Archiv für den Monat: April 2009

Wiedergänger

Hasen

Auch wenn die meisten es nicht mehr für möglich halten werden, im April, also in diesem Monat war Ostern. Es ist noch gar nicht so lange her, auch wenn es sich so anfühlt. Und eine Woche davor, also auch noch nicht wirklich lange her, war Qingmingjie, das chinesische Totenfest. Das passt natürlich sehr schön. Erst das Totenfest, dann die Karwoche, dann die Wiederauferstehung. Schön.
Ich fragte einen chinesischen Freund, wie er denn das Totenfest begangen habe. Er schaute mich verständnislos an. Ach, sagte er dann, war das jetzt? Und woher ich das wisse. Aus dem Kalender antwortete ich nüchtern und ihm entrang sich ein Seufzer über all die Verluste, die die Kulturrevolution seinem Land eingebracht hatte. Nein, also sie würden das Fest nicht begehen. Das sieht in Taiwan natürlich ganz anders aus, aber darüber habe ich mich ja in meinem Buch schon verbreitet.
Glücklicherweise hatte ich Trost dabei, einen Schokoladenhasen mit Glöckchen und ein paar Ostereier, rote natürlich, wegen des damals noch bevorstehenden Osterfestes. Er ergriff die Gelegenheit beim Schopf und fragte mich, was es denn bitte damit auf sich habe. Ostern heißt in der unnachahmlichen Direktheit der chinesischen Sprache Fuhuojie, was soviel bedeutet wie Wiederlebenfest. Und ich erläuterte, wann Jesus gestorben und wann wieder auferstanden war, und dass er zwar als Lamm oder Fisch oder Brot metaphorisiert werden könne, nicht aber als Hase und schon gar nicht als Ei. (Obwohl ich nicht ausschließen möchte, dass es in Spanien, wo Jesus ein ganz normaler Männername ist, es auch das ein oder andere Karnickel namens Jesus gibt.) Erläutere, dass es da vielmehr wegen des Frühlings um Fruchtbarkeit (Chinesisch: Feiwo=fettes Bewässern) ginge. Mit seligem Lächeln betrachteten wir dann seine neugeborene Tochter.
Passend zu diesem Wiederlebenkomplex kamen zwei Filme in die Kinos. Da wäre einmal Ghosted zu nennen. Wie der Name schon sagt, ging es da weniger um lebendiges Wiederleben, sondern eher um totes. Ich würde den Film wahnsinnig gerne empfehlen, war es doch die erste Deutsch-Taiwanische Coproduktion, die erst nach einem engen Geburtskanal von Schwierigkeiten endlich gelang. Außerdem habe ich ein Faible für Geistergeschichten, homoerotische insbesondere. Er war mit tollen Schauspielerinnen besetzt, wobei die hiesig bekannteste wohl Inga Busch sein dürfte. Zusätzlich gab es schöne Bilder aus Taiwan. Genützt hat es trotzdem nicht.
Langweilig und prätenziös, das waren so die Gedanken, die mir beim Ansehen kamen. Besser wurde es auch nicht, als ich von den Gedanken der Regisseurin erfuhr: Der Ahnenkult Taiwans sollte verknüpft werden mit einer deutsch-romantischen Doppelgängergeschichte, wobei ich schon nicht darüber hinwegkam, dass die Doppelgängerin dem Original kein bisschen ähnlich sah, wenn man nicht von der Prämisse ausgeht, dass alle Asiatinnen eh gleich aussehen. Diese ungleiche Doppelgängerin tauchte erst nach dem Tod der anderen auf. Aber sind Doppelgänger nicht etwas, das zu dem Original gehört, von diesem erlebt und letztlich vielleicht nicht überlebt? Ist ein Wesen, das nach dem Tod des Originals herumspukt nicht schlicht ein Geist? Oder von mir aus ein Gespenst? Ein Wiedergänger, statt eines Doppelgängers? Abgesehen von Spitzfindigkeiten dieser Art hat mir der Film leider leider nicht gefallen, obwohl ich so entschlossen war, ihn zu mögen.
