Smogblog

 

Es gibt Leute, die finden den Smog in Beijing nicht schlimm. Zum Beispiel hörte ich von einem aus dem Pott, der dort Kind war, als das Wort Umweltschutz genauso abgehoben klang, wie das Wort Katalysator. Und fast so unbekannt war wie Smartphone.  Als die Wäsche grau, der Himmel gelblich, die Grünen noch nicht erfunden und Ruß im Essen und Staub in der Lunge normal waren. Als der Pott noch nicht auf Kultur sondern auf Kohle machte. So einer entwickelt Geborgenheitsgefühle im Beijinger Smog, wie andere beim Geruch von Zimtsternen im Backofen kurz vor Weihnachten.

Um die nicht mehr ganz so stark wachsende Wirtschaft zu stützen, wird -von singulären Ereignissen wie der APEC-Konferenz abgesehen- weniger getan, als leicht möglich wäre. Für die Konferenz werden dann eine Woche lang die staatlichen Betriebe stillgelegt, um so das erwünschte APEC-Blau am Himmel zu erzielen. Das bedeutet für viele Zwangsurlaub, der allerdings nachgearbeitet werden muss. Eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Natürlich wird auch der Verkehr runtergeregelt. Das passiert aber auch schon mal ohne APEC. Als ich letztens mit dem besten Reiseleiter der Welt plus Gruppe in Beijing war, wurden wir überraschend Zeugen und Objekte einer solchen Verkehrsberuhigung. Wir waren auf dem Weg ans Meer, freuten uns über einigermaßen zügig befahrbare Straßen und auf eine angenehme und nicht zu langwierige Busfahrt. Doch es kam anders. Denn die Autobahn wurde wegen Smogs gesperrt.

Der Sinn, den dies auf den ersten Blick hatte, wurde auf den zweiten Blick etwas geschmälert. So war an dem Tag gar nicht so wahnsinnig schlimmer Smog. Die Smogstufen wurden in der App meiner Zimmergenossin M farblich veranschaulicht. Grün ist die niedrigste Stufe. Die niedrigeste Smogstufe und keine Smogabwesenheitsstufe wohlgemerkt. Von da hangelt sich die Luft, die irgendwie auch zum Atmen gedacht ist, fröhlich durch den Regenbogen. Wenn sie bei Lila angekommen ist, ist sie tatsächlich eher gelblich und gilt als riskant. Da die dunkelrote Stufe davor schon als erheblich gesundheitsgefährdend gilt, meint riskant hier wohl lebensgefährlich.  An diesem Tag befanden wir uns auf einem mickrigen Orangerot. Wieso also jetzt auf einmal verkehrseinschränkende Smogmaßnahmen?

Noch schmaler wurde der Sinn auf den dritten Blick, denn die Autobahn wurde mit allen Autos darauf gesperrt. Dauerstau zur Smogbekämpfung. Interessantes Konzept. Die Motoren laufen. Werden abgestellt. Wieder angemacht. Auf weiten Teilen der Stadtautobahn. Wir machten auch mit. An. Und aus. Und an. Und wieder ein Meterchen. Und aus.

Auf den vierten Blick steht der Sinn dieser Maßnahme auf einer Basis so breit wie der Yangtse, wo Mao ihn durchschwommen hat (12 km). Leider kann ich ihn wegen des Autoabgasnebels nicht erkennen.

Nach über einer Stunde wurde die Sperrung hinter dem fünften Ring wieder geöffnet und die Fahrt ging weiter. Für solche Sperrungen erweisen sich Mautstellen als extrem praktisch. Wir fuhren wie gesagt nach Osten. Ans Meer. Zum Kopf des alten Drachen. Also dort wo die große Mauer das Meer trifft. Ich hoffe, der alte Drache verträgt Salzwasser, wenn er da schon mit der Nase dringhängt. Unsere Nasen blieben überwasser und freuten sich jedenfalls über Frischluft und Meeresbrise.

Der Weg nach Osten, aufs Meer, ist spätestens seit dem ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi (um 200 vor) mit Unsterblichkeit verbunden. Denn dort irgendwo soll die Penglaiinsel liegen, auf der die acht Unsterblichen wohnen. Ein ziemlich exzentrischer Haufen mit ziemlich schlechter Frauenquote (12%), soweit man weiß. Nun hatte der erste Kaiser von China -wie so viele vor und vermutlich noch viel mehr nach ihm- dieses Ding mit der Unsterblichkeit am Laufen. Wenig überraschend machten ihn die ganzen aus diesem Zweck eingenommenen Quecksilberpräparate auch nicht schlauer und so schickte er einmal (so 210 v Chr) eine von dem Magier Xu Fu angeführte, 3000-5000 Mensch starke Seeexpedition los. Sie sollten die Insel der Unsterblichen finden und bitte schön irgendetwas Unsterblichmachendes wieder mitbringen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen nur ein Wal dran glauben musste, verschwand diese riesige Expedition.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Sie konnten selber nicht widerstehen, haben sich mit Unsterblichkeitskraut, -pilzen und -pfirsichen den Wanst vollgeschlagen und sind unsterblich gen Himmel entfleucht. Oder sie sind alle abgesoffen. Oder sie haben sich an irgendeinem anderen Ufer niedergelassen, weil klar war, dass sie eine erfolglose Heimkehr sicher nicht überleben würden. Eine Sage sagt, bei der Expedition habe Xu Fu Japan “entdeckt” und verschiedene kulturelle Errungenschaften eingeführt. Angeblich wird er dort tatsächlich unter seinem japanischen Namen Jofuku als Gott des Ackerbaus, der Seide und der Medizin verehrt. Hab ich irgendwo gelesen. Keine Ahnung, ob das stimmt. In diesem Fall hätte es für den einen von all den tausenden mit der Unsterblichkeit geklappt.

Aber zurück nach Beijing. An einem dieser lila-gelb gestalteten Tage, an denen man sich fragt, ob atmen wirklich eine gute Idee ist,  oder ob man es nicht lassen könnte, besuchte ich mit M chinesische Freunde. Wir fuhren sehr, sehr weit mit der U-Bahn und als die nicht mehr weiterfuhr noch mit dem Taxi. Dort befindet sich aus Platzgründen ausgelagert, die größte und älteste Jurafakultät Chinas, wo mein Freund J arbeitet.

Während wir später bei ihm und seiner Familie zu Hause genüsslich auf Schweineohren und die Kinder auf den mitgebrachten Gummibärchen herumkauten, diskutierten wir dabei natürlich Probleme, Lösungsansätze und Aussichten des Smogproblems. Man kommt dem Thema halt ganz buchstäblich nicht aus.

Und so wurden natürlich auch Witze erzählt. Für den folgenden muss ich jetzt ein wenig ausholen. Denn es geht um die “Reise nach Westen”.  Gewissermaßen das Gegenteil der Ostmeerunsterblichkeitsexpedition. Ein Hauptdarsteller dieses mingzeitlichen Romans ist der aus einem Stein geborene Affenkönig Sun Wukong, eine Art Gottheit mit gewissen Autoritätsproblemen. Der andere ist der historische Mönch Xuanzang, der in der Tangdynastie buddhistische Schriften aus Indien nach China gebracht hatte. Also eine Westlanderkenntnisexpedition. Alle Ostasiaten kennen die Geschichte, die unzählige Male adaptiert wurde. Dragonball ist beispielsweise eine neuere davon. Durch diese Bekanntheit sind Xuanzang und der Affenkönig Sun Wukong so häufige Witzprotagonisten, wie bei uns ein Bayer, ein Ostfriese und ein Engländer, oder von mir aus der Papst und die Queen.

Der Witz: Xuanzang und Sun Wukong kommen auf ihrer Reise nach Westen nach Beijing. Es liegt geheimnisvoll in eine Art Nebel gehüllt. Wie eine Insel der Unsterblichen. Wie eine Abschussrampe in die Erleuchtung. Xuanzang sagt zum Affen: hier bleiben wir. Der sieht sich um und sagt erstmal nichts. Nach einer Weile sagt er: Wollten wir nicht in den Westen? Xuanzang: Es gibt keinen schnelleren Weg in den Westen, als hierzubleiben.

Hahaha.

Ok. Um den Witz zu verstehen, muss man auch wissen, dass “nach Westen gehen” auch “sterben” bedeutet.

