Archiv für den Monat: März 2010

Das große Lernen

Eins

Ich nahm an einem Intensivmalkurs von Deng Yuanpo teil. Der war eigentlich für Anfänger, aber das schadet ja nichts. Zu lernen gibt es ja immer was. Und auf ein fortgeschritteneres Angebot werde ich lange warten können.

Es begann damit, dass der Gruppe von 15 Leuten gesagt wurde, sie sollen einen Querstrich malen. Die chinesische eins. Natürlich, so fängt es immer an. Ach nein, tönt es hier und da, das will ich nicht, ich will lieber ein ganzes Zeichen malen! Ich will gar kein Zeichen malen! Ich will dies, ich will das. Bei den wenigen, die sich auf die eins einlassen wird man überrascht, wie unterschiedlich ein Querstrich aussehen kann. Ich kenne das auch aus eigenen Workshops, ein unerschöpflicher Quell des Wunders. Ich zeige beispielsweise ein ziemlich schlichte, klare und nur begrenzt variierbare Art, einen Bambusstamm zu malen. Dann fangen alle an und die 10.000 Dinge entfalten sich unkontrolliert auf dem Papier. Die einen brauchen für einen Stamm ein ganzes Blatt, die anderen schaffen es mit zehn nicht voll. Es wird variiert von tiefstem Schwarz, zu fast nicht zu sehen, dick, dünn, gebogen, gerade. Manche kasteln ihr Papier in Abschnitte, andere benutzen das gleiche so lange, bis alles ganz schwarz geworden ist. Was bei komplexeren Anweisungen passiert, man frage nicht!

Ich versuche mich auch kurz in Anarchie, denn ich schreibe nicht gern Kaishu, die chinesische Normalschrift. Sie ist mir zu steif, zu langsam, zu genormt. Bin ich doch so froh, dass ich meine Kalligrafielehrerin dazu bringen konnte, mir Currentschrift beizubringen, jetzt soll ich wieder von vorne anfangen. Aber gerade als ich mich unbotmäßig einer flotteren Vorlage zuwenden will, steht Meister Deng hinter mir und blättert im Heft freundlich aber bestimmt zurück. Na gut, denke ich. Also gut. Ok. Ich schreibe die Eins. Mit mittlerweile der vierten Theorie dahinter, egal. Eins. Eins. Eins. Eins. Außer mir und einer teilnehmenden Chinesin macht das kaum jemand. Aber wie gesagt, es schadet ja nicht. Und ich bin ja nicht zum Vergnügen da. Er hat es gleich erkannt: ich bin das gewohnt, ich mache das, was der Meister sagt. Deswegen bin ich da und so lernt man nun mal die asiatischen Künste. Ohne viel Erklärung, durch Tun, durch Nachahmen. Im Idealfall hat das durchaus seinen Sinn, weil bei verschiedenen Dingen das intellektuelle Verstehen nichts nützt. Verstanden wird es dann auf anderer Ebene. Später. Vielleicht.

In China lernte man natürlich nicht nur Künste so, sondern grundsätzlich. So mussten die Kinder schon Texte auswendig lernen, die sie unmöglich verstehen konnten. Der Inhalt wurde später nachgeliefert, oder er sickerte peu à peu durch. Eines von den ersten Werken, die es für die Kleinen zu lernen gab, war das Sanzijing, der Dreizeichen-Klassiker aus dem 13. Jahrhundert. Da werden in dreizeichenlangen Satzeinheiten Grundlagen gelegt. Dass der Mensch im Grunde gut sei, beispielsweise. Oder dass es drei Kräfte (Mensch, Erde, Himmel), drei Lichter (Sonne, Mond und Sterne), drei Beziehungsbande, vier Jahreszeiten, fünf Himmelsrichtungen (inklusive der Mitte), fünf Elemente (Wasser, Feuer, Holz, Metall, Erde), sechs Getreidearten (Reis, Weizen, Hülsenfrüchte und drei Arten von Hirse), sechs Haustiere (keine Katzen), sieben Gefühle (Freude, Zorn, Mitleid, Furcht, Liebe, Hass, Begehren) und acht Töne gibt. Woher diese Leidenschaft der Chinesen kommt, alles zu zählen und kategorisieren, weiß ich wirklich nicht. Bei uns sieht es da durchaus magerer aus: zwei Geschlechter, vier Himmelsrichtungen, 16 Bundesländer, 27 Eu-Staaten, 206-220 Knochen im Körper. Man sieht schon, die Anzahl ist hier gerne Definitions-, Mode- oder Geschichtsfrage. Kaum etwas davon wird die nächsten 1000 Jahre überdauern. Geschweige denn 2000.

Besonders gut gefällt mir im Sanzijing eine Geschichtszusammenfassung mit 102×3, also insgesamt 306 Zeichen. Das ist für etwa 5000 Jahre eine wirklich überschaubare Anzahl. Dennoch soll man das erst lesen, wenn man die wesentlich kürzere Literatur- und die Philosophiegeschichte absolviert hat.

