Archiv für den Monat: November 2008

Bei den anderen

Gottesanbeterin

Ganz ideologiefrei hab ich mal wieder die ungeliebte, feindselige, begehrliche und riesige Schwester Taiwans besucht. Und landete in Xinxian, einer chinesischen Ministadt mit etwa 350.000 Einwohnern, am „kleinen gelben Fluss“ in der Provinz Henan gelegen, von sanften Hügeln umgeben. Bei einer Familie. Meine liebenswerte Gastmutter ist natürlich jünger als ich. Die Familie würde ich neubürgerlich nennen, was bedeuten soll, dass die jeweiligen Eltern entweder Bauern oder Arbeiter waren und sie mittlerweile in einem neuen Haus in einer neuen Siedlung sitzen, ein Auto haben, bzw zumindest die Firma des Ehemannes und außerdem zwei Kinder, wovon das zweite, ein zweieinhalbjähriges Monster, umgerechnet etwa 500 € Strafe gekostet hat. Vielleicht hätte man diese Ausgabe sparen sollen? Na, egal, wird ja vielleicht noch. Manchmal ist es auch niedlich. Hong würde sich vermutlich in einer Art 50er Jahre Hausfrauundmutterrolle zu Tode langweilen, wenn sie nicht ab und zu den ein oder anderen ausländischen Gast hätte.

Das, womit ich am meisten beschäftigt war, ist zweifelsohne essen. Drei warme Mahlzeiten am Tag, wo ich bei jeder einzelnen davon einen Kampf ausfechten musste, wenn ich nicht weiter essen wollte. Essterror vom Feinsten. Wobei sich das Feinste auch auf das Essen selbst bezieht. Zwischendurch musste ich natürlich auch noch Obst oder Kastanien oder Erdnüsse oder Mondkuchen essen. Glücklicherweise hatte ich gleich am Anfang gesagt, dass ich eigentlich kein Fleisch esse, was immer das bedeuten soll. Diese etwas vage Aussage kann ich also hemmungslos biegen, wie es mir gerade passt. Denn leider werden in China ja Tiere meist komplett zerhackt serviert. Und abgesehen davon, dass mir lieber klar ist, was ich eigentlich gerade esse (vielleicht ein Kontrollzwang), ist meine Zunge eben auch nicht so geschickt. Bei uns ist man ja -von Kirschen mal abgesehen- daran gewohnt, sich die Sachen in den Mund zu stecken, die man dann auch isst. Das Abfieseln macht man außerhalb. Selbst wenn man an einem Hähnchenflügel nagt. Hier macht man das aber eben im Mund. Und sortiert dort alles. An einem Tag schob sich Hong beispielsweise eine Minikastanie in den Mund, und ich dachte schon: ach, die ist man mit Schale- aber das war natürlich falsch. Sie schälte sie nur im Mund. Da kann ich nicht mithalten. Und bevor ich mir unklares Geknorpel in den Mund schiebe, um es dort zu sortieren müsste ich soviele Hürden überwinden, dass ich das lieber für andere Themen aufspare.

Ich bekomme also lauter frische Gemüsen, Tofu in allen Varianten, Bohnen in gleichfalls zahlreicher Zubereitung und natürlich Eier, Eier und Eier. Alles mit viel Chili. Die elfjährige Tochter trainiert sich aus irgendeinem Grund selbst. Sie schwitzt und keucht und schiebt sich noch mehr Chili rein. Extra. Aber auf dem Niveau halte ich auch etwa mit. Noch. Aber wenn sie weiter so übt….

Beim Essen tritt dann noch eine zusätzliche Schwierigkeit auf. Die Essmanieren sind ja, wie den meisten wohl bekannt, etwas anders als bei uns. Zunächst muss man natürlich das, was man im Mund so feinzüngig aussortiert hat, irgendwo loswerden, und je nach Ort lässt man es einfach aus dem Mund auf den Boden oder Tisch fallen, oder nimmt es mit Stäbchen vom Mund auf und legt es auf den Tisch. Dann wird gerne hemmungslos geschmatzt, zumindest die Männer tun das. Man fängt auch einfach an, oder steht zwischendurch auf, oder wie auch immer. Alles für westliche Begriffe recht formlos. Es sagt auch niemand so was wie: hmmmmmmm, das ist aber lecker! Essen ist gleichzeitig das allerwichtigste und ungeheuer beiläufig. Aber was gar nicht geht, ist sich zu schneuzen. Das ist einfach zu eklig. Man schneuzt sich eigentlich sowieso nicht und auf gar keinen Fall beim Essen. Wenn vor lauter Chili alles anfängt zu laufen, ist das eine Herausforderung, die ich bisher immer irgendwie bestanden habe. Aber einfach war es nicht.

