Archiv für den Monat: Februar 2009

Schall und Rauch

Rauch

Ich wollte ja schon lange mal etwas zu chinesischen Namen schreiben, aber das sollte natürlich fundiert und informativ sein. Für Fundiertes und tiefgehender Informatives habe ich aber gerade keine Zeit. Auf der anderen Seite ging die Frage nach deutschen Namen gerade so schön durch die Presse, dass ich nun nicht länger an mich halten kann. Die Frage also, die das Bundesverfassungsgericht gerade beschäftigt, ob neben Doppelnamen auch Tripel-, bzw Quadrupelnamen zulässig sein müssen. Da will ein Paar unbedingt einen gemeinsamen Ehenamen, aber auf den eigenen nicht verzichten, auf den eigenen Doppelnamen. Ist ja schließlich auch so eine Art Marke und die jeweiligen Kinder heißen so. Das ist natürlich völlig verständlich. Nur der Wunsch nach dem gemeinsamen Ehenamen nicht. Wozu soll der denn dann noch gut sein?

In der langen chinesischen Geschichte kommt man schon seit jeher ohne gemeinsame Ehenamen aus. Darin könnte natürlich die subtile Spitze verborgen sein, dass die zur Familie ihres neuen Mannes ziehende Ehefrau eben nie wirklich zu dieser Familie gehören wird, sondern eben angeheiratet bleibt. Das ist nicht von der Hand zu weisen. So wahnsinnig subtil ist es auch letztlich gar nicht. Auf der anderen Seite darf sie immerhin ihre nominelle Identität behalten, ist ja auch was. Und mittlerweile ziehen auch die Bräute nicht mehr alle zu den Schwiegereltern.

Jedenfalls habe ich noch nie gehört, dass in China oder Taiwan überlegt wurde, Ehedoppelnamen einzuführen. Aber wenn, wäre es ein weiter Weg zu Leutheusser-Schnarrenberger. Erst nur ein kleines Li-Chen. Auch Quadrupel müssten nicht schrecken: Frau und Herr Li-Chen-Shi-Liu, das ginge doch noch. Da könnte man noch drei/vier Namen dranhängen ohne sich den Mund fusselig zu reden. Ich dagegen würde Schneider-Haas-Bürkner-von Hofmann heißen. Oder etwas bedeutsamer klingend: von Hofmann-Bürkner-Haas-Schneider. Gerade das Haas-Schneider hat wirklich einen hübschen Klang. Und doch würde das Ganze beim Formulareausfüllen schon mal zu einer Belastung werden. Es führte schon zu traurigen Staatsdienerblicken in anderen Kontinenten, wenn sie den damaligen Ausstellungsort meines Passes (den längsten Gemeindenamen der Republik: Höhenkirchen-Siegertsbrunn) abschreiben mussten. Mit Umlaut und allem pipapo. Gut, aber das ist Geschichte.

Die chinesisch-sprachige Welt neigt jedenfalls nicht zu derartigen Exzessen. Die Kinder heißen im ehelichen Legalfall wie der Vater, sonst eben wie die Mutter. Das ist patriarchal und daher kritikwürdig, aber nicht zungenbrecherisch. Ob ich danach auch noch Schneider heißen würde ist unklar, da es in meiner väterlichen Linie eine Unehelichkeitsepisode geben soll, ich aber ohne Ahnenforschung außer Stande bin nachzuvollziehen, ob die auf meinen Nachnamen durchgeschlagen hätte. Vielleicht würde ich dann jetzt Hassdenteufel heißen. Aber das ist nur der Name eines Zahnarztes, der mich als Kind sehr beeindruckt hat und gar keine echte hypothetische Möglichkeit.

Die chinesische Sprache neigt also insgesamt zur Kürze. Beispielsweise heißt 269 auf deutsch zweihundertneunundsechzig (25 Buchstaben). Und auf polnisch gar dwiescieszescdziesiatdziewiec (29 Buchstaben, und was für welche!). Auf Chinesisch reicht dagegen erbaijiushiliu, 14 Buchstaben, die in echt aber nur mit fünf Zeichen geschrieben werden. Und so gilt auch bei den Vornamen gebotene Kürze: kein Anna-Katharina und Karl-Friedrich. Oder angesagter: Cheyenne-Blue und Elias-Emanuel, sondern zwei Silben, fertig. Oder eben nur eine Silbe. Das unterliegt dann auch der Mode. Und den Lebensumständen.