Auch bei uns wurde früher ja viel mehr auswendig gelernt, aber zu Chinesen besteht trotzdem ein himmelweiter Unterschied. Die müssen ja auch heute noch tausende Zeichen auswendig lernen, um überhaupt lesen zu können. Ich habe in diesem Zusammenhang in einem aus popeligen 29Buchstaben zusammengesetzten Text gelesen, dass der Teil des Gehirns, der für das Auswendiglernen zuständig ist, bei Chinesen signifikant stärker ausgeprägt ist. Das glaube ich sofort.

Eines der anderen, unbedingt auswendig zu beherrschenden Texte war das gut 2000 Jahre alte „Das große Lernen“, ein Kapitel aus dem Buch der Riten. Dort heißt es: „Diejenigen in alter Zeit, die auf der ganzen Welt die helle Tugend erstrahlen lassen wollte, die ordneten zuerst ihr eigenes Land. Die, die ihr Land ordnen wollten, brachten zunächst Ordnung in ihre Familien. Die die ihre Familien ordnen wollten, kultivierten zunächst sich selbst. Wer sein Selbst kultivieren wollte, machte erst seinen Geist aufrichtig. Wer seinen Geist aufrichtig machen wollte, der läuterte zuerst seine Absichten. Wer seine Absichten läutern wollte, erweiterte zunächst sein Wissen so weit es geht. Sein Wissen so weit wie möglich auszudehnen bedeutet, die Dinge gewissenhaft zu untersuchen.“ Und dann geht es wieder zurück: „Nur wenn die Dinge sorgfältig untersucht wurden, wird das Wissen erreicht. Nur wenn das Wissen erreicht wurde, werden die Absichten geläutert“ etc.pp. So wiederholende, rhythmische Strukturen lassen sich ja vergleichsweise gut auswendig lernen. Die Dinge untersuchen, muss dann aber trotzdem selber.

Ich selber musste nur sehr wenig auswendig lernen. Ribbeck mit seinen Birnen zum Beispiel, der uns in der bayerischen Provinz sehr zum Lachen reizte. Oder natürlich Vaterunser und Glaubensbekenntnis. Später die Texte im Schultheater. Aber nie konnte ich mir einen Text merken, dessen Inhalt ich nicht verstanden hab. Wenn auch manchmal falsch, wie das entlaufene Pferd bei „Es ist ein Ros entsprungen“.  Dieser Teil meines Gehirns ist leider bemerkenswert schwach ausgeprägt, was beim Vokabelnlernen außerordentlich hinderlich ist. Noch schwächer ist allerdings der Teil ausgeprägt, der Straßenzusammenhänge erinnert, der bei Taxifahrern messbar besser ausgebildet sein soll. Bei einer Obduktion meines Gehirns wird sich zweifelsfrei feststellen lassen, dass ich weder Chinesin noch Taxifahrerin war. Ich bin also selten ohne Stadtplan unterwegs. Oder ohne Wörterbuch. Wie zum Ausgleich lese ich ausgesprochen gerne Karten und Stadtpläne. Und schaue Wörter nach. Aber merken, ach du liebe Güte.

Die Methode des Auswendiglernens erfordert natürlich viel Vertrauen, dass das Gelernte tatsächlich Potenzial zur Entfaltung bietet. Dass ein Grundstock gesetzt wird, aus dem man dann schöpfen kann. Bei einem Hintergrund von uralter Geschichte ist zumindest die Tiefe des vermittelten Wissens einigermaßen sicher. Die Methode taugt natürlich genauso zur Gehirnwäsche. Ein chinesischer Freund erzählte mir, wie er einmal eine Ausstellung mit Kinderbildern aus aller Welt besuchte. Sie seien voller Wildheit und überbordender Fantasie gewesen. Nur eins nicht, das Kinderbild aus China: brav, gerade, aufgeräumt, hübsch, leblos. Sowas kann beim Nachmachen natürlich auch passieren, insbesondere wenn das Dogma dräut.

Vor diesem Hintergrund ist klar, warum Meister Deng immer so lacht. Vielleicht findet er es wirklich lustig, das sonderbare Verhalten meiner Mitkursteilnehmer. Vielleicht dient es auch nur dem Überspielen seiner Indignation. Wir sollen Bambus malen, jemand malt kleine Blumen. Eine andere eine Art Blumenstrauß à la Bauernmalerei. Eine anderer einen Tiger. Pluralität macht sich breit. Das ist erfreulich und schön, aber wozu sind wir eigentlich da? Am letzten Tag gerät es außer Kontrolle. Jetzt wird ihm bei Vormalen richtig reingeredet: dem Küken fehlt eine Kralle und wo sind eigentlich die Körner? Ein Flugzeug auf dem Bild wäre schön. Eine Dame erklärt mit sehr rudimentärem Wissen Herrn Deng die chinesische Kultur. Undundund. Bis er uns auf unsere Plätze scheucht, mit mittlerweile einer größeren Motivauswahl: Küken, Chrysanthemen, Pfirsichblüten. Der eine schreibt Zeichen, manche malen Vögel und Blumen, andere schauen in die Luft, manche gehen spazieren, ich male eben Küken, Chrysanthemen und Pfirsichblüten. Die eine malt weiterhin Tiger.