Nicht nur dass ich jeden Alltag ohnehin gemästet wurde, zur Verschärfung kam dazu noch ein Geburtstagemarathon. Der Schwiegervater, die Schwiegermutter, die Nichte. Bei dem der Schwester war ich gerade auf Reisen.

Der 70. des Schwiegervaters also. Eigentlich der 71., denn er kam wie alle schon mit 1 auf die Welt. Natürlich machte ich mir ein paar Gedanken darüber, dass ich nichts Feines anzuziehen dabei hatte, aber als wir dann aufbrachen wurde klar, dass das auch ganz und gar überflüssig gewesen wäre. Niemand hatte sich umgezogen, der eine trug sogar eine ziemlich fleckige Hose. Wir, also Schwiegervater nebst Frau, zwei Söhne mit Frauen, zwei Töchter mit Männern, sieben Enkel und ich steuerten eine Wirtschaft an, die soweit für mich ersichtlich, über drei garagenähnliche Räume verfügt, wovon einer unser Separée ist. Dort befanden sich eingeschweißt Tellerchen, Schüsselchen, Tässchen, Gläschen, Löffel und extra verpackt Essstäbchen. Als alle eingetrudelt sind, geht es los. Ein Gericht nach dem anderen wird aufgetragen, immer noch eins und noch eins. Und noch eins. Dazu gibt es grünen Tee und Maotai. Maotai ist Chinas berühmtester Schnaps und eine Flasche anständiger Maotai kostet etwa 80 €. Kürbis, Lotoswurzeln, Fisch mit Aubergine, Ente mit Klebreisbällchen, Tofuhaut mit Rüben, Fleischbällchen, Schwein mit Mais, Bohnen, Klebreis mit roten Datteln, Nudeln mit Rührei und was weiß ich nicht alles. Für die Kinder gibt es außerdem Chickennuggets am Stiel. Für das lange Leben werden pfirsichgeformte und -gefärbte Brötchen mit Rotebohnenfüllung serviert. Ob süß oder salzig ist egal, es wird alles gleichzeitig gegessen. Als niemand mehr isst, werden die Reste in Plastiktüten gefüllt, um sie mitzunehmen und wir gehen. Insgesamt hat das vielleicht eine Stunde gedauert. Die Familie spricht unter sich den hiesigen Dialekt und so wird von mir keinerlei Gesprächsbeitrag verlangt. Ich werde nur immer wieder zum Essen aufgefordert und manchmal legt mir halt einfach jemand etwas in die Schüssel.

Am Abend erfahre ich dann kurzfristig, dass wir nun beim Schwiegervater  zum Resteessen erwartet werden. Ein altes Backsteinhofhaus. Als wieder alle versammelt sind, werden die Reste vom Mittag und ein paar neue Gerichte gegessen. Die Kinder drängeln sich auf einer Bambusliege vor dem Fernseher und essen dort, fernsehend, die jüngeren Frauen stehen meist, um entweder mich, oder ihre Kinder mit weiterem Essen zu versorgen. Oder nur so. An einer Wand steht ein Ahnenaltar. Auch jetzt wird schnellschnell geschlungen und dann aufgebrochen. Hinterher erfahre ich, dass sich in all der Kürze vor allem über mich lang und breit ausgetauscht wurde. Zum Beispiel hatten die zwei Kellnerinnen beim Mittagessen gewettet, ob ich Mann oder Frau sei. Also bitte.

Kaum war ich von meiner mehrtägigen Reise nach Kaifeng, Luoyang und Shaolin Si (DIE Sehenswürdigkeiten Henans, aber davon vieleicht ein andermal) zurück, hatte also die 11jährige Nichte Geburtstag. Dort trafen dann der Freund der geschiedenen Mutter, ihre Schwester Hong mit den zwei Kindern und ich ein. Und ich hatte einen leicht verdorbenen Magen. Vorher schon. Aber es gab kaum Pardon. „So viele leckere Sachen! Es wäre doch zu schade.. Iss doch noch ein bisschen. Hiervon noch und davon noch…“. Die Hühnerfüsse schnappen sich gierig die zwei Elfjährigen. Schließlich wurde der Geburtstagskuchen serviert. Chinesische Geburtstagskuchen sind der absolute Knaller. Man geht in eine Bäckerei und bestellt ein bestimmtes Design. Über den Kuchen selbst muss man sich geschmacklich gar keine Gedanken machen, es gibt eh nur einen in verschiedenen Größen: fluffiger, etwas zäher Rührteig. Und darum herum werden dann die abenteuerlichsten Kreationen aus einer sahneähnlichen Substanz gebastelt, die in allerlei Farben erstrahlen. Das gab meinem Magen den Rest. Und ich hatte für die nächsten Tage einen Taktikvorteil. Einen kleinen. Hong kann es einfach nicht aushalten, wenn ich wenig esse. (Was heißt schon wenig?) Es stellte sich außerdem heraus, dass Bananen hierzulande Durchfall verursachen und Orangen Verstopfung. Abends wurden dann noch Jiaozi (Teigtäschchen) mit Gemüsefüllung gewickelt. Und gegessen.

