Archiv für den Monat: Januar 2010

Heroes

Ritter

Kungfufilme sind eigentlich eine logische Fortsetzung chinesischer Rittergeschichten. Wobei Ritter natürlich ein etwas irreführender Begriff ist. Weder trugen chinesische Ritter Rüstungen, noch waren sie notwendigerweise adliger Abstammung. Auch Reiten gehörte nicht unbedingt zu ihren hervorstechenden Fähigkeiten. Warum also Ritter? Vielleicht wegen einer Kombination von Kampf und Moral? Wegen hehrer Ziele? Kämpfen außerhalb von Truppenverbänden? Wuxia heißen sie auf chinesisch. Meine Wörterbücher halten sich da fein raus. Sie bieten mir das Wort einfach nicht an. Die werden schon wissen warum. Also bleibe ich einfach bei Ritter.

Häufig sind chinesische Ritter von Räubern nicht wirklich zu unterscheiden. Außer an der Haltung natürlich. Insbesondere der inneren. Raubritter sind hierzulande auch nicht unbekannt, aber die haben doch einen etwas negativen Beigeschmack.  Die Ritter der Arthussage dürften für chinesische Ritter zu esoterisch sein. Dafür würde man Robin Hood vielleicht als Wuxia bezeichnen, wenn er nur gerade Chinese gewesen wäre. Störtebecker eher weniger, denn chinesische Ritter fahren nicht zur See.  Genausowenig wie hiesige. Die See passt nun mal nicht zum Ritterdasein. Jennerweins Missachtung ungerechter Gesetze dürfte wiederum zu klein, zu lokal gewesen sein. Auch zu marginal von der Stellung her. Ein Ritter muss schon eine gewisse Grandezza und Extravaganz haben. Jennerwein hätte eher Führer eines Bauernaufstandes werden können, wenn man ihn nicht in den Rücken geschossen hätte.

Ein großer Wurf muss es also sein. Gerechtigkeit. Moralische Größe, die nicht unbedingt für andere nachvollziehbar sein muss. Der chinesische Ritter, sei er nun fahrend oder sitzend, ist die Personifizierung der Selbstjustiz. Da bin ich natürlich dagegen. Weil ich in einem demokratischen Rechtsstaat lebe. Wenn das nicht der Fall wäre, wäre ich vielleicht weniger dagegen. Und wenn damals ein chinesischer Ritter dahergekommen wäre, um irgendeine Nazigröße zu erdolchen, würde es mir nur mehr als recht gewesen sein. (Ist das die richtige Zeitform, um auszudrücken, was nicht stattgefunden hat und ich es andernfalls auch nicht erlebt hätte?)

Die chinesischen Ritter in den alten Geschichten kümmern sich nicht um Politik in dem Sinne. Sie sind zwar durchaus bereit, auch Herrscher zu erledigen, aber nicht aus abstrakten, politischen Beweggründen heraus. Sondern weil sie beispielsweise einen kennenlernen, der Schmach, Schande und Verwandtentod durch so einen Herrscher erlitten hat. Dadurch kann sich so ein Ritter dann schon angesprochen fühlen. Das Unrechtssystem für und gegen alle, geht vielleicht nicht genug ans Herz oder die Leber, um wirklich ritterliche Gefühle in Wallung zu bringen. Da muss man dann diskutieren, all diese politischen Wenns und Abers bedenken und Fallstricke umgehen. Das ist nichts für einen Ritter. Ist die Moralmaschinerie erstmal in Bewegung geraten, wird in Schwarz und Weiß geteilt, draufgehaun und Schluss. Na ok, ein Plan wird vorher schon gemacht, es sind ja keine bloßen Schlägertypen und schon gar keine Choleriker.  Sie sind auch flexibel genug, Irrtümer über die Farbverteilung von Schwarz und Weiß zu bemerken und sich dann umzupolen. Aber Politik? No thanks. Obwohl sich das irgendwann geändert haben muss, da es zahllose Kungfufilme zum Thema des Widerstandes gegen die Qingherrschaft gibt. Doch auch hier liegt meist irgendwo ein Vater oder eine Mutter begraben.

Interessanterweise kommen die frühen Rittergeschichten ganz ohne besondere Kampftechniken, bzw herausragende Fähigkeiten auf dem Gebiet der Kampfkünste aus. Ritter zu sein war mehr ein innerer Zustand, ein Mut, eine Bereitschaft, ein Empfinden. Nicht so sehr eine Fähigkeit. Obwohl eine besonders schwierig zu übende und vermutlich auch extrem schwer zu erlernende Technik öfter vorkam: das Sichselbstdenkopfabschlagen. Hut ab, bin ich versucht zu sagen, wenn es in diesem Zusammenhang nicht so unpassend wäre.