Der andere Wiederbelebungsfilm im weiteren österlichen und fernöstlichen Umfeld war „John Rabe“. Ich gebe zu, der Film ist etwas bieder gemacht und leider sprechen alle außer den meisten Chinesen und einigen Japanern deutsch. Aber die Geschichte allein ist erzählenswert.
Als ich Ende der 80er Jahre in Nanjing war, wollte mir ein Chinese etwas zeigen, von dem ich noch nicht einmalmehr weiß, ob es eine Gedenktafel, eine Statue oder sonstwas war. Ich weigerte mich schlicht, es wahr zu nehmen. Irgendetwas das eben an John Rabe erinnert, den guten Nazi von Nanjing. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nichts wollte ich davon hören, sehen oder gar glauben. Nichts. Und eigentlich hatte ich das alles längst vergessen, bis mir vielleicht 15 Jahre später ein Buch in die Hände fiel über Nanjing Datusha, das „große Schlachten“/das Massaker von Nanjing.
Im Winter 1937 lagen China und Japan in einem ungleichen Krieg. China, noch zerrissen über die Frage, wo es nach dem Untergang der Kaiserzeit 1911 hin gehen soll, ausgelaugt und gedemütigt vom westlichen Ausland und dem technisch längst modernisierten Japan, geplündert und erschöpft von eigenen, gierigen Kriegsherren und selbstherrlichen Lokalmatadoren und gespalten in zwei sich mühsam in eine Einheitsfront gequälten, gleichermaßen undemokratischen Parteien.
Also marschiert die japanische Armee ohne nennenswerte Schwierigkeiten und mit eigenen Herrenrasseideen eifrig auf Nanjing zu. Bitter, hässlich, aber im Rahmen des Erwartbaren. Die Guomindang verfolgte bei ihrem Rückzug eine Politik der verbrannten Erde, was für die Zivilbevölkerung eine zusätzliche Bedrohung war.
Doch an irgendeiner maßgeblichen Stelle reichte irgendwelchen maßgeblichen Japanern, wie vielleicht dem kommandierenden Prinz Asaka, oder General Iwane Matsui der Sieg nicht, reichte es nicht, dass die damalige chinesische Hauptstadt am 13.12.1937 fiel. Es musste gefoltert, geschändet, getötet, vernichtet, verheert werden. Dazu kam die Weisung von Kaiser Hirohito keine Gefangenen zu machen. In den wenigen Wochen der Jahreswende 1937/38 wurden 200.000 bis 360.000 Zivilisten ermordet. Zerfleischt, zerrissen, wettgeköpft, gekreuzigt, lebendig begraben, gebraten, zerschnitten und natürlich erschossen.
Von sexueller Gewalt ganz zu schweigen.
General Matsui, dessen Rolle irgendwie unklar blieb, wurde nach einem internationalen Tribunal hingerichtet. Prinz Asaka genoss als Mitglied der kaiserlichen Familie Immunität.
In all dem John Rabe, seit 1908 als Kaufmann für Siemens in China. 1934 war er in die NSdAP eingetreten.