Am nächsten Tag folgte der 71., bzw 72. Geburtstag der Schwiegermutter. Es gab erst etwas Durcheinander wegen des Datums, weil man hier nach dem Mondkalender Geburtstag hat. Aus unserer Kalendersicht ändert sich das Datum also jedes Jahr, aber das ist natürlich unzulässig solarzentristisch formuliert.

Weil der Nationalfeiertag bevorstand und daher eine Woche frei war, wollte die Schwiegermutter nicht essen gehen. Der Zusammenhang war mir nicht ganz klar, aber gut. Das bedeutete, dass sie den ganzen Tag in der Küche steht und selber kocht. Währenddessen repariert ihr Mann Angel und Netze, ein Schwiegersohn beschäftigt sich mit der Elektrik, die Kinder kreischen, benutzen alles nur Erdenkliche zum Spielen und pinkeln in den Hof. Die kleinen haben ja auch diese praktischen Hosen mit offener Mittelnaht an. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch sehr niedlich. Das kleine Monster hält sich für Aoteman, eine japanische Comicfigur, deren Reiz mir inhaltlich und optisch komplett abgeht. Selten so etwas schlecht Gemachtes gesehen. Aoteman kann Ungeheuer besiegen und so tritt das kleine Monster in völliger Verkennung der Tatsachen Hund und Katze, wird dafür aber immerhin geschimpft. Im Übrigen trägt der junge Hund Streit mit der betagten Katze aus, die Frauen helfen beim Kochen, die anderen Männer sind sonstwo und ich sitze dumm rum, werde fortwährend mit Teewasser und Knabbereien versorgt und schau mir alles an. Und mich schauen auch alle an. Und so gibt es erst Mittag- und dann Abendessen. Zwischendurch gehe ich mit Hong spazieren und wir erzählen uns auf chinesisch Geschichten, sie mir die von der weißen Schlange, in einer mir bisher unbekannten Version und ich ihr die von der kleinen Meerjungfrau.

Ganz ohne Geburtstag fuhren wir am nächsten Tag zu Hongs Mutter aufs Land. Beim Essen bekam ich den Ehrenplatz, gegenüber der Tür. Blöd war nur, dass hinter mir der Fernseher war und lief. So saß ich in einer Art optischem Vakuum. Nur der gehörlose Onkel, ermunterte mich immer wieder zum Biertrinken. Dem ist auch wurscht, dass ich den hiesigen Dialekt nicht kann, sehr angenehm. Gleichzeitig konnte ich so total vergrätete Fischstücke, mit denen meine grobe Zunge nicht klarkam, unbemerkt unter den Tisch fallen lassen, wo die Katze schon darauf wartete. Wir hatten viel füreinander übrig, die Katze und ich. Der Hund wartete mehr auf die Knochen, aber damit konnte ich nicht dienen. Es ist natürlich Unsinn, dass ich dafür unbeobachtet sein musste, aber ich selber habe beim Essensreste auf den Boden spucken so ein tief sitzendes Gefühl von schlechtem Benehmen, dass ich meine, es heimlich tun zu müssen, obwohl alle anderen um mich herum, sich genauso verhalten. Im Laufe des Tages konnte ich mich dann auch ein bisschen nützlich machen und ging mit aufs Feld. Mit meiner schönsten Hose, weil die andere noch auf der Leine trocknete. Und einer pinkfarbenen Jacke und einem lila T-Shirt. Aber auch das half nichts. Wieder wurde lauthals diskutiert, ob Manderl oder Weiberl. Ich mein, nicht dass die Farbe geschlechtsentscheidend wäre, aber ich dachte, es gäbe vielleicht eine kleine Tendenz in eine Richtung, die dann den Ausschlag gibt. Vergebens. Aber den Bohnen war es egal. Als ich einen festen Griff am Bein spürte, der sich blitzschnell zu meinem Knie nach oben bewegte, erschrak ich ziemlich, aber es war nur eine Gottesanbeterin auf Abwegen, Himmel haben die eine Kraft! Ansonsten konnte ich unbehelligt weiter Bohnen ernten, Unkrat jäten, Bohnenkraut schleppen, Bohnen lesen, Bohnen pulen. Das war sehr schön. Und dann: Bohnen essen.