Archiv für den Monat: September 2009

Von Wölfen und Schafen

Wölfe

Um meine Reise in die Mongolei auch für diesen Blog nutzbar zu machen, der wenn schon keinen taiwanischen, dann zumindest einen allgemein chinesischen Bezug haben sollte, nahm ich mir vor, die Mongolen nach ihrer Meinung zu Chinesen zu befragen.

Das Ergebnis war niederschmetternd: sie verabscheuen die Chinesen regelrecht. Gut, dass sie nun in Begeisterung für die Chinesen ausbrechen würden, hatte ich nicht erwartet, aber soviel Ablehnung, um nicht zu sagen Hass? Ich versuchte zu relativieren und fragte daher nach dem anderen der zwei Nachbarn, wie es also mit den Russen sei.

Alles prima. Top. Russen sind Freunde.  Das überraschte mich dann noch mehr. Schließlich hatten die Russen, genau genommen die Sowjets unter Stalin,  im Jahr 1937 die mongolische Marionettenregierung soweit gebracht, etwa 30.000 Menschen und damit ein Fünftel der damaligen Bevölkerung zu töten, wobei es sich überwiegend um buddhistische Mönche handelte. Fast alle Klöster wurden zerstört und auch ging das meiste Schrifttum, die mongolische Kultur in Flammen auf. Ich fand, dass dies doch ein klein wenig Missstimmung rechtfertigen würde, auch ohne übertrieben nachtragend zu sein.

Aber die Mongolen mit denen ich sprach verbuchten das eher unter: „Naja, so Sachen passieren eben“ oder „letztlich waren es ja dann doch wir Mongolen selbst“, die diese Schlachterei ausführten. Wäre doch unfair, dass dann den Russen nachzutragen. Ist natürlich auch was dran. Ganz unösterreichisch. Vielleicht liegt es aber auch mehr daran, dass nach Zusammenbruch der Sowjetunion und Einstellung der Struktur- und Warenhilfe von dort, in den 90er Jahren eine Hungersnot in der Mongolei wütete. So waren sie zuletzt vielleicht doch mehr Freunde als Feinde?

Trotzdem wollte ich herausfinden, was denn nun so schlimm an den Chinesen war, so viel schlimmer als an den Russen. Zu hören bekam ich das Übliche: Skrupellosigkeit auf allen Ebenen. Dafür exemplarisch: nach dem Überqueren der Grenze läuft man Gefahr, als Organspendefrischhaltebox angesehen und ausgeweidet zu werden. Diese Angst hatte ich schon bei Taiwanern gehört. Als würden in der VR China nicht genug Leute hingerichtet, um einen schwunghaften Organhandel am Laufen zu halten, ohne  internationale Verwicklungen befürchten zu müssen. Aber gut: Juden fressen kleine Kinder und Chinesen klauen einem die Organe bei lebendigen Leibe. Das ist halt nun mal so.  Dass es dafür keine sinnvollen Gründe oder gar Anhaltspunkte gibt, kann ja nicht das Problem der anderen sein.

Ganz ausreichend schien mir das trotzdem nicht, um zu erklären, warum eine Regierung, die an Chinesen Konzessionen über die mongolischen Bodenschätze verkaufen würde, nicht den Hauch einer Chance auf Wiederwahl hätte, wie mir glaubhaft versichert wurde. Das nützt natürlich alles nichts, wenn die Chinesen dann eben den Kanadiern die Rechte an den Kupferminen abkaufen, aber gut.

Der Grund muss also in der Geschichte liegen. Und die handelt von  einer jahrtausendalten Feindschaft zwischen den nomadisierenden Nordbarbaren und den agrarischen Chinesen. Die chinesische Mauer wurde gegen erstere gebaut, auch wenn deren Ethnien sich im Laufe der Jahrhunderte wandelten. Hunnen, Xiongnu, Skythen, Uiguren, Tuoba, Tungusen, Kirgisen und wie sie alle hießen. Und dann eben die Mongolen, zu denen die Oiraten, Kalmücken, Burjaten, Khalkha und ich weiß nicht, wer sonst noch alles gehören.

