Archiv für den Monat: Dezember 2008

Bei den ganz anderen

Ziege

Durch eine Verkettung gewisser Umstände, die nicht weiter interessant sind und unter Zurückstellung einiger Eitelkeiten meinerseits kam es dazu, dass ich auf dem Japanfestival in Berlin einen Stand machte. Und zwar einen Stand an dem man sich den eigenen Namen oder anderes in Schriftzeichen schreiben lassen kann. Ansprechend auf Karton appliziert und als Lesezeichen oder Karte verwendbar.

Was viele und insbesondere die potenzielle Kundschaft nicht wusste, ist, dass ich gar kein Japanisch kann, sondern nur Chinesisch. Und so saß ich ein bisschen rum wie Falschgeld, ein falscher Fuffzger, oder eher ein Yuan unter den Yens. Nun ist es aber so, dass die Japaner ausländische Namen wie Wolfgang oder Amelie gar nicht in Kanji, also in den dekorativen Schriftzeichen schreiben würden, sondern in Katakana. Und Katakana ist so eine Art Punktpunktkommastrichschrift. Oder eher Strichstrichhakenpunktschrift. Es gibt sicher Meister der Katakanaschönschrift, aber die lieben offenbar die ganz spezielle Herausforderung.

Zunächst dachte ich also, ich müsste meine Kunden aufklären, dass ich die Namen auf der Grundlage chinesischer Phonetik zusammenbastele. Das erwies sich als schwieriger als gedacht. Denn dies führte nur zur Verwirrung. Ob das denn dann keine japanischen Schriftzeichen seien. Doch, sagte ich, und führte aus, dass die Schriftzeichen ursprünglich aus China nach Japan gekommen sein. An dieser Stelle stiegen die meisten aus. Aber, ergänzte ich von missionarischem Lehreifer getrieben, die werden halt hier wie dort anders ausgesprochen. Gesichter voller Fragezeichen sehen mich an. Ich versuchte ein Beispiel: zum Beispiel wird Karate auf Japanisch und Chinesisch gleich geschrieben, nämlich mit den Zeichen für leer und Hand, aber auf Japanisch Karate und auf Chinesisch Kongshou ausgesprochen. Es half nichts. Die Leuten verstanden nicht, ob sie bei mir das bekommen, was sie wollen. Weil ihr Wollen so spezifisch gar nicht war. Und dann kam ein unheimlich japanisch gewandeter Mensch und wollte als Geschenk einen Namen geschrieben haben. Ich hob mit meiner Aufklärung an. Doch er unterbrach mich schnell: „Ist mir doch egal. Das kann sie doch so oder so nicht lesen.“ Genau. Dachte ich. Und hielt ab jetzt erstmal die Klappe. Und legte mir eine Strategie der Halboffenheit zurecht. Ich würde nicht allen die Problematik ungefragt auf die Nase binden, sondern nur gefragt. Oder bei deutlich erkennbarem Interesse. Und alles wurde besser und die Kunden glücklicher. Und ich auch.

