Archiv für den Monat: Mai 2010

Frühlingsgefühle

Frühling

In meinem Buch über Taiwan hatte ich geschrieben, dass chinesische Liebesgeschichten eigentlich immer schlecht ausgehen.  Das lag daran, dass ich bis dahin nur solche mit ausgesprochen unhappy end gelesen hatte. Doch nun habe ich nach langer Zeit mal wieder drei gelesen und was ist: alle gehen im landläufigen Sinne gut aus. Daran kann man sehen, dass persönliche Erfahrung nicht unbedingt zur Verallgemeinerung geeignet ist.  Ich nehme also alle verallgemeinernde Aussagen zu diesem Thema zurück, behaupte nicht das Gegenteil, sondern teile mit: ich habe keine Ahnung.

Lassen wir das Allgemeine, das Konkrete  ist eh viel interessanter. Da wäre zum Beispiel die schöne Geschichte „Die schöne Li“, die im 8. Jahrhundert spielt und auch in etwa aus dieser Zeit stammt. Da gibt es diesen unheimlich viel versprechenden Sohn aus gutem Hause. Er ist gebildet, dichtet wie ein junger Gott und sieht auch genau so aus. Dazu ist er von angenehmem Wesen. Er enttäuscht seinen Vater nicht und macht die ersten zwei Beamtenprüfungen mit links. Nun steht noch die letzte an, die große. Die, die ihm den Zugang zu Staatsämtern öffnen sollte. Sein Vater schickt ihn mit einer großzügig bemessenen Apanage, um nicht zu sagen mit einem Vermögen, los in die Hauptstadt, damit er sich dort auf die große Prüfung vorbereiten sollte.

Man ahnt schon, das wird ein paar Windungen geben in der Geschichte, sonst wäre sie des Aufschreibens ja nicht wert gewesen. Es kommt also wie es kommen muss: er reitet eines Tages an einem Anwesen vorbei, in dessen Tür er eine berückend schöne Frau stehen sieht, die er sich nun nicht mehr aus dem Kopf schlagen kann. Er zieht Erkundigungen ein und erfährt, dass sie eine Kurtisane und zu haben, aber ruinös sei. Dass ihre Mutter schon für ein Gespräch viel verlange. Dem Jüngling ist das natürlich völlig gleichgültig, er zieht dort ein, ist wahnsinnig glücklich, lernt kein einziges Zeichen mehr und wirft mit beiden Händen sein Geld zum Fenster der schönen Li rein. Als das Vermögen aufgebraucht ist, wird er durch einen Trick vom Anwesen weggelockt und als er wieder ankommt ist es verschlossen und unbewohnt.

Dabei hat er noch Glück gehabt. Denn öfter steht der Protagonist in so einer Geschichte vor einem schon lange verlassenen, zur Ruine zerfallenen Gehöft und muss damit fertig werden, dass er Opfer eines Yang abzapfenden Geistwesens geworden ist. Aber nicht unser Jüngling. Er ist nur Opfer konsequenter Gewinnmaximierung geworden. Trotzdem ist er verständlicher Weise am Boden zerstört. Ohne Liebe, ohne Geld, ohne Bücher. Keine Aussicht mehr, aus seinem Leben etwas zu machen, mit dem er gerechnet hat, etwas mit dem man angeben kann.

Ihn befällt eine schwere Depression und er magert ab. Die Auszehrung befällt ihn. Im Sterbeasyl päppeln sie ihn aber wider Erwarten wieder auf. Und da das Asyl sinnigerweise mit einem Beerdigungsunternehmen verbunden ist, kann er sich nach einer Weile nützlich machen und Baldachine über den Särgen schleppen helfen. Da ihm selber so elend ist, geht er bei all den Trauerzeremonien voll mit und kann nach kurzer Zeit alle Klagelieder auswendig. Tatsächlich wird er der beste Klageliedsänger in ganz Chang´an. Bei dem Wettbewerb „Chang´an sucht den Superklageliedsänger“ rührt er sein Publikum zu Tränen und gewinnt prompt.

