des Täteropfers wurde extra per Zettel angeheftet, noch dazu schoss einer der fünf Schützen ohne Patrone, damit sich alle unschuldig fühlen können. Also bitte. Entweder man findet Hinrichtung eine sinnvolle Arbeit, dann ist man stolz darauf, sie gut zu machen, wie jeder Handwerker der auf sich hält. Oder eben nicht. Dann lässt man es bleiben. Freiwillige Polizisten sollen es gewesen sein. Schön. Beachtlicherweise hatten sich ausgerechnet die Angehörigen des Opfers des Hingerichteten für eine Umwandlung in eine lebenslange Freiheitsstrafe stark gemacht, war sein Opfer selbst doch vehementer Gegner der Todestrafe gewesen. Aber wo kämen wir denn dahin, wenn jetzt schon die Opfer Gnade lassen walten dürften?

Wenn einem nun das Rechtssytem der alten Chinesen hin und wieder etwas komisch vorkommt, braucht man sich also nicht wundern. Abwegiger war es keinesfalls, es ist nur länger her.

Der Chinese neigt ja zum Katalogisieren und Abzählen. So gibt es fünf Elemente, fünf Richtungen, fünf Geschmäcker, fünf Eingeweide etc pp. Weil nun die irdische Welt versuchen soll, diese kosmischen Prinzipien ebenfalls zu verwirklichen, gibt es seit Alters her auch fünf Strafen. (Wenn auch kein fünfköpfiges Henkerteam.)  Der Grad der Strafe hing in erster Linie vom Grad der Unordnung ab, die die Tat verursacht hatte und zwar zunächst unabhängig von der Verantwortung des Täters. Auf der anderen Seite waren damit auch übermäßige Strafen gegen den Kosmos gerichtet. Was Ordnung und was Unordnung war, bestimmte sich vor allem nach dem konfuzianischen Weltbild.  Das engt die Selbstentfaltung natürlich ganz schön ein.

Todesstrafen wurden grundsätzlich nur im Herbst oder Winter vollstreckt, weil die Ausführung kosmologisch nicht in Frühling oder Sommer gepasst hätten.  Abgesehen von meiner grundsätzlichen und undiskutierbar ausnahmslosen Ablehnung der Todesstrafe, finde ich das ein ganz schönes Element. Man ist dann nicht so allein. Man geht mit Persephone zusammen in die Unterwelt.

Die früheste bekannte Abhandlung zu den fünf Strafen stammt etwa aus dem Jahr 0 und behandelt den Zustand der damals schon grauen Vorzeit. Da gab es die Tätowierung, die Nasenamputation, die Ohrenamputation, das Köpfen und die Kastration der Männer bzw das Einmauern der Frauen. Etwas später gab es auch Modifikationen, wie zB die Beinamputation. Eine selten dämliche Strafe. 167 vChr wurde sie glücklicherweise auch auf Nimmerwiedersehen abgeschafft. Danach bestanden die 5 Strafen in Exil, Zwangsarbeit, Schlägen, Kastration und Tod.

Hohe Beamte oder Mitglieder der Kaiserfamilie durften die Todesstrafe oft abwenden, indem sie Selbstmord begingen. Im Übrigen galt für alle: nach dem Tod ging das Eigentum, inklusive der Familienmitglieder, an den Staat über. Das füllte die Salzminen, das Heer, die Dienerschaft im Palast und die Bordelle. Die Kastration wurde 220 nChr als Strafe abgeschafft. Das später immer mal ausufernde Eunuchentum war ja nicht Ergebnis einer Strafe, sondern einer Qualifikationsmaßnahme.

Zur Tangzeit, also um 700 rum, waren die fünf Strafen: Schläge mit dem leichten Stock, Schläge mit dem schweren Stock, Strafarbeit, Exil und Tod. Daran änderte sich im Grundsatz lange nichts. Stattdessen wurden immer mal Gründe und Grade der Strafe verändert. Beispielsweise wie weit weg das Exil ist, wie viele Schläge, wie lang die Strafarbeit und was für ein Tod.

