Archiv für den Monat: Juni 2008

Taibei mon amour

Regenfrau

Ich möchte mal so sagen: wenn man 40 ist und drei bis vier Jobs macht, um gleichzeitig seinen Berufungen folgen zu können, oder was man eben dafür hält, wenn man dann noch Chinesisch studiert, dieses Studium aber nicht abschließen kann, weil für das erforderliche Zweitfach Zeit und Lust fehlen, wenn das alles so ist, muss die Frage erlaubt sein, warum man dann doch eine Zwischenprüfung ablegen will. Noch dazu nachdem der Wissenszenit wegen anderweitiger Beschäftigung (siehe oben) schon erheblich überschritten wurde. Wenn man dann noch „man“ durch „ich“ ersetzt, wird die Frage extrem aufdringlich, also lass ich das besser. Aber um mir selber nicht so ein Zensurodeur zuzulegen, lasse ich die Frage selber natürlich zu. Fragen kostet ja nichts. Wenn man nicht gerade auf einer Hotline eine Frage stellen will. Aber hier: ganz kostenfrei. Antwort habe ich trotzdem nicht. Das ist natürlich dann erfreulich, dass man dafür nicht auch noch Geld ausgegeben hat. Man muss auch nicht jede Frage beantworten, nur weil es erlaubt ist sie zu stellen. Obwohl das schwer ist nicht zu antworten. Alter Verhörtrick, Polizeischule erstes Halbjahr.

Immerhin erspart einem so ein Chinesisch-Studium Dr. Schiwagos Gehirnjogging, oder wie das heißt. Ist ja auch recht sinnfrei, aber weil mutmaßlich gut für die Denke, doch wieder nicht doof. Und ich mache eben eine zutiefst sinnfreie Zwischenprüfung in Chinesisch. Man gönnt sich ja sonst nichts. Leider ist der Arbeitsaufwand nicht unerheblich, aber an den Rändern der Themen, die ich eigentlich vorbereiten soll, finden sich interessante Informationen.

Zum Beispiel habe ich endlich eine ausführliche Erklärung für die Stadt Taibei gefunden. Taibei liegt im Norden Taiwans, was sich schon aus dem Namen ergibt: Tai steht für Taiwan und Bei heißt Norden. Die Stadt in der Mitte heißt Taizhong. Wenig überraschend heißt Zhong Mitte und kommt zum Beispiel im Begriff Zhongguo vor, wie China auf Chinesisch heißt: Land der Mitte. Tainan liegt im Süden. Nan= Süden. Taidong im Osten. Chinesisch ist eigentlich ganz einfach. Wenn man dann noch weiß, dass Jing Hauptstadt heißt, hat man doch eine optische Vorstellung davon, wo Beijing im Verhältnis zu Nanjing liegt. Und Tokyo heißt übrigens auf Chinesisch Dongjing, östliche Hauptstadt. Auf Japanisch auch, es klingt halt nur anders.

Aber warum bedarf es einer Erklärung für Taibei? Es ist nun mal so: im Norden Taiwans ist die Regenzeit im Winter, es ist klamm und unangenehm und regnet dauernd, während es im heißschwülen Sommer außer bei Taifun fast gar nicht regnet. Zudem liegt Taibei sehr tief, förmlich in einer Senke und man macht sich Sorgen was bei steigendem Meeresspiegel geschehen mag. Holländer, Portugiesen, Chinesen- alle hatten daher ihre wichtigen Stützpunkte oder Hauptstadt im Süden. Wo die Regenzeit im Sommer ist, wenn es eh schon wurscht ist, warum man jetzt nass wird. Also Taibei. Wie konnte sich dort eine so große Stadt entwickeln? Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Frankreich hatte 1871 einen Krieg gegen das Deutsche Reich verloren und musste nun dringend in Asien was zreißen[1], um wieder zu Gesicht zu kommen. In dieses Feld noch ohne Gesicht kam sogleich China. Den Handel über den Süden aufziehen, das war die Idee. Vom heutigen Vietnam aus drangen die Franzosen daher Richtung China vor. Das prächtige aber hinfällige, alte Reich zeigte noch mal die Zähne und engagierte chinesische Revolutionskrieger, die nach Zerschlagung der Taipingrevolte dorthin geflohen waren.

