Archiv für den Monat: Oktober 2009

Je größer der Fisch, desto kleiner der Fuß

Fisch

Neulich stieß ich auf eine eigentümliche chinesische Geschichte. Eigentümlich eigentlich nur deshalb, weil sie so sehr an ein Märchen der Gelin Xiongdi erinnert, wie die Gebürder Grimm auf Chinesisch heißen. Aufgeschrieben wurde sie in China erstmals im 9.Jahrhundert. Also etwa 1000 Jahre früher als in Deutschland. Und 900 Jahre früher als die französische Version von Charles Perrault.

Aber, erfahre ich, die Chinesen waren ausnahmsweise nicht die Ersten, denn die älteste bekannte Version stammt aus dem alten Ägypten. Dort wurde der thrakischen Hetäre Rhodopis, (nach Herodot eine Sklavenschwester des Dichters Aesop), ein entzückend kleiner Fuß zugesprochen. Ein schicksalhafter Adler raubte einen ihrer Schuhe und warf ihn dem König von Memphis in den Schoß. Der daraufhin nicht mehr schlafen konnte und unbedingt die Frau zu diesem Schuh finden wollte. Er suchte und suchte und suchte sie, fand sie schließlich und machte sie zu seiner Frau. Eine der Pyramiden von Gizeh soll als Grabmal für sie gebaut worden sein, fabulierte der romantische Volksmund. Je kleiner der Fuß desto größer das Grabmal? Diese Version stammt etwa von 0 und soll damit die erste bekannte Aschenbrödelgeschichte sein, von der es auf der Welt immerhin etwa 400 geben soll. Ich muss schon sagen: als Jacob und Wilhelm die Geschichte auf Deutsch aufschrieben, da war es wirklich höchste Zeit!

Dabei fällt mir ein, dass meine Kalligrafielehrerin von ihren Bemühungen erzählte, ihr Deutsch möglichst schnell zu verbessern. Was liegt näher, dachte sie damals, als dazu ein Kinderbuch zu lesen. Von dem man landläufig annimmt, dass es nicht so schwer geschrieben sei. Sie entschied sich ausgerechnet für Grimms Märchen. Viel verstand sie nicht, was ich wiederum sehr gut verstehen kann. Da sind sprachlich und inhaltlich zum Teil komplett kryptische Texte drin. Durchgelesen hat sie es trotzdem. Tapfer.

Die chinesische Aschenputtelversion ist der europäischen jedenfalls schon recht ähnlich und es sind auch keine moralisch mittlerweile unangebrachten Hetären mehr im Spiel. Dafür hat das Böse Einzug gehalten. Die Geschichte heißt Yexian. Ye heißt Blatt und Xian bedeutet Grenze, Beschränkung, also so etwas wie Blattrand? Jedenfalls handelt es sich dabei um den Namen der Hauptdarstellerin, das scheint der weltweite Geschichtentitelkonsens zu sein.  Als westlicher Bumerang in Rückübersetzung heißt sie heutzutage natürlich Huiguniang (Aschemädchen).

Aber damals, als sie noch Yexian hieß, ging die Geschichte in etwa so: Der Vater von Yexian, ein lokaler Anführer von Höhlenleuten namens Wu lebte noch vor unserer Zeitrechnung in einem eben von Höhlen und auch Flüssen geprägten Ort im südlichen China. Seine Frau starb und er heiratete eine Neue. Kaum war dieses Stiefmutterarrangement installiert und eine Halbschwester geboren, starb auch er. Vielleicht war die böse Stiefmutter auch einfach seine Zweitfrau. Damit könnte man dem Problem begegnen, dass sonst nicht die jüngste Tochter die schönste und beste war, wie es sich eigentlich gehört. Wie auch immer. Das Cinderella-Setting stand: Die böse Stiefmutter behandelte Yexian schlecht. Sehr schlecht. Nicht als Tochter, sondern als niedrige Magd.

Yexian musste Feuerholz in den steilen Bergen sammeln und Wasser aus dem tiefen Fluss heranschaffen. Und bei letzterem begegnete ihr ein kleiner, kaum 5cm großer Karpfen mit goldenen Augen und roten Barteln. (Womöglich ein Baby-Koi.) Sie war berührt und nahm ihn als Freund mit nach hause. Und musste alsbald immer neue, größere Behälter für ihren schönen, schnell wachsenden Freund finden und ihn schließlich in den Tümpel hinter dem Haus umziehen. Immerhin wurde es kein Walimwasserturmproblem, denn letztlich war es eben doch ein Karpfen und kein Wal. Der Tümpel reichte jedenfalls. In jeder freien Minute ging sie ihren Freund besuchen, der sofort auftauchte, wenn sie erschien. Jeden übrig gebliebenen Bissen verfütterte sie an ihn. Kam jemand anders vorbei, tauchte er ab.

Der bösen Stiefmutter passte es natürlich ganz grundsätzlich nicht, dass Yexian an irgendetwas Freude hatte, sonst wäre sie ja auch nicht die böse Stiefmutter gewesen. Sie schenkte ihrer Stieftochter also als Lohn für die harte Arbeit ein neues Obergewand, ließ sie ihr altes ausziehen und schickte sie zu einem weit abgelegenen Fluss. Nun zog die Stiefmutter selbst den alten Mantel der Tochter an und ging zum Teich. Der Karpfen ließ sich täuschen, man sieht durch die Lichtbrechung an der Wasseroberfläche ja wirklich ziemlich schlecht ins jeweils andere Element. Kaum tauchte der Karpfen auf, erstach sie ihn mit einem mitgeführten Dolch. Sie schlachtete ihn und genoss ihn mit ihrer leiblichen Tochter als Abendessen. Die Gräten vergrub sie im Abfall.