Lustigerweise heißt China auf Mongolisch etwas was man -vom kyrillischen übertragen- Khjatad schreibt, aber in etwa Ch´ted ausspricht. Und dieses Wort bezeichnet die Khitan. Ein Nomadenvolk, das im 10. Jahrhundert als Liao-Dynastie große Teile des nördlichen Chinas beherrschte. Ein ethymologischer Treppenwitz: die Mongolen benennen den ackerbauernden, ewigen Feind ausgerechnet nach einem Volk, das ihnen selbst viel ähnlicher ist, als den Chinesen. Die Khitan-Dynastie wurde letztlich von den Mongolen vernichtet.

Sonst ein Kampf der Kulturen: Nomaden gegen Sesshafte, Viehhirten gegen Bauern, Krieger gegen Gelehrte, Provisorien gegen Bürokratie. Dann das mit dem Essen. Mit Verlaub: zwecks kulinarischer Genüsse muss wirklich niemand in die Mongolei fahren (außer vielleicht wegen der vergorenen Stutenmilch, die ist wirklich gut), aber China wäre allein dafür mehrere Reisen wert. Dann ernähren sich Mongolen den ganzen Sommer quasi von Milchprodukten, was den zumeist lactoseunverträglichen Han-Chinesen besonders barbarisch erscheinen dürfte. Als ich bei meiner ersten Chinareise 1987 in Xinjiang war, hatte ich Kasachen ein Stück Pferdekäse abgekauft, den ich -nach schon über zwei Monaten Käseentzug- nur sehr sparsam verwendete. Das hätte ich nicht machen sollen: im ersten chinesenbetriebenen Hotel landete er unauffindbar im Müll. Und wahrscheinlich bekam das Zimmermädchen Ekelherpes.

Dann das mit der Schrift: ein Fetisch für Chinesen, könnte man fast sagen. Seit Tausenden von Jahren wird in China geschrieben und geschrieben und geschrieben und das mit einer Schrift, die sich rund 2000 Jahre kaum veränderte und zum Beispiel in Taiwan sich nachwievor nicht verändert hat. Die ältesten chinesischen Schriftzeugnisse sind etwa 5000 Jahre alt. Bei den Mongolen sieht das ganz anders aus: deren erstes Schriftzeugnis kommt auf ein Alter von etwa 800 Jahren.

Der Legende nach hatte nämlich Dschingis Khan (1162-1227) die Entwicklung einer mongolischen Schrift befohlen und so stellte Tatatunga, ein uigurischer Gefangener das uigurische Alphabet auf den Kopf, so dass es von oben nach unten geschrieben wurde: et voilà. (Das Ergebnis sieht aus wie eine Mischung aus arabisch und chinesisch und es gibt sehr schöne Kalligraphien dieser Schrift.) Eine erste Reform erfolgte keine hundert Jahre später unter Kublai Khan, dem berühmtesten mongolischen Kaiser von China (1215-1294), denn da wurde von Lama Phags-Pa die sogenannte Quadratschrift erfunden. Mit Zusammenbruch des Mongolenreiches verschwand diese Schrift jedoch. Im 17. Jahrhundert entwickelte dann der Lama Pandita die sogenannte „klare Schrift“, die nur von den Oiraten und Kalmücken angenommen wurde. Eine weitere Schrift, das Sojombo wurde von Zanabazar, dem ersten buddhistischen Oberhaupt der Mongolen um 1700 erfunden.

Bei dem ganzen Hinundher und der Schwierigkeit Nomadenkinder zu beschulen,  ist es also nicht verwunderlich, dass noch Anfang des 20. Jahrhunderts etwa 90% der Mongolen Analphabeten waren. Heute schreiben die Mongolen in der Mongolei kyrillisch mit nur noch etwa 2% Analphabeten. Das muss man dann wohl doch den Russen irgendwie zugute halten. Bei den Chinesen sind es immerhin etwa 10 %, in Taiwan knapp 4%.

Andere Unterschiede in Zahlen:

Bevölkerung: Mongolei 2,7 Mio, China 1,3 Mrd, Taiwan 23 Mio

Bevölkerung pro qkm: Mongolei 2, China 135, Taiwan 632

Man kann also sagen, dass die Lebensweisen nicht unbedingt gut harmonieren. Dazu kamen Expansionsgelüste des chinesischen Reiches und Überfälle bzw. Eroberungen der nördlichen Reitervölker, insbesondere wenn die Nahrungslage prekär wurde. Und das kann in oder nach einem harten Winter schnell mal passieren.