Ich schätze, man kann das Kopfabschlagen grundsätzlich ganz gut an anderen trainieren. Erst am Schlachtvieh, dann am lieben Nachbarn, der wieder meckert, dass der Rasen nicht gemäht ist. Aber an sich selbst? Da kann man ja noch nicht einmal den Winkel richtig üben. Störtebecker hatte es da einfacher, der musste das nicht selber machen. Aber er soll einen Teil seiner Mannschaft gerettet haben, als er kopflos an ihnen vorbeischritt. Neurologen halten das für ausgeschlossen. Störtebecker wusste das natürlich nicht, weil es damals noch keine Neurologen gab. So ein sich selbst köpfender Ritter in vorneurologischer Zeit muss also nur seine Handlung antizipieren und kann dann einfach weitermachen, auch wenn schon alle Nervenstränge durchtrennt sind. Der Befehl muss halt vorher schon durchgelaufen sein. Die Brücke wird erst gesprengt, wenn der schon drüben ist. Nur Nachschub gibt es dann halt nicht mehr. Eine ritterliche Planänderung ist ab dann auch ohne Neurologen ausgeschlossen.

Ich muss sagen, verglichen damit ist das Seppuku japanischer Samurai nahezu einfach, wenn auch sicher schmerzhafter. Denn ein Samurai schnitzt schließlich bei vollem Bewusstsein an sich herum. Kann ja jeder, will ich nun nicht sagen. Ist ja schließlich ohne Narkose. Und selbst mit, naja. Aber das befehlhabende Gehirn ist noch am Start. Das macht schon einen Unterschied. Da braucht man sich nur so einen indischen Saddhu anschauen, dessen Arm vor lauter Hochhalten abfault, nur um die Überlegenheit des Geistes über die Materie zu demonstrieren. Was könnte man mit dieser Fähigkeit nicht alles machen! Aber ich schweife ab.

Zurück zum Kopf. Beispielsweise die tangzeitliche Geschichte „Das Grab der drei Könige“: Ein schwertschmiedender werdender Vater stirbt auf Geheiß des Königs von Chu wegen vertraglicher Nichterfüllung oder Verzugs. (Ganz klar ist das nicht. Es spielen wohl beide Gründe ein Rolle. Scheint aber nicht so wichtig zu sein. Heutzutage und hierzulande würde das einen nicht unerheblichen Unterschied bei der Berechnung des Schadenersatzes machen.) Der erst embryonal existierende Sohn des Schmiedes ist für die Rache ausersehen. Als der ins racheausübungsfähige Alter kommt, weiß er aber nicht wie er es anstellen soll. Und trifft im Wald herumlaufend und jammernd auf einen deus ex machina in Gestalt eines Ritters. Der sagt: easy man, ich brauche nur deinen Kopf, dann erledige ich das für dich. Also schlägt sich der Jüngling den Kopf ab (er hätte damit durchaus selber Chancen im Ritterberuf gehabt) und übergibt ihn dem Ritter mit beiden Händen. Erst als dieser nochmal versichert, das er ihn nicht enttäuschen würde, fällt der Körper zu Boden. Dazu möchte ich jetzt erstmal die Neurologen hören!

Mit dem Kopf läuft der Ritter also zum König von Chu, der diesen potenziellen Rächer schon händeringend suchte, um ihm zuvor zu kommen. Der Ritter empfiehlt dem König, den Kopf zu kochen. Wozu auch immer das gut sein soll, so wird es gemacht. Anstatt dass der Kopf nun gar wird, hüpft er drei Tage lang im kochenden Wasser herum und sieht wütend umher.  Da vermutet der Ritter, dass der Kopf den König wohl höchstpersönlich sehen wolle. Dem König leuchtet das in seiner Selbstverliebtheit ein und er geht zum Topf und schaut hinein. In diesem Moment  schlägt der Ritter erst dem König und dann noch sich selbst den Kopf ab, so dass nun drei Köpfe im kochenden Wasser des Suppentopfes auf und ab hüpfen. Ringelpietz ohne Anfassen. Auch beim Jüngling kocht nun endlich das Fleisch von den Knochen. Und so kann sehr schnell niemand mehr sagen, wer davon der König, wer der attentatende Ritter, wer der um den Vater betrogene Sohn ist. So dass alle in einem königlichen Grab bestattet werden mussten.