Meine Kalligrafielehrerin wurde beispielsweise zur Zeit der japanischen Besatzung auf Taiwan geboren. Dort gab es nun einen gewissen Druck, den Kindern japanische Namen zu geben, schließlich sollte auch japanisch gesprochen werden. Und das bedeutete zumindest für alle Mädchen, das hinten ein -ko angehängt wird, was eigentlich Kind/Sohn bedeutet. Mir scheint dieses -ko einem hiesigen -i vage vergleichbar, jedenfalls eine Art Verniedlichung. Sie hieß also auf Japanisch Haruko, auf Chinesisch Chunzi und auf Deutsch Frühlingchen. Dann verlor Japan den zweiten Weltkrieg und musste Taiwan wieder hergeben. Damit hatten auch die japanischen Namen ausgedient und Frühlingchen wurde zu Frühling-Osmanthus, ganz chinesisch. Diese Namensänderung war dann eigentlich eine reine Privatsache. Bei uns ist eine Vornamensänderung ein riesiger bürokratischer Aufwand, mit nur geringen Erfolgsaussichten. Ein triftiger Grund muss vorliegen, der darin besteht, dass das weitere Führen des Namens eine erhebliche Unzuträglichkeit darstellt. Der Name ist quasi eine Staatsaffäre. Und eine Änderung des Vornamens kann bis zu 255 € an Gebühren kosten. Namen scheinen chinesisch viel privater zu sein als bei uns, wo die festgelegte, benannte Identität für den staatlichen Zugriff offenbar fundamental benötigt wird. In einem Clansystem mögen Vornamen persönlicher gehandhabt werden.

Doch natürlich ist auch in der chinesischen Welt die diesbezügliche Verrechtlichung auf dem Vormarsch. So hatte die kleine Tochter einer chinesischen Freundin in der VR China einen typisch chinesisch-privaten Kosenamen, Qingqing, und dieser Name war den Behörden auch mitgeteilt worden. Irgendwann dachte die Mutter, dass der Kindername langsam nicht mehr passend ist und ging also zur Polizei um den Namen zu ändern. Sie machte sich gar keine weiteren Gedanken darüber, da Namensänderungen in China eher üblich als eine große Sache sind. Beispielsweise hieß ihre Schwester zweisilbig so etwas wie Natürliche Glorie, wollte aber als junge Frau plötzlich lieber einen damals modernen einsilbigen Namen. Hui, Scharfsinn, war ihre Wahl. Mit etwa folgendem Aufwand bei der Behörde: „Ich will statt Natürliche Glorie Scharfsinn heißen.“ „Ok, ich hab´s notiert.“
Erleichtert wurde diese Praxis natürlich auch dadurch, dass Personalausweise überhaupt erst ab dem 20. Lebensjahr ausgestellt wurden. Bei Qingqing war es schon etwas schwieriger. Der Beamte musste erst überzeugt werden, dass das Mädchen nicht mit seinem Kindernamen erwachsen werden kann und schließlich wurde sie als Qingtong eingetragen. Ihre gleichaltrige Cousine hatte nur kurze Zeit später weniger Glück und sie muss nun offiziell für immer mit ihrem Kinderkosenamen herumlaufen. So wie Spatzl, Irmeli oder in meinem Fall: Dicke. Das klingt nun nicht so attraktiv, aber ein deutsches Standesamt hätte das ohnehin nie als Namen eingetragen.

Aber auch für den Fall dass, muss man das in Relation betrachten. Ein chinesischer Freund von mir heißt beispielsweise mit -damals einsilbig modernen- Namen: Armee. Auch nicht so schön. Wenn wir aber nun unsere Namen, die sich ja stark von Wörtern unterscheiden, in Worte übersetzen, sieht es soviel anders auch wieder nicht aus. Männerabwehrer statt Alexander beispielsweise. Da kommen einem chinesische Namen schon weniger abwegig vor. Ob ich nun sage: na, hallo Männerabwehrer, wie geht´s? Oder ob ich sage: na, hallo Armee, wie geht´s? Das unterscheidet sich nicht wirklich. Nur weiß der gemeine Chinese, was er sagt und wir nicht. Oder ist wirklich allen klar, dass jemand namens Speerkraft bei uns Gertrud heißt? Klingt Gertrud für uns nicht eher nach alter Tante? Ich hab´s da noch ziemlich gut getroffen, denn mein erster Vorname geht auf das griechische Helena zurück, was die Ungarn in ihrer eigenen Gestimmtheit nicht wie die Japaner vielleicht zu Helenko, sondern zu Ilonka/Ilka verniedlicht haben. Und das heißt hell, leuchtend, strahlend. Das ist sowohl allgemeiner als auch weniger zeitgebunden als beispielsweise Rote Verteidigung, wie eine chinesische Freundin heißt. Glück gehabt.