Aber dann kam ein Vater der den Namen seines Sohnes, den ich jetzt mal Billy nenne, geschrieben haben wollte. Und zwar nicht appliziert auf irgendeine Karte in sonst welcher Farbe, sondern nur auf dem Papier. Als Stickvorlage. Aha. Ich zeige ihm also die in Frage kommenden Schriftzeichen. Auf die Frage nach der Bedeutung, teile ich ihm die traurige Wahrheit mit, dass diese Zeichen hauptsächlich phonetisch gebraucht seien und daher keine sonderlich interessante Bedeutung hätten. Er ist enttäuscht. Aber, biete ich ihm an, ich könnte nach bedeutungsvolleren Schriftzeichen schauen und schlage ihm schließlich welche vor. Mutig und schön würde sein Sohn danach heißen. Er ist begeistert. Und ich hebe den Pinsel und an zu schreiben. Dann kommt die Frage: „Und ein Japaner würde das dann auch Billy aussprechen?“, fragt er harmlos argwöhnisch. Bingo. Das kann ich natürlich nicht stehen lassen und erläutere die sprachlichen Verwicklungen. „Chinesisch?“, echote er mit einem ekelverzogenen Gesicht, als hätte ich „leprös“ gesagt. „Das geht ja gar nicht! Also es muss auf jeden Fall Japanisch sein.“ Aber, wende ich ein, die Bedeutung, auf die er so einen Wert legte, bliebe doch erhalten und auf Japanisch gäbe es hierfür nur Katakana, bedeutungsfreies Steno für ausländische Namen oder Worte. Aus seinen Fragen geht hervor, dass er von Japanisch nicht die geringste Ahnung hat. Vielleicht wären er und ich mit einer kleinen Unaufrichtigkeit meinerseits zufriedener gewesen. Schließlich kennt er gar keine Japaner, die ihn je auf den Fehler hätten aufmerksam machen können. Aber der Stolperstein der Aufklärung wurde gelegt. Nun denn. Ich schicke ihn also los, einen Japaner zu finden, der Billy auf Katakana schreibt, ich könnte das ja dann mit dem Pinsel schreiben. Nach Stunden kommt er wieder. Ich schreibe also Strichstrichhakenpunkt und es sieht aus wie ein Blatt Papier auf dem ich ausprobiere wie viel Wasser und Tusche der Pinsel hat. Dies als Stickvorlage zu nehmen hat fast kunstwerte Ausmaße. Aber damit nicht genug, er möchte es auch als Airbrushbild auf seinem Motorrad haben. Ich wünsche ihm viel Spaß und einen guten Tag.

Am letzten der drei Tage kommt der König unter den Kunden. Er sieht ein bisschen merkwürdig aus, der schon länger erwachsene Mann mit seiner großen verknüllten, einer überdimensionierten Milkaschokolade nachgebildeten Tasche.

Enthusiastisch bittet er mich „Herbert liebt die Heidi“ zu schreiben. Ich wende ein, dass dies für die kleinen Karten zu viel Text sei und die Dekorativität darunter erheblich leide. Er sieht das ein und bittet nun um „die liebe Heidi“. Ja, sage ich, das ginge im Prinzip, aber das „die“ könne nicht mitübersetzt werden, da es keine Artikel gäbe. In welcher Sprache ließ ich einfach mal offen. „Liebe Heidi“ könnte ich aber schreiben. Obwohl Heidi allein sich noch besser anbieten würde. Zwei hübsch große Schriftzeichen mit genug Entfaltungsplatz. Er ist einverstanden. Und nestelt etwas aus seiner Milkatasche, wirft begeistert Fotos auf den Tisch. Und fängt an, von Heidi zu schwärmen. Erst denke ich, auf dem Bild sei eine Fickpuppe abgebildet. Tatsächlich ist es aber nur eine riesige Puppe von Heidi, der Spyri-Heidi. Ohne Nebenfunktionen. Überhaupt ohne Funktionen. Er habe ihr erst letztens dieses neue rote Kleid gekauft. Andere Fotos aus seiner Wohnung machen das Ausmaß seiner Liebe zu Heidi überdeutlich. So genau habe ich es eigentlich nicht wissen wollen. Im Grunde hatte ich gar nicht danach gefragt. Derweil schreibe ich „Heidi“. Und kann nicht einfach weglaufen. Bevor ich das Papier auf den Karton kleben kann (er wählt natürlich den roten), muss die Tusche trocknen. Anschließend muss noch der Leim etwas trocknen, die Karte gepresst werden. Er nutzt die Gelegenheit etwas über das Wetter in dem Ort, in dem Heidi geboren worden sein soll, zu erzählen. Wie es gestern war und heute ist und morgen sein wird. Wieviel Schnee liegt. Und wie das vor 20 Jahren war. Und letztes Jahr.

Ich bin für Heidi froh, dass sie keine lebende Person ist, gebe ihm die halbfeuchte Karte und er geht tatsächlich, nachdem er mir auf ein Stück Karton einen Heidistempel gemacht hat, um die Karte seinem Heiditempel hinzuzufügen. Frage mich erleichtert kichernd, was denn ein Heidifan auf dem Japanfestival macht, was immerhin einiges an Eintritt kostete, sein Erscheinen also kein Zufall sein kann. Und dann fiel mir ein, dass die Heiditrickserie mit der auch ich groß geworden bin, eine japanische Produktion ist. Heidiii, Heidiii, deine Welt sind die Beherge…., summe ich vor mich hin.