Archiv für den Monat: Juli 2008

Familienzwist

Familienzwist

Wie ich letztens schon andeutete war ich gerade mit meiner Zwischenprüfung in Sinologie beschäftigt. Und nun hatte ich die Klausur im klassischen Chinesisch. Eigentlich war ich ganz zuversichtlich, denn ich mag klassisches Chinesisch. Es steht natürlich zunächst die Frage im Raum, was klassisches Chinesisch eigentlich ist. Der Einfachheit halber sage ich gerne so was wie: das ist so eine Art Latein im Vergleich zu Italienisch. Aber das weckt völlig falsche Assoziationen. Latein zeichnet sich vor allem durch eine gewisse grammatikalische Überregulierung aus. Endlose Fälle und Flexionen, die recht präzisen Ausdruck und Übersetzung erlauben. (Wenn man genug Vokabeln weiß, woran es mir damals fehlte.)

Klassisches Chinesisch ist anders. Ganz anders. Es handelt sich um einen vergleichsweise grammatikfreien Raum. Was ein Wort bedeutet, ob es ein Nomen, Adjektiv, Verb oder vielleicht ein Fragewort oder eine Konjunktion ist, ergibt sich nicht aus ihm selbst, sondern aus dem Zusammenhang. Bestenfalls aus der Stellung im Satz. Dessen Anfang und Ende unklar ist, da es keine Satzzeichen gibt. Außerdem kann man fast alles weglassen, was vorher zumindest am Rande schon mal erwähnt wurde, insbesondere Subjekte. Oder Objekte. Und wenn man dann als geneigter Leser den Zusammenhang verloren hat, findet man sich in einer Gleichung mit derart vielen Unbekannten wieder, dass man sich mit einem kurzen Satz, oder das was man für einen hält, schon mal eine Stunde lang beschäftigen kann. Man verlässt sich auf die wenigen Funktionswörter, die wie wackelige Trittsteine aus einem reißenden Fluss von Wörtern herausragen. Nach nur einem Fehltritt kann es aus sein mit dem Sinn. Zwar weiß man noch, dass der Untergrund bei aller Vielschichtigkeit vermutlich schlicht, bodenständig und solide ist, doch wird man von der Strömung so durcheinander gewirbelt, dass dieser eben nicht mehr zu finden ist. Und so ging es mir in der Klausur.

Der Text war von Mengzi oder latinisiert Menzius. Eigentlich muss man sagen: der Text war aus dem Buch Mengzi, denn die Autorenschaft ist wie so oft etwas unklar. Das Buch Mengzi jedenfalls stammt aus der klassischen Periode der Klassik, (die unklassische Klassik reichte immerhin bis ins 20. Jahrhundert), nämlich aus der Zeit der streitenden Reiche. Also im Schnitt 300 vor. Und der Stil des Buches Mengzi gilt obendrein als besonders klassisch. Reiner geht´s nicht.

Die bekannteste Aussage von Mengzi, einem Nachfolger des Konfuzius, ist: der Mensch ist von Natur aus gut. Wie etwa 2000 Jahre später Rousseau in Hobbes hatte auch er einen Gegenspieler, der das Gegenteil vertrat: den ebenfalls konfuzianischen Xunzi. Während die Europäer aber nach unserem Verständnis ganze Sätze machten, um ihre Gedanken auszudrücken, wie „der Mensch ist von Natur aus gut“, oder „homo homini lupus est“, brauchten Mengzi und Xunzi dafür jeweils genau zwei Zeichen: „Wesen gut“ oder „Wesen schlecht“. Ich glaube, klassisches Chinesisch ist die kürzeste Sprache der Welt. (Die gesprochen deshalb kaum verständlich ist.) Aber zurück zur Prüfung, bei der derartiges Wissen oder Meinungen völlig unerheblich waren. Mengzi, der Klassiker unter den Klassikern, das müsste eigentlich zu schaffen sein, dachte ich.

Und siehe, der erste Satz war ganz leicht: Ein Mann aus Qi hatte eine Ehefrau und eine Konkubine und sie wohnten zusammen in einem Haus. Doch damit erledigte sich die Klarheit weitgehend. Sicher war noch, dass der Mann ausging, und dann Fleisch und Alkohol zu sich nahm. Und als er dann zurückkam fragte ihn seine Ehefrau etwas, und dann trat ich ohne es zu merken ins Leere. Denn bei mir fragte die Frau, mit was er das ganze denn bezahle und dass ihr Wohlstand sich erschöpfe. Laut James Legge der Ende des 19. Jahrhundert unter zahllosen anderen auch diesen Text übersetzte, fragte ihn die Frau aber, mit wem er gegessen und getrunken habe und bekam zur Antwort, dass alles wohlhabende und ehrbare Leute gewesen seien. Der Irrtum meinerseits kam durch ein Zeichen zustande, dass ich schon so oft mit „erschöpfen/ bis zum Äußersten beanspruchen“ etc übersetzt hatte, dass ich gar nicht auf die Idee kam, es könne sich hier um ein Adnomen in der Bedeutung „alle“ handeln. Das Lexikon hätte es mir sagen können, aber ich habe es nicht gefragt. Und nun nahm das Unheil seinen Lauf.

