Archiv für den Monat: Juni 2009

Wasser in Wasser schütten

Wasser

Vor etwa drei Wochen war ich in Shanghai in der Ausstellung „Gegenwärtige Tuschmalerei“. Einiges fand ich schön, anderes unverständlich, manches großartig, anderes blöd, also insgesamt eine äußerst gelungene Ausstellung. Allerdings gab es mehrere befremdliche Momente bezüglich der Ausstellung selbst, bzw ihrer Konzeption.

Ich war die einzige Besucherin und schlich mit diesem westlichen Kunstsinngesicht still durch die Räume. Gleichzeitig tat dem ermüdeten Aufseher offenbar der Rücken weh oder er war einfach müde und mit seinen Fäusten laut auf den Rücken trommelnd ging er auf und ab, ein Geräusch das durch den Saal hallverstärkt wurde. Als er damit fertig war, fing er an, ausgiebig so herzhaft und laut zu gähnen, dass ich auch ganz müde wurde.

Dies passte so gar nicht zu dem Kritischesinteresseundsachverstanddemonstriergesicht und zu der dabei unbedingt erforderlichen Stilleerwartung, dass ich beides ablegte und stattdessen die Kamera zückte, was offenbar erlaubt war.

Die nächste Irritation bestand darin, dass die Bilderrahmen zum Teil noch in Plastikfolie steckten und vor allem, dass einige Bilder in den Rahmen heruntergerutscht waren. Da dies bei unterschiedlichen Künstlern, aber den gleichen Rahmen der Fall war, kann ich eine künstlerische Absicht dabei ausschließen.

Besonders befremdlich war aber die Konzeption selbst. So gab es im Erdgeschoss Bilder von Ausländern, in der Mitte abstrakte Tuschmalerei und oben Kunst von Frauen. Was kann man nun daraus schließen? Die abstrakte Kunst war von Chinesen, wobei sich auch ein in Shanghai lebender Deutscher darunter befindet, von denen die überwiegende Mehrheit Männer sind. Hier war man also eingeladen, sich mit den Bildern zu beschäftigen. An den Ausländern (auch für Chinesen immerhin die Mehrheit der Weltbevölkerung), Männer wie Frauen, die hauptsächlich ebenfalls abstrakt malten, war offenbar hauptsächlich interessant, dass sie von außen kamen und sie mussten von den Chinesen unterscheidbar gemacht werden. Na und dann halt noch die eigenen, die chinesischen Frauen. Frauen halt. Diese Abweichung von der Norm, die man sich noch nicht einmal durch nationale Abgrenzung oder sonstwas vom Leib halten kann. Auch hier kommt es offenbar nicht auf die Bilder, sondern auf die spezielle Herkunft an. Die Norm und die Abweichung also.

Nicht, dass einem so etwas hierzulande nicht begegnet. Dauernd und überall, und auch von einem Freund musste ich mal hören, dass eine männliche Sprecherstimme neutral und sachlich sei, während eine weibliche speziell, also anders sei. Weder Logik noch Haareraufen half, um verständlich zu machen, was daran androzentrisch ist. In so einem intellektuellen Kontext wie der der Ausstellung, wäre natürlich etwas mehr Bewusstsein schön gewesen. Nur ein klein bisschen zB Foucault oder Irigaray oder gar bloß Gender Mainstreaming und ein bisschen nachdenken von hier auf gleich und schon wäre das nicht passiert. Eigentlich würde schon ganz ohne Lesen das Empfinden von der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen ausreichen.

Meine Erbosung wird unzusammenhängend durch die Texte, die ich gerade in einer sinologischen Übung lese, geschürt. Nämlich die Notizen des Beamten Chen Shengshao, der sich auch zu verschiedenen „Frauenproblemen“ äußert. Immerhin sind die Notizen fast 200 Jahre alt, können also zur aktuellen Problematik konkret wenig beitragen. Aber vielleicht veranschaulichen.

Herr Chen war also um 1830 als Beamter in den südlichen Provinzen Chinas tätig und bemühte sich dort darum, die auftretenden Probleme aller Art in den Griff zu kriegen. Auch wenn er selbst gerne sagt, dass ein Übel von der Wurzel her beseitigt werden müsse, wirken seine Maßnahmen häufig eher pragmatisch oder gar oberflächlich, aus heutiger Sicht. Rechtfertigend sagt er auch: gegen den Lauf der Dinge zu Regieren ist schwer, folgt man der Natur der Dinge, dann ist es leicht. Wobei die Natur der Dinge hier der Schwachpunkt in der Argumentation sein dürfte.