Und am nächsten Tag strahlte so unverschämt blauer Himmel auf Beijing runter, dass dieser aschig-metallische Geschmack im Mund der Rest eines Alptraums zu sein schien.

 

Umzingelt

Mein persönlicher Fundus an den im letzten Beitrag erwähnten Chengyus (also viersilbigen chinesischen “Sprichwörtern”) ist leider sehr klein. Man könnte auch sagen: verschwindend gering.  Aus ungeklärten Gründen ist mir jedoch ausgerechnet “aus allen vier Richtungen ertönen Chu-Lieder” im Kopf hängengeblieben. Das wirkt wie mehr als vier Zeichen, aber genaugenommen heißt es: “Vier Seiten Chu Lied”.

Dieses Chengyu ist nun nicht sehr frohgemut. Es beschreibt eine außerordentlich bedrohliche Situation und passt vordergründig wie die Faust aufs Auge der Kurden in Kobane. Das Zitat stammt aus dem Shiji, den Aufzeichnungen des Historikers (von Sima Qian) und ist gut 2000 Jahre alt. Die Situation, die darin beschrieben wird, muss man sich so vorstellen:

Der erste Kaiser von China Qin Shi Huangdi (das ist der mit der Terrakottarmee) ist tot, das Reich zerfällt, bzw wird zum Zankapfel verschiedener Generäle oder auch Warlords, der jeweils vorher zwangsvereinigten Völker, wie die Chu, die Han und noch ein paar Hanseles und Jinseles. Ich glaube, ich muss das nicht näher erläutern, das kann man ja gerade überall beobachten. Ganz vorne dabei ist ein gewisser Xiang Yu aus dem Hause Chu. Dieser Xiang Yu errichtet nun seine ganz eigene Schreckensherrschaft, die der des Qin Shi Huangdi in nichts nachsteht. So soll er beispielsweise 200.000 Qin-Soldaten habe töten lassen, die sich ihm ergeben hatten. Er gilt also eher als grausam und auch als politisch wenig geschickt, um es mal so auszudrücken.

Die wichtigsten Gegner waren die Han unter Liu Bang. Wenn man sich klar macht, dass auf die Qin-Dynastie bald die Han-Dynastie folgte und dass es Han-Chinesen und nicht Chu-Chinesen heißt, wird das Ergebnis dieses Konfliktes nicht überraschen. Aber bis dahin würde noch viel Blut fließen.

Die Aggressionsformen, mit denen ich alltäglich zu tun habe, sind natürlich vergleichsweise lächerlich. Und doch eine Frage der Dosis. Man bekommt manchmal eine Ahnung, wie schnell der zivilisatorischer Firniss abplatzen könnte, wenn man etwas weiter an der Schraube drehte.  Ein aktuelles Beispiel erlebte ich ausgerechnet am 103. Jahrestag der Republik China/Taiwan. Ein Grund zu feiern. Sogar die auf dem zugehörigen Empfang gehaltenen Reden waren irgendwie erträglich. Zwar störte das extreme Übergewicht der Erwähnung von Wirtschaftsdaten, doch dafür entschädigten kleine Sprachungenauigkeiten, die durch Fremdsprachengebrauch unweigerlich auftreten.  Ein MdB klang exakt wie Seehofer und gab als Begrüßung insofern erwartbar ein zünftiges “Nie Hau!” zum Besten. Wesentlich subtiler war da die Repräsentantin der Taipeh-Vertretung,  Agnes Chen, die tatsächlich sehr gut Deutsch spricht. Trotzdem entwickelten sich bei ihr Dinge friedrich statt friedlich (und nicht etwa fliedlich) und bei den Furzenden der Handelskammer handelte es sich eigentlich um deren Vorsitzende. Auf eine subversive Art unklar blieb allerdings, was mit Witzewirtschaftsministerium gemeint sein könnte. Musik gab es auch noch. Ein zivilisierter Abend also. So weit, so gut.

Aber dann wurde das Buffet eröffnet. Wir hatten vorher die Information bekommen, dass wir uns in der Nähe desselben aufhalten sollten, wenn wir tatsächlich etwas essen wollten. Und zugegeben: wir wollten. Also hielten wir uns schamlos im Bereich Pole-Position etwa 50 cm neben einem Stapel Teller auf. Je mehr Reden vergingen, desto voller wurde es dort. Klar. Doch auf das, was dann kam, waren wir nicht vorbereitet. Wir waren hungrig, lieb und harmlos.

Und hatten keine Chance. Kaum war das Buffet eröffnet, wurden wir von schwarzen Anzügen eingekesselt. Von allen Seiten Chu-Lieder. Wir wurden ellbogenbearbeitet und weggedrückt. Zu Boden getreten.  Zertrampelt. Im Meer schwarzen Zwirns ertränkt. Was nützt der eigene Ellenbogen, was die Abwehrrakete, wenn man nicht weiß, wie sie einzusetzen sind? Keine Bedienungsanleitung hat? Oder keine Zeit, sie zu lesen? Wenn das  Training fehlt? Und die Impertinenz? Hunger allein reicht einfach nicht. Ein Teil der bundesdeutschen Elite, wenn man diese schockweise aufgetretenen Bundestagsabgeordneten und ähnliches Personal dazu zählen mag, war auf uns zu, durch uns durch und über uns drüber gerollt. Mehrere Mann stark bildeten die schwarz und grau uniformierten Herren (und sehr wenige Damen) (und noch weniger Damen und Herren aus Taiwan) das Bollwerk vor der Futterkrippe. Nach zwei ernsthaften Anläufen etwas zu essen zu kriegen, blieb uns nur noch der Ausfall und wir strichen so entnervt wie hungrig Segel. Wie anno dazumal der von Chu-Liedern Umzingelte. Also hungrig war der zwar eher nicht, aber er floh.

Jetzt kann man sich fragen, wieso überlebt denn ausgerechnet ein dermaßen plattes Zitat die Jahrtausende? Die Truppen eines grausamen Herrschers umzingeln einen, klar ist das bedrohlich! Genausogut könnte der Satz “Witz komm raus, du bist umzingelt!” Weltliteratur werden. Aber so war es nicht. Ohne ein bisschen Pingpong wird es keine chinesische Geschichte. Denn der, der da so schreckerfüllt sagt: “Von allen vier Seiten ertönen Chu-Lieder” ist Xiang Yu, der Herr der Chu selbst, der sich in Gaixia in einem Belagerungszustand befindet. Er hört ganz vertraute Lieder. Ein bisschen Heimat im Feldzug. Schön eigentlich. Doch seine Reaktion ist eine ganz andere. Und zwar nicht weil er dachte, dass sich seine Leute gegen ihn erhoben haben könnten. Er geht vielmehr davon aus, dass die Han mittlerweile sein Heimatland erobert und die Menschen aus Chu in ihren Kriegsdienst gezwungen hätten. Und das sind doch so viele! Seine zahllosen Untertanen! Das macht ihm Angst. Das Echo der eigenen Lieder. Der Böse selbst hat Angst, gewissermaßen vor sich selbst.

Das ist wie bei mir im Straßenverkehr der Großstadt. Es sei denn, ich bin in Sanftmut gebadet und habe Blumenduft gefrühstückt. (Kommt auch vor.) Ansonsten stürmen von allen Seiten Feinde auf mich ein, erschrecken mich zu Tode oder stehen saublöd im Weg rum. Und dann wird erbittert zurückgeschossen. Zur Not auch präventiv. Auf dem Rad bin ich ein selbstgerechtes Arschloch und im Auto ein nervös-aggressives Opfer.  Hass und Zwiderwurz brechen hervor und kommen von überall zurück. IS, das sind nicht nur die wahnsinnige Terrormiliz vom “islamischen Staat”, sondern auch meine Initialen. Von allen Seiten Chu-Lieder.

Nun irrt aber der belagerte Xiang Yu. Es sind gar nicht seine Chu, die da gegen ihn singen. Die Han haben sein Chu-Land noch gar nicht erobert. Vielmehr hat sein Widersacher Liu Bang seine Leute angewiesen, Chu-Lieder zu singen. Wäre Xiang Yu nur etwas aufmerksamer, hätte er hören können, dass sie Furzende statt Vorsitzende singen.

