Archiv für den Monat: Mai 2008

Erwartungen

Drache

Gegen innere Bilder ist ja eigentlich nichts einzuwenden. Ist doch schön, wenn man die hat. Wenn sie sich aber verfestigen und derart nach außen quellen, dass sie allem Äußeren übergestülpt und plötzlich verobjektiviert werden, dann wird es problematisch. Das nennt man zum Beispiel Erwartung und wir alle tun es, obwohl es doch so sehr die Kommunikation erschwert.

Auf der längst vergangenen Berlinale hatte ich mir natürlich zumindest einen taiwanischen Film angesehen. Piaoliang qingchun. Darin werden einige Geschichten erzählt, darunter unter anderem auch die eines scheinverheirateten Paares, das schon lange getrennte Wege ging. Sie war mittlerweile dement geworden, er hatte Aids und wurde obendrein von seinem Liebhaber abserviert. Also besucht er sie. Sie hält ihn für ihre Verflossene. Nach längerem Hinundher akzeptiert er diese Verwechslung und entschließt sich, bei ihr zu bleiben. Und will mit ihr fein ausgehen. Zieht sich ein weißes Hemd und Anzughosen an. Sie ist entsetzt, weil „was werden die Leute sagen?“ und zwingt ihn in ein Kleid, schminkt ihn. Steht ihm auch gut, aber das Aufsehen, welches vermieden werden sollte, ist nun besonders groß. Und es kommt für sie völlig unerklärlich zu einer hässlichen homophoben Gewaltentladung.

Nun waren auch die Regisseurin und ein paar Schauspielerinnen bei der Filmvorführung anwesend und erwarteten sicher ein paar warme Worte. Schon aus Höflichkeit, aber auch weil der Film gut ankam. So abwegig war diese Vorstellung sicher nicht. Aber schließlich war es ein deutsches Filmfestival. Und so wurden die taiwanischen Schauspielerinnen als allererstes gefragt, ob es nicht schwierig und karrieregefährdend sei, in einem homophoben Land solche Rollen zu spielen.

Ich schämte mich fremd. Ich gestehe, auch sehr deutsch zu sein und gerne direkt und zuvorderst in Problemen herumzustochern. Aber an dieser Stelle hätte man sich doch etwas zusammenreißen können und sei es nur, um zuerst den Film zu loben und dann, wenn es denn sein muss, womöglich eine offenere Frage zu stellen wie zB: ist die Gesellschaft in Taiwan homophob? Aber nein. Die Schauspielerinnen blieben dafür ganz in ihrem Kontext, bedienten nicht die intellektuell-mitfühlend verbrämte Gier auf Auslotung aller Missstände, sondern antworteten einfach auf die erwarteten Fragen. Dass sie sehr froh seien hier zu sein, dass die Dreharbeiten viel Spaß gemacht hätten. Und betonten immer wieder, wie schön Taiwan sei und wie gut es sich dort leben lässt. Ich vermute, dass zwar beide Seiten sagten, was sie wollten, aber hinterher doch irgendwie unzufrieden waren.

Am Folgeabend war ich eingeladen auf die Taiwan-Night zur Berlinale im Ritz-Carlton, veranstaltet von der Kulturabteilung der Taipeh-Vertretung. Die Einladung kam per email-Anhang. Ich hatte eigentlich Sorge, dass mein kleiner Farbausdruck vielleicht nicht reichen könnte, um Einlass zu finden. Aber Wenqi meinte, das ginge schon in Ordnung. Meine Cogäste Andrea und Andreas und ich schlugen also am Potsdamer Platz auf, nachdem wir länger über die taiwanische Bedeutung von „Business attire“ diskutiert hatten. Ich fand, das Ergebnis dieser Diskussion konnte sich sehen lassen. Am Eingang erwartete uns ein imposanter, sehr schwarzer Schwarzer in schmucker Livree, der überhaupt keine Einladungen sehen wollte, aber wohl nicht damit gerechnet hatte, an diesem Abend deutsch sprechen zu sollen und daher etwas mit den Worten rang. Und so arbeiteten wir uns langsam in den Ballsaal hoch. Das Ritz-Carlton. Nun. Hm. Was soll ich sagen. Teuer war´s bestimmt. Aber vielleicht reicht es, wenn ich sage, dass der Ballsaal mit Teppich (teurem, dickem Teppich) ausgelegt war und alt-anmuten-sollende dunkle Holzbüffets völlig sinnlos vor holzvertäfelten Wänden standen.