Doch eigentlich wollte ich auf eine noch ältere Aufzeichnung eines Attentäters hinaus, nämlich die Geschichte des Jing Ke. Gewissermaßen ein Prototyp. Einer der ganz großen, tragisch gescheiterten Attentäter. In Hero, dem prächtigen Film von Zhang Yimou ist der Attentäter des künftigen ersten Kaisers außerordentlich kampfgedrillt. Nahezu unbesiegbar. Innere und äußere Systeme beherrscht er aus dem Effeff. Er verschafft sich Einlass durch die Vorlage dreier Waffen, die drei Feinden des Qin-Königs gehörten und deren Tod er behauptet. Er kommt dem König von Qin sehr nahe.  Das Attentat misslingt trotzdem. Jedoch nur deshalb, weil es sich der Attentäter anders überlegt. Er verspricht sich mehr Frieden und damit Glück für alle, wenn das Reich geeint sein wird. Und endlich alle Wagenspuren den gleichen Achsabstand haben. Denn was dem Schicklgruber seine Autobahnen, sind dem ersten Kaiser von China seine Wagenspuren. Auch Bücherverbrennungen hielten beide für ein probates Mittel, aber ich möchte diesen Vergleich auch nicht zu weit treiben.

Sima Qian (so um Null rum) stellt das gescheiterte Attentat etwas anders dar. Auch hier verschafft sich der Attentäter (den Herr Sima übrigens nicht unter Ritterbiografien, sondern unter Attentäterbiografien eingeordnet hat) dadurch Zugang zum Tyrannen, dass er ihm etwas von seinem Feind mitbringt, um sich das Vertrauen zu erschleichen. Allerdings nicht die Waffe, sondern natürlich den Kopf. Das Kopfabschlagen gehörte damals einfach zur Kernkompetenz. Natürlich war auch dieser Kopf freiwillig hergegeben worden, um den Racheplan umsetzen zu können. Und der sah folgendermaßen aus: Jing Ke würde den Kopf übergeben und dann die Landkarte mit einer fruchtbaren, hiermit übergebenen Region entrollen. Ganz am Ende taucht ein Dolch in der Rolle auf. Ein Bild, das zum Sprichwort wurde. Jing Ke wollte nun mit links den König fassen und rechts mit dem vergifteten Dolch zustechen. Simpel und geradeheraus, der Plan. Aber so läuft´s im Leben halt meistens nicht. Denn der König erhob sich zu rasch, so dass nur der linke Ärmel abreißt und weiter nichts. Der König versucht nun wiederum sein Schwert zu ziehen, was ihm nicht gelingt, weil es zu lang ist. Vielleicht ein übergroßes Zeremonialschwert? Jing Ke jagt den König um die Säulen des Thronsaals. Dem Hofstaat waren keine Waffen erlaubt, so dass alle nur bedröppelt zusahen. Eine Art Übergriff-in-der-U-Bahn-Situation. Die bewaffneten Wachen vor der Tür durften wiederum nur auf Befehl eintreten und der wurde in der Hektik nicht erteilt und zum Selberdenken waren sie nun gerade nicht ausgebildet worden. Ein paar Beamte drinnen versuchen nun doch zivilcouragiert einzugreifen, insbesondere der Leibarzt schlägt beherzt mit seiner Medikamententasche zu. Schließlich gelingt es dem um die Säulen gehetzten König doch noch das Schwert zu ziehen und den durch die Arzttasche aus der Spur gebrachten Attentäter an der linken Seite zu verletzen. Der wirft mit dem vergifteten Dolch, verfehlt sein Ziel und trifft stattdessen eine dieser vielen Säulen. Der König fügt dem nun wehrlosen und verletzten Attentäter mit dem Schwert noch acht Wunden zu, während der nun plötzlich behauptet, er habe den König nicht töten, sondern ihn nur zu einem Vertragsschluss zwingen wollen. Nur deshalb habe er versagt. Endlich machen ein paar Beamte diesem elenden Gemetzel ein Ende und töten Jing Ke. Chen Kaige gelingt es in seinem etwas bombastisch verworrenen „Der Kaiser und sein Attentäter“ tatsächlich Jing Ke dabei heroisch aussehen zu lassen, was eine Kunst für sich ist. Trotzdem klingt das nicht gerade nach Kungfuheld. War aber auch kein Kungfu-Film.