Archiv für den Monat: Juni 2010

Toter Winkel

Geister

Am vorletzten Abend der Chinareise schlägt der weltbeste Reiseleiter vor, in der Geistergasse Essen zu gehen. Alle sind einverstanden und da ich nur Teilzeit-Coreiseleiterin bin, fühle ich mich zuweilen zu blöden Fragen befugt und frage also: wieso eigentlich Geistergasse?

Na, weil sie in den Nordosten führt, wird mit beschieden. Aha, denke ich, soso. Das mit dem Norden leuchtet mir ja noch ein, da gehört das Yin hin, das Dunkle. Tod, Teufel und Geister, warum nicht. Aber Nordosten? Vielleicht weil sie ja gar nicht so tot sind, die Geister, sondern eben untot? Aber warum rutschen sie dann ausgerechnet Richtung Osten, Richtung aufgehende Sonne, Richtung Beginn? Weil Geister durch den Tod geboren werden?

Ich frage nach: wieso Nordosten? Der weltbeste Reiseleiter fragt konsterniert, wie es sein kann, dass ich mich schon jahrelang mit China,  Chinesisch und chinesischer Kultur beschäftige und solche grundlegenden Dinge nicht weiß. Das frage ich mich seither natürlich auch. Aber so kann es gehen. Man lernt und lernt und lernt und hat dann das Wesentliche wieder ausgelassen. Und merkt es nicht einmal. Das ist wirklich ärgerlich.

Nun will ich aber nicht dümmer als nötig sterben, um dann womöglich ein umso trotteliger Geist zu werden, also hake ich nach: Wieso Nordosten? Ich erfahre, dass dem Nordosten die Uhrzeit von 2 bis 5 Uhr nachts zugeordnet worden ist. Ach ja, die enge Raumzeitverschränkung der Chinesen. Der Ort steht also für die Uhrzeit, an der die meisten schlafen, die Nacht am tiefsten und die Weltengrenze am durchlässigsten ist. Ob es da so eine gute Idee ist, in einem nordöstlichen Bezirk im Nordosten des Landes zu wohnen, während ich obendrein selbst zur nordöstlichen Uhrzeit geboren wurde, frage ich mich natürlich schon. Aber es fühlt sich immerhin stimmig an. Und in Bezug auf Ulaan Baatar beispielsweise wohne ich doch recht nordwestlich. Im Vergleich zu Eberswalde wiederum sogar südwestlich.

Auch kann ich mich offensichtlich ganz ohne Geister sehr gut selbst unterhalten. Vor ein paar Tagen klingelte der Wecker, es war sieben Uhr, ich hatte einen Termin und musste schnell wach werden. Obwohl ich sehr sehr müde war. Ich machte das Licht an und griff zu Trick 16: um mich im Tag zu verankern, um mein Hirn an das Kognitive zu gewöhnen, fing ich an, in einem Buch zu lesen. Das ist dann ungefähr so, wie wenn ein Computer hochfährt, langsam geht alles an. Mit der gleichen Methode kann ich mich abends auch runter fahren, aber das geht ja vielen so. Ich fuhr mich also lesend langsam hoch. Als das einigermaßen geglückt war, fragte ich mich, was ich eigentlich für einen Termin habe und warum es im Juni um sieben Uhr morgens noch so dunkel ist. Und sah auf die Uhr. Sie zeigte halb vier. Der Wecker stand stumm da und schaute mich unschuldig an. Einen Termin hatte ich davon abgesehen auch nicht. Das war dann wohl der berühmte Trick siebzehn mit Selbstüberlistung. Offenbar ist die Grenze zwischen Wachsein und Schlafen um diese nordöstliche Uhrzeit auch besonders durchlässig. Hätte ich wie die Japaner in Richtung Nordosten zur Dämonenabwehr ein paar Bohnen geworfen, wäre das vielleicht nicht passiert.