Aber Xiang Yu hört nicht lange zu, sondern reagiert seinerseits mit einem Lied. (Deutsche Sprichwörter bewegen sich ja leider eher auf dem Niveau: “Da wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder”. Was soll man dazu sagen?) Denn es gibt noch einen romantischeren Grund, warum sich das Zitat mit den Chu-Liedern versprichwörtlicht hat. In dieser Nacht, als der Despot Xiang Yu schaudernd und gleichzeitig unaufmerksam den Chu-Gesängen lauscht, befindet er sich in Gesellschaft einer Dame. Es handelt sich um seine Konkubine Yu, die darauf besteht ihn auch auf Feldzügen zu begleiten.  Ich stelle sie mir als eine Art Eva Braun vor.

Er besingt in dieser Reihenfolge seine frühere Macht, sein windschnelles Pferd und die Konkubine Yu. Die letzteren beiden mit Worten, die “Was kann ich noch für dich tun?” oder “Was soll ich nur mit dir tun?” bedeuten können. Das Pferd antwortet naturgemäß nicht und wird im Verlauf der weiteren Geschichte verschenkt. Die Konkubine antwortet ihrerseits mit einem Schwerttanz. Und wie es der Chu so Art ist, mit einem Lied. Der Inhalt soll etwa gewesen sein: Unser Land ist verloren, um uns herum singen die Chu, mein König ist erschöpft, wozu soll ich da leben? Und flugs schneidet sie sich die Kehle durch. (Wem das jetzt bekannt vorkommt: aus der Geschichte entstand eine chinesische Oper, die im gleichnamigen Film “Lebwohl, meine Konkubine” von Chen Kaige eine wichtige Rolle spielt. )

Ein Schicksal, dass sich Xiang Yu kurze Zeit und viele Tote später, zu teilen entschließt. Obwohl ihn ein Fährmann in seine bisher uneroberte Heimat und in Sicherheit bringen würde. Aber nachdem er seine ganze Armee aufgeraucht hat, ist ihm das irgendwie unangenehm. Die (vielfach schamanistischen) Chu-Lieder haben als tatsächlich gesungenes Liedgut bald keine Chance mehr. Niemand wird sie mehr singen. Nicht auf einer, nicht auf zwei und schon gar nicht auf allen vier Seiten. Aber immerhin überleben sie als Literatur.

Wenn also aus allen Richtungen Chu-Lieder ertönen, handelt es sich dann um eine bedrohliche Situation? Um eine eingebildete bedrohliche Situation? Um eine eingebildet dramatisierte Situation? Um ein Hassecho? Um eine schlichte Tragödie? Eine Fehleinschätzung gigantischen Ausmaßes? Und was ist eigentlich der Unterschied?

Und so übe ich mich in Sanftmut und Verständnis: Vermutlich war die 103-Jahrfeier der Republik China der erste Tag im Jahr unserer armen Bundestagsabgeordneten, sich endlich mal satt zu essen. Vorher lebten sie mutmaßlich in Verhältnissen wie in einem unter Ebolaquarantäne stehenden Slum in Liberia. Da muss man dann schon mal ein bisschen Verständnis haben.  Und mir wird klar, dass angesichts dessen eine Diätenerhöhung reiner Wahnsinn wäre. Mit noch mehr Diät werden unsere Abgeordneten völlig unberechenbar. Radikalisiert, ja fanatisiert. Der IS wartet schon darauf, unsere völlig ausgemergelten Volksvertreter zu rekrutieren. Ich fordere Fett zu Pflugscharen! Waffen zu Kohlehydraten! Fürze zu Vorsitzenden!

Der alte Sai verliert ein Pferd

pferdeklein_zps34812662

“Der alte Sai verliert ein Pferd” ist ein chinesisches Sprichwort, ein sogenanntes Chengyu. Wörtlich übersetzt bedeutet das in etwa Fertigrede. Eine solche Fertigrede besteht ausnahmslos aus vier Schriftzeichen und wird gerne adjektivisch oder adverbial gebraucht. Um das mal im Deutschen zu veranschaulichen, könnte ich beispielsweise sagen: “Ich schenkte mir “aufeinembeinkannmannichtstehenisch” nach”. Dieses Beispiel erklärt in etwa so viel, wie es verfälscht. Denn während bei uns der Gebrauch von Sprichwörtern insbesondere der Verbreitung von Platitüden dient, gehört die Beherrschung chinesischer Fertigreden ganz klar zur gehobenen Sprache, und damit gerne auch zur schriftlichen. In der Regel sind sie außerdem nicht selbsterklärend. Der alte Sai verliert ein Pferd. Kann ich sagen: “Ich schenkte mir deraltesaiverlierteinpferdisch nach?” Könnte ich. Aber ist das gut oder schlecht? Wie kam es zu dem Verlust? Und wer -zefixhallelujah- ist eigentlich dieser Sai? Es schadet nicht, die Geschichte dahinter zu kennen, wenn man ein Stück Fertigsprache korrekt verwenden möchte.

Die Geschichte geht so: Dem alten Sai entläuft sein Pferd. Alle Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Ein paar Tage später kommt das Pferd wieder. Es wird begleitet von einem anderen Pferd, bzw einem edlen Ross. Und die Nachbarn kommen und sagen: da schau her! und: da legst di nieda! Und der alte Sai sagt: Na, schaunmer mal.

Und dann reitet sein Sohn das neue, prächtige Pferd. Es wirft ihn ab und er bricht sich das Bein. Und die Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Und dann ist Krieg und alle jungen Männer werden eingezogen, aber nicht der junge Sai, denn der kann gerade nicht laufen. Und so überlebt er.

Wenn ich mir also deraltesaiverlierteinpferdisch nachschenke, könnte es sein, ich habe am nächsten Tag einen Kater und gehe deswegen nicht nach xy und mir entgeht deswegen ein Wahnsinnsgeschäft. Dass ich allerdings eh nicht abgeschlossen hätte, da just an dem Tag die S-Bahn entführt wird und alle Insassen am berlinbrandenburgischen Flughafen BER als Geiseln gehalten werden. Oder so.

Doch so ein Leben ist auch gerade jenseits der Theke voll von deraltesaiverlierteinpferdischen Ereignissen. Wenn auch nicht so dramatisch. Und auf so ein Beispiel möchte ich jetzt hinaus: Es war einmal ein Mann, der lud alle zwei Monate zu einem landesspezifischen Treffen ein und als es um Taiwan ging, schlug ich ihm vor, mich auch einzuladen und so geschah es. Ich erklärte mich außerdem einverstanden ein paar meiner Bücher als Tombolagewinne zur Verfügung zu stellen. Die Zeit war knapp, also fragte ich nicht beim Verlag nach, sondern brachte eigene (und also selbstbezahlte) mit. Das Versprechen war: Werbeeffekt bei interessiertem Publikum durch Auslegen der Bücher und durch Bewerben im Rahmen der Tombola. (Der alte Sai hat ein Pferd. Das hat er schließlich auch mal irgendwie erworben.)

Doch dann wurden die Bücher zu nah an den Takeaways der Taipehvertretung ausgelegt, so dass irgendjemand sie mutwillig für Werbegeschenke hielt. So verschwanden schon mal zwei von drei Büchern. Ohne jeglichen Werbeeffekt. So wertgeschätzt wie Billigkugelschreiber, blinkende Anstecknadeln und Werbebroschüren. Ich hatte einfach irgendwem Bücher geschenkt. Ja, dachte ich, ich hab´s ja. Man verdient mit Büchern auch so wahnsinnig viel. Hallelujah. Auch auf die werbewirksame Besprechung bei der Verlosung wartete ich vergebens. Denn es wurde spät, die Leute wollten gehen und die Preise wurden -ohne auch nur hochgehalten zu werden- schnell an die Gewinner verteilt. Ich fühlte mich nicht sonderlich gut behandelt und war sehr weit von der Haltung des alten Sai entfernt. (Das Pferd war trotzdem weg.)

Abgesehen davon lernte ich an diesem Vormittag eine Taiwanerin kennen, mit der ich mich gut verstand. Etwas später rief sie mich an, um mich mit einer Freundin, taiwanischen Bestsellerautorin, Dramaturgin etc.pp bekanntzumachen. Chen Yuhui. Oder hiesig: Jade Chen. Nach ein paar Treffen und diversen Flaschen Wein waren wir uns einig, dass ich ihr damals letztes Buch übersetzen sollte. Denn, so sagte sie, ihr sei nicht wichtig, wie gut mein Chinesisch sei, solange mein Deutsch gut wäre. (Das Pferd kam mit einem edlen Ross zurück.)

