Archiv für den Monat: Februar 2008

Honigmond

Honigmond

Wenn ich das Wort Hochzeitsreise höre, denke ich an Venedig oder Barcelona, meinetwegen auch an Paris, an Südseearchipele und einsame Inselgruppen, an warme Temperaturen und ungestörte Zweisamkeit. So weit so konventionell. Bei so viel Einfallslosigkeit sollte ich vielleicht grundsätzlich die Finger von so etwas lassen. Man kann es nämlich auch ganz anders angehen. Jiaru und Zhichang zum Beispiel, ein befreundetes Paar aus Taiwan.

Sie unternahmen eine Hochzeitsreise anderer Art und ließen den Honigmond im Januar im Osten Deutschlands scheinen. Und während es im Süden der Republik glitzernden Schnee unter einer vom blauen Himmel strahlenden Sonne gab, fiel im Osten statt Sonnenstrahlen der Himmel selbst herunter. Gut, es hätte auch anders kommen können. Auch hier hätte es kalt und sonnig sein können, sogar Schnee hätte liegen können oder zumindest hätte die Spree zugefroren sein können. Oder es hätte einfach normal winterdepressionstrüb sein können. Hätte, hat es aber nicht. Es regnete ohne Pause, mal stark, mal noch stärker. Kristin, eine Freundin aus Leipzig, brachte die zwei also mit nach Berlin. Aus dem regenumspülten Leipzig über die Traufenhölle Dresden in die Unterwasserwelt Berlin.

Sie war ein bisschen erschöpft, denn Besuch aus Taiwan bedeutet einen Fulltimejob. Jiaru und Zhichang hatten Asien noch nie verlassen und das Englisch, na ja. Außerdem gehört sich das so. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Chinesischlehrerin in Taiwan, die sich bitter bei mir beklagte, dass sie mal nach Japan eingeladen wurde, sich dort aber niemand um sie kümmerte. Wenn ich dem Ausbruch richtig folgen konnte, kümmerte sich zumindest hin und wieder jemand nicht. Außerdem musste sie zelten und alles war eine totale Zumutung.

Auf der anderen Seite war ich, als letzten Winter zwei andere taiwanische Freunde von mir (auf Verlobungsreise) in Berlin waren, angenehm überrascht, dass ich diese beiden zumindest einen Tag allein durch Berlin schicken konnte. Dabei stellte ich allerdings geradezu gluckenhafte Gefühle meinerseits fest. Große Kringel und Kreuzchen malte ich für sie in meinen Stadtplan, radelte ihnen hinterher, um ihnen noch eine Tageskarte für den öffentlichen Nahverkehr zu besorgen und fragte mehrmals, ob sie auch meine Adresse dabei hätten, meine Telefonnummer und die U-Bahn-Haltestelle wüssten. Ob ich ihnen noch einen deutschen Satz aufschreiben sollte. Die beiden lächelten nachsichtig. Wenn wohlmeinende Chinesen oder Taiwaner befürchteten ich würde in ihren für mich sicher undurchdringlichen Städten oder Ländern unweigerlich verloren gehen und nun sei es deshalb leiderleider an der Zeit für immer Abschied voneinander zu nehmen, lächelte ich auch immer so nachsichtig. Mit der stillen Hoffnung, sie würden mich endlich gehen lassen und mit der noch größeren Hoffnung, dass man mir diesen Wunsch nicht zu stark ansehen möge. Ich nahm mich also schließlich zusammen, ging meinen eigenen Angelegenheiten nach und bereitete später die erste Ente meines Lebens zu. Es ging schließlich auf Weihnachten zu und in der Ente trifft sich nun einmal chinesische Vorliebe mit deutscher Weihnacht. Rotkohl und Knödel, alles im Dienste der Kulturvermittlung. Und tatsächlich: sie kamen fast rechtzeitig zurück und hatten eine ganze Schachtel voll Erzgebirgsräuchermännchen als Beute mitgebracht.