Als Yexian zurück kam, wartete sie vergebens am Teich auf ihren Freund. Als er nicht kam und nicht kam, war sie verzweifelt und weinte bitterlich. In diesem Moment stieg eine schlicht gekleidete Gestalt mit wirren Haaren aus dem Himmel herab (der Beschreibung nach müsste es sich um einen daoistischen Unsterblichen handeln) und klärte Yexian über die jüngsten Vorgänge auf. Gab dann noch den Rat, die Gräten auszugraben und in ihrem Zimmer zu verstecken, da sie diese um alles bitten könnte, was sie nur wolle.

Nun stand ein großes Fest an. (Warum erzähle ich die Geschichte eigentlich? Kennt doch eh jeder.)  Also Yexian durfte nicht teilnehmen, ließ sich aber von den Gräten inklusive goldener Schuhe schick einkleiden und ging etwas später heimlich doch hin. Als sie nach einer Weile befürchtete von der unangenehmen Verwandtschaft erkannt zu werden, lief sie hastig weg und verlor dabei einen ihrer Schuhe.

Dieser goldene Schuh wurde von Händlern am Wegesrand gefunden und an das Inselkönigreich Tuohan verkauft. Dessen König fing an, wie besessen den passenden Fuß dazu zu suchen. Aber selbst der allerkleinste, zierlichste Fuß war noch mindestens ein Inch, also ca 2,5cm zu groß. Der König witterte Betrug (in Bezug auf was auch immer) und ließ erstmal ein paar der Verkäufer foltern. Doch die konnten ja nun nichts sagen, was sie selber nicht wussten. Eines der Mankos der Folter, das selbst eingefleischten Technokraten einleuchten müsste.  Ein anderes wäre, das die Gefolterten aus lauter Not einfach irgendwas sagen. Vielleicht kann ich in diesem Zusammenhang einstreuen, dass Folter nicht nur aus humanistischen Gründen verboten ist, sondern auch zugunsten der Wahrheitsfindung. Man denke nur an die Hexenprozesse. Aber ich schweife ab. Die Folter nützte also auch dem König von Tuohan nichts, so dass hier kein verschärftes moralisches Problem entsteht.

Er machte sich also selber auf den Weg zu den Höhlenleuten und fand nach langem und ausführlichen Gesuche schließlich Yexian. Und sie war natürlich schöner als alle, bewegte sich aufreizend zögerlich und: hatte die kleinsten Füße. Der Schuh passte wie angegossen. Der König von Tuohan war verzückt und nahm sie und die Füllhorngräten mit nach hause. Über Yexians Meinung dazu ist nichts überliefert, aber eine gute Partie war es allemal. Die Gräten versagten allerdings nach einem gierigen Jahr der Schatzproduktion ihren Dienst und wurden schließlich ehrenvoll unter haufenweisen Perlen vergraben. Welche später nützen sollten, meuternde Soldaten zu bezahlen. Das Grab wurde vom Meer verschluckt.

Die daheimgebliebene Stiefmutter wurde nebst der Halbschwester eines Tages von fliegenden Steinen erschlagen. Die Nachbarn begruben sie in einem steinernen Grabmal und trauerten. Vielleicht waren sie äußerst beliebte, angenehme Gemeindemitglieder, ja vielleicht Säulen der Gemeinde, wohlanständig, wohlgelitten und das alles. Geht ja auch sonst niemanden was an, was sie mit der überflüssigen Tochter taten. Wie auch immer. Man hat ein bisschen das Gefühl, das hier mehrere Geschichten vermischt werden, denn das Grab hieß dann  „Grab der reuigen Töchter“. Nun waren sie in Bezug auf Yexian wohl weder reuig und jedenfalls keine Töchter. Trotzdem konnte man an dem Grabmal erfolgreich um weiblichen Nachwuchs beten. Die Ahnengeister der ehemals missgünstigen Damen dürften nicht allzuviel zu tun gehabt haben.

Auf jeden Fall war der Mehrwert der Kleinfüßigkeit gesetzt. Womöglich hatte auch eine Tochter ihren Wert, wenn die Füße nur klein genug waren. Wen interessiert schon das Herz aus Gold? Das war dem europäischen Prinzen ja auch wurscht. Der kleine Fuß faszinierte ihn. Sonst gar nichts. Nur dass die Stiefmutter und Schwestern zu blöd waren und sich Zehen und Fersen abschnitten, dass selbst die letzte Taube -ruckedigu- bemerkte, dass da was faul ist. Hätten sie sich die Füße gebunden, wär das nicht passiert.

Sowohl zur Zeit als die Geschichte spielen soll, als auch zur Zeit ihrer Niederschrift wurden übrigens in China die Füße noch nicht gebunden. Das begann vermutlich erst im 13. Jhdt. in gehobenen Familien im Süden Chinas. Mit dem Binden der Zehen nach oben. Aber das ist dann eher das Thema für einen anderen Artikel, da mir gesagt wurde, dass zu lange Blogtexte LeserInnen abschrecken. Und das wäre doch zu blöd. Außerdem habe ich Schuhgröße 39 und kann auch nicht mit immens kleinen Füßen jemanden bei der Stange halten. Also besser damit, dass ich mal zum Ende komme. Hier.