Das Nationale Literaturmuseum Taiwan erklärte sich einverstanden, dieses Projekt zu fördern, allerdings nur in Höhe der Hälfte der beantragten Summe. Und die ganze Summe wäre nicht im Bereich “Geldregen”, sondern ungefähr bei “ganz okay” angesiedelt gewesen. Es gab also die Hälfte von “ganz okay”, abzüglich pauschal 20% Einkommenssteuer in Taiwan. Das kann man nicht als Beinbruch bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um eine Art als Hauptgewinn verkleideten Genickschuss. Und passt damit gut zu meiner generellen Begabung, mir meine Arbeit durch anderweitige Arbeit zu finanzieren. (Der Sohn ist malad.)

Doch die Arbeit ist nun getan, Bein und Genick sind gewissermaßen verheilt. Und nun ist es da. Das Buch. Ein interkulturelles Pingpongspiel im Porzellanladen. Ein Sachse des 18. Jahrhunderts schreibt ein Tagebuch über seine Reise nach China, um mehr, weitere und tiefere Geheimnisse der Porzellanherstellung zu ergründen und ergründet sich letzlich vor allem selbst. Geschrieben hat dieses sächsische Tagebuch eben jene Taiwanerin. Aus Sicht des Protagonisten habe ich es gewissermaßen zurückübersetzt.

Nebenbei habe ich sehr viel über Porzellan gelernt. Die Unterschiede zwischen hartem und weichem Porzellan, Unterglasur- und Überglasurfarben, wie sich die Farbpalette für Porzellan erweitert hat und wieso Rosa in China “ausländische Farbe” hieß. Schrühbrand, Glattbrand, Dekorbrand. Insbesondere über das Porzellan der Songzeit (um 1000) könnte ich jetzt jede Menge erzählen. Seltenheit, Textur, Krakelée etc. Und inwiefern “Die Tränen des Porzellans” einen Hinweis auf dessen Echtheit bieten.  Auch habe ich erfahren, was das ganze mit Jade zu tun hat. Oder warum selbige auch schon mal mit einem toten Hund begraben wird. Die aus meiner agnostischen Sicht sonderbaren Grabenkriege der katholischen Missionsorden in China durfte ich gratis mitübersetzen. Auch eine Recherchefahrt nach Meißen habe ich mir gegönnt. (Das chinesische Pendant Jingdezhen hat die sächsische Kriegskasse dann doch nicht hergegeben.) Alles in allem kann man sagen, dass der malade Sohn im Krankenbett genug Stoff zum Nachdenken und Lesen hatte. Ist ja häufig so, dass es dazu erst einen Krankenhausaufenthalt braucht.

Und ich lebe noch. Wie dem Sai sein Sohn. Was jetzt weiter aus dem wird, kann noch niemand sagen. Und: “Schaunmer mal” würde der alte Sai jetzt sagen.

Goldrausch im Himalaya

YartsaGunbuklein_zps90aff575

Der Ort

Auf dieser wunderbaren Wanderung in Osttibet hatte jeder Tag seine eigenen Herausforderungen. An einem Tag hatte sich der Nebel auf knapp 4000 Metern zu Niederschlag verdichtet. Die Umgebung war schroff, felsig, ohne erkennbare Gemütlichkeit und wunderschön. Der Wind biss einem die Graupel direkt ins Gesicht. Die bunten Flechten wurden allmählich weiß. Aus unbekannten Gründen kriege ich in solchen Situation häufig extrem gute Laune, lache dem Graupel ins von vornherein formlose Gesicht und finde alles großartig. Als wäre mir die Natur umso freundlicher gesonnen, je feindseliger sie sich aufführt.

Es war gewissermaßen ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Und Hunde begegneten uns auch tatsächlich nicht. Aber schräg unter uns, wo noch ein paar Büsche am Hang wuchsen, wuselte es von Menschen. In einer nahezu unbewohnten Gegend bei zwiderwurzigem Wetter. Alle gebückt, augenscheinlich am Suchen. Es musste sich also lohnen. Während der nächsten Rast bei einer tibetischen Familie wurden wir aufgeklärt.

Das Wesen

Sie suchen Yartsa Gunbu, das Wunderwesen Sommergras-Winterwurm. Bei den Chinesen heißt es andersrum, aber genauso rätselhaft Dongchong Xiacao, also  Winterwurm-Sommergras. Die Bezeichnung ist allerdings inhaltlich so oder so falsch, auch wenn man beachtet, dass Gras in diesem Zusammenhang ein sehr weitgefasster Begriff ist. Denn es handelt sich um keine Pflanze, sondern einen Pilz. Auf Deutsch heißt das Wesen dann auch ganz korrekt Raupenpilz. Mittlerweile hat man sich nämlich darauf geeinigt, dass Pilze keine Pflanzen sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Pilze keine Photosynthese betreiben, sondern zwecks Energiegewinn organisches Material verstoffwechseln. Wie wir. Wie die Schnecke im Garten und der Panda im Zoo.

(Ganz nebenbei frage ich mich nun, ob manche Vegetarier aus Überzeugung keine Pilze essen.) (Und wo ich nun schon bei den Einschüben bin: Es gibt eine Schnecke -Elysia chlorotica- die kann auch Photosynthese, ist aber trotzdem ein Tier.  Eine Grenze ist eben doch weniger präzise als angenommen. Weil es so schön ist, möchte ich noch hinzufügen, dass dieses hermaphroditische Pflanzentier zu den Schlundsackschnecken gehört.)

Der Preis

Die tibetische Familie zeigte uns also eine kürzlich gesammelte Tier-Pilz-Hybride und wir erfuhren, dass sie dafür die stolze Somme von 80 Yuan (knapp 10 €) erwarten. Und dass sie in der Stadt dann vielleicht für 800 Yuan in einer hübschen Geschenkverpackung an den Endverbraucher geht.

Der Raupenpilz ist schon sehr lange ein wichtiger und nicht ganz billiger Bestandteil der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin, der nur im Himalaya auf Höhen zwischen 3000-5000 Metern vorkommt. Dort wird er aber mittlerweile in rauhen Mengen gesammelt. Es kursieren Zahlen wie 200 Tonnen (grob geschätzt 600 Mio Pilze) im Jahr, was 2007 bereits einem Wert von etwa 700 Mio € entsprochen haben soll. Es heißt, der Preis steigt pro Jahr um etwa 20%. Dann hätte sich der Umsatz bis heute mehr als verdoppelt. Da lohnt es sich kaum noch, ein Vieh auf die Weide zu stellen und das ist auch ganz gut, denn die Berge sind hoffnungslos überweidet. Für die Bergbewohner stellt der Raupenpilz mittlerweile die mit Abstand größte Quelle für Bargeld dar. Und davon können sie sich dann Fernseher, Motorrad, Schule und Krankenhausaufenthalt leisten. Abgesehen von teilweise blutigen Revierkämpfen um die Sammelgebiete, hat das Sammeln also einen Haufen Vorteile.

Der Nutzen

Die Vorteilen des Sammelns resultieren aus den Vorteilen des Raupenpilzes. Denn der ist ganz allgemein ein Tonikum, spendet Lebenskraft und wirkt dem Alterungsprozess entgegen. Natürlich und insbesondere soll er auch die Potenz stärken. Chinesische Sportler rühmen ihn außerdem schon seit den Neunzigern als erlaubtes Doping. Darüberhinaus soll er einen gewissen Nutzen in Aids- und Krebs-Therapie entfalten. Es gibt also viele Gründe, ihn als Arzneimittel zu schätzen. Sehr chinesisch ist die Sitte, so etwas nobel verpackt als Prestiggeschenk zu verwenden. Ich stelle mir gerade vor, wie hierzulande einem Geschäftsfreund bei einem Empfang ein extrem teures Aids-Medikament in Schmuckbox überreicht wird. Oder wie ich jemandem das segensreiche Pilzprodukt Penicillin oder das Allheilmittel Knoblauch in einer gülden ausgeschlagenen Schachtel zum Geburtstag schenke. Gesundheit ist schließlich ein hohes Gut.