Wir hatten zuvor nicht viel gegessen. Schließlich waren wir auf einer Abendveranstaltung mit chinesischem Kulturhintergrund eingeladen. Und erwarteten daher Köstlichkeiten. Mit ganz unverbrämter Gier. Stattdessen gab es hier die warmen und lobenden Worte und blinkende Taiwananstecker. Und ganz selten kam jemand mit kulinarischen Winzigkeiten vorbei. Zum Beispiel Zahnstocher als Puppensatéspieße. Tässchen, die aussahen, als ob sie Espresso macchiato enthielten, entpuppten sich als geschäumte Erbsensuppe. Schälchen mit jeweils einem sushiartigen Gebilde in Würfelzuckergröße ließen den Magen ratlos zurück. Aber dann ließen wir eben den Magen Magen sein, gaben mit Mühe unsere Erwartungen auf und tranken dafür ein bisschen mehr und hotteten mit Vertretern der Taipeh-Vertretung inklusive Botschafter über die Tanzfläche (einem gesondert errichteten Holzboden). Aber nicht dass jetzt ein falscher Eindruck entsteht: mit heißt hier nur gleichzeitig, der Botschafter kennt uns ja gar nicht. Und wir tanzten auch ausdauernder. Und wurden doch abrupt um 23.00Uhr mit allen anderen vor die Tür gesetzt. Aber das war zu erwarten. Es stand schließlich klar und unmissverständlich auf der Einladung: 19.00 – 23.00 Uhr.

Ein anderes Ereignis an dem ich aktiv teilnahm war ein Kirschblütenfest, zu dem Kimonos, Raku-Geschirr, japanischer Tee, Lackwaren, Ikebana und Origami präsentiert, angeboten bzw demonstriert wurden. Und zwischen die Kimonos an den Wänden hängte ich meine Bilder. Tuschbilder. Und alles sah sehr schön aus und war auch gut besucht. Ich bekam warme Worte zu hören, wenn die sich auch nicht in wirtschaftlichen Wert umsetzten.

Doch schließlich kam ein Interessent auf mich zu. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß und nenne ihn der Einfachheit halber mal Sepp. Sepp kommt also auf mich zu und riecht unangenehm aufdringlich nach Aftershave. Und fragt, ob ich die sei, die diese Bilder gemalt habe. Ja!, sage ich dienstleistend strahlend. Er hätte Interesse, aber an einem anderen Motiv. Kein Problem, lächele ich selbstbewusst, was es denn sein solle? Ein Drache. Kein Problem, strahle ich weiter. Der Drache solle irgendwie so durch die Wolken fliegen. Ok, aber doch wohl ohne Flügel?, frage ich zwischen. Er rieb sich sein aftershave-verseuchtes Kinn. Ich würde ja wohl japanische Drachen malen und die hätten ja keine Flügel. Ganz im Gegensatz zu chinesischen. Aber er wolle diesmal einen japanischen, also ohne Flügel. Sinniert und doziert er vor sich hin.

Ich rolle innerlich mit den Augen. Auch chinesische Drachen haben keine Flügel. Es gibt Wasserdrachen und Feuerdrachen und Eisdrachen und Sumpfdrachen undundund. Aber sie haben keine Flügel. Sie haben den Leib einer Schlange, die Schuppen eines Fisches, das Gebiss eines Löwen, das Geweih eines Hirsches, den Kopf eines Kamels, die Ohren eines Rindviehs, die Tatzen eines Tigers, die Klauen eines Adlers und die Augen eines Dämons. Dazu haben sie einen Schuppenkamm und Barthaare. Punkt. Nur ein einziger Drache (Ying Long) hat Flügel und den hab ich noch nirgends abgebildet gesehen. Aber egal. Sepp will ja einen japanischen Drachen ohne Flügel. Wozu also aufregen?