Siemens hatte ihm die Weisung zum Rückzug gegeben, doch Rabe blieb. Mit so einer erbarmenden Massahaltung, wie ein selbsterklärter Südstaatengutmensch für seine behauptet kindergleich verlorenen Negersklaven. Ok. Aber er blieb. Und setzte sein Leben aufs Spiel für die, für die er zuständig war und für dann schnell sehr sehr viele Menschen mehr. Er wurde Vorsitzender der internationalen Sicherheitsszone, die zum Schutz der Zivilbevölkerung von 15 der verbliebenen 22 Ausländern gegründet worden war. Faktisch wurde er damit Bürgermeister der administrativ und militärisch aufgegebenen Stadt. Für die Sache schrieb er niedliche Briefe an Hitler, immer im Glauben, dass dieser humanitäre Staatsmann alsbald helfen würde. Diese völlige Verkennung der politischen Gegebenheiten lässt sich nur damit irgendwie erklären, dass Rabe 1930 das letzte Mal in Deutschland war. Und das Zitat von Hitlers Seele, die „an die Sterne strich und der doch Mensch blieb wie du und ich“ empfiehlt ihn vermutlich für eine Psychoanalyse beim Juden Sigmund Freud. Antisemitismus ergibt sich aus seinen Tagebüchern jedenfalls keinesfalls. Für Rabe, der sicher auf „deutsche Tugenden“ hielt, hieß Nazi zu sein: „Wir sind Soldaten der Arbeit, wir sind eine Regierung der Arbeiter, wir sind Freunde der Arbeiter, wir lassen den Arbeiter, den Armen, in seiner Not nicht im Stich.“ No, soweit das sozial, unter national kann man ja so allerlei verstehen.
Indirekt war Hitler immerhin von Nutzen, weil das Deuten aufs Hakenkreuz und Heilhitlerdeutschgeplärre immer wieder dazu beitrug, dass einzelne Japaner mit irgendeiner Schandtat aufhörten, größeren und kleineren.
Dank der Schutzzone überlebten etwa 200.000 Menschen und Rabe wurde ihr lebender Buddha.
Nach dem Massaker, Anfang 1938 kehrte Rabe nach Deutschland und dort nach Berlin zurück. Siemens hatte keine wirkliche Verwendung mehr für ihn. Statt kommerzielle Interessen stringent zu verfolgen hatte er maßgeblich dazu beigetragen einige 100.000 zu schützen, zu ernähren, das Leben zu retten. Das erforderte großes organisatorisches Geschick, aber mehr wog wohl der Ungehorsam, der Vorzug des Menschlichen über wirtschaftlichem Kalkül. Rabe versuchte hartnäckig die Partei und den verehrten Herrn Hitler über die Gräuel und Greuel zu unterrichten. Er hielt Vorträge und zeigte Filme über die Vergewaltigung von Nanjing, auch vor einem SS-Gremium. Die daraus gezogenen Konsequenz war jedoch für Rabe unerwartet. Die Gestapo kam, beschlagnahmte den Film und verschiedene Texte, und belegte ihn mit einem Schweigegebot.
Nach der Befreiung wurde es für ihn nicht viel besser, denn er wurde zunächst nicht entnazifiziert. Siemens wollte ihn nun angeblich deshalb nicht mehr haben und auch sonst niemand. Für körperliche Arbeit war er wegen seiner Diabetes nicht geeignet. Erst in der Berufung wurde er entnazifiziert, aber das nützte ihm dann auch nicht mehr viel. Deutschland wollte von dieser grauschillernden Figur eines lebenden Buddha keine Notiz nehmen. Genausowenig wie ich, etwa 40 Jahre später. Doch China, in Form der Nationalregierung der Guomindang erinnerte sich seiner und bedachte ihn mit Care-Paketen, bis 1949 die Chinesen andere Sorgen hatten. 1950 starb er arm und die VR China bemühte sich später um den Grabstein, seines nach Ablauf der Liegefrist aufgelassenenen Grabes. In China war Rabe wohl unabhängig vom politischen System nie vergessen, ein Trostpflaster auf dem Trauma von Nanjing.
Ein jovialer, patriarchaler Witzboldheld. Aber ein Held.
Nun ist diese Wiedererweckungsgeschichte so derart mit Tod und Leid verknüpft, dass es schwierig ist in eine nachösterlich lebendigfrühlingsfrohe Stimmung zurück zu finden. Aber der erste Mai naht und damit Krawall unter blühenden Bäumen, das wird dann schon irgendwie für Ablenkung sorgen.