Archiv für den Monat: Januar 2009

Kühe ganz weit vorn

Kühe

Am Montag den 26.1.2009 fängt das chinesische Neujahr an. Das Jahr des Büffels. Liest man allenthalben. Wenn ich „Büffel“ höre, denke ich vor allem an die Paarhufer, die in Amerika so zahlreich gewesen sein sollen, bevor es dann später die vereinigten Staaten von Amerika wurden. Tiere mit denen man in ewige Jagdgründe eingehen konnte. Oder ich denke an Wisente und Bisons, Yaks von mir aus. Große, majestätische, wilde, haarige Viecher. Als ich beispielsweise das erste Mal vor einem ausgewachsenen, echten Yak stand, nicht vor so einer kleineren Hybride, wie sie in tieferen Lagen des Himalajas üblich sind, stockte mir der Atem. Die Urgewalt hat einen Namen, dachte ich. Hinterher. Derweil konnte von Denken nicht wirklich die Rede sein.

Aber ist ein derartiges Viech gemeint, mit dem Büffel im Jahr des Büffels? Die Eigenschaften in einschlägigen Büchern lauten folgendermaßen: strebsam, sesshaft, gründlich, unermüdlich, genügsam, zuverlässig. Und dann kommt auch noch: unflexibel, kompromisslos, fantasielos. Kein Mut, aber Hang zur Sicherheit. Also das klingt nicht nach Büffel im Sinne von Bison oder Stier. Moralische Festigkeit, mentale Unabhängigkeit. Treue, Pflicht, Dominanz. Konservativ, nicht allzu intelligent, nachtragend, kontrollierend. Das soll eine Urgewalt sein?

Auf Chinesisch heißt es schlicht niu, also Rind. Das Jahr des Rindviehs beginnt! Und für viele Chinesen ist das eigentliche Rind der Wasserbüffel. Und da wird wohl auch unser „Büffel“ herstammen. Nun sind Wasserbüffel auch so Malochsklaven, und damit das Rückrat einer riesigen Nation. Fleißig, stur und dominant. Dazu kommt, dass das Rind eigentlich das erste Tier im Tierkreiszeichen gewesen wäre, weil es natürlich pünktlich, gehorsam und unbeirrbar auf den Ruf des Jadekaisers oder Buddhas hörte. Nur dass die Ratte ihm auf den Rücken sprang und auf der Nase herumtanzte, um dann als erstes Tier vor der höheren Instanz zu landen. Und seither den Tierkreis anführt. Etwas unerklärlich ist, warum das Rind dann nicht mit kohlhaasscher Humorlosigkeit gegen diese Abstufung vorging, aber vielleicht ist doch mehr wesentlicher Grundsatz in dem Tier zu finden. Nicht nur stumpf, eng, praktisch und besserwisserisch.

Ich habe ja schon einige Wasserbüffel gesehen, aber mein persönlichstes Erlebnis war folgendermaßen: ich wanderte mit einer Freundin durch Nepal. Im Zuge dessen hatschten wir kurz vor Ende einer Tagesetappe recht erschöpft mal wieder durch ein kleines Bergdorf mit nur einem Durchgangsweg. Plötzlich fingen die Steinplatten an zu vibrieren, die Erde bebte dezent und wir waren verunsichert. Den ganzen Tag schon hatte eine leicht schwüle Stimmung über dem Tal gelegen. Wie eine Drohung. Und wie eine sich selbst gebärende Problematik bebte also die Erde leicht. Zunächst ohne ersichtlichen Grund. Wir sahen uns um: nichts. Wir schauten weiter, denn etwas Besseres fiel uns nicht zu tun ein. Dann sahen wir sie schließlich auftauchen: eine wild gewordene Wasserbüffelin, die im Schweinsgalopp auf uns zu brach. Mich hatte schon mal eine friedliche bayerische Kuh auf die Hörner genommen und das nur indem sie einen Schritt aus dem Stand vorwärts machte. Dieses Erlebnis wollte ich auf gar keinen Fall übertrumpft wissen und schon gar nicht von einem im Wortsinne rasenden Büffel. Wir fingen gleichzeitig und unabgesprochen an, durch die hohle Gasse zu rennen. So schnell wie irgend möglich. Schließlich dünnte sich das Dorf aus und es gab eine Mauer auf die man springen konnte. Ich wusste gar nicht, wie hoch man mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken springen kann. Um dahinter in einem Brennnesselfeld zu landen.

Nachdem das Tier durch das Dorf gedonnert war, sammelten wir uns wieder zusammen und wollten weiter. Aber die Büffelin hatte ihre schwierigen fünf Minuten zumindest für den Moment überwunden und war hinter dem Dorf stehen geblieben. Sie wartete auf uns und schaute unschuldig. Ich traute zwar dem Frieden nicht, aber es gab nur diesen einen Weg und so drückten wir uns vorbei. Unter dem Gelächter völlig angstfreier Dorfkinder. Die hatten in ihren Hauseingängen ja auch gut lachen. Die folgende Hängebrücke ging ich trotz meiner Höhenangst in sensationell schnellem Tempo, denn schließlich konnte das Rind jederzeit wieder einen Rappel kriegen. Und bei einer Hängebrücke empfiehlt es sich nun gar nicht über den Rand zu springen.

Meine ganz persönliche Prognose für das Rinderjahr ist also: man muss mit Überraschungen rechnen, mit einer Art wetterfühligen Launenhaftigkeit, was immer das kosmisch bedeuten mag. Man wird Dinge schaffen, die vorher undenkbar schienen. Man wird das Schlimmste an sich vorüberziehen lassen, aber nicht ohne Blessuren davon kommen. Und auch nicht ohne sich lächerlich zu machen. Dann wird man die Angst in beide Hände nehmen und weitergehen. Bei dieser großen Aufgabe wird man kleinere, vorher dramatisch wirkende Irritationen schlicht vergessen. Doch das Überleben gelingt. Soviel also aus der Sicht von Nichtrindern im Jahr der Kuh. Für die Büffel selbst wird es natürlich ein Traum.

Und schon sind wir wieder in Amerika. Denn schließlich ist Barack Obama nicht nur der erste nicht weiße Präsident der USA, sondern auch im Jahr des Rindes geboren. In der Phase des Metalls zur Stunde des Hundes. Und das soll ihn außerdem unbeugsam und verantwortungsbewusst, aber auch mitfühlend und gar bemutternd machen. Da kann man nur sagen, jia you[1] Mr. Buffalo Obama. Und überhaupt: schönes neues Jahr!