Archiv für den Monat: August 2009

WindWasser

Baum

Ich komme doch nicht darum herum, mich mal komplett laienhaft zu Feng (Wind) Shui (Wasser) zu äußern, da ich dieses Jahr an einer Bildungsreise zu diesem Thema teilnahm. Eine eher zufällige Teilnahme. Schließlich war Fengshui ein chinesisches Thema, was mich bisher schlicht nicht interessiert hatte.

Warum nicht, wüsste ich jetzt nicht zu sagen. Vielleicht einfach um mir ein weiteres aufwändiges Interessensgebiet zu ersparen. Aber was soll das für ein Grund sein? Vermutlich liegt es also eher an Besuchern, die bei mir zu hause den Klodeckel herunterklappen, damit mir nicht das Geld davonflösse. Und dann sagen, hierbei handele es sich um Fengshui. Oder im Vorbeigehen aufgeschnappten Empfehlungen, man müsse sich dort ein Mobile und hier einen Springbrunnen aufstellen. Das ist doch wirklich nichts, womit man sich länger beschäftigen möchte. Tatsächlich wünschte sich mein Bruder mal ein Buch über Fengshui von mir, in der Annahme, seine sinophile Schwester würde dann schon etwas Brauchbares auftreiben. Weit gefehlt. Planlos stolperte ich einem Esoterikbuchladen herum, kaufte nach selbstbeweihräucherndem Klappentext und hoffte, es würde gut gehen. Was nicht der Fall war.

Oder wie ein chinesischer Freund sagte: die Kaiserpaläste und -gräber wurden alle nach dem besten erdenklichen Fengshui erbaut und wie lange haben die Dynastien letztlich gehalten? 300 Jahre waren schon richtig gut. Da ist natürlich was dran. Auf der anderen Seite hat ja auch niemand behauptet, dass es nur auf das Fengshui ankäme.

Jedenfalls wurde ich so zufällig wie absichtlich Teil dieser Reiseveranstaltung mit der kleinen Nebenaufgabe meine Chinesischkenntnisse der Gruppe und ihren Einzelteilen zur Verfügung zu stellen. Der Reiseleiter sprach Chinesisch nur sehr rudimentär, hat aber die wunderbare Begabung, mit wenigen Brocken einzelner Wörter ein Maximum an Kommunikation herzustellen.  Während ich ja lieber in ganzen, wenn auch häufig falschen Sätzen spreche, was dem Verständnis nicht immer dienlich ist. Auf längere Sicht aber doch weiter führt. Auf diese Weise kam ich also in den Genuss, mit vielen verschiedenen Leuten Chinesisch zu sprechen. Und vor allem: unheimlich gefragt zu sein.

Als erstes gab ich es im Kontakt mit der Gruppe auf, Fengshui chinesisch auszusprechen. Das ginge so: ein sehr offenes an ein A erinnerndes E in Feng und Shui als Shuei im abfallendem und steigendem Ton, statt shuii. Das wirkte nur besserwisserisch prätentiös, was ich auf Dauer nicht durchhalten konnte. Ich nahm also Fengshui schließlich als deutsches Lehnwort und dann gings gleich besser.

Soweit assimiliert erfuhr ich, dass Fengshui, nicht nur architektonisch/räumlich angewandt wird, sondern auch zur Wahrsagerei. Das hätte ich auch aus der Übersetzung „Geomantie“ schließen können, tat ich aber nicht, sondern wunderte mich. Dabei ist es eigentlich ganz klar. Die Welt der Menschen wird durch den Himmel (die Zeit) und die Erde (den Raum) bestimmt. Und so sollen die Räumlichkeiten, inklusive Grabstätte  im Idealfall zu den eigenen Daten passen und über diese Schiene ist man ja sofort beim Bazi, der Wahrsagerei aus den Geburtsdaten. Die also recht eigentlich eine Fengshuidisziplin zu sein scheint.

Demzufolge kann man auch aus einer nach Fengshuikriterien gebauten Anlage Rückschlüsse auf die Geburtsdaten des Eigentümers ziehen, wenn man ungefähr weiß, wann er gelebt hat. Das ist alles sehr verwirrend, insbesondere für einen Verstand der es gewohnt ist, Zeit und Raum voneinander zu trennen. Vielleicht könnte da auch Quantenphysik zur Annäherung helfen.

