Archiv für den Monat: Januar 2008

Der Kuss der Spinnenlilie

Spinnenlilie

In einem chinesischen Buch über Tuschmalerei fiel mir eine Blume auf. Ein starker Stängel mit radial angeordneten Blüten an der Spitze, bestehend aus vielen grazilen Blütenblättern und langen fisseligen Stielen für die Staubgefäße. Der Struktur nach ein Zwiebelgewächs. Sie war so explizit und einzeln gemalt, dass klar war, sie ist als echt und existent gemeint. Es ist schwierig etwas zu malen, das man nicht versteht und so dachte ich, eine Horizonterweiterung könnte ja nicht schaden und versuchte diese Blume näher kennen lernen.

Freundlicherweise war ihr chinesischer Name angegeben: 彼岸花 (bi´anhua), Blume vom anderen Ufer. Der üblichen deutschen Bedeutung des Begriffs „anderes Ufer“ folgend, fiel mir der taiwanische Film „Spider Lilies“ ein, dessen Basis eine lesbische Liebesgeschichte ist. Etwas verwirrt stellte ich bei weiterer Recherche fest, dass es sich bei der Blume vom anderen Ufer tatsächlich um Spider Lilies, um Spinnenlilien handelt. Sie werden auch Hurrikanlilien oder „Naked Lady“ genannt, aber dies mehr unter Fernerliefen.

Auf wissenschaftlich heißen sie Lycoris radiata. Und Lycoris (griechisch: Zwielicht) war das Pseudonym einer Kurtisane, die den Dichter Cornelius Gallus wegen eines anderen verließ. Ovid schrieb darüber eine Elegie. Bezüglich des Liebesunglücks –aus Gallus´ Sicht- ist auch zu bedenken, dass sich die Blätter der Blume und ihre Blüten nie treffen können, denn die ersteren wachsen im Frühjahr, die letzteren im Herbst.

Spinnenlilien also. Im Film haben diese Blumen überhaupt keinen homosexuellen Bezug. Auf Chinesisch heißt der Film auch nicht „Spider Lilies“ sondern „Tätowierung“, wörtlich Stichblau. Denn die Protagonistin ist Tätowiererin und hat ein Tattoo von goldenen Spinnenlilien auf dem Arm. Wie ihr Vater, der in Japan bei einem Erdbeben starb.

Dazu muss man wissen, dass Tätowierungen in China, Taiwan oder Japan noch nicht die allgemeine Akzeptanz genießen, wie es hierzulande der Fall ist. Mal ganz abgesehen von der Arschgeweihseuche hat doch mittlerweile fast jeder irgendwo ein Falterchen, ein Drächelchen, ein Vögelchen. Oder eben ganze Gemälde. Auch chinesische Schriftzeichen erfreuen sich anhaltender Beliebtheit. So konnte ich in einem Berliner Café einen Kellner mit der Frage überraschen, ob seine Freundin Annette heißt, weil dieser Name groß phonetisch umgesetzt auf der Innenseite seines Unterarms leuchtete. Dort wo es besonders weh tut, auf der weichen, der inneren Haut. Er meinte, Annette sei seine Exfrau gewesen. Und seufzte. Da kam Schmerz zu Schmerz.

Im gleichen Sommer sah ich einen Mann, der das chinesische Schriftzeichen für Suppe auf seinem Oberarm trug. Ich war mir unsicher. Sollte das ein Beitrag zur Popart sein? Statt einem Bild von Campbell Suppendosen eben einfach „Suppe“ auf den Arm schreiben? Oder war da jemandem ein Fehler unterlaufen? Mit drei kleinen Punkten weniger hätte es nämlich Yang bedeutet, also das Yang von Yin und Yang. Das Männliche, Helle, Harte etc. Das zusammen mit den „Drei-Punkte-Wasser“ zwar immer noch heiß ist, aber eben doch auf einmal sehr feucht und nachgiebig. Womöglich köstlich, aber wenig beeindruckend. Oder hatte er das Zeichen nur rein nach der Optik ausgewählt? Ich traute mich nicht zu fragen, ob er ein künstlerischer Witzbold, ein misslungener Macho oder ein sinnfreier Ästhet ist.

Ich selber habe mich noch nicht einmal zu Ohrlöchern durchringen können, bin von daher auch tattoofrei. Man kann daraus natürlich auch einen Kult machen, wie zum Beispiel den um die nepalische Kumari, eine lebende, völlig unversehrte Göttin, die ausgerechnet von der blutdürstigen Durga bewohnt wird, bis sie das erste Mal ernsthaft blutet. Dann wird in eine neue Kumari umgezogen. Es gibt einen Aberglauben, der besagt, dass die Ehemänner einer früheren Kumari nicht lange leben. Binnen eines halben Jahres würden sie krank, erbrächen schwallartig Blut und stürben. Die Statistik belegt dies nicht, aber wer glaubt schon der Statistik?