Nun ist mittlerweile sein Vater auch in der Hauptstadt tätig und ein alter Diener erkennt in dem steinerweichend singenden Jüngling den Haussohn wieder. Glücklich arrangiert er eine Zusammenkunft. Die Hauptbeteiligten sind im Endeffekt allerdings weniger glücklich darüber. Der Vater ist über den verlorenen Sohn derart erbost, dass er ihn mit der Peitsche fast tot schlägt und sich von ihm lossagt. Der verleugnete Sohn wird nach draußen geschleppt und vegetiert seither mit eiternden Geschwüren am Straßenrand, ist außerstande sich zu erheben und lebt von Brosamen mitleidiger Passanten.

Doch wiedermal gelingt ihm das Sterben nicht. Zu jener Zeit hat er auch keine Gelegenheit an einer Krankheit zu sterben, die ausschließlich chinesische Männer befällt und auf der übrigen Welt unbekannt ist. Sie ist tödlich und unheilbar: Verkühlung nach dem Geschlechtsakt. Dann ziehen sich die primären Geschlechtsorgane komplett nach innen und der Mann stirbt nach einer Phase des Siechtums. Manch junges Glück ist daran schon zerbrochen. Also in Liebesgeschichten, die schlecht ausgehen. Sie wollten nur zusammen den Mond danach bewundern, zack, war es passiert. Unheilbar und tödlich eben. Aber unser Held ist zum jetzigen Zeitpunkt fern von derartigen Gefahren. Und überlebt trotz Kälte. Tatsächlich ist er zum Winter hin wieder soweit auf die Beine gekommen, dass er bettelnd um die Häuser ziehen kann. Armselig wie das Mädchen mit den Schwefelhölzern streift er durch die schneebedeckten Gassen und ruft um Hilfe und Almosen.

Man trifft sich immer zwei Mal, heißt es, und so hört auch die schöne Li in ihrem neuen Haus sein klägliches Rufen in der Kälte. Sie wird von Schuldgefühlen überwältigt, öffnet ihm die Tür,  holt ihn herein und pflegt ihn gegen den Willen der rein kaufmännisch orientierten Mutter gesund. Als diese nicht zu nerven aufhört, als Mutter aber auch nicht einfach übergangen werden kann, kauft sich die Tochter von der eigenen Mutter frei.

Sie zieht mit dem Jüngling in eine kleine Wohnung und fängt als Trümmerfrau des Intellekts mit dem Wiederaufbau an. Sie kauft ihm Bücher und hätschelt und päppelt ihn, so dass er sein Studium wieder aufnehmen kann. Eine Zierde konfuzianischer Ehefrauen ist aus ihr geworden. Nimmt ihm alle Lasten ab und ermuntert ihn zum Studieren, schätzt den besten Zeitpunkt zur Prüfung ein und siehe da: nach drei Jahren tritt er zur großen Prüfung an und schließt als Bester ab. Auf Anraten der schönen Li lebt und lernt er zunächst noch weiter im Verborgenen, um das unangenehme Odeur seines vorherigen Lebenswandels loszuwerden. Schließlich beruft ihn der Kaiser zum politischen Berater des Statthalters von Sichuan.

Die schöne Li findet, dass es nun an ihr ist, sich zu verabschieden, denn der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Doch unser Held beharrt darauf, dass sie bleibt. Und das ist eine der Seltsamkeiten dieser Geschichte.  Warum will er das? Natürlich, sie hat sich nun vier Jahre aufopferungsvoll um ihn gekümmert. Ihn erneut für eine glanzvolle Karriere aufgepimpt. Das ist auf jeden Fall viel wert. Aber lässt es alles andere vergessen? Du hast nicht mich, sondern nur mein Geld geliebt, Schwamm drüber. Wegen Dir wäre ich zwei Mal beinahe gestorben, lass gut sein. Mein Vater hat mich halb tot geschlagen, meine Jugend hab ich im Elend vergeudet und bin nun auf immer gezeichnet, nichts für ungut. Geht das? Vielleicht. Immerhin hat sie ihn zu nichts gezwungen. Wenn man dann noch alle Charakterschwäche  auf die Mutter schiebt, dann könnte es klappen.