Die mongolischen Stämme waren allerdings auch häufig uneins. Die Khalkha sahen sich zum Beispiel außerstande, sich den Oiraten, die immerhin nicht von Dschingis Khan abstammten, zu unterwerfen. Da die Oiraten aber um 1700 auf Siegeszug waren, unterstellten sich die Fürsten der Khalkha den Mandschu, also der „chinesischen“ Qing-Dynastie. Und so wurde fast die Hälfte der Mongolei stark in das chinesische Reich eingebunden, blieb es auch und heißt heute ganz sinozentrisch: innere Mongolei. Dort leben etwa doppelt so viele Mongolen wie in der Mongolei. Und ungefähr 4x soviele Hanchinesen als Mongolen. Es ist zu vermuten, dass gewisse Ressentiments auch aus diesem Abschnitt der Geschichte herrühren.

Nun ist aber etwas Schockierendes passiert. Ein Chinese hat ein Buch über seine Zeit in der inneren Mongolei geschrieben. 11 Jahre war er dort, zum Arbeitseinsatz während der Kulturrevolution. Der Zorn der Wölfe, hat er sein Buch genannt und es wurde zum Megaseller. Schockierend ist das Buch deswegen, weil er darin die Lebensweise der Mongolen als die Überlegene darstellt. Und das bei den kulturchauvinistischen Chinesen! Das klingt also alles recht interessant.

Trotzdem kann ich nur abraten. Und zwar nicht wegen der mühsamen 700 Seiten (auf Deutsch, 400 auf Chinesisch) mit unzähligen Wiederholungen, die sich nach Endlosschleife anfühlen. Damit kann man ja leben. Kreislauf der Natur, Kreislauf der Argumente, oder so. Aber Jiang Rong begeistert sich ungehemmt für die Frischerhaltung der Völker (seien es nun Tiere oder Menschen) durch Krieg und Kampf, für Leithammel jeder Couleur, die heldisch ihre Herden beschützen und die im Übrigen völlige Einmütigkeit eben dieser Herden. Daneben rührt ihn und lobpreist er die behauptete extreme Liebe der Wölfinnen für ihren Nachwuchs. Er feiert geradezu deren Blutlust, wenn ihnen der Nachwuchs gestohlen wurde, so dass sie sich auch Jahre danach noch Rachefeldzüge ausdenken. Menschliche Tiere, tierische Menschen, alles geht durcheinander und ist echt und wahr und groß. Ganz groß und ganz echt. Und ganz anders als diese chinesischen Krämerseelen, Bürokratenhintern, korrupten Funktionäre, kleinlichen Bauern und blutarmen Gelehrten.  Anders als die Schafe eben. Einigkeit im Glied, herausragende Kriegshelden, Rache, Entwicklung und Erziehung durch Kampf, „Naturgesetze“ statt Politik, Gruppenüberlegenheit, Frau=fanatische Mutter.

Zu der Ideologie fällt mir nur ein Begriff ein: faschistisch. Ökofaschismus meinetwegen. Die Begeisterung im Feuilleton ist mir komplett unverständlich. Um nicht zu sagen: Besorgnis erregend. Und nun soll das auch noch verfilmt werden, halleluja. Als Mongole würde ich mir diese Naturmenschfestschreibung außerdem verbieten. Im Übrigen kann ich nur hoffen, dass sich die Chinesen diesen Aufruf zur „Verwolfung“ nicht zu sehr zu Herzen nehmen, denn sonst: gute Nacht.

Wie sich schließlich herausstellte, habe ich aus dem Werk trotz allem ein paar Informationen wringen können: so war mir die Problematik überweideten Graslandes und anderer ökologischer Konflikte bereits vertraut. Darüberhinaus wusste ich, dass Tengger der vergöttlichte Himmel der Mongolen ist. Und dass Schwäne selten und heilig sind, weswegen wir die zwei die wir sahen auch gleich fotografieren mussten. Mehrmals. Mit uns, mit anderen, ohne uns etc. Obwohl wir Zwiesel, Yaks und Adler viel interessanter fanden.

Vor lauter Gedanken, die wie so oft zu Ärger führen, habe ich nun versäumt, das Glücksgefühl zu schildern, dass einen beim Galoppieren durch weites Grasland überkommen kann. Das möge sich nun jeder bitte selbst vorstellen.