Die Raupe

Wer ist aber dieser geheimnisvolle und prestigeträchtige Raupenpilz? Auf Latein heißt er Ophiocordyceps und hat eine ganz miese Nummer drauf. Er befällt eine im Hochland endemische Gespenstermottenlarve. Diese Raupen (Familie der Wurzelbohrer) leben unterirdisch und bohren dort familientypisch Wurzeln. Nun kommt manch angebohrter Wurzel, beispielsweise einer Windröschenwurzel, ein Pilz zur Hilfe und befällt unsere Raupe, die davon zunächst nichts merkt. Behaupte ich jetzt mal. Sonst wird es zu unangenehm. Plötzlich benimmt sich unsere Raupe jedoch frembestimmt, als hätte ihr jemand (ein Außerirdischer? Die CIA? Die NSA?) einen Chip implantiert. Und während ihre unbefallenen Artgenossen sich im Herbst auf den Weg in tiefere Tiefen machen, um dort den Himalayawinter zu überstehen, wird unsere Raupe ferngesteuert und nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche zum Stehen gebracht. Wie der Pilz (die Außerirdischen? Die CIA? Die NSA?) das anstellen, ist noch unerforscht. Gefährlich nah an der Oberfläche ist sie nun, unsere Raupe, nah an Eis- und Schnee- und Gefriergefahr. Aber keine Sorge. Sie wird nicht erfrieren.

Der Pilz

Denn vorher bringt der Pilz sie um. Sobald der Pilz unsere Raupe in die Pole-Position gebracht hat, macht er ihr den Garaus. Und verstoffwechselt alles außer ihrem Exoskelett und breitet sich selbst darin aus. Damit ist die Phase Sommerwurm beendet und die Larve der Gespenstermotte zu einer Gespensterraupe geworden. Eine untote Raupe, gefangen in der Zwischenwelt.

Im Frühjahr wächst dieser mit Mycelgespinst gefüllten Gespensterraupe ein brauner Stengel aus dem Kopf. Es ist der Fruchtkörper unseres Pilzes. (Ich wechsel jetzt mal die Partei, denn es ist doch irgendwie angenehmer auf der Seite der Überlebenden zu sein.) Dieser Fruchtkörper wächst und wächst, bis er durch den Erdboden ans Sonnenlicht stößt. Er blinzelt ein wenig, reckt und streckt sich, sieht sich um, singt “Hallelujah” und macht sich bereit seine -den Gespenstermottenlarven todbringenden- Sporen in die Welt zu streuen.

Interruptus

Bisher haben das Weidenröschen (dem der Pilz letztlich doch nicht geholfen hat) und die Raupe Schmach, Pein und/oder Tod erleiden müssen, um es unserem Pilz zu ermöglichen, seine Gene übers Hochplateau zu pusten. Doch jetzt kommt der Mensch ins Spiel, denn das ganze Gebilde ist mehr wert, wenn es noch schön fest ist, also bevor der Pilz sein ganzes Pulver verschossen hat. Er wird samt Raupe ausgegraben und endet nach einem Zwischenstopp in einer Geschenkverpackung vielleicht in einer Schnapsflasche oder als Hühnchenfüllung.

Die feindliche Raupenübernahme findet nun schon seit Tausenden von Jahren statt und hat der Population der Gespenstermotte nicht wesentlich geschadet. Wie allerdings die massive Jagd auf den Raupenpilz sich auf diesen auswirkt, bleibt abzuwarten. Währenddessen entstehen in den tibetischen Tälern zum Teil pompöse Neubauten, die erst noch wie eine Gespensterraupe mit Leben gefüllt werden müssen.

Und die bucklige Verwandtschaft

Natürlich ist der Raupenpilz nicht der einzig parasitierende Pilz. Alle seine Brüder und Schwester, Onkeln und Tanten, Kinder, Neffen und Nichten, Cousinen fünften Grades und Großväter bis ins siebte Glied namens Cordyceps suchen sich einen Wirt, den sie sich selbst als Gulasch zubereiten lassen.

Mahlzeit.

P.S: Wer sich dafür interessiert, was Kakerlaken für Blüten treiben können, sei dieser Link empfohlen.

Shangrila

Shangrilaklein_zps90ab6348

Letztens kam ich in Osttibet zweimal im Paradies vorbei. Das Paradies meint in diesem Fall Shangrila und Osttibet meint in diesem Fall tibetische Gebiete, die östlich von der “autonomen Region Tibet” liegen und verwaltungsrechtlich zu den Provinzen Yunnan und Sichuan gehören. Tiefe, unzugängliche Täler, die früher jeweils von eigenen Fürsten regiert wurden und sich weder für China, noch den Dalai Lama auf seinem Hochplateau sonderlich interessiert hatten. Eine Wanderung (hier ein paar wenige Fotoeindrücke) durch dieses Gelände, die quasi die Hochebene mit der Tiefebene verbindet,  gestaltet sich entsprechend: es geht sehr lange bergauf, dann geht es wieder sehr lange bergab und dann wieder sehr lange bergauf. Undsoweiter undsofort. Nur wenige Leute sind unterwegs und man muss schon eine Weile laufen, bis man einen ebenen Platz findet, auf dem man sein Zelt aufschlagen kann.

Trotz der Nähe zu gleich mehreren Paradiesen hatten wir ein paar Kommunikationsprobleme, obwohl gegenseitiges Verständnis doch ein paradiesisches Wesensmerkmal ist. Wir waren drei Deutsche, nämlich H, B und ich, eine chinesische Touristin M und  ein Ehepaar der Pumi-Minderheit als Menschen- und Maultierführer. Eigentlich waren wir (im Sinne “wir Deutschen”) sprachlich ganz gut aufgestellt. H spricht fließend Chinesisch, ich immerhin stockend und auch B konnte sich verständigen. Doch das half nichts, denn der Pumi redete nunmal nicht gern. Gar nicht. Zuhören fand er auch eher anstrengend und Fragen beantwortete er nur im Notfall. Und zwar so unergiebig, dass wir das Fragen fragen einstellten. So dass wir nicht einmal seinen Namen wissen. Die Pumi-Führerin wiederum wirkte wesentlich kommunikativer, sprach aber dummerweise kein Chinesisch. Und wie es der Teufel will, konnte von uns vier Touristen niemand die Sprache einer Minderheit, die etwa 40.000 Personen umfasst. So blieb uns in sprachlicher Hinsicht nicht viel mehr, als zu lachen, wenn sie uns hin und wieder mit den gleichen Worten wie ihre Maulesel antrieb.

Der Chinesin waren sowohl das sprachliche Unvermögen von der Pumi, als auch die Unergiebigkeit von dem Pumi völlig gleichgültig. Unverdrossen quasselte sie auf sie ein und bombardierte ihn mit Fragen nach dem Weg und nach dem Wetter. Er antwortete so was wie, “ja, morgen müssen wir wieder laufen” und “wie das Wetter wird, werden wir sehen”. Oder gar nicht. Auch sonst hatte sie eine Neigung zu schwer zu beantwortenden Fragen. Zum Beispiel: “Isst man in Deutschland auch Aubergine?” “Ja.” “Und wie wird sie zubereitet?” Niemand antwortet. “Kocht ihr denn selber?” Wir nicken. “Also wie wird sie zubereitet?” Auch hier blieb M wieder ohne konkrete Antwort. Schließlich kann man Aubergine kochen, braten, backen, einlegen, grillen etc. Niemand brachte es über sich, the one and only Zubereitungsart für Auberginen zu postulieren. Vermutlich wird M die Reise als die Reise der unbeantworteten Fragen in Erinnerung bleiben.

Das klingt jetzt natürlich alles ganz schrecklich, aber auf eher vegetativer Ebene haben wir uns sehr gut verstanden. Alle hielten durch. Niemand wurde höhenkrank. Es gab praktisch kein Gequengel. Zwar hatten alle außer der Pumi mal ihre komischen fünf Minuten, aber das war´s dann auch schon. Tagsüber fehlte wegen der Höhe und der Anstrengung meist die Puste zum Gespräch und abends war es in der Regel zu kalt für längeren Austausch. So war alles tatsächlich harmonisch. Wenn wir alle sechs zusammen einen Strandurlaub gemacht hätten, wäre das vielleicht anders gewesen, aber so war alles wunderbar. In der Nähe der Paradiese eben.

