Archiv für den Monat: November 2009

Ein Lichtlein brennt

Teufelsziege

Der heilige Nikolaus von Myra hat eine Schokoladenseite. Mit dieser verteilt er Apfel, Nuss und Mandelkern. Oder auch kleine Schokoladenstatuen von sich selbst. Die dunkle Seite des Nikolaus ist ein Kinderschreck namens Krampus oder Knecht Ruprecht. Obwohl ich schon die Selbstgerechtigkeit mit der das goldene Buch gezückt und Wohlverhalten und Untaten vorgetragen werden, eine ziemlich dunkle Seite finde. Diese Indiskretion war mir ein Gräuel.  Und abgesehen davon: woher weiß der das? Entweder sieht Gott alles und hat nichts besseres zu tun, als das haarklein weiterzuerzählen. Oder die Informanten kommen aus der eigenen Familie. Big Brother oder Stasi. Pest oder Cholera.

Es muss aber auch eine wesentlich diskretere Form des Heiligen geben, ist er doch auch der Schutzpatron der Diebe und sonstiger Verbrecher. Wie er da wohl angerufen wird?

Gib mir nen Tip Sankt Nikolaus, wo räume ich als nächstes aus?

Sinterklaas sei gut zu mir, zeig mir ne offene Hintertür.

Und dann: Hab ein Einsehen Santa Claus, mach mir meine Beute groß!

Oder: Oh weh oh schreck  Sant Nicolo, helf mir in pericolo!

und schließlich: Lieber guter Nikolaus, hau mich aus der Scheiße raus!

Das Verhältnis der doch recht katholisch angelegten Mafia zum Weihnachtsmann würde vielleicht mal eine Untersuchung lohnen.

Auch die taiwanische Unterwelt hat natürlich ihren Schutzgott.  Mit Heiligen halten die sich erst gar nicht auf. Wenn dieser spezielle Gott auch weniger vielseitig angelegt ist. Nikolaus muss sich schließlich noch um Seeleute, Studenten, Kaufleute, Jungfrauen, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider,  Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und  Metzger kümmern. (Wobei viele vermutlich finden, dass das meiste davon eh auch Gauner sind.)

Der Gott der Gangster in Taiwan heißt Handan, wie ich einem eben gesehenen Dokumentarfilm entnahm. Verehrt wird er im Xuanwu-Tempel in der größten Stadt im abgelegenen Osten Taiwans: in Taidong.  Und sein ganz großer Tag ist das dortige Laternenfest zwei Wochen nach chinesisch Neujahr.

Wer Handan war, ist mal wieder nicht so klar. Er könnte ein General aus der schier vorzeitlichen Shangdynastie gewesen sein, der posthum für die Finanzen des Himmels zuständig war und so zum Kriegergott des Wohlstands wurde. Kapital ist Diebstahl? So à la: Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie, was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?

Oder Handan war ein reuiger Delinquent, der sich zur Sühne halbnackt auszog und mit Feuerwerkskörpern bewerfen ließ. Vielleicht auch weil ihm kalt war, heißt „han“ doch Kälte. („Dan“ heißt zwischen ungerade, Liste und Tuch noch so allerlei anderes, was mich hier nicht weiterbringt.)

Abgesehen von der Reue ist es jedenfalls genau das, was zum Laternenfest in Taidong passiert. Junge und mitteljunge Männer lassen sich mit nacktem Oberkörper und roten Hosen auf einer Art Stehsänfte durch die Menge tragen, die sie unablässig mit zahllosen explodierenden Geschossen bewirft. Die Augen sind durch eine Brille, das Gesicht insgesamt durch ein Tuch geschützt, um das ein rotes Stirnband mit der Aufschrift Handanye (Handan-Onkel) gebunden ist. Der Oberkörper wird vorausschauend mit Desinfektionsmittel eingerieben, damit sich die ganzen Brand- und sonstigen Wunden möglichst wenig entzünden. Dann holen sie sich noch ein Handan-Amulett, hängen sich das um den Hals und dann gehts hoch auf die Sänfte.

Mit der einen Hand halten sie sich am Gerüst fest, in der anderen einen Banyanzweig, mit dem sie den Pulverqualm um die Nasen oder festgebrannte Feuerwerkskörper verfächeln können. Sehen können sie praktisch nichts. Aber die anderen sehen sie, die Inkarnation eines vergöttlichten Paten. Ist der eine durch, kommt der nächste dran. Weil die Wurfgeschosse und damit die Verletzungen vor ein paar Jahren eskalierten, dürfen mittlerweile nur noch vom Tempel ausgesuchte Personen zünden und werfen. Was ein bisschen unfair ist, weil das Bewerfen sich positiv auf die Finanzen im neuen Jahr auswirken soll. Vielleicht reicht aber auch das Spenden der Geschosse.