Und die Taipingrevolte ist so interessant, dass sie auch eine Erklärung verdient hat, auch wenn man das Tai in Taiping völlig anders schreibt als in Taibei: der Anführer der Taiping war nach eigenem Bekenntnis Jesus jüngerer Bruder und hieß Hong Xiuquan. Unter seiner Führung sollte das Reich des großen Friedens (=Taiping) an Stelle der mandschurischen Qingdynastie auf Grundlage der Bibel und der Gedanken des Herrn Hong selbst, errichtet werden. Tatsächlich gab es 15 Jahre Bürgerkrieg, der etwa 30 Millionen Tote forderte. Die Franzosen waren sich wie die anderen Europäer etwas unsicher, für welche Partei sie sich denn nun stark machen sollten, immerhin verhieß Hong irgendwie ein christliches China. Aber letztlich war er ihnen dann doch zu sozialistisch, oder zu mystisch, oder zu unberechenbar. Und schließlich ließ sich die Kolonialpolitik zulasten Chinas ohnehin so schön an.

Hong gehörte zu den Hakka, eine Volksgruppe, die auf Chinesisch Keren, Gastmensch heißt, was wohl soviel wie Zuagroaster[2] bedeuten soll und auch so gemeint ist. Es gelang den Taiping, Nanjing -die südliche Hauptstadt- einzunehmen und zu ihrer Hauptstadt zu erklären. Halten konnten sie sie und sich jedoch auf längere Sicht nicht und sie wurden besiegt.

Nun erlebte Frankreich im Guerillakrieg mit deren Überbleibseln, die sich „Truppen der schwarzen Flagge“ nannten, schon Ende des 19. Jahrhunderts ihr Vietnam in Vietnam. Nach vier Jahren gaben sie auf.

Und suchten einen neuen Angriffspunkt, zwecks Handel und Gesicht und entdeckten Taiwan für sich. Im Norden Taiwans griffen sie die Hafenstadt Jilong an. Die konnten sie zwar besetzen (und heute steht dort auf dem örtlichen McDonald eine große Nachbildung der Freiheitsstatue), nicht aber die dortige Festung von Danshui (Süßwasser) einnehmen. La Grande Nation verhängte aus lauter Hilflosigkeit eine Blockade über die Küsten Taiwans. Was den Engländern gar nicht gefiel. Und belagerten Danshui neun Monate weiter (auch im Winter bei nasskaltem Wetter) und verloren 700 Mann, gaben auf und besetzten schließlich die Inselgruppe der Pescadoren. Die sie dann auch wieder aufgeben mussten, aber dafür bekamen sie dann auf einmal Vietnam von den Chinesen.

Und jetzt kommt´s: Weil nun offenbar wurde, wie gefährdet auch der Norden der Insel ist, wenn man sich gar nicht um ihn kümmert, sollte der Schwerpunkt nach oben geschoben werden. Und Taibei wurde gebaut. Das mit den Stadtmauern klappte nicht so recht, weil der Boden zu nass und weich war, aber das gab sich mit der Zeit und richtiger Bepflanzung.

Ich muss gestehen, dass ich nicht restlos überzeugt bin. Schließlich bedeutet der Ausbau des Nordens nicht zwangsläufig die Verschiebung der Hauptstadt. Und wie sollte nun auf den Süden aufgepasst werden? Und Taibei liegt auch gar nicht am Meer, aber das war vermutlich beabsichtigt. Trotzdem bin ich Oskar Weggel für seinen Erklärungsversuch und vor allem für den Strauß Informationen rundherum sehr zu Dank verpflichtet.