Die bei uns heutzutage üblichen zwei Strafen (wie die zwei Hände, aber nicht deren fünf Finger) Freiheitsstrafe und Geldstrafe, spielen in der traditionellen Rechtsprechung der Chinesen keine Rolle. Gefängnisse gab es zwar, aber die dienten nur der Untersuchungshaft. Die Verurteilten schickten sie im Falle der Gefährlichkeit zur Not in den Tod oder einfach weg ins Exil. Das ist menschlich verständlich, aber ein bisschen so wie die Parole: Nazis raus! Klar will man die nicht haben, aber was sollen denn bitte die anderen mit unseren Nazis?  Geldstrafen gab es nur indirekt, indem Alte, Frauen und Kinder Körperstrafen häufig durch Bezahlung einer Geldstrafe abwenden konnten.

Neben den fünf Hauptstrafen gab es allerlei Nebenstrafen. Bei uns wären das so etwas wie Fahrverbot, Verlust der Wählbarkeit, Berufsverbot oder Verfall (also die Abschöpfung des mutmaßlich durch die Straftat erlangten Vermögens). Bei den alten Chinesen ab dem Mittelalter waren das Tätowierungen für Räuber, Grabräuber und aufgegriffene Exilierte. Letztere entsprechen bei uns bestimmten Orten zugewiesenen Asylbewerber, die sich in anderen Landkreisen aufhalten. Dabei wurde beim ersten Mal der eine Arm, beim nächsten Mal der andere Arm und beim dritten Mal das Gesicht tätowiert.  Eine andere Nebenstrafe war das Tragen des Kangs, des Schandkragens. Ursprünglich sollte dieser die Untersuchungshaft ersetzen, aber dann wurde er als Mittel zur Besserung eingesetzt. Schmach sollte ein Umdenken erbringen. Resozialisierung war ein großes Thema im alten China, die dort Selbsterneuerung heißt. Die Labeling-Theorien gab es damals halt noch nicht, aber dass es jemand mit einem Straftätertattoo im Gesicht nicht so leicht haben würde, hatten die alten Chinesen auch schon verstanden.

Neben dem Aberkennen von Titeln von Lebenden und Toten gab es noch Nebenstrafen, die nur an der Leiche ausgeführt wurden. Insbesondere die Ausstellung des Kopfes in einem Käfig galt als extreme Maßnahme. Schmach, Schande und Verderben. Vergleichbar mit dem heutigen Entzug der Fahrerlaubnis.

Die Verhältnismäßigkeit wurde bei der Verhängung der Strafen streng beachtet, nur war eben der Maßstab ein anderer. Es ging um die Tat, nicht um den Täter. Wenn man damals jemanden in einem Autounfall getötet hätte, hätte es Todesstafe gegeben, weil die menschlichen Beziehungen untereinander so einschneidend verletzt worden waren. Da aber die kriminelle Absicht auch eine Rolle spielte, wäre in diesem Fall die Strafe vielleicht auf Exil gemindert worden.

Die verhängten Todesstrafen mussten im Normalfall dem Kaiser vorgelegt werden. Etwa 20% wurden ratifiziert und dann eben im Spätherbst vollstreckt. Doch wenn Not am Mann war, wurde auch mal der Notstand ausgerufen und dann durften  Massenhinrichtungen ohne viel Federlesens vollzogen werden. Man merkt schon, das System war nicht fehlerfrei, aber im Vergleich zum brutal metzelnden und brennenden Europa zur gleichen Zeit ein Traum. Ein Traum.

Abgesehen davon, dass sehr alte oder sehr junge Menschen genausowenig schwer bestraft werden durften wie Verrückte, gab es durchaus Kontrollmechanismen. Wurde beispielsweise die falsche Strafe  verhängt, also zB schwerer statt leichter Stock, dann erhielt der Richter selbst 100 Schläge und musste sich gegebenenfalls an den Begräbniskosten beteiligen. Wurde gar illegal gestraft, also beispielsweise auf unerlaubte Körperteile (alles außer Hüften und Hintern) geschlagen oder ein falsches Schlagwerkzeug benutzt, dann gab es zu den 100 Schlägen 3 Jahre Zwangsarbeit extra. Alle Strafen, die schlimmer waren als die Schläge mit dünnem oder dicken Bambus und der Kang-Nebenstrafe, mussten der höheren Instanz vorgelegt werden.