Denn in dieser weltabgeschiedenen Gegend wurde also Shangrila vermutet. Beziehungsweise mittlerweile nicht mehr vermutet, sondern auch gefunden. Gleich zweimal. Jetzt muss man wissen, dass Shangrila die Erfindung eines britischen Romanautors ist. In seinem Roman “Irgendwo in Tibet” von 1933 beschreibt er Shangrila, einen utopischen, geheimen, paradiesischen Ort, an dem Weise aus aller Welt sich mehr oder weniger freiwillig versammeln. Vermutlich hat sich Hilton vom verborgenen Königreich Shambala der Buddhisten inspirieren lassen. Wieso jetzt das von einem Engländer im 20. Jahrhundert erfundene Paradies gefunden wurde und zur Namensgebung zweier Orte in China geführt hat, ist bizarr. Aber egal ob Shambala oder Shangrila oder Shanderosa, beziehungsweise Xianggelila, wie die Chinesen Shangrila phonetisch umsetzen, ist doch der entscheidende Punkt, dass die Orte im Verborgenen liegen. Es sind utopische Orte und Utopie heißt “Nicht-Ort”.

Der eine Nichtort liegt nunmehr in der Provinz Sichuan und besteht praktisch nur aus Neubauten in einem tibetoesken Stil. Er liegt am Eingang eines kostenpflichtigen Naturschutzgebietes. Ein Tal für das man Eintritt zahlt, in dem man auf einer Privatstraße zig Kilometer dorthin gefahren wird, wo man dann in schönster Landschaft herumlaufen kann. Oder eben wie wir am Ende einer längeren Wanderung dort herauskommt. Wir haben in Shangrila gut gegessen, ein bequemes Bett gehabt und nach über einer Woche Extremwandern mal wieder geduscht. Vielleicht ist das das Paradies?

Wir fuhren weiter ins Shangrila in der Provinz Yunnan. Auf den Tickets im Umsteigeort Daocheng gab nur der Preis Aufschluss, ob man in das eine, oder das andere Paradies fahren wollte. Denn beide Orte erheben den Anspruch der wahre und einzige Nichtort zu sein. Ich finde das dem Nichtort Shangrila durchaus angemessen. Das Shangrila in Yunnan hieß früher Zhongdian und war sicher noch etwas sehenswerter, bevor diesen Winter ein Drittel der Altstadt abbrannte. Vermutlich handelte es sich um einen warmen Abriss, denn es soll wundersamerweise niemand verletzt worden sein. Das ist in diesem wenig paradiesischen Drama immerhin eine gute Nachricht.

Vielleicht ist das Paradies ein Hotpotessen mit Freunden?

Konsequent gedacht, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Überall ist Shangrila. Das ist jetzt natürlich eine Binsenweisheit. Aber vielleicht sollte man den philosophischen Gedanken darin aufnehmen und alle Orte, egal wie verbaut, verrottet, zerrüttet, verbrannt, gentrifiziert und gebeutelt sie auch sein mögen, Shangrila nennen. “Ich fahr nächste Woche nach Shangrila, kommst du mit?” “Oh, ich kann leider nicht. Ich habe einen Termin in Shangrila.” Das würde Geograsthenikern wie mir, die ohnehin nie wissen wo welcher Ort ist, sehr entgegenkommen und die nonverbale Kommunikation würde erheblich an Bedeutung gewinnen. Wie auf unserer Wanderung. Man müsste hinspüren, welches Shangrila der andere wohl meint. Tel Aviv-Shangrila, Düsseldorf-Shangrila oder Zwieselemotte-Shangrila.

Kopflos

hasenkopfklein_zps29eed8c9

Es war einmal ein wunderschöner Garten, der so groß war, dass er kaum zu durchschreiten war. Sprich: größer als das Tempelhofer Feld. Geschwungene Wege verbanden Pavillone, Prunk- und Amüsiergebäude. Er war gesprenkelt mit Seen und durchzogen von Wasserläufen.

Niemand wollte ihn durchschreiten, denn die Wege führten zu immer neuen Ausblicken, Boote fuhren durch Teiche voller Lotos zu entrückten Inseln. Ein Ort um sich zu verlieren, nicht um ihn zu durchschreiten.

Victor Hugo beschrieb ihn ungesehen so: “Erbauen Sie einen Traum aus Marmor, aus Jade und Bronze, aus Porzellan, geben Sie ihm Balken aus Zedernholz, bedecken Sie ihn mit Edelsteinen, verkleiden Sie ihn mit Seide, richten Sie hier eine heilige Stätte ein, dort einen Harem, dort eine Zitadelle, setzen hier Götter hin, dort Ungeheuer, lackieren, emaillieren, vergolden, dekorieren Sie ihn, lassen Sie von Architekten, die Dichter sein sollten, die tausendundeinen Traum aus Tausendundeinernacht errichten, fügen Sie Gärten hinzu, Wasserbecken, Fontänen von Wasser und Gischt, Schwäne, Ibisse, Pfaue (…)”

Für die meisten war es eh verboten ihn zu durchschreiten, denn es war der Yuanmingyuan, der alte Sommerpalast der Qing-Kaiser. Er war außerhalb von Beijing gelegen und wurde seit 1709 über Jahrzehnte hinweg angelegt. Der Kaiser, seine Familie, sein Hofstaat kamen hinein, auch ein paar Künstler und Handwerker, wobei letzteren kaum gestattet war, sich in den Gefilden zu ergehen.

In diesem Garten gab es auch ein europäischen Bereich, der gewissermaßen die Chinoiserien Europas spiegelte. Inmitten des aneuropäisierten Gebäudeensembles stand eine Wasseruhr. Sie bestand aus zwölf Figuren mit Menschenkörpern und den Tierköpfen aus dem chinesischen Tierkreis. Diese Köpfe spieen zu den Uhrzeiten, die den jeweiligen Tieren zugeordnet waren Wasser. Jeder zwei Stunden lang. Denn eine chinesische Stunde war zwei Stunden lang.

Seit ich im Zuge meiner Übersetzung eines Romans, der sehr viel im Yuanmingyuan spielt, auf sie gestoßen bin, verfolgen mich diese Köpfe. Denn aus irgendeinem Grund hängt sich ein gewisser chinesischer Patriotismus ausgerechnet an diesen bronzenen Tierköpfen auf.

Es geht dabei um Traumabewältigung, weil die Westmächte 1860 im Zuge des zweiten Opiumkrieges fanden, dass China eins auf den Deckel brauchte. China hatte sich gegen eine Kolonialisierung durch zwangsweise Öffnung von Handelshäfen und Überschwemmung des Landes mit Opium gesperrt. Das gehörte bestraft. Und zwar gründlich. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder Hinz, Kunz und Li auf seiner Souveränität bestünde und die Annahme von drogen verweigerte! Frankreich und England setzten zum Todesstoß an: der Sommerpalast, gewissermaßen das Herz der Macht Chinas wurde aufgebrochen, geplündert und gebrandschatzt. Auch die Tierköpfe wurden im Zuge dessen gestohlen und in der Welt verstreut.

(Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass in der kurzen Periode europäischer Zerstörung und Plünderung nur ein sehr kleiner Teil der Anlage daran glauben musste. Den Rest erledigten über die Jahrzehnte chinesische Plünderer, bzw benachbarte Bauern. Das ändert zwar nichts grundsätzlich an der Schandtat, aber man sollte Propaganda entgegentreten, wo sie auch auftaucht.)

Natürlich ist Beute- und Raubkunst oder sonst mal irgendwann ausgeführte Kunst ein schwieriges Thema. Das kennen wir hierzulande nun wirklich in alle Richtungen. Nofretete sitzt auf ihrem Sockel, Gurlitt und die Staatsanwaltschaft auf einem Bilderschatz, so manch freundlicher Bürger unter französischen Gobelins unklarer Herkunft und benutzt dabei Silber, das irgendwann so unverschämt billig war. Der Volksmund vermutet im gesprengten Privatbunker von Ribbentrop noch immer unbeschreibliche Reichtümer. Der Schatz des Priamos wanderte von der Türkei nach Deutschland nach Russland. Beim Bernsteinzimmer wurde der Satz “geschenkt ist geschenkt und wiederholen ist gestohlen” nicht beachtet und nun ist es verschollen. Dem Verschellen zum Trotz wurde es wieder aufgebaut. Ist es dadurch eigentlich wieder da? Ist reines Alter, ist reines Originalsein der entscheidende Wert? Und worin besteht jetzt der Unterschied?