Diese Handanyes gehören, bedenkt man das Ressort der Gottheit, natürlich in der ein oder anderen Weise zur taiwanischen Unterwelt, was man unschwer an ihren Tattoos erkennen kann. (Diese Tätowiererei der Unterwelt ist ein Yakuzaimport aus der Zeit der japanischen Besatzung.) Bringt man einen neuen Handanye, der diese Tortur durchsteht, gibt das Gesicht, oder zeigt ganz einfach, dass man toughen Nachwuchs hat. Schlimm ist natürlich, wenn der Nachwuchs vom Gerüst fällt oder sonst unrühmlich früh aufgibt. Auch das fällt natürlich auf den Initiator zurück.

Also ich muss schon sagen, es wirkt zwar aus rationaler Sicht komplett bescheuert, macht aber gleichzeitig mehr her und sehr viel mehr Lärm als der Nikolaus. Ich meinesteils hatte versucht, am Laternenfest in Tainan – einem eher harmlosen Ort ohne paradierende Gangster- nicht beschossen zu werden, was trotzdem nicht ganz gelang. Mir hat´s trotzdem gereicht, dabei hatte ich noch was an.

Das Handanfest ist für die Taidonger Unterwelt der Höhepunkt des Jahres. Im Film werden nun verschiedene Handanyes und ihre Vorbereitung auf das Großereignis vorgestellt. Einer aus dem Kies- und Zementwesen, der seine Zeit hauptsächlich in Karaokebars verbringt, um an seiner Karriere zu basteln: Aufträge an Land ziehen, Kontakte verfestigen, Konkurrenten durch Bestechung umstimmen etc pp. Vor allem aber um kübelweise Alkohol in sich reinzuschütten.

Angefangen hätte er mit ganz anderen Aufträgen: also ein Killer sei er zwar nicht gewesen. Aber man hätte sich halt um die ein oder andere Person kümmern sollen und hätte das dann eben gemacht. Nach der Vorrede nahm ich an, sie hätten die Zielperson verprügelt. Aber dann fügt er hinzu: als Beweis für die Erledigung hätten sie dann ein Organ vorweisen müssen. Ich gehe nicht davon aus, dass es um die chirurgische Entfernung einer nicht unbedingt notwendigen Niere oder der Galle ging. Erzählt er ganz treuherzig mit etwas dumpfem, aber nicht unliebenswertem Humor. Vielleicht hat er kein Geld dafür bekommen? Oder was in dieser Geschichte trägt die Selbsteinschätzung, er sei kein Killer gewesen? Vielleicht wenn es erfunden ist. Aber sonst? Davon hätte er dann aber weg gewollt. Blöd nur, dass das Bauwesen, insbesondere Zement und Kies, offenbar weltweit mit irgendwelchen Syndikaten verwickelt ist.

Als Mittdreißiger und mit entsprechend düsterer Vergangenheit ist der nur halbseitig tätowierte Zementmann ein alter Hase in Sachen Handanye und die Vergöttlichung gelingt ihm mühelos. Trotzdem war es das letzte Mal für ihn. Der Alkohol sollte ihm im Laufe des kommenden Jahres den Garaus machen.

Ein anderer notorischer Handanye konnte sich gerade noch rechtzeitig per Kaution aus der Haft auslösen. Doch dann starb ausgerechnet sein Bruder und Trauer verträgt sich nicht mit der Personifizierung als Gott. Wenigstens war er so für die Beerdigung seines Bruders draußen.

Ein dritter, ein Debütant, der sich gerade mit eigenem Tätowierstudio selbständig machen wollte, kam vorher mit manischer Depression ins Krankenhaus.  Auch er schaffte es zum Laternenfest wieder raus, um sich endlich mal ordentlich bewerfen zu lassen. Blöderweise vergaß er sich die Ohren zu verstopfen, so dass die Folge seines kurzen Göttlichseins dazu führte, dass eines seiner Ohren dauerhaft taub blieb. Aber er hat durchgehalten. Und kann stolz auf sich sein.

Außer der Ehre versprechen sich die Handanyes davon einerseits Sühne und andererseits Glück für zukünftige Unternehmungen. Hat irgendwie was von einer Beichte.

In Mexiko heißt die Schutzheilige der Diebe Santa Muerte, eine (ebenfalls rotgekleidete) Sensenfrau zu der außer Straftätern auch Polizisten beten. Damit kommen wir wieder näher an den Krampus, den dunklen Begleiter des heiligen Nikolaus, mit Hörnern, zu vielen Haaren und zu langen Zähnen. Oder gar zu Knecht Ruprecht, der sich von den Perchten oder der Perchta herleiten soll, einer vorchristlichen Göttin, die schon früh in die Illegalität abgedrängt wurde. Zuvor verteilte sie wie Frau Holle Lohn und Strafe. In schlimmen Fällen schlitzte sie den Bauch auf, füllte Steine hinein, nähte wieder zu und warf die gastrotomierte Person in den Brunnen. Damit wäre wohl geklärt, was Knecht Ruprecht mit denen macht, die er in seinen Sack gesteckt hat. Ob er auch Organe entnimmt, um sie als Beweis dem heiligen Nikolaus vorzulegen, ist jedoch nicht überliefert.