Zu den besonders unangenehmen Straftatbeständen gehörte das Nichtmelden von Rebellion oder Verrat. Der Blockwartparagraf. Meldete man nicht, wurde man hart bestraft. Meldete man, aber der Beschuldigte wurde von dem Vorwurf reingewaschen (wegen Beziehungen oder Bestechungen oder Unschuld), dann drohte die gleiche Strafe wie dem anderen, wäre er überführt worden. Denunziantentum mit angezogener Handbremse.

Ein großes Problem aus heutiger Sicht war vor allem, dass das alte China eine Klassengesellschaft war.  Es gab Privilegierte (Beamte und Gelehrte), Gemeine (freie Bürger) und Sklaven oder sonstwie Unfreie. Die Privilegierung konnte dazu führen, dass schwächere Grade der Strafe angewandt wurden. Exil statt Todesstrafe, Prügel statt Exil, etc. Es gab aber auch Straftaten, wie Prostitution, die Unfreie gar nicht begehen konnten, weil der Moralanspruch an sie ein gänzlich anderer war. Man muss sich das ein bisschen vorstellen wie Straftaten im Amt, die hier auch nur auf bestimmte Personen anwendbar sind Es war für einen Beamten also strafbar zu einer Prostituierten zu gehen, nicht aber für die Prostituierte ihre Arbeit zu machen. Wenn diese aber, wenn auch unfrei, eine eingetragene Kurtisane war, ging das wieder in Ordnung. Man sieht, die gesellschaftliche Ordnung, das Wergehörtwohin war zentraler Bestandteil des altchinesischen Strafrechts. Und dagegen ist natürlich schnell mal verstoßen.

Es gab viel zu wenig Rechtspersonal, um alle Rechtsprobleme gerichtlich zu behandeln. Familien, Clans und Gilden regelten ihre Rechtsprobleme in der Regel also intern. Nur wenn die interne Regelung versagte, oder wenn das Versagen offenbar oder denunziert wurde, griff die staatliche Macht ein. Hauptsache die menschlichen Verhältnisse wurden ihrer Ordnung nach entsprechend beachtet. Von diesen menschlichen Verhältnissen gab es im Groben natürlich auch fünf: die Beziehungen Herrscher/Untertan, Eltern/Kind, Mann/Frau, älterer Bruder/jüngerer Bruder und Freund/Freund. Erschlug also ein Vater seinen Sohn wegen unorthodoxen, aufrührerischen Verhaltens oder Unbotmäßigkeit, ging das in Ordnung. Erschlug er ihn grundlos, oder gar weil der Sohn den Vater zu moralischer Lebensführung anhielt, musste der Vater mit dem Tod rechnen. Trat eine Frau vor Gericht gegen ihren Mann auf, so konnte sie durchaus Recht bekommen. Bestraft wurde sie selbst aber auch auf jeden Fall, weil sie sich illoyal gegenüber ihrem Mann gezeigt hatte.  Also wie gesagt, fehlerfrei war das ganze nicht.

Ein weiterer Mangel des altchinesischen Strafrechts bestand darin, dass der Angeklagte auf jeden Fall gestehen musste, bevor er verurteilt werden konnte. Das Geständnis diente natürlich in erster Linie der Selbsterneuerung, sprich Läuterung, sprich Resozialisierung. Aber es war eben auch in Bezug auf den Schuldnachweis erforderlich. Ohne Geständnis keine Strafe. Um sich als staatliche Gewalt nicht total der Lächerlichkeit preiszugeben, heißt das, dass auch Folter erlaubt sein muss. Und zwar gegenüber Verdächtigen und  Zeugen.

Der erlaubten Folterwerkzeuge gab es wiederum fünf: Ohrendreher, Schläger, Gelenkschrauben, Kopfbänder und Eisenketten zum drauf knien. Um die Folter anwenden zu dürfen, mussten schon einige  Beweise vorliegen. Foltern ins Blaue hinein war verboten. Immerhin. Das ist ein bisschen wie bei uns die Voraussetzung zur Wohnungsdurchsuchung. Da darf man genausowenig absichtlich nach Zufälligem suchen, wie in China damals aufs Geratewohl die Daumenschrauben anlegen. Beweise und Argumente waren die Grundlage.

Also alles wie bei uns. Doch haben wir trotzdem nur zwei Strafarten. Vielleicht erklärt sich daraus, dass wir nur zwei Gefolterte aus Guantanamo aufnehmen. Um der kosmischen Ordnung willen.