Sicher ist, dass es sich bei der Mitnahme der Tierköpfe nicht um das Ergebnis einer archäologischen Ausgrabung handelte, sie nicht gekauft wurden und es auch sonst keine Rechtfertigung dafür gab, sie einfach einzustecken. Das gilt auch für alles andere, das aus dem Sommerpalast verschwand. Die Rückforderung ist also nicht gänzlich neben der Sache. Bizarr ist allerdings, dass sich ausgerechnet an diesen Köpfen ein glühender Nationalstolz entzündet.

Die Köpfe stammen aus der Qing-Dynastie, die nicht nur die jüngste aller chinesischen Dynastien ist, sondern auch kulturell eher durchwachsen war. Eine Art China-Barock, Opulenz und Fülle, mehr desselben und noch eins drauf. Außerdem waren die Herrscher keine Han-Chinesen, sondern Mandschu. Aber gut, auch der Mandschure darf Chinese sein. Die Tierköpfe wurden im 18. Jahrhundert von dem Italiener Giuseppe Castiglione entworfen und die Pneumatik vom Franzosen Michel Benoist konstruiert. Wieso wird ausgerechnet eine multikulturelle Spielerei zum Nationalsymbol? Die Köpfe erzielen pro Schnauze Millionen auf Auktionen. Als Vehikel für die Nation? Als könnte diese nur ganz sein, wenn alle 12 Köpfe wieder im Land sind.

Es sind sicher interessante Bronzearbeiten. Insbesondere in kulturhistorischer Hinsicht. So sieht der Tiger beispielsweise wie ein Bär aus. Vermutlich war dieser für die Herren Europäer das wildeste und gefährlichste aller Tiere, das sie kannten. Dann muss ein Tiger ja so ähnlich aussehen.

Im Jahr 2000 wurden der Affe (15-17:00 Uhr) und der Ochse (1-3:00 Uhr) von einem Museum in Beijing ersteigert. Schließlich kam der Tiger dazu. Und ein Casinofürst aus Macao erwarb Schwein und Pferd, um sie ganz patriotisch nach Beijing zu spenden. Als 2009 mit dem Nachlass von Yves St-Laurent die Ratte und der Hase auftauchten und bei Christie´s versteigert werden sollten, protestierte die chinesische Regierung scharf und verlangte, dass die beiden Viecher zurückgegeben werden. Doch Christie´s scherte sich nicht darum. Ein zunächst anonymer Bieter bekam schließlich für 18Mio $/Kopf den Zuschlag. Der Bieter entpuppte sich ebenfalls als chinesischer Patriot und weigerte sich, zu zahlen. Damit war die Versteigerung gescheitert.

Schließlich schenkten die Pinaults, denen Christie´s gehört, die zwei Köpfe China. Und dürfen dafür dort Auktionshäuser betreiben. Nationalstolz als Opium fürs Volk und Öffnung von Handelshäusern. Die Länder haben sich angenähert.

Fünf Köpfe, nämlich der Drache (wird in Taiwan vermutet), die Schlange, die Ziege, der Hahn und der Hund bleiben verschollen. Doch wurden sie in letzter Zeit auf sehr verschiedene Art aus der Versenkung geholt. So hat Jackie Chan, der ohnehin nicht für subtiles Arthouse-Kino bekannt ist, eine extrem dämliche Action-Komödie über die Tierköpfe und sein Ego gedreht. Wenig überraschend ist er der Held, der schließlich unter Einsatz seines Lebens alle fehlenden Köpfe nach China bringt. Im Showdown geht es dann um den Drachenkopf. Eh klar.

Auch Ai Weiwei hat die Köpfe nachgebaut und übergroß in NY und normalgroß, aber goldüberzogen in Berlin ausgestellt. Allerdings eher mit der Intention über echt und falsch und über Nationalstolz nachzudenken.

Wie die fünf fehlenden Köpfe genau aussehen, ist nicht bekannt. Sowohl die von Jackie Chan, als auch die von Ai Weiwei sind vermutlich auf der Grundlage von zeitgenössischen Radierungen angefertigt worden, auf denen ganz winzig die Tierköpfe gerade noch zu erkennen sind. Bei Fiktion und Kunst ist das natürlich erlaubt. Für mich sehen diese nachgebildeten Tierköpfe heutig aus. Es ist vielleicht nicht möglich, sich in die Welt eines nach China emigrierten Italieners um 1800 zu versetzen. Wie der sich einen Drachen vorstellte. Oder noch viel mehr (denn von Drachenabbildungen war er ja überall im Palast umgeben) so vertraute Tiere wie eine Ziege, einen Hund oder einen Hahn.

Sehr amüsant sind in diesem Zusammenhang die angeblich originalen Nachbildungen (weder Fiktion noch Kunst), die im Internet und in Museumsshops so vertrieben werden. Keine gleicht der anderen. Und seit der Hasenkopf wiederaufgetaucht ist, kann man gut sehen, dass das Wort “original” hier ganz speziell ausgelegt wurde.

Himmlische Ereignisse

selfieklein_zpsf5eb4766

Wie es aussieht, stecken wir gerade mal wieder in einer eher pubertären Politikphase. Das verheißt nichts Gutes. So wie der testosterongesteuerte Jungmann auf der Warschauer Brücke in Berlin gerne anlasslos zum Messer greift, nähert sich der offenbar ähnlich hormonell gebeutelte Politplatzhirsch irgendwelchen roten Knöpfen.

Auch im Kleineren lässt sich das beobachten. Es fängt gerne ganz harmlos an. So hat China  letztes Jahr das Raumschiff Chang´e ins All geschossen. Damit wollten sie nach der Sowjetunion und den USA als dritte Nation auf dem Mond landen. Diese -vermutlich nicht ganz billige- Aktion, hat keinerlei wissenschaftlichen oder sonstigen Nutzen. Aber dass ich das so schreibe, deutet letztlich nur auf einen Testosteronmangel meinerseits hin. Denn der Sinn besteht natürlich darin, “I was here” in die Ecke zu pinkeln.

Schön, wenn das erledigt ist.

Eulen nach Athen tragen

Diese doch etwas plumpe Mission wurde auf sehr chinesische Art kulturell ummantelt. Denn das Raumschiff Chang´e wurde mit dem Jadehasen bestückt, der den Mond bewandern soll. Dazu muss man wissen, dass Chang´e die Mondgöttin ist und auch der Jadehase schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden auf dem Mond lebt. Dort mörsert er unermüdlich das Kraut der Unsterblichkeit, was man in Vollmondnächten gut sehen kann. Schon immer sozusagen. Das Kraut der Unsterblichkeit verträgt lange Zeiträume. Und vermutlich haben sowohl der Jadehase als auch die Mondgöttin schon millionenfach “I was here” in alle nur erdenklichen Ecken gepinkelt.

Nun haben die Chinesen die Mondgöttin noch mal hochgeschossen, um den Jadehasen dort erneut auszusetzen. Das ist Zen. Oder Chan, wie es ursprünglich und auf Chinesisch heißt. Du bist der Pfeil, das Ziel, der Bogen und ohnehin eigentlich schon im Schwarzen. Das kann nicht schiefgehen, weil es bereits wahr ist. Und nun kann sich der Jadehase als zentnerschwerer, mit rotem, gelbbesterntem Fähnchen geschmückter Edelschrotthaufen in alle Mondecken, -trichter und -krater erleichtern. Weil er es kann. Das ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Russen immer ganz weit vorne

Doch nicht nur auf dem Mond tobt dieser herrliche, dieser unendlich olympionikisch zu nennende Wettbewerb edler Jünglinge, die mit nacktem Oberkörper auf Bären und Hirschen reiten und der da lautet: Wer hat den Längeren?

Aus den zahlreichen hervorragenden Beispielen, die in die Kriegsgeschichte und Kriminalstatistik eingegangen sind, möchte ich auf ein ganz und gar sublimes, quasi vergeistigtes Ereignis eingehen. Denn ausgerechnet an chinesisch Neujahr haben zwei Russen ungesichert die Baustelle des höchsten Wolkenkratzers in Shanghai, den Shanghai-Tower (zweithöchstes Gebäude nach dem Burj Kalifa) bestiegen und sich dabei gefilmt. Auf 650 Meter Höhe stellten sie sich ohne Seil und doppelten Boden an und über Abgrundkanten, Abgrundstreben und Abgrundabgründe. Der Aufstieg soll etwa zwei Stunden gedauert haben. Dann blieben sie noch circa 18 Stunden oben, um auf besseres Wetter zu warten. Für die Fotos und Filme, die ein wirkliches Duftmarkenereignis erst generieren.