Ich bin von derartigen Unversehrtheits-Kulten natürlich weit entfernt, sondern habe mich schlicht nie zu einer Entscheidung durchringen können, wo was für ein Loch oder wo was für ein Bild.

Im fernen Osten hat das Stachelblau jedenfalls immer noch eine gefühlte große Nähe zu Yakuza, Triaden oder der Unterwelt ganz allgemein. Es findet zwar zusehends auch modische Verbreitung, ist aber doch noch extrem. Für Frauen gilt dies nach einer mir schon immer unerschließbaren Logik umso mehr.

Dazu fällt mir ein Gespräch mit einem Chinesen in Nanjing Ende der 80er Jahre ein. Das war die Zeit, in der der Zugang zu amerikanischen Zigaretten angeblich noch ein Heiratsgrund war. Wir sprachen also über das Rauchen. Er erzählte mir, dass er zu Beginn seines Studiums noch einen Vortrag über die Vorteile des Rauchens halten sollte. Wenn ich mich richtig erinnere, gehörte ganz nach oben der Umstand, dass man damit Frauen beeindrucken könne, insbesondere wenn man die richtige Marke rauche. Mittlerweile hatte sich die Politik aber geändert und er musste einen Aufsatz über die Schädlichkeit des Rauchens verfassen. Ich fragte ihn, wie es käme, dass Frauen in China –damals- nicht rauchten. Das läge daran, klärte er mich auf, dass in den Filmen immer die Bösewichte rauchten. Da aber Rauchen für Männer normal sei, würde die moralische Wertung einfach auf die Frauen verschoben. Vermutlich war das im Westen ähnlich verquast gewesen. Anstatt mich zu ärgern, zündete ich mir lieber eine Zigarette an, wenn auch nicht die damals so beliebten „Gesunder Atem“, sondern ein schreckliches lokales Kraut ohne Filter, was in Rekordzeit meine Zähne verunstaltete und mich dadurch noch mehr in die Ecke der Verworfenen verwies. Nach der Methode, Fragen der Moral auf die Frauen abzuwälzen, ist damit klar, dass tätowierte Frauen noch weniger koscher sind.

Meine taiwanische Freundin Wenxi lachte ungläubig darüber, dass sich manche Westler Schriftzeichen wie Hass oder Tod stechen lassen würden. Niemals, meinte sie, niemals würde sich ein Chinese oder Taiwaner so ein Unglückszeichen auf die Haut holen. Vermutlich hat sie Recht.

Aber zurück zu den Spinnenlilien. Nach einer englischen Blumenspracheseite im Internet bedeutet das Verschenken von Spinnenlilien die Aufforderung den Partner zu verlassen und mit dem Schenkenden durchzubrennen. Möglicherweise bezieht sich das auf die untreue Lycoris? (Kann man von einer Kurtisane überhaupt dauerhafte Treue verlangen? Ist das nicht recht eigentlich eine Unverschämtheit?)

In Korea wird über diese Blume folgende Geschichte erzählt: ein buddhistischer Mönch verliebte sich heftig in eine Frau, die einmal sein Kloster zum Beten aufsuchte. Er konnte sie nicht mehr vergessen. Und was schlimmer war: beten konnte er auch nicht mehr. Untreue Buddha gegenüber, das wirkt natürlich schwer. Er wurde nach nur drei Monaten schwer krank, erbrach Unmengen von Blut und starb. Offenbar ist dies ein Tod, der einen auch ohne Ehelichung einer Göttin widerfahren kann. Im nächsten Frühjahr wuchs auf seinem Grab eine Spinnenlilie. Rot wie Blut.

In Japan heißt die Blume auch Tagundnachtgleiche-Blume, eine Zeit in der man die Gräber der Ahnen besucht. Niemand zieht die Spinnenlilie im eigenen Garten, da sie nur auf oder zwischen Gräber gehört. Die Protagonistin des taiwanischen Filmes hat die Spinnenlilien auf ihrem Arm um Totenköpfe gewickelt, was Wenxis Annahme widerspräche, wenn es nicht nur ein Film wäre. Doch so kommen wir der Blume schon näher, denn es heißt, die Spinnenlilie stehe auf dem Weg zum Totenreich. Womit sich Eros und Thanatos über die Kulturen hinweg die Hände reichen.