Aber das ist natürlich ein unfairer Vergleich: Wenxi lebte schon eine Weile in England, war auch öfter in Paris gewesen (wo im Übrigen auch die Verlobung stattfand) und Rongquan ist immerhin Schlagzeuger in einer Heavy Metal Band. Die kann und soll man dann schon mal vom Betüddelungshaken lassen. Bei den jetzigen, weniger abgebrühten Gästen war dies nun weniger möglich. Und so kam Kristin mit den beiden schon etwas abgenutzt in Berlin an. Und ich war zunächst auch keine Hilfe. Mein Chinesisch schien sich in alle Winde zerstreut zu haben und beide sprechen zu allem Überfluss mit relativ starkem taiwanischen Akzent. Und damit meine ich nicht, dass sie taiwanisch sprachen, denn das wäre wieder was ganz anderes. Es ist mehr eine Lautverschleifung und so nennt er sich nicht Zhichang, sondern Dstsang. Aber vermutlich hätte mich auch das vornehmste Hochchinesisch nicht gerettet.

Mein Plan für den Abend war, mit den dreien relativ spracharm zum Café Fatal im alteingesessenen Szeneschuppen SO36 zu gehen. Dort gibt es eine Stunde Standardtanzkurs, dann Standardtanz, dann eine mehr oder minder skurrile Showeinlage und dann normales Getanze. Das ganze für weit gestreute Altersgruppen und mit allen nur denkbaren Geschlechtern. Passend für eine Hochzeitsreise, fand ich. Leider war Jiaru auf dem Weg zum Zug nach Berlin gestrauchelt, hatte sich den Fuß verstaucht und humpelte. Damit fiel dieser Programmpunkt, der obendrein so wunderbar wetterunabhängig gewesen wäre, aus. Ein Jammer.

Also bewegten wir uns erstmal langsam auf meine Wohnung zu. Langsam nicht nur wegen Jiarus Gehumpel, sondern weil natürlich alles so interessant ist. Zhichang fotografierte Straßenschilder, Bahnhofsbeschriftungen, Schaufenster, Bürgersteige, Taxameter, Haustüren, Werbetafeln, Zugansagen etc.pp. Und er fotografierte sehr schön. Bei seiner sehr besonderen Art mit dem Jetlag umzugehen, konnte er dies auch ansprechend präsentieren: er ignorierte die Zeitumstellung einfach und stand morgens um 4 Uhr auf. Bis der Rest der Gesellschaft Lebenszeichen von sich gab, stellte er eine beschriftete Powerpointpräsentation der besten Bilder vom Vortag zusammen. In einer solchen bekam ich auch die Hochzeitsfotos zu sehen. Und damit sind nicht die Fotos von der Hochzeit gemeint, sondern die lange vorher angefertigten professionellen Aufnahmen in unterschiedlichen Kleidern, mit unterschiedlichen Frisuren, im Grünen, am Strand, auf Plätzen, im Stehen, Sitzen, Liegen und Tragen. Von der Hochzeit selbst bekam ich hauptsächlich Filmaufnahmen zu sehen und musste dabei feststellen, dass es auch TaiwanerInnen gibt, die nicht singen können. Die Karaokedarbietung einer Cousine war wirklich unter Niveau.

Als wir endlich meine Wohnung erreicht hatten, wurde ich reich beschenkt. Ein selbst gemachter Aschenbecher mit meinem deutschen Namen von Zhichang, der erleichtert war, diesen richtig geschrieben zu haben und eine riesige Dose leckerer Haferkekse von Jiaru. Made in Taiwan, dem Geschmack nach könnte es aber ein deutsches Rezept gewesen sein.

Und dann zogen, oder besser: schlichen wir tapfer los unter die gewaltige Dusche. Und ich muss sagen, sie waren hart im Nehmen. Jiaru jammerte nicht einmal trotz ihrer offensichtlichen Schmerzen und wenn Kristin und ich Gefahr liefen die Fassung zu verlieren, versicherten sie uns immer wieder fröhlich, dass alles ganz wunderbar sei. Ich versuchte in der Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße die Sache mit der Mauer auf Chinesisch zu erklären. Das Ergebnis war, dass Jiaru verwirrt feststellte, dass die Ostdeutschen die Bösen seien. Das war nicht unbedingt das, was ich ausgedrückt haben wollte, aber wegen der Taiwan-VR China-Konstellation musste diese Frage vermutlich auf jeden Fall geklärt werden. Und Kristin und ich gaben auch sofort unisono zu, dass uns als Wessi und Ossi auch unüberbrückbare Feindschaft trenne. Jiaru stutzte und lachte. Anschließend schauten wir von innen auf die Regentropfen auf der Reichstagskuppel, denn viel mehr war nicht zu sehen. Zhichang machte stimmungsvolle Streulichtbilder vom Hauptbahnhof undsoweiterundsofort.

