Archiv für den Monat: Dezember 2009

Singspiele

Singspiele

Während auf dem Gendarmenmarkt Berlins ästhetischster und etepetetester Weihnachtsmarkt tobte, gingen wir ins dortige Konzerthaus, um uns chinesischer Oper hinzugeben. Genauer: Kunqu, der ältesten chinesichen Opernform, wie ich dem Programmheft entnahm.

Es gab vier berühmte InterpretInnen zu sehen, davon drei mit dem Prädikat A. Offenbar wird alles, aber auch alles in China irgendwie klassifiziert. Ich muss sagen, ich fand den B-Darsteller auch sehr gut.

Weniger gut war allerdings die Rahmen-Sheherazade: Luzia Braun (aspekte-Moderatorin) machte aus ihrem Banausentum keinen Hehl. Daran ist ja erst mal nichts Schlechtes. Aber sie äußerte sich in etwa folgendermaßen: „Ich hatte vorher die Befürchtung, dass die Musik nicht erträglich sein würde, aber wenn man dann auch die Kostüme sieht, ist es doch nicht soo schlecht. Also laufen Sie bitte nicht weg, auch wenn es sich schlimm anhört, man gewöhnt sich dran und die letzte Szene ist die Beste.“ Diesen Inhalt wiederholte sie mehrmals, auf unterschiedliche Art und Weise, dazwischen erzählte sie, was im Programmheft steht und versuchte dabei vergebens witzig zu sein. Ich hoffte inständig, dass die aufführenden Chinesen und Chinesinnen kein Wort verstanden und die im Publikum mit den Gedanken woanders waren. Ansonsten hielt ich mich von Zwischenrufen ab, was zusehends schwieriger wurde.

Bevor ich mir meine Zähne zerknirscht hatte, ging es aber doch noch los. Was es aber leider nicht gab, war eine Oper. Sondern ein Potpourri berühmter Arien, pardon: Szenen. Es ist ein Kreuz. Hiesige Opern schau ich mir doch auch nicht verhackstückt an! Aber offenbar wird die chinesische Oper für zu schwierig gehalten, als dass sie in Gänze aufgeführt würde. Oder für zu langweilig? Gut, wenn sie so wahnsinnig lang ist, kann man vielleicht was kürzen. Aber nun gab es drei Szenen aus zwei Opern.

Das hat nicht nur mit uns als Ausländern und schon gar nichts mit Frau Braun zu tun. Auch in China habe ich verschiedentlich versucht, in die Oper zu gehen. Immer auf der Suche nach einer durchgehenden Aufführung, meinetwegen von der Oper selbst nur ein Teil. Der Pfingstrosenpavillon dauert insgesamt über 12 Stunden, da macht das Ausschnittesehen schon Sinn.

Auch in weniger touristischen Etablissements: Potpourri und bunte Abende. Beispielsweise in Shanghai. Es war die Zeit des Drachenbootrennens und mit diesem Tag, dem Doppelfünften ist auch die Geschichte der weißen Schlange verbunden. Und so gab es Ausschnitte aus der Oper „Die weiße Schlange“ zu sehen. Mit bei jeder Szene neuen Darstellerinnen in neuen Kostümen, dazwischen Komiker. Es ist gut möglich, dass diese Komiker wirklich witzig waren. Da es im Chinesischen so wahnsinnig viele gleichklingende Worte gibt, sind dem Wortwitz keine Grenzen gesetzt. Ich persönlich muss allerdings froh sein, wenn ich eine der möglichen Bedeutungen verstehe. Die Witze rauschten in rasender Geschwindigkeit an mir vorbei. Zu allem Überfluss aß die Dame neben mir etwas, was etwa so penetrant roch, wie ein Döner Kebab mit Knoblauchsoße in der U-Bahn morgens um Acht. Anschließend rülpste sie erleichtert vor sich hin. Und ich versuchte durch bloße Konzentration diese Komiker zu verstehen. Vergebens. Endlich war meine Nachbarin mit Essen und Rülpsen fertig und auch die Witzbolde hatten sich ausgemärt. Auf der Bühne begann die äußerst tragische Todesszene der weißen Schlange. Neben mir klingelte ein Handy. Das ist ja anders als bei uns. Man sitzt nicht still und ehrfürchtig im Theater. Man tut nicht so, als wäre dieser Opernbesuch nicht auch ein Teil des eigenen Lebens. Nein, man trägt das eigene Leben mit in den Zuschauerraum. Es war nicht das einzige klingelnde Handy. Aber das am längsten klingelnde. Weil es in den Untiefen irgendeiner Handtasche nicht so leicht zu finden war. Und auch kein Grund zur Eile bestand. Während die weiße Schlange sich auf der Bühne in stiller Agonie wand, plärrte es neben mir endlich:“Wei?“ Das Telefon war gefunden worden, das Gespräch konnte geführt werden. Das Leben ging weiter und die weiße Schlange starb.

Ein Haus in Beijing wurde mit besonders empfohlen. Nachdem ich es im Gassengewirr nach langem Herumirren endlich gefunden hatte, war ich voller Vorfreude. Ein bisschen heruntergekommen war es, ganz offensichtlich ein altgedientes Theater. Malerisch, abgeblättert und viel versprechend. Nur leider mittlerweile geschlossen. Ich fand ein anderes, ebenfalls altes Opernhaus, doch dort gab es wieder diese Best-off-Einzelszenen. Die waren toll, keine Frage. Besonders schön war ein Bootsfahrer, der die ganze Szene hindurch ein imaginäres Boot steuerte, dass man meinte das Wellenglucksen zu hören.