Ein besonders drängendes Problem war jedenfalls das Ertränken von Mädchen,was offenbar gerade in der heutigen Provinz Fujian erhebliche Ausmaße angenommen hatte. Es gibt demographische Zahlen noch zu der Zeit vor Chen Shengshao, nämlich aus der Mingzeit. Anfang der Mingzeit (12. Jhdt) gab es in einem bestimmten Kreis 36.790 männliche und 28.368 weibliche Einwohner. Zum Ende der Mingzeit (17. Jhdt) kamen auf 32.966 Männer nur noch 11.628 Frauen. Offenbar hat sich bis zur Zeit des Herrn Chen hier keine nennenswerte Besserung eingestellt.

Er begründet das Phänomen des Mädchenertränkens damit, dass es so unglaublich teuer sei, eine Tochter zu verheiraten, dass sich Familien in Schulden stürzen müssen, die sie nie wieder los werden. Weil ja aber auch immer die Nachbarn schauen, wieviel Mitgift geleistet wird, man also an der Stelle unmöglich sparen kann, bringt man die Mädchen nach der Geburt einfach um, offenbar durch Ertränken. Das passt gut zu dem Satz, eine Tochter sei wie verschüttetes Wasser. Denn nach der Heirat gehört sie mitsamt der Mitgift zur anderen Schwiegerfamilie und pflegt auch deren Ahnen, während sie ihrer Ursprungsfamilie nichts mehr nützt, also nur gekostet hat. Da schüttet man das Wasser doch besser gleich zum anderen Wasser dazu. Bevor es einem Mühe und Kosten verursacht hat.
Die Idee, sie als Kindsbräute ohne Mitgift an andere Familien zu geben, soll nicht praktikabel sein, weil sie immer weinend zurückgelaufen kämen, wenn sie ihre leiblichen Eltern kennen.

Aber Herr Chen will Abhilfe schaffen, da aus dem akuten Frauenmangel allerlei Übel resultieren, als da wären: Familien adoptieren wegen Nachwuchsmangel fremde Jungen für die Ahnenverehrung, was zu genealogischem Chaos führt, Witwen heiraten ein zweites Mal und marodierende Junggesellenhorden sorgen für Unruhe.

Also erlässt er ein Gesetz zum Ammenwesen. Ammen, die fremde Mädchen aufnehmen werden bezahlt und mit sozialversicherungsähnlicher Versorgung ausgestattet, sie ziehen sie groß, bis die Mädchen etwa 7 Jahre alt sind und Schaufel und Besen halten können. Nochmal 6-7 Jahre später taugen sie dann als Ehefrauen. Ob sie diesen zweiten Abschnitt schon als Kindsbräute bei der neuen Familie schuften sollen, ist etwas unklar. Für ammenaufgezogene Kindsbräute fällt offenbar keine Aussteuer an und da sie ihre leibliche Familie nicht kennen, können sie zu denen auch nicht zurücklaufen. Und die Ammen werden sie ohne die Bezahlung nicht wieder aufnehmen. In der Falle, aber am Leben.

Jedenfalls gab es im Bezirk Zhaoan nach seiner Amtszeit 1200 bezahlte Ammen und als er versetzt wurde, hätten ihn die Ehefrauen und Ammen gar nicht abreisen lassen wollen. Dass er zahllosen Mädchen das Leben gerettet hat, scheint ihn zwar nur im Hinblick auf die Funktionsfähigkeit und Ordnung in der Männergesellschaft zu interessieren, aber gerettet ist gerettet, das darf man schon anerkennen. Vielleicht empfand er auch ein kleines bisschen Bedauern für die Mädchen, wie für einen ertränkten Wurf Kätzchen, fand das aber zu emotional für seine landeskundlichen Notizen.

Ein bisschen froh bin ich in dem ganzen Ärger schon, dass ich mich persönlich auf dem Niveau von Ausstellungskonzepten mit dem Thema auseinandersetzen kann.