Archiv für den Monat: März 2009

Gewölbegestaltung

Gewölbe

Bekanntermaßen ist Taiwan das Kunststück gelungen, sich selbst und von innen heraus von einer Militärdiktatur unter Kriegsrecht zu einer Demokratie zu entwickeln. Und wie es aussieht, zu einer echten. Schließlich gab die erst totalitär, dann ab 1996 demokratisch herrschende Guomindang im Jahr 2000 erstmalig und tatsächlich die Macht an die demokratische Fortschrittspartei ab. Leider muss sich deren Präsident aD Chen derzeit wegen Korruption, Unterschlagung und Geldwäsche vor Gericht verantworten. Sollte es sich dabei um ein Komplott handeln, steckt die Demokratie vielleicht doch noch in den Kinderschuhen. Wenn nicht: willkommen im Zirkel der demokratischen Ehrenmänner.
Seit der letzten Wahl 2008 stellt jedenfalls die Guomindang wieder den Präsidenten, einen gewissen Herrn Ma. Schlagartig verbesserten sich die Beziehungen zur VR China. Tauwetter in der klimatisch ohnehin völlig frostfreien Taiwan Strait. Das freut einen natürlich irgendwie. Wenn die Welt friedlicher und harmonischer wird. Das ist ganz grundsätzlich eine schöne Sache. Hängt in diesem Fall aber damit zusammen, dass die Guomindang auch eine Einchinapolitik verfolgt. Taiwan als eine Provinz Chinas und umstritten ist nur, wer das Land regiert, bzw regieren soll. Die Fortschrittspartei hat ihre Anhänger eher bei jungen Leuten bzw den alteingesessenen Taiwanern, deren Eltern zwischendurch auch mal Japaner waren und denen Sinn und Bedürfnis, China zu sein völlig abgeht.
Mir ging das ja vor über 20 Jahren ähnlich. Ich fragte mich und andere, ob es nicht vielleicht mal an der Zeit sei, dass das Grundgesetz und die Bildzeitung ihren Wiedervereinigungsanspruch aufgäben. Man müsse doch auch mal historische Fakten akzeptieren etc pp. Wie bekannt, wurde ich mit meinem Vorwurf der Gestrigkeit von der Geschichte plötzlich rechts überholt. Während aber im Verhältnis DDR/BRD der Wiedervereinigungsimpetus der letzteren die Beziehungen erschwerte, ist bei Festland China/Taiwan das Gegenteil der Fall. Wenn und solange Taiwan auch vom gemeinsamen China träumt, ist die VR zufrieden.
Ich fragte eine taiwanische Freundin, was sie denn von dem neuen taiwanischen Guomindang-Präsidenten halte. Ich gebe das jetzt besser nicht wörtlich wieder, denn retour kam eine wütende Schmähschrift. Ok, dachte ich, sie empfindet die Entspannung augenscheinlich als nicht so zentral. Fäkalsprachenbereinigt könnte man den Anwurf mit Duckmäuser und Verräter zusammenfassen.
Dann erkundigte ich mich bei einem volksrepublikanischen Freund, den ich jetzt mal Xianfa nenne, nach seinen Ideen zu Taiwan. Überraschenderweise hatte er welche. Häufig wird bei einer vorsichtigen Nachfrage meinerseits in der allgemeinen gehaltenen Antwort an das Wort Taiwan noch der Zusatz Provinz gehängt, dann weiß man gleich wo der Hammer hängt. Ein weiteres Nachfragen erübrigt sich so.
Also, sagte er, er hätte im Prinzip nichts gegen eine Wiedervereinigung, diese setze aber voraus, dass die Volksrepublik demokratisch würde. Ich finde, das ist ein hübsche Idee, dass sich die wiedervereinigungsversessene Seite der anderen anpasst und nicht umgekehrt. Auch inhaltlich spricht hier natürlich einiges dafür.