Mich völlig überraschend fragte eine Reiseteilnehmerin, kaum dass wir unsere Namen ausgetauscht hatten: Du bist Wasser, stimmt´s? Schloss sie das aus meiner Lage im Raum? Aus den Zeichen der Zeit in meinen Gesichtszügen? Keine Ahnung. Ich trank nun gerade einen Tee, den ich dummerweise mit dem extrem ekelhaft schmeckenden Shanghaier Wasser zubereitet hatte und war deswegen auf Wasser insgesamt nicht so gut zu sprechen. Außerdem wusste ich nicht, was sie eigentlich meint und sah sie schafsköpfig an. Und erfuhr, dass einem nach Geburtsjahr als sogenanntes Minggua ein chinesisches Element zugeordnet ist, als da wären Wasser, Holz, Feuer, Erde, Metall. Damit ist jedoch nicht einfach das Element des Jahres gemeint. Ich bin beispielsweise im Jahr 1968 geboren, als Januargeborene chinesisch aber 1967, und damit im Jahr der Feuerziege. Oder Schaf. Feuerschaf. Was immer man sich darunter vorstellen soll. Deswegen ist mein Minggua aber nicht notwendigerweise Feuer. Denn das bestimmt sich außer nach dem Jahr auch noch nach dem Geschlecht. (Die spinnen, die Chinesen.)

Ich ließ also nachrechnen und Tatsache: Wasser. Wenn man mal vom Shanghaier Leitungswasser absieht, was auf anschauliche und drastische Weise bezeugt, dass eine Diktatur bei der Missstandsbekämpfung keinesfalls effektiver ist als eine Demokratie, kann ich damit natürlich was anfangen. Klar, anpassungsfähig, penetrant, tiefgehend. Nun ist mir aber eine Berechnungsformel untergekommen, nach der und Adam Riese wäre mein Minggua doch Feuer. Dieses Problem ensteht aus der Ungleichzeitigkeit des ostwestlichen Jahreswechsels. Wenn ich jetzt noch bedenke, dass ich nicht weiß, wie es überhaupt zu dem Berechnungskonzept aus Quersummen der Jahreszahlen kommt, die in China ja erst im 20. Jahrhundert eingeführt wurden, tun sich diese Abgründe auf, die ich bislang durch Desinteresse am Fengshui umschiffen konnte.

Solche Uneindeutigkeit ist natürlich auch ganz schön. Seufzend entringt sich mir ein: zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust. Und bin ich mir selbst nicht regelmäßig völlig zuwider? Feuer und Wasser im ewigen Kampf. Unelegant brachial. Kein Wunder dass ich außer heißem Dampf nichts zustande kriege, denke ich dann.

Andere konnten mit derartigen Uneindeutigkeiten gar nicht umgehen. So kam es zu einer völlig bizarren Debatte an deren Ausgangspunkt die Behauptung stand, dass Personen mit 83% Yinholz eine Anlage zur Homosexualität haben. Ein Spannungsfeld zwischen exakter Schicksalsberechnung nebst aller Attribute und dem Vorwurf der Scharlatanerie tat sich auf. Oder zwischen Borniertheit und Intuition. Formel und Potenzial. Digital und analog. Zu dem ich in völliger Unkenntnis was mit 83% Yinholz gemeint sein könnte, auch ordentlich Senf beitrug. Wieder zurück nahm ich mir dann den Zettel vor, den mir ein taiwanischer Wahrsager beschriftet hatte und hielt nach Holz Ausschau. Ein einziges Holz fand ich in all den zahlreichen Schriftzeichen.  Yin oder Yang? Und wieviel Prozent kann ein Holz haben? 100% von allem Holz? Oder 12,5% von allen acht Zeichen? Es ist manchmal schon schwer mitzudiskutieren, wenn man die Grundlagen nicht kennt. Aber ein Menschenrechtsstandpunkt geht eigentlich immer.