Manche trifft man ja auch drei Mal und so ist der Statthalter von Sichuan, den unser Jüngling beraten sollte, ausgerechnet dessen eigener Vater. Als sie sich nun als zwei ebenbürtige Mandarine begegnen geschieht folgendes: der Vater stellt sich eine Stufe unter den Sohn und lässt sich ein paar Klapse auf den Rücken geben. Als Sühne für das Halbtotschlagen. Danach liegen sie sich Freudentränen vergießend in den Armen. Und der Vater erklärt, wieder Vater sein zu wollen. Hallo?

Ich gebe schon zu, die Geste ist für einen waschechten Konfuzianer heftig. Sich vom Sohn -und sei es auch nur symbolisch- schlagen zu lassen, raspelt einem ganz schön Haut vom Gesicht. Aber nur Vater sein zu wollen wenn alles eitel Sonnenschein ist und sonst Neigung zum Ehrenmord zu zeigen, das ist schon ein wenig poplig. Vergeben und vergessen? Ich weiß nicht. Vermutlich sind das die viel beschworenen family values, die ich eh nie verstehe.

Ich halte mich selbst eigentlich nicht für sonderlich nachtragend, aber es gibt doch Sachen, die vergesse ich einfach nicht. Mein Bruder war beispielsweise in sogenannte schlechte Gesellschaft geraten und hatte auf einmal einen Haufen sonderbarer Einfälle. Der für mein Gefühl perfideste davon war, unsere Katze unter einem umgedrehten Papierkorb einzusperren und meinen Wellensittich fliegen zu lassen. Zunächst erklärte er mir, die Katze nur dann frei zulassen, wenn ich ihm die Hälfte meiner Tafel Schokolade  aushändige. Er würde ihr aber dann meinen hysterisch herumflatternden Wellensittich zutreiben, wenn ich ihm nicht die ganze Tafel gäbe.  Klar, lag alles nur am schlechten Einfluss. Aber wer hat die Katze unter den Papierkorb geschoben und den Vogel aus dem Käfig geholt und mich aus dem Zimmer gesperrt? Man wird das doch ein bisschen übel nehmen dürfen. Ob ich ihm das jetzt über dreißig Jahre später auf´s Geburtstagsbrötchen schmieren muss, ist natürlich eine andere Frage. Also, Bruderherz, nichts für ungut, sondern alles Gute zum Geburtstag!

Doch wie geht es nun mit der schönen Li weiter? Der Vater ist so entzückt von der Frau, die ihm seinen Sohn erst raubte, dann aber wiedergab, dass er eine Heiratsvermittlerin beauftragen lässt und so schließlich alles in die rechte Ordnung kommt. Nun ist nur noch Heititei und großes Konfuzianerglück mit Aufopferung und Trauerriten, glücklichen Omen wie Langlebenspilzen auf purpurroten Stengeln, weißschwänzigen Schwalben und dergleichen mehr. Die schöne Li gebiert vier Söhne, die natürlich alle auch überaus talentiert sind und sie leben alle glücklich bis an das Lebensende ihrer Urenkel und mir wird fast schlecht vor lauter Erfüllung und Perfektion und schöner Wohnen.

Vielleicht lese ich unglückliche Liebesgeschichten einfach lieber?

Wie geht es eigentlich unserem namenlosen Helden, wenn man es genau betrachtet? Wann tut er je etwas selbst und aus sich heraus? Außer lernen, gehorchen, manipuliert werden und Erwartungen von irgendwem zu erfüllen? Wann wird er nicht geschoben und kontrolliert?

Als Sargzieherliedersänger. War er nicht eher dazu berufen? Er war immerhin der beste Trauersänger in der Hauptstadt des riesigen chinesischen Reiches, er muss wirklich gut gewesen sein. Sein Aufstieg zum Vorzeigebeamten kommt mir wie Verschwendung vor. Aber Ordnung muss sein.

The Happy End.