Und so -natürlich nicht in erster Linie deswegen- machte sich Xianfa ans Werk und ich darf mithelfen. Er erklärte mir, dass ja die Übernahme westlicher Zivilrechtsstandards eine schöne Sache sei und vermutlich auf wirtschaftlicher Ebene zu ein bisschen mehr Rechtssicherheit führen könnte. Aber eigentlich sei das alles bloße Kosmetik. Die Volksrepublik müsse sich mit westlichen, zum Beispiel deutschem Staatsorganisationsrecht auseinander setzen, Gewaltenteilung, Föderalismus, Grundrechte. Pipapo. Diese Dinge eben. Ich stimme völlig überzeugt, taktisch aber vielleicht etwas ungeschickt, vollmundig zu. Und komme so wie die Jungfrau zum Kinde. Und Kinder machen nun mal Arbeit, unbezahlt aber befriedigend. Irgendwie. Habe ich mir sagen lassen. Xianfa und ich treffen uns jedenfalls nun wöchentlich, um an der Übersetzung eines grundlegenden Staatsorganistionsrechtsbuches zu arbeiten. Natürlich helfe ich nicht bei der Übersetzung ins Chinesische, das würde einen schönen Unsinn ergeben, sondern bei der Erläuterung des Deutschen, oder sogesehen des Fachchinesischen. Da Xianfa auch Jurist ist, muss ich glücklicherweise nur selten die juristischen Begriffe selbst erläutern.
Der gemeine deutsche Jurist, insbesondere der professoralen Hintergrundes, befleißigt sich aber mit Vorliebe einer etwas gestochenen, um nicht zu sagen geschraubt veralteten Ausdrucksweise, gleichwohl diese zugunsten einer präzisen Definierbarkeit zuweilen berechtigt, ja sogar geboten erscheint, die einen potenziellen Leser, für den Deutsch zudem eine Fremdsprache darstellen mag, jedoch mitunter ratlos zurücklässt.
Meine erste Aufgabe besteht also daran, die Bezüge herzustellen. Auf was bezieht sich in einem ellenlangen Satz ein die oder der oder das oder dass. Dann versuche ich so sonderbare Wörter wie „mitunter“ oder „sich befleißigen“ zu erklären. Oder dass gemein nicht immer fies heißt. Das geht meist recht gut, aber wie bitte könnte ich Ausgestaltung erläutern? Ausgestaltung eines Rechts, beispielsweise. Das kommt im Text sehr häufig vor. Und es gibt weder ein Synonym, noch eine Übersetzung. Schaffung, Bestimmung, Definieren, greift alles zu kurz. Die chinesische Übersetzung wird hier wohl oder übel etwas flacher ausfallen.
Dann müssen lateinische und französische Begriffe übersetzt werden. Wie soll denn auch Xianfa wissen, dass es sich bei: „Verhältnismäßigkeit und Proportionalität müssen gewahrt werden“ eigentlich nur um eine Voraussetzung handelt? Und natürlich ist auch manchmal auszudeutschen, was der Autor überhaupt sagen will. Dazu bemale ich dann Zettel mit Kreisen und Pfeilen und Zeitachsen, als würden wir eine Mischung aus Physik und Mengenlehre betreiben.
Der Höhepunkt sind Redewendungen, wie das sich selbst erklärende „mit Kanonen auf Spatzen schießen“ (Stichwort: Verhältnismäßigkeit). Oder: „Ein effektiver Rechtsschutz ist der Schlussstein im Gewölbe des Rechtsstaates.“ Da gilt es erst ein Gewölbe zu erklären, was nun wirklich keine traditionell chinesische Bauform darstellt (ich sage nur: Holzbalkendecke) und dann plastisch zu machen, was passiert, wenn der Schlussstein weggelassen wird. Wie alles zusammenfällt, all das zuvor sorgsam und mühsam Erbaute. Ich bin gespannt, welche chinesische Redewendung Xianfa dafür einfällt. Denn mit Sicherheit gibt es in den unendlichen Weiten chinesischer Sprichwörter auch dafür etwas Passendes.
Wenn er dann alles verstanden und in wunderbares Chinesisch übersetzt haben wird, soll das Werk in einer chinesischen Juristenzeitschrift erscheinen. Das wird dann zwar sicher nicht der Auslöser einer Lawine werden, aber vielleicht ein Beitrag zu einem Rinnsal, das mit anderen Rinnsalen zu einem Bach, einem Fluss, einem Strom zusammenfließt. Dann schließlich wird die Demokratie in der Volksrepublik erblühen, die taiwanisch/festländischen Brüder und Schwestern werden sich glücklich in die Arme sinken und Frieden und Glück wird sein allüberall.
Um der Freundschaft willen erzähle ich also meiner taiwanischen Freundin besser nichts von diesem Projekt.
Und wer kriegt dann eigentlich von wem das Begrüßungsgeld?