Die von mir übersetzte Grundsituation bestand also aus einem lotterlebigen Ehemann, der das Familienvermögen verpulvert und seinen knauserigen, missgünstigen Frauen daheim. Und dann schlug bei mir die Strafverteidigerin durch. Denn was entsteht wohl aus einer solchen Situation? Gewalt. Im Verlauf der Rohübersetzung kam ich zudem zu der Überzeugung, dass der Ehemann starb. Ich hörte später zu meiner Beruhigung, dass fast alle meine Mitprüflinge ebenfalls der Auffassung waren, dass jemand gestorben sei, nur unterschieden sich die Meinungen darüber, ob es der Mann, die Ehefrau oder die Konkubine gewesen sein sollte. Nur eine mitgeprüfte Chinesin, die trotzdem verwirrt aus der Prüfung kam, meinte, dass alle noch am Leben seien. Und Legge gibt ihr Recht. Ich jetzt auch, aber hinterher ist man ja immer klüger. Jedenfalls hatte ich während der Klausur ein Problem, nämlich eine Leiche. Aber wie war nun der Ehemann zu einer solchen geworden? Und ich machte eine rechte Räuberpistole aus dem Kapitel.

Zunächst umschiffte ich Sprachklippen wie das Zeichen für Floh/kratzen, das manchmal für das Zeichen für Morgen gebraucht wird (denn es geschah im Morgengrauen) und verzichtete auch auf die Idee, die Ehefrau könne ihm die Augenlider abgeschnitten haben, denn wer stirbt daran schon? Bodhidharma, der legendäre Begründer des Zenbuddhismus soll sich ja laut Überlieferung selbst entlidet haben, damit ihm beim jahrelangen Meditieren die Augen nicht zufallen konnten. Aber das fand erst etwa 1000 Jahre später statt und ging ganz offensichtlich in die völlig falsche Richtung. (Aus den weggeworfenen Augenlidern soll übrigens die Teepflanze entstanden sein. Eine bittere Nachricht für vegetarische Teetrinker.) Immerhin kann das Zeichen für Augenlid auch verschwinden/verstopfen bedeuten, wie ich schließlich einem einsprachigen Lexikon entnahm. So weit so gut.

Aber dann hatte ich eine brillante Idee.

Den Referendaren, die ich für die Strafverteidigungsklausur im zweiten juristischen Staatsexamen fit machen soll, sage ich immer: „wenn Sie während einer Klausur eine brillante Idee haben, dann gehen Sie BITTE raus, rauchen Sie eine, beruhigen sich, vergessen die Idee und schreiben dann weiter.“ Denn in dieser Situation liegen Brillanz und Wahn einfach zu dicht nebeneinander. Um nicht zu sagen aufeinander. Gerne kommen diese Ideen gegen Ende der dritten Stunde, vielleicht ein Unterzuckerphänomen, vergleichbar einem Höhenrausch. Jedenfalls schlug ich meine eigenen, unheimlich bewährten Ratschläge in den Wind (das kann im Höhenrausch passieren) und kann zur Entschuldigung nur sagen: man darf in dem Gebäude nicht rauchen und außerdem rauche ich gar nicht mehr.

Also blieb es bei meiner Brillanz: ein Zeichen, das shi gesprochen wird, mit so schönen Bedeutungen wie: austeilen, schenken, entfalten, handeln, freigiebig. Im Übrigen betont es Zeitaspekte und ist mir obendrein sehr vertraut, da ich wie viele Schneiders, Schmidts oder Schulzens mit chinesischem Familiennamen so heiße: Shi. (gesprochen etwa: schh) Hier sollte es wohl mit „heimlich“ übersetzt werden, was mein Lexikon gar nicht anbot. Ich hätte es vielleicht ohnehin nicht genommen. Denn endlich fand ich die Todesart: shi heißt auch: einen Pfeil abschießen. Jawoll, dachte ich in meinem Wahn, das muss es sein! Die Ehefrau hat ihn erschossen! Endlich mal was Konkretes! Ich spannte den Bogen, legte den Pfeil auf, schoss durch die berechtigten Zweifel und beharrte auf dieser komplett abwegigen Idee.

Mal abgesehen davon, dass ungeklärt blieb, wie der Mann dann plötzlich auf den Friedhof kam und warum er eigentlich erst dort starb, ist bei einer nüchternen ex post Sicht aus der Perspektive eines durchschnittlichen Beobachters klar: das ist gequirlter Bockmist. Selbst wenn man eingesteht, dass die Sitten vor rund 2300 Jahren in China doch ein wenig anders waren, als wir heute hierzulande gewohnt sind: welche Ehefrau erschießt ihren Mann im Schlaf mit einer Distanzwaffe wie Pfeil und Bogen? Messer, Gift, Schwert, Seidenschnur, alles wäre gegangen. Aber Pfeil und Bogen? Was für eine sonderbare Szenerie: hat sie ihn im Schlaf erschossen, müsste sie wohl wenigstens auf einen Tisch steigen, um genug Distanz aufzubauen.

So hatte ich also aus dem Mengzi-Kapitel einen Boulevardfernsehbeitrag gemacht: ein versoffener Ehemann, der alles verjubelt, Frau und Geliebte, die sich verbünden, was darin gipfelt, dass die Ehefrau ihn erschießt und er letztlich unbegraben auf dem Friedhof mit leerem Blick nach oben schaut und stirbt. Tatsächlich ging er nur bei Trauergesellschaften auf dem Friedhof schnorren, was seine Frau heimlich beobachtete. Er kehrte vergnügt nach hause zurück und die Frauen schämten sich. Und waren nach Sicht des Edlen ausnahmsweise im Recht. Wie soll man denn auf so etwas kommen?

Glücklicherweise reichte die Übersetzung trotzdem zum Bestehen und das mag daran liegen, dass beispielsweise ein Satz wie: „er lag auf dem Rücken, schaute nach oben und starb“ auch mit „sie sollten sich bis zu ihrem Lebensende auf ihn verlassen“ übersetzt werden kann. Womöglich wäre auch „er hoffte auf sie, aber sie starb“ drin gewesen. Wer soll das schon entscheiden?