Ob ich den auch in Öl malen könnte? Mein Lächeln bekommt leichte Verunsicherungsrisse. Öl? Nein, ich male nicht in Öl sondern offensichtlich in Tusche. Ja, also weil Tusche mag er nämlich nicht. Aha. Ich halte das Gespräch für beendet. Nicht so Sepp. Wenn ich ihm also einen Drachen in Tusche malte, was ihn das kosten würde? Ich eier so ein wenig herum von wegen kommt darauf an, Größe, sonstige Vorstellungen etc, aber ab 180,00 € ohne Rahmen könnte es losgehen. Entgeistert sieht er mich an. Ob das denn so lange dauern würde, um diesen Preis zu rechtfertigen? Oder das Material so teuer sei? Mein echtes Lächeln war in Fassungslosigkeit längst zerschellt, aber ich hatte noch mein dienstleistendes, was sich zunehmend zu einem Zähnefletschen auswuchs. Kunst würde nicht nach Stunde bezahlt, gab ich zu bedenken. Es spielten auch andere Faktoren wie zum Beispiel Kreativität, Gelingen, Idee, Fähigkeit, Gefühl undwasnichtalles eine Rolle. Aha, sagte Sepp. Und das würde ich bei mir so hoch einstufen? Ich frage mich wovon er sprach? So hoch?? Drunter würde ich es nur verschenken, aber sicher nicht an ihn, denke ich. Und sage: ja, mindestens. Sepp: Weil er hätte eine Bekannte, die würde ihm einen Drachen für 30,00 € malen. In Öl. Das sei doch schön für ihn, sage ich gleichermaßen verstört, belustigt und verärgert, dann solle doch diese seine liebe Freundin ihm seinen Drachen für 30 € malen und er mich damit verschonen. Damit haken wir dieses Thema ab.

Aber Sepp gibt nicht auf. Ob ich ihm das Schriftzeichen für Drachen schreiben würde, er sei schließlich Drache. Ja, meine ich zermürbt, das könne er von mir sogar für 30 € haben. Er möge nämlich Drachen, also weil er selber einer sei und auch chinesische Schriftzeichen würden ihm gefallen. Dabei deutet er auf seine Jacke. Auf seinem Anorakärmel prangt groß und unvermittelt: shenglizhe in Schriftzeichen: Sieger. Ich steige nicht darauf ein. Man muss wissen, wann man einem Sieger gegenübersteht. Er fängt mit irgendeinem Kampfsportgeblubber an und ob ich den Kassenwart von dem und dem Verein kennen würde. Er redet, als müsste ich die Welt mit seinen Augen sehen, als gäbe es nur seine Augen, seine Sicht, seine Anschauung, als müsste ich also auch immer wissen von wem er redet und was wichtig für ihn ist. Und warum. Ich schweige und zweifele an seinem Verstand und wahre Contenance. Schließlich konnte ich nicht weg, es war doch auch meine Veranstaltung. Und er der Sieger.

Und ihm kam eine neue, eine wunderbare Idee. Schließlich hat er einen Freund, einen betagten Japaner. Und der hätte bald Geburtstag. Ob ich für den ein Bild malen könnte? Ich war gedanklich abgeglitten und hatte irgendwie den Einstieg verpasst und wusste erst nicht, wovon nun wieder die Rede war, aber er war von seiner Idee so hingerissen dass ich nicht umhin kam, mich doch noch damit zu beschäftigen. Eine Pagode sollte es sein, mit Löwen- nein Drachenstatuen -er sei schließlich Drache und möge diese daher besonders gern- am Eingang, ein japanischer Garten sollte auch zu sehen sein und pi und pa und po. Das mit dem pipapo blieb mir etwas unklar und gönnerhaft bot er mir an, mir ein Foto zukommen zu lassen, was ich dann abmalen könnte. Nun war das Dienstleistungslächeln vollends abgelaufen, wie eine nicht ausreichend gefütterte Parkuhr.

Sein inneres Bild hatte gesiegt, aber musste ich da dabei sein? Nein, entschied ich, drehte mich um und ging weg, um am Tresen mit köstlichstem, minutengenau gebrühtgezogenen Tee auf Nachfrage ein paar Informationen über die Funktionsweise bzw Ordnungsprinzipien japanischer Wörterbücher zu erhalten und aß dazu Teekuchen, bis sich meine inneren Bilder von der Fremdherrschaft erholt hatten.