Und es gab eine Geheimwaffe, die wir immer wieder einsetzten. Deutschland ist in Taiwan für Autos berühmt, auch den Begriff Fußball hört man in dem Zusammenhang ab und zu. Aber vor allem ist Deutschland für seine Würstchen berühmt und beliebt, Thüringer, Frankfurter/Wiener, Bockwurst, Currywurst, egal. Mit einem Weißwurstfrühstück hatte ich zB bei Wenxi und Rongquan durchschlagenden Erfolg gehabt. Wenxi zückte vor lauter Begeisterung damals ihren Reiseführer, um mir zu zeigen, dass das was ich da serviert hatte, wirklich genauso aussah, wie darin abgebildet. Mit Brezel und Händlmaier Senf und allem. Aber dieses Mal war ich zeitbedingt eine schlechte Gastgeberin und wir gingen immer essen. Keine Ente, kein Weißwurschtfrühstück, sondern zum Beispiel frühstücken in einem Café, das völlig zu recht für seine Backerzeugnisse berühmt ist. Und was bestellt Zhichang? Bockwürste. Mir war bis dahin gar nicht aufgefallen, dass sie die überhaupt haben. Und mittags sollte es dann Kali Xiangchang (Currywurst) bei Konnopke geben. Aber der hatte zu. Und so weiß ich immer noch nicht, ob der Laden seinen Ruhm auch wert ist. Vielleicht erinnert sich ja jemand: unser im ach so demokratischen Russland hängen gebliebener Altkanzler äußerte mal zu Amtszeiten seine Vorliebe für Italien und italienische Küche. Prompt kam der Vorwurf von Landesverrat. Und da schob er schnell zur Selbstrehabilitierung nach, dass er natürlich am allerliebsten Currywurst bei Konnopke äße. Was er auch 2001 schon mal sagte, um seine Unerschrockenheit gegenüber BSE zu demonstrieren. Ortskundigen dürfte das nur ein Schnauben abverlangen. Konnopke residiert in Form einer Imbissbude unter der gerade zur Ü-Bahn gewordenen U-Bahn auf der Mittelinsel einer stark befahrenen Kreuzung. Es ist zugig, laut und stinkt nach Abgasen. Schnorrer allenthalben. Ich sah vor meinem inneren Auge den Staatsschutz die ganze Kreuzung lahm legen, damit Schröder seine Wurst essen kann. Jedenfalls war ich von der Reaktion der Flitterwöchner überrascht. China und auch Taiwan sind berühmt dafür, dass die unscheinbarsten Imbissbuden trotz mieser Lage und schauderlichem Ambiente einen reich machen können, wenn nur das Essen gut ist. Konnopke ist also eine Art chinesischer Erfolgsstory. Aber Jiaru und Zhichang waren gar nicht enttäuscht, dass die Bude zu war, weil sie fanden, dass es dort hässlich und zugig war. Und irgendeine Currywurst in Berlin aufzutreiben ist ja so schwer nicht. Und jede Ingredienz wurde fototechnisch festgehalten. Ganz wie mein Bruder, als er mich in Taiwan besuchen war.

Aber was fiel ihnen besonders auf: dass bei uns Tische immer gedeckt werden, dass Deutsche nicht gerne Regenschirme benutzen, dass sonntagabends normale Apotheken oder Geschäfte nicht mehr aufhaben und –man glaubt es kaum- Metztger Hasen verkaufen. Hasen! Punks in der U-Bahn sind demgegenüber schlicht gexing: individuell.

