Archiv für den Monat: September 2008

Tiere in Not

Löwe

Eigentlich läge es nahe, sich zu chinesisch Taipeh auf der Olympiade und der Paralympiade zu äußern. Auf der anderen Seite haben das jetzt schon so viele getan, dass ich mich lieber mit einem harmlosen  Orchideenthema beschäftigen möchte. Wie zum Beispiel Zungenbrecher. Auf Chinesisch: Mundwickler.

Und so steht

Fischers Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritz

im Chinesischen durchaus ebenbürtig

„heshang duan tang shang ta, ta hua tangsa, tang tang ta“

gegenüber. Dabei geht es darum, dass ein Mönch in einer Pagode Suppe verschüttet.

Und zu Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid passt auch

„chi putao bu tu putaopi, bu chi putao dao tu putaopi“

ganz gut. Letzteres beschäftigt sich mit der Frage, ob man beim Traubenessen die Traubenhaut ausspucken sollte. So weit so vergleichbar.

Aber auf Chinesisch geht es natürlich auch ganzganz anders.

Zum Beispiel die

„Geschichte vom Löwen verspeisenden Herrn Shi“

und die geht so:

„Der Gedichtschreiber Shi, der seinen Posten verloren hat, lebt in einer Höhle. Er isst gerne Löwen und hat geschworen zehn Löwen zu verspeisen. Zu dieser Zeit ist in der Stadt Shi oft Löwenmarkt. Herr Shi fährt zum Markt, um die Löwenarten zu sehen. Die Löwen sehen den Herrn Shi und wissen, dass Herr Shi geschworen hat, zehn Löwen zu verspeisen. Daraufhin sind die Löwen weniger Furcht erregend. Der Herr Shi nimmt zehn Pfeile und schießt auf zehn Löwen.

Herr Shi lässt den Diener Shi Shi groben Stoff nehmen, um die zehn Löwen auszustaffieren. Der Diener des Herrn Shi, namens Shi, isst gerne Kakipflaumen. Als er die Löwen ausstaffiert, versucht er die zehn Löwen mit eingelegten schwarzen Bohnen einzureiben. Gerade während er die Löwen einreibt, leckt ein Schwein an seinen Kakipflaumen. Der Diener ist böse, nimmt einen großen Stein und erschlägt das Schwein. Eine Shi-Ratte nagt am Körper des toten Schweins, ein Floh beißt die Shi-Ratte, eine Wasserschnecke frisst den Floh, am Ufer des klaren Flusses Shi schluckt ein Shi-Fisch die Wasserschnecke, ein Shi-Vogel frisst den Shi-Fisch, der Diener Shi nimmt einen Pfeil und schießt auf den Shi-Vogel, der Vogel fliegt weit weg, der Pfeil verliert seine Kraft, der Vogel fliegt davon.

Herr Shi geht bis zur steinernen Türschwelle, er sieht in der Höhle einen steinernen Behälter, er nimmt Shi-Gras um zu orakeln und ihm wird gezeigt, dass er die Löwen töten soll. Herr Shi lässt den Diener Shi Shi die Löwen töten. Mit Unterstützung des Gedichtschreibers Shi tötet der Diener Shi Shi die Löwen, die zehn Löwen sind tot. Im Sterben koten die Löwen, Shi, der Diener von Herrn Shi, nimmt feuchte Tücher und reinigt die toten Körper der Löwen. Erst jetzt verzehrt Herr Shi die zehn Löwen, der Diener Shi Shi des Herrn Shi isst die Kakipflaumen. Die Geschichte, dass Herr Shi die Löwen isst, ist in jeder Einzelheit eine wahre Geschichte.“

Es ist natürlich nicht nur eine ungeheuer wahre, sondern auch eine selten dämliche Geschichte und man macht sich so Gedanken, wie es den Löwen zwischen den Pfeilschüssen und dem Tod so ergangen sein mag. Oder wie die Wasserschnecke an den Floh kam. Und womit der arbeitslose Herr Shi die Löwen bezahlt hat. Und wie die mit grobem Stoff ausstaffierten Löwen aussahen. Aber der Witz der Geschichte funktioniert eben nur auf Chinesisch und da lautet sie folgendermaßen:

Shishi shi shi shi

Shishi shishi shishi, shi shi, shi shi, shi shi shi shi. Shishi, shishi shi shishi, shishi shi shi shi, shi shi shi…

Und so weiter und so fort. Gerade hat sich Herr Shi die Löwen angesehen. Insgesamt braucht es 205-mal Shi, um diese Geschichte zu erzählen. Ich vermute, dass selbst bei korrektem Gebrauch von allen vier bis fünf Tonhöhen, auch ein Chinese diese Geschichte nicht versteht, wenn sie erzählt wird. Das muss man schon lesen. Und ich möchte dabei ergänzen, dass die Namen von Herrn Shi, seinem Diener Shi Shi, der Shi-Ratte, des Shi-Flusses, des Shi-Vogels und des Shi-Fisches alle anders geschrieben werden.

Um so etwas auf Deutsch zumindest ansatzweise nachzuahmen, braucht man natürlich wesentlich vereinfachte Regeln, wie zum Beispiel den gleichen Anfangsbuchstaben. Wegen der deutschen Grammatik empfiehlt sich dabei die Wahl von V oder G. Wenn man jetzt noch findet, dass das Vogel-V genauso klingt wie das Fenster-F, lässt sich eine stilistisch etwas ungefüge Geschichte stricken. Dabei ist zu berücksichtigen, dass im Süddeutschen auch Namen wie Valentin wie Falentin ausgesprochen werden. Und los geht´s:

Valentin vermisst Vroni. Vroni füttert freitags fünf fette Fasane. Fasane flattern frohlockend, fressen frenetisch. Valentin findet Vroni. Valentin vermutet: „Verfressen?“ Vroni findet: „Veranlagung!“ Fröhlich fragt Valentin Vroni: „Foto?“ Vroni verschwiemelt: „Vielleicht.“ Valentin fotografiert verstohlen Vroni fünf flatternde Fasane fütternd. Fotoblitz fackelt. Vier fette Fasane fliegen fort. Vroni flucht furiengleich: „Verräter!“ Verbessert: „Vollidiot!“ Valentin fleht furchtsam: „Verzeihung!“ Vroni flunscht. Valentin flückt Forsythien für Vroni. Vroni flüstert verwirrend verschämt: „verrückter Filou!“ Valentin vermutet freilich fälschlich Verzeihung, fantasiert verführerische Verwicklungen. Vroni fängt freien, verstörten Fasan. Valentin fragt: „Vertragen?“ Vroni verneint, verweigert Forsythien, fordert forsch folgerichtig: „Film!“ Valentin verweigert. Vroni, fetten Fasan festhaltend verschwindet. Valentin verstört. „Verdammt!“, flucht Valentin verärgert. Vroni flitzt fröhlich flötend fort.

Was weder Valentin noch Vroni wissen, ist, dass Fasane in China Überschwemmungen auslösen können und ihr Schrei insgesamt Unglück und Unsittlichkeit verheißend ist. Und wenn der Winter kommt, verwandeln sie sich mirnichtsdirnichts in Austern. In diesem Fall vermutlich in fette.