Ganz unabhängig von der Frage der Lage der Hauptstadt, zu dem Thema Kolonisation und Imperialismus aber zu obigen Ausführungen thematisch doch passend, möchte ich nun noch auf die taiwanischen Ureinwohner zu sprechen kommen. Polynesisch/austronesische Stämme unterschiedlichster Couleur. Das heißt: nichts genaues weiß man nicht. Deren Menschenrecht auf Unbehelligtsein wurde ab Anfang des 17. Jahrhunderts zunehmend mit Füßen getreten. Mit den Holländern ging es wohl ausnahmsweise noch, die wollten einfach nett Geschäfte machen und dazu brauchten sie die Einheimischen. Aber mit den Chinesen, die da richtig siedeln wollten, insbesondere auch mit den armen ewigen Zugereisten, den Hakka, die auch endlich mal wer sein wollten, gab es wohl von Anfang an Probleme. Und die Ureinwohner wurden erbarmungslos in die Berge abgedrängt und natürlich als Barbaren verunglimpft. Nun besannen sie sich zum Teil wieder auf die schöne alte Sitte des Kopfjagens, so heißt es. Ist der Ruf erst ruiniert…

Auch die USA durfte eines dieser Völker mal kennen lernen. 1867 strandete die Rover, ein amerikanisches Schiff in Südtaiwan und die Koalut massakrierten mirnichtsdirnichts die ganze Besatzung. So geht´s nicht, sagte Washington und wollte den Barbaren per Strafexpedition ein bisschen Völkerrecht nahe bringen, was an sich ja schon ein Paradoxon ist. Hinterhalte im unbekannten Gebiet, ständiges sich Verirren der Eingreiftruppen und Tropenkrankheiten vereitelten schließlich die Erziehungsmaßnahme. Einzelne zivile Unterhandlungen nach Abzug der Soldaten gelangen dann aber doch noch und so kam es erst 1871 zum nächsten Zwischenfall dieser Art. Die Besatzung eines japanischen Fischkutters war das Opfer. Auch die Mission von über 3.500 Japanern scheiterte an den Gegebenheiten. Anschaulich lassen sich diese Gegebenheiten bzgl der Übernahme Taiwans durch die Japaner erläutern. Japan gewann 1895 einen Krieg gegen China und damit unter anderem Taiwan. Die Insel sträubte sich, aber vergebens. Allerdings kostete dies die japanische Seite rund 4.800 Tote. Von denen gingen 4.600 auf das Konto von Tropenkrankheiten, und 500 Verwundete lagen neben über 20.000 Kranken. Bevor das Mitleid mit den japanischen Soldaten, die ja auch nur ihren Job machten, zu groß wird, möchte ich erwähnen, dass auf chinesischer Seite etwa 7.000 starben, kriegsbedingt.

Ich weiß natürlich nicht, ob das mit den Tropenkrankheiten stimmt. Ich lese das ja alles nur. Als ich in Taiwan war, war mir zwar ständig zu heiß, aber krank war ich eigentlich nie. Außer erkältet wegen der Klimaanlagen. Aber gut, waren andere Zeiten damals. Jedenfalls richteten die Japaner unter den ohnehin schon sehr dezimierten Ureinwohnern undokumentierte, ungezählte Gemetzel an. Und so machen diese heute nur noch 2% der Bevölkerung aus.

Der Plan mit Taibei ging letztlich nicht auf: als die Japaner von Norden über Jilong ins Land kamen, verließen die Beamten fluchtartig die Hauptstadt, die Soldaten desertierten oder sammelten sich im Süden zum Widerstand und die verlassene Bevölkerung hängte in Ermangelung sinnvoller Alternativen weiße Fahnen aus den Fenstern.

Und all das hat mit meinen Themen für die Zwischenprüfung überhaupt nichts zu tun und gerade das macht es vermutlich so unheimlich interessant. Offensichtlich hat mein Gehirn zum Joggen sowenig Neigung wie der restliche Körper auch.

[1] Bair.: was mit ordentlichem Einsatz auf die Reihe kriegen

[2] bair.: Zugereister; ein Außenseiterstatus der einem mindestens fünf Generationen anhängt, eher mehr.