Abends schlug ich Hotpot vor, chinesisches Fondue. Es ist im Kulturschock doch immer wieder schön, etwas Vertrauteres zu essen zu bekommen und so waren Jiaru und Zhichang gleich damit einverstanden. Obwohl ich sagte es sei Festlandstyle, also à la VR China. Was wir während des Essens natürlich ausführlich diskutierten. Mitten im fröhlichen Geschlemme, was nicht ohne Spitzen gegen das Schwesterland und zahlreiche Selbstauslöserfotos ablief, verschwand Zhichang diskret und bezahlte die Rechnung. Als das aufflog verschwand ich auch diskret und erledigte nachträglich die in Taiwan unbekannte Sache mit dem Trinkgeld. Mehr Chancen zum Bezahlen bekamen Kristin und ich kaum. Auch wenn wir zuweilen zu dritt mit Geldscheinen wedelnd an irgendwelchen Tresen standen. Jiaru oder Zhichang setzten sich durch. Ich hörte dann irgendwann einfach ganz mit den Versuchen auf und frage mich natürlich heute, ob ich nicht vielleicht sehr unhöflich wirkte. Jiaru musste nach diesem Abend wegen ihres Fußes -immer noch lachend- zu mir getragen werden und humpelte die nächsten Tage tapfer weiter durch den unerbittlichen Regen. Aber sie war ganz offensichtlich auf Schlimmeres eingestellt: aus der Sohle ihrer Schuhe konnte man Haken ausklappen, sollte man auf ein Eisfeld geraten.

Das Rattenjahr

Rattenjahr

Das chinesische Jahr der Ratte hat am 7.2.2008 begonnen. Und die Ratte führt den ganzen chinesischen Tierkreis an und das kam so: Buddha oder aber (je nach hauptsächlicher Religionszugehörigkeit) der Jadekaiser rief die Tiere zum Neujahrsfest zusammen, um die Jahre zu verteilen. Aus einer nicht ganz geklärten Gehässigkeit heraus behauptete die Ratte gegenüber der Katze, dass das Treffen erst einen Tag später stattfände. Diese drehte sich also nach Katzenart noch ein paar Mal im Kreis und schlief ein. Die Ratte jedoch setzte sich auf den Kopf des Ochsen oder Büffels oder allgemein des Rindviechs, das die Reihe der nur 12 Tiere anführte. Und als sie gerade ankamen, sprang die Ratte vom Kopf herunter, et voilà: sie stand als erstes vor Buddha (oder dem Jadekaiser). Und wurde mit dem ersten Jahr bedacht.
Die geprellte Katze wiederum stellte sich als nachtragend heraus, denn sie jagt seither die Ratte. Und die Maus. Das wird im Chinesischen nicht unterschieden. Und in romanischen Sprachen zum Teil auch nicht. In Tschechien heißen Ratten dafür „deutsche Maus“ und die Engländer wollten sie den Norwegern anhängen. Es gibt europäische Überlieferungen, die die Ratte als Ehemann der Maus sehen, aber auch welche, die sie als Gattin des Karnickels betrachten. Ihr Name Ratz kann auch Iltis oder Murmeltier bedeuten. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass die Chinesen sich bei einer Ratte ein Murmeltier vorstellen, gilt sie doch eher als umtriebig und einfallsreich als als verpennt.

Was kann man in einem Rattenjahr also erwarten? Wenn Ratten nachts knabbern, bedeutet das bei Chinesen, dass sie Geld zählen und so wird ihnen auch Geiz nachgesagt. Aber ich kenne nun diverse Rattenjahrgeborene und man kann über sie sagen was man will, aber geizig ist keine von ihnen. Charmant, ehrgeizig und rastlos sollen sie sein. Kreativ und maßlos und sie kritisieren gerne. Perfektionismus wird ihnen nachgesagt und Selbstbewusstsein. Gruppentiere natürlich, hartnäckig bei gleichzeitig niedriger Frustrationstoleranz. Wie auch immer: die Ratte steht für Unternehmergeist. Und dieses Jahr hat außerdem eine Acht, eine Zahl die für Reichtum steht, weil beides auf Kantonesisch gleich ausgesprochen wird. Außerdem noch das Olympiadejahr und das in der VR China. Es wird erwartet, dass bei soviel guten Vorzeichen die Geburtenraten in China in die Höhe schnellen. Für Taiwan dürfte die Olympiade dagegen keine Rolle spielen, denn wie immer darf es nicht dabei sein. Dafür sind in Taiwan die Geburtenzahlen nicht reguliert, so dass nicht so präzise geplant werden muss. Andere Rattenjahre mit Olympiade waren zum Beispiel die Nazispiele 1936 in Berlin oder die vom Terrorismus überschatteten in München 1972. Das kann ja heiter werden. Aber 1948 war die Olympiade in London und auch ein Rattenjahr. Und soweit ich weiß passierte dort nichts Schlimmeres, als dass ohne Deutschland, Japan und der Sowjetunion gespielt wurde. Und ich wage eine Prophezeiung: letztere wird auch dieses Jahr nicht teilnehmen.