Nur in Taiwan war es mir mal gelungen, ein durchgehendes Drittel einer Kunqu-Oper am Stück zu sehen. Das entfaltet einen intensiven Sog, die stilisierten Gesten werden dichter und verständlicher. Dass die Musik nach unserer Harmonielehre atonal ist, merkt man sofort gar nicht mehr.

Gänzlich unerwartet geriet ich aber in Beijing doch mal in eine vollständige chinesische Oper. Es wurde Turandot gegeben. Und zwar nicht von Puccini oder Schiller, sondern von Zhu Shaoyu. Im Stil einer chinesischen Oper. Eine schöne Idee. Das Märchen stammt wohl ursprünglich aus Persien. Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es die Rahmengeschichte von der persischen Geschichtensammlung Tausendundein Tag. Da geht es nicht um Sheherazade, die um ihr Leben erzählt und entertaint, sondern um eine Prinzessin Farrukhnaz aus Kaschmir, die nicht heiraten will, weil Männer schlecht und treulos seien, wie ihr ein Traum verraten hatte. Ihr Vater befürchtet Verwicklungen mit den einflussreichen Brautwerbern und lässt die Tochter nun mit hochgemuten Happy-End-Geschichten beschwatzen.

Der Italiener Gozzi nannte die Prinzessin in seiner Commedia dell´Arte Turandot und verlegt sie nach China.  Dort blieb sie dann. Kurz lässt sich die Geschichte folgendermaßen zusammenfassen: die aus Rachsucht männerhassende, aber bezaubernd schöne Turandot (was übersetzt widersprüchlicherweise „persisches Mädchen“ heißen soll) will nur den heiraten, der drei von ihr gestellte Rätsel löst. Alle anderen werden hingerichtet, was der eigentlich Zweck der Rätselaufgabe ist.  Dem nachwievor persischen Prinzen Kalaf gelingt es schließlich, die Rätsel zu lösen. Aber sie will diesen Barbarenprinzen nicht. Der hat aus lauter Liebe ein Einsehen und würde à la Rumpelstilzchen auf sie verzichten, bzw sich ihr ausliefern, wenn sie bis zum nächsten Morgen seinen Namen rausfindet. Wie die Geschichte ausgeht unterscheidet sich in den zahlreichen Fassungen gewaltig, aber bei Gozzi, Schiller und Puccini wird aus den beiden was. Und Zhu Shaoyu hat bei Puccini abgeschrieben, der die Geschichte von Schiller verwandte, der sie von Gozzi hatte, also wird es dort auch etwas mit den beiden.

Eine kleine Veränderung wurde aber doch vorgenommen. So heißen die drei männlichen Nebenrollen bei Puccini Ping, Pang und Pong. Das konnte natürlich nicht so bleiben. Und so heißen sie in der chinesischen Fassung Li, Qian und Wang.

Aus diesem persischen Rudiment in italienischer Bearbeitung wurde nun eine „klassische“ chinesische Oper. Aber in eher italienischer Kürze und war also an einem Abend gut zu schaffen. Das war außerordentlich bezaubernd. Leider kann ich mich an die drei Rätsel nicht erinnern. Schiller hatte fünfzehn gedichtet, die bei den Aufführungen wechselten. Ich vermute aber, dass auf tradtionelle chinesische Rätsel zurückgegriffen wurde.

Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, in dem drei Frauen auf der Bühne nacheinander Träume aufführten, war das Bühnenbild spärlich, so wie es sich gehört. Die einzige Requisite war ein Tisch mit Tischdecke und einer Vase an seiner äußeren rechten Ecke. Er stellte wohl ein Bett dar. Cuishi, eine außergwöhnlich aufbrausende und aggressive Frauenrolle, träumte dort von einem besseren Leben ohne Fehlentscheidungen. Ihre hemdsärmelige Gier war so unverblümt vorgetragen, dass moralische Empörung gar nicht aufkommen konnte. Während der Umbaupause belästigte uns wiederum Frau Braun. Was eigentlich nicht nötig gewesen wäre, schließlich wurden nur Vase und Tisch rausgetragen und ein anderer, gleich großer Tisch mit anderer Vase wieder hineingetragen und an der gleichen Stelle aufgestellt, um diesmal einen Garten darzustellen, in dem nun Du Liniang träumen sollte.

Mein Bruder fragte mich lauter Fragen über chinesische Oper, von denen ich beschämenderweise fast keine beantworten konnte. Als ich kompliziert anhob immerhin zu erklären, dass nicht nach Stimmlagen, sondern nach Rollenfächern unterschieden würde, meinte er: ach, wie im Kasperletheater. Das erschien mir zunächst zu albern, doch mein reflexhafter Protest wich besserer Erkenntnis. Stimmt. Wie im Kasperletheater. Gretel, Kasperle, Polizist, Hexe, Teufel, Oma und Krokodil. Prototypen. Charakterikonen. Mit immer anderen Geschichten.  Genau.