Wie dem auch sei. Richtig  verständlicher wurde es auch nicht, wenn es um die Potenziale des Raumes ging. Dann fielen Sätze wie: nachher treffen wir uns und berechnen  fliegende Sterne. Kam mir wie ein mutiges Unterfangen vor. Die fliegenden Sterne habe ich mir später auf einer Busfahrt vom Reiseleiter im privaten Schnellkurs erklären lassen. Ich fand es unheimlich interessant und logisch und hatte ganz viel verstanden.  Sehe jetzt aber auf die Skizzen mit den vielen Zahlen und Pfeilen und muss sagen: das waren Perlen vor die Sau. Doch auch eine Sau kann sich, wenn auch unverständig, am Schein der Perlen erfreuen.

Um diesem Missstand des Unverständnisses abzuhelfen, um der Sau den Genuss an der Perle noch näher zu bringen, verfüge ich jetzt über ein Buch, das sich Fengshuiführer für komplette Idioten nennt. Abgesehen von der amerikanischen Aufmunterungsdidaktik soll es inhaltlich wohl etwas taugen. Bis zu den fliegenden Sternen bin ich allerdings noch nicht vorgedrungen, habe aber mal hingeblättert. Dort sind lauter unterteilte Scheiben mit Zahlen abgebildet, die vage an TÜV-Plaketten erinnern. Darüber fliegen die Sterne vorwärts oder rückwärts, dass mir ganz blümerant wird und ich sollte vermutlich das Kapitel mal von vorne durcharbeiten. Das kann aber noch dauern.

Also betrachte ich lieber die schematischen Zeichnungen, die sich zum Aufbau der Zimmer äußern. Allgemein gilt: eine Schildkröte im Rücken, links den grünen Drachen, rechts den weißen Tiger, in etwas Entfernung vorne den roten Phönix. Das macht alles natürlich ungemein klar. Insgesamt bezieht sich dieses Konzept auf eine alte analoge Zuordnung. Zum Norden gehören das Wasser, der Mond, der Winter, schwarz und der dunkle Krieger, das ist auch die von einer Schlange befruchtete Schildkröte. Im Süden tummeln sich Feuer, Sonne, Sommer und der rote Vogel. Zum Osten gehört das Holz, der Frühling, der Wind und der grüne/blaue Drachen, zum Westen das Metall, der Herbst, die Kälte und der weiße Tiger. Und jeweils vieles mehr. Emotionen, Krankheiten, Körperteile, alles lässt sich dort wiederfinden und einteilen. Diese Art der Zuordnung gibt es belegt jedenfalls schon seit der Zhou-Dynastie und das heißt irgendwas zwischen etwa 1000 und 221 vor. Dabei sollen der grüne Drache den Mann und der weiße Tiger die Frau repräsentieren. In der späteren Hanzeit wurde diese Zuordnung zumindest in der Alchemie umgekehrt. Aber ich schweife ab.

Wenn ich das richtig verstanden habe, soll man also im Rücken den dunklen Krieger haben, also etwas schützendes wie beispielsweise eine Wand. Links den grünen Drachen, der etwas höher sein soll, als der weiße Tiger rechts. Dann erst mal nichts und als Sichtpunkt den roten Phönix. Derart gewappnet schaue ich nun auf die Zeichnungen eines Arbeitsplatzes, der unbedingt vermieden werden sollte. Es sieht so ähnlich aus wie der an dem ich schreibe. Ich sitze mit dem Rücken zum Raum vor einer Wand mit Tür. Mein roter Phönix ist die Schreibtischlampe direkt vor meiner Nase, der dunkle Krieger fehlt und von dem Sammelsurium meiner zwei nebeneinanderstehender Schreibtische ist der Rechte höher als der Linke. Dazu reicht rechts ein Regal mit Aktenordnern bis zur überdreimeterhohen Altbaudecke. Links fällt die Linie ab bis zur Tür. Quer über den ungleich hohen Tischen liegt die Tastatur für den Computer. Auch Ergonomen würden weinen. Mein Malarbeitsplatz fällt da schon ein wenig günstiger aus (Wand im Rücken), einen Fengshuipreis würde ich dafür trotzdem nicht erhalten. Aber vielleicht könnte wenigstens der Ergonom angesichts des gut gepolsterten Stuhls, der flachen Arbeitsfläche und des Fehlens eines Monitors seine Tränen trocknen? Obwohl: Wasser muss fließen.