Nun ist jedes Jahr auch einem Element zugeordnet und dieses Jahr ist Erde dran. Erdratte. (also Wühlmaus?) Erde steht für Umwandlung und das könnte bei diesem dynamischen Zeichen zu noch mehr Antrieb führen. In einem Wirtschaftsblatt las ich, dass man deshalb heuer große Vermögen aufbauen könne. Interessant aus was wirtschaftliche Prognosen gebastelt werden. 1936 war jedenfalls das Jahr der Feuerratte und 1972 das der Wasserratte. Und 1948 war genau wie jetzt die Erdratte dran. Das ist wenig überraschend, denn der Zyklus umfasst genau 60 Jahre. Also vielleicht doch friedliche Spiele?

Nach chinesischer Überlieferung brachten die Ratten den Menschen den Reis. So gesehen ist es nur recht und billig, wenn sie sich davon auch wieder was zurückholen. Ratten können aber auch zu Dämonen werden, zu männlichen wohlgemerkt. Denn weiblich sind die so genannten Fuchsgeister. Diese können menschliche Gestalt annehmen (ausnehmend attraktive weibliche Gestalt) und Männer durch abzapfen der Yangenergie förmlich aussaugen, was das liebeskranke Opfer nicht wahrhaben will. Ein Vampirismus der ganz unblutig daherkommt. Es gibt aber auch tragisch verliebte Fuchsgeister, die gar nicht schaden wollen, denen aber niemand glaubt. Es gibt zahllose Fuchsgeistergeschichten, eine tragischer als die andere. Aber was die Rattengeister eigentlich machen, davon habe ich noch nichts gelesen.

Normale Ratten ohne Dämonenqualität können von Parasiten befallen werden, die vom Wechsel der Wirtstiere zwischen Ratte und Katze abhängen. Nun hat dieser Parasit statt des Abzapfens sonstwelcher Energie ein besonders perfides Vorgehen entwickelt. Er schädigt im Gehirn der Ratte den Teil, der für die Angst vor Katzen zuständig ist und schon wird die Ratte zum gefundenen Fressen. Und der Parasit kann in sein nächstes Entwicklungsstadium übergehen.

Der japanische Glücksgott Daikoku wird von einer eher undämonischen und hoffentlich auch unbefallenen Ratte begleitet. Daikoku kommt ursprünglich aus Indien und hieß dort Mahakala, was jeweils großer Schwarzer bedeutet. Die Hindus verehren ihn als strafende Erscheinung Shivas, die Buddhisten als eine zornige Ausformung des mitfühlenden Bodhisattvas Avalokiteshvara. Aber Daikoku ist ein wenig degeneriert und auch nicht mehr schwarz, sondern nur dick und glücklich und verbreitet mit seiner Ratte im Schlepptau Wohlstand. Es ist ein bisschen sonderbar, dass Daikoku, der um nach Japan zu gelangen durch China gewandert sein muss, dort keine für mich auffindbare Spur hinterlassen hat. Aber wo es gerade um Indien geht, noch eine ganz unwahrscheinliche Sache: das Reittier des elefantenköpfigen Gottes Ganesha ist ausgerechnet eine Ratte.

Ich selbst, in der Stunde des Tigers als Feuerziege Geborene, begann das Rattenjahr mit Zahnschmerzen und knabberte daher mein Essen wie ein Nagetier. Und pinselte ein paar Ratten. Und bemerkte zu spät, dass ich vergaß rechtzeitig die Staubratten wegzufegen und zu putzen, denn nun, während der Neujahrszeit darf man das genauso wenig wie bei uns Wäsche waschen zwischen den Jahren.