Archiv für den Monat: April 2008

Betrachtung der Kampenwand

Kampenwand

Letztens hatte ich eine Ausstellung die untertitelt war mit: japanische und chinesische Tuschmalerei. Dies reizte das Publikum zu zwei Fragen: „Kann man das in einen Topf werfen?“ und „Wo ist denn da der Unterschied?“

Die erste könnte ich mit „Och ja, irgendwie schon.“ und die andere mit „Naja, schwer zu sagen.“, beantworten. Aber das wäre ein arg kurzer Beitrag. Und so möchte ich ergänzen, dass die chinesische Tuschmalerei in China erfunden und gepflegt wurde und von dort ihren Weg nach Japan antrat, um dann irgendwann japanische Tuschmalerei zu heißen. Dies aber nur im Ausland. Denn in China heißt die chinesische Tuschmalerei Shuimohua oder Mohui und in Japan Suibokuga oder Sumi-e. Was nur ein scheinbarer Unterschied ist, da es jeweils mit den gleichen chinesischen Schriftzeichen geschrieben wird und Wasser-Tusche-Bild oder Tusche-malen bedeutet.

Ich möchte am Rande auf die irritierende Besonderheit des Japanischen hinweisen, das gerne das gleiche Schriftzeichen unterschiedlich ausspricht, ohne deshalb die Bedeutung zu verändern. Sumi oder Boku werden also gleich geschrieben und bezeichnen jeweils die schwarze Tusche. Im Chinesischen hat ein Schriftzeichen mit unterschiedlichen Aussprachevarianten auch unterschiedliche Bedeutungen. Ich kann kein Japanisch und bin daher leider außerstande diese überflüssig wirkende Komplikation zu erläutern.

Die Kunst kam also im Gepäck von Mönchen im 12./13. Jahrhundert zusammen mit dem Zen (chin: Chan) aus China nach Japan. Habe ich jedenfalls gelesen. Dabei war ich nicht. In China kam im 17. Jahrhundert die Bildsammlung „Zehnbambushalle“ und die Malanleitung „Senfkorngarten“ heraus und wurde per Holzdruck vervielfältigt. Dadurch wurde eine großflächige Verbreitung auch in Japan möglich und führte dort zu verstärkter Popularität.

Der japanische Maler Yanagisawa Kien sagte im 18. Jahrhundert: „In der Malerei muss man chinesische Bilder studieren, denn es haben in Japan alle großen Maler von der chinesischen Malerei gelernt.“ Was natürlich nicht heißt, dass nach dem Lernen nichts Eigenes mehr passierte.

Man kann hüben wie drüben zwei Hauptschulen ausmachen: die Nordschule mit opulenten, detailreichen, aufwendigen Werke und die Südschule mit reduzierten, spontanen Bilder. In China floss ersteres vor allem aus den Pinseln von Berufsmalern (die damit -igitt- Geld verdienen mussten) und letzteres war eher das Werk von so genannten Literatenmalern, denen das Malen zur Selbstkultivierung diente, die den Abdruck des Herzens malen wollten. Aber bevor es zu esoterisch wird: in China ist das Herz der Sitz des Geistes.

Beide Schulen machten Zyklen durch, an deren einem Pol die totale Reglementierung und am anderen die Formenfreiheit stand. Mein kunsthistorisches Interesse erlahmt an dieser Stelle immer etwas, weil die Aufsplitterung in Familienschulen und deren zeitlichen Abläufe viel weniger fesselnd ist, als selber ein Bild zu malen. Und zwar egal ob formal reglementiert oder ganz nach Gusto.

Mit europäischer Tuschmalerei ist es im Vergleich ja nicht sehr weit her. Tuschezeichnungen ohne Ende, aber Malerei? Mir fallen nur Picassos Stierkampfszenen ein. Ist das dann spanische Tuschmalerei?

Das sind so Fragen. Dazu fällt mir einer meiner ersten Berufswünsche als Kind ein: ich wollte Zigeunerin werden. Ich bitte den Begriff zu entschuldigen, aber ich wollte eben Zigeunerin und nicht Roma oder Sinti werden. Völlig zutreffend, aber doch irgendwie demoralisierend wandten meine Eltern ein, dass Zigeunerin kein Beruf sondern eine Volkszugehörigkeit sei. (Als ich daraufhin umdisponierte, -Augen auf bei der Berufswahl- sattelte mein Bruder noch einen drauf und meinte, ich könnte als Mädchen kein Pirat werden. Heute tut ihm diese reaktionäre Ansicht natürlich leid, aber heute will ich ja nicht mehr Pirat werden.) Nun stellt sich natürlich die Frage, kann ich japanische Tuschmalerei betreiben? Oder chinesische? Bezieht sich das auf die Herkunft? Auf die Technik? Aufs Sujet?

Ein Freund von mir ist nicht nur Heilpraktiker für traditionelle chinesische Medizin (TCM), sondern kann auch Chinesisch, hat die maßgeblichen Klassiker im Original studiert und ist obendrein Kungfumeister. Trotz dieser umfassenden Ausbildung passiert es ihm, dass Chinesen seine Kompetenz anzweifeln. Weil er kein Chinese ist. Kulturchauvinismus ist schließlich keine westliche Erfindung. Ja, sagt er dann bescheiden. Chinesen könnten auch keinen Beethoven spielen, ergänzt er dann. Das ist schlicht und schön und brillant. Und stoppt das Genöle.

Natürlich denkt ein Teil von mir, wie denn bitte ein Chinese die Schwermut, Wuchtigkeit, Rhythmik und ja, auch Harthörigkeit eines Beethoven empfinden können solle. Wo all dies doch so deutsch ist. Und merke gleichzeitig wie doof das ist. Wenn Beethoven oder TCM kulturell unübertragbar wären, wer würde sich dann dafür so interessieren?

Also machen wir es uns doch einfach: wenn ein Haiku auf dem Bild ist oder der Fuji oder die Personen japanische Moden tragen, ist es ein japanisches Bild. Ist ein Ci (chinesisches Gedicht in gebundener Sprache v.a. aus der Songzeit) drauf oder der Huangshan (malerisches Gebirge im Osten Chinas) oder chinesische Moden, ist es chinesisch. Wenn weder noch drauf ist, oder man nicht erkennen kann, ob das Geschreibsel ein Haiku oder ein Ci oder sonst was ist, schaut man auf den Namen des Malers oder der Malerin. Ist er japanisch, ist das Bild japanisch. Oder? Ist ein Bild, das im Stile des französischen Impressionismus von einem Chinesen in China gemalt wurde eigentlich französisch oder chinesisch? Und wenn ich mir jetzt meinen Namen so betrachte: muss ich nächstes Mal mit „deutsche Tuschmalerei“ untertiteln? Das weckt ganz falsche Erwartungen. Aber als Vertreterin der Südschule könnte ich zum Beispiel ein Gstanzl draufschreiben und/oder eine Sennerin beim Betrachten der Kampenwand malen.