Der Nordosten, das ist also praktisch der tote Winkel der Stadt. Dort sammeln sich dann so Gestalten wie von rechtsabbiegenden LKWs überfahrene Radfahrer, Hitlers Sekretärin, Gespenster und anderes Gelichter. Von da ist es zum Gesindel nicht weit und so siedelte sich da traditionell alles an, was helle Beleuchtung scheut, Schmuggel, Drogen, Prostitution, Spielhöllen etc. Also früher. Heute wird in der Geistergasse vom bloßen Odeur des Verruchten und Verworfenen gelebt, doch dabei werden die Finger gekreuzt. Denn die Lokale sind mit roten Lampions übersät und das Essen in Chili gebadet. Rot und scharf sind Süden, Yang und das aktive Leben auf seinem Zenit. Keine Umgebung für Irrlichterndes. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der Neubelebung der Geisterstraße also um Koketterie. Na, das ist im nordöstlichen gelegenen Prenzlauer Berg nicht viel anders.  Aber schön sieht es aus. Und lecker ist es auch.

Wenn ein Chinese stirbt, begibt er sich zu den Gelben Quellen, dem chinesischen Land der Toten, was wiederum im Norden liegen soll, also auf Mitternacht. Da kommen wir dann unserer hiesigen Geisterstunde wieder näher. Neben dieser sehr erdhaften Unterwelt gibt es ungeheuer bürokratisch organisierte Höllen, wo der Tote entsprechend seiner Vergehen verurteilt wird. In einem Tempel sah ich plastisch aufgestellte, mittelalterlichdrastisch wirkende Höllenszenen, die an Deutlichkeit wirklich nichts zu wünschen übrig ließen. Von bloßen Schlägen bis zu Kopfaufsägen und Lebendigentbeintwerden war alles geboten.  Unwillkürlich glich ich ab, ob ich mir womöglich die Schuld der ebenfalls dargestellten Verfehlungen aufgeladen hat, konnte ich mich aber entspannen. Weder fröne ich exzessivem Glücksspiel noch der Wegelagerei. Ich vermute jedenfalls, dass meine erstmalige Teilnahme an einem Fußballtippspiel, zu der ich mich habe überreden lassen, nicht unter exzessiv fällt. Auch wenn ich mittlerweile den weiteren Entscheidungen entgegenfiebere. Seit ich in Führung liege. Ha!

Es bleibt zu hoffen, dass die etwas gespentische Erscheinung, die sich -von Nordosten kommend- auf der Autobahn zappelnd und fuchtelnd vor unseren Bus warf, genausowenig unter Wegelagerei fällt. Unser freundlicher Busfahrer bremste natürlich rechtzeitig und der verwirrte Geist bekam auch etwas Geld und Essen von uns. Nach diesem Erfolg war es natürlich schwer, ihn von vor dem Bus wegzubekommen, insbesondere, da unser Busfahrer sowieso eher verzagt Auto fuhr. Beispielsweise bremste er vor jedem Überholvorgang ab. Und da er nicht sehr gut lesen konnte, hielt er auch gerne mal mitten auf der Autobahn, um ein komplexeres Schild zu lesen. Überhaupt hielten wir sehr oft an, da er auch keine Landkarten hatte, die er vermutlich auch nicht hätte lesen können. Dafür war er flink auf den Beinen und sehr kontaktfreudig. Denn wie heißt es so schön: was man nicht im Kopf undsoweiter. Auf diese Weise fragte er uns durch. Abgesehen von seiner Verzagtheit hatte er den Bus gut im Griff und auch über wegen umfangreicher Bauarbeiten eigentlich gesperrte Bergstraßen fuhr er uns sicher. Auch wenn wir fanden, dass die Sperrung nicht ohne Grund erfolgt war. Aber was soll man machen, wenn alternative Routen über den Berg fehlen? Wir versicherten ihm, keine Angst zu haben. Er schien sich darüber zu freuen und antwortete: Aber ich.

Schließlich gelang es sogar diesem Herzchen von Busfahrer, den hungrigen Geist abzuschütteln ohne ihn zu überfahren. Wir fuhren weiter und letzterer verschwand im toten Winkel.