Der Zeitpunkt war gut gewählt, da sich in China an chinesisch Neujahr praktisch alle ins Private zurückziehen. Vergleichbar dem hiesigen heiligen Abend. Abgesehen von den Selfies und Filmen aus Höhen, die als schwindelerregend nur völlig unzureichend beschrieben sind, haben sie vermutlich ihre Pissmarken in die Shanghaier Luft gesetzt. Das schmeckt einem Chinesen der für derlei Gegockel empfänglich ist natürlich nicht.

Chinesen hinterher!

Die Antwort folgte prompt. Also mittelprompt. Nur wenige Wochen danach zogen zwei Chinesen nach.

Ich frage mich jetzt, ob als nächstes zwei US-Amerikaner versuchen, diese Baustelle zu besteigen. Aber letztlich bezweifle ich es, denn damit würden sie ganz offen vom Mondlandungsplatz 2 auf Wolkenkratzerbesteigungsplatz 3 rutschen. Das können sie nicht wollen. Außerdem frage ich mich, ob die Sicherheitsfirmen, die diese Baustelle eigentlich bewachen sollen, wegen wiederholter Nachlässigkeit entlassen, oder wegen Patriotismus eine Gehaltserhöhung bekommen.

Mal ganz abgesehen davon, dass ich als Höhenängstliche nicht im geringsten versucht bin es ihnen gleich zu tun, bleibt doch die Frage: was bitte schön ist das Besondere daran? Denn eins muss man wissen: auch das zweithöchste Gebäude der Welt baut sich nicht von allein. Und nicht Jadehasenroboter bauen diese Häuser, sondern Menschen. Jeden Tag besteigen Arbeiter dieses Monstrum von Gebäude und schrauben daran herum. Oder bleiben gleich die ganze Arbeitswoche oben. Würde man einem dieser Arbeiter eine Kamera in die Hand drücken, würde auch er spektakuläre Bilder damit machen. Und selbst wenn unwahrscheinlicherweise Vietnamesen, Russen oder gar Japaner darunter wären, würde es niemanden jucken. Nicht einmal wenn sie in den Shanghaier Himmel pinkeln.

Dass die beiden Chinesen nicht die ersten unbefugten Hausbesteiger waren, rechtfertigten sie damit, dass China eine Nachahmerkultur sei. Sie haben also quasi gewartet, dass ihnen jemand zuvor kommt, um ein noch chinesischeres Ereignis daraus zu machen. Glückwunsch für so viel Geduld!

Immerhin haben sie zehn Minuten weniger für den Aufstieg gebraucht, als die Russen. Und zehn Minuten länger für die Besteigung eines windumtosten Krans oben auf der babylonischen Baustelle. Oder doch nur 5 Minuten länger? Hat der Jadehase diese Daten vom Mond aus gesammelt? Und wer pinkelt am schnellsten? Oder am weitesten? Chinesen? Russen? Amerikaner? Deutsche? Nigerianer? Laoten? Tschetschenen? Inder? Portugiesen? Peruaner? Usbeken? Zefixhalleluja, bin ich müde.

Gepflegte Unterhaltung

Fluegelklein_zps24dffe24

Die Einladung

Ende Januar bekam ich eine sehr vage formulierte Email von der Taipeh-Vertretung in der BRD. Darin hieß es, dass die Frau Botschafterin sich beehrt, mich als ehemalige Taiwan-Stipendiatin zum Neujahrsbuffet einzuladen. Namentlich gab sich kein Absender zu erkennen, aber um Antwort wurde gebeten.

Wenn die Botschaft qua Repräsentant einlädt, tut sie das normalerweise auf Büttenpapier per Schneckenpost zu einem Handschüttelereignis. Das hier war also anders. Auch fragte ich mich, wie viele Exstipendiaten denn bitte gerade in Berlin sein mögen? Sonderbar war auch die Adresse in Grunewald (Stadtrand), denn schließlich befindet sich die Taipeh-Vertretung am Gendarmenmarkt (Mitte). Was um alles in der Welt sollte das für eine Veranstaltung werden?

Natürlich sagte ich zu.

Neugierig wackelte ich Sonntag Mittag zur angegebenen Adresse. Doch die Realität ist brüchig, wenn man sie mit niemandem teilt. War ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Hatte es die Einladung überhaupt gegeben? Vor der herrschaftlichen Villa zögerte ich kurz, denn nichts ließ auf eine öffentliche oder semiöffentliche Veranstaltung schließen. Ich wollte nur ungern sonntagmittags bei mir völlig unbekannten Leuten klingeln und nach einem Buffet fragen. Nachher meinen die Leute noch, sie müssten mich zum Sonntagsbraten einladen. Glücklicherweise fegte jemand die Treppe. Durch´s schmiedeeiserne Tor fragte ich also nach der Taipeh-Vertretung und bekam ein eifriges Nicken zur Antwort. Mir wurde aufgetan.

Die Gesellschaft

Im Flur nahmen mich etwa vier taiwanische Herren im Anzug in Empfang und überschlugen sich, mir die Garderobe zu zeigen, den Weg in die gute Stube zu ebnen und einen Stuhl zu besorgen. Mir zu sagen, wo ich ein Getränk bekomme, einen anderen Stuhl zu besorgen, diesen Platz ebenfalls wieder für unangebracht zu halten und mir schließlich einen weiteren Platz zuzuweisen. Herr Gu, den ich schon vor Jahren kennengelernt hatte, war auch dabei. Ein bekanntes Gesicht. Wir freuten uns.

Schließlich begrüßte mich Frau Chen Huayu (oder auch Chen Hwa-Yue), die seit Sommer letzten Jahres neue Botschafterin Taiwans in Berlin. Für die deutsche Anrede hatte sie sich vor vielen Jahren für den schönen Namen Agnes entschieden und ich fragte mich, ob sie sich selbst Angnes oder Agnes ausspricht. Langsam verstand ich, auf was für einer Art Veranstaltung ich gelandet war. Die Botschafterin Agnes Chen hatte gar nicht pro forma eingeladen, sondern tatsächlich. Zu sich nach Hause. Die Einladung war ganz wörtlich zu verstehen gewesen. Damit rechnet man doch nicht.

Und so saß ein Sammelsurium unterschiedlichster Leute um ihren Wohnzimmertisch herum. Außer mir noch zwei andere Regierungsstipendiat_innen, ein paar taiwanische Student_innen, ein Taiwandeutscher in zweiter Generation, Leute von der Botschaft, zwei von der Stadt Berlin, Ehemann und Tochter der Botschafterin, eine Frau mit taiwanischer Mutter und deutschem Vater.

Frau Chen stellte sich, ihre Familie, ihre letzten und ihre geplanten Aktivitäten vor und ermunterte dann ihre Gäste, es ihr gleichzutun. Das ging natürlich nicht ohne Scherze und viele Neujahrsglückwünsche ab. Auch das Bonmot: “das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde” wurde bemüht. Frau Chen ist sozial und persönlich fraglos eine immense Verbesserung gegenüber ihrem Vorgänger. Das ist zwar keine Kunst, aber sie macht eine daraus. Voller Ideen und Kontaktfreude.

Apfel und Birne

Frau Chen wurde von der seit 2008 wieder regierenden Guomindang entsandt. Diese Regierung hat den unbestreitbaren Vorteil, dass das Säbelgerassel zwischen China und Taiwan leiser geworden ist.

Die Volksrepublik China vertritt die Auffassung, dass es sich bei Taiwan um eine abtrünnige Provinz handelt. Die Guomindang, also die Nationalpartei auf Taiwan spiegelt das. Sie sagen, dass auf Taiwan die Republik China regiert, die ihren eigentlichen Sitz in Nanjing (auf dem Festland) hat und dort unrechtmäßig von den Kommunisten 1949 vertrieben wurde. Es handelt sich also um eine Art Exilregierung, die international ab den 1970er Jahren desto weniger anerkannt wurde, als die VR China an wirtschaftlicher und im Zuge dessen politischer Bedeutung gewann. Einigkeit besteht bei beiden Regierungen also über den Umfang Chinas, egal ob als Volksrepublik oder als Republik. Diese rein äußerliche Übereinstimmung scheint mittlerweile für Friede-Freude-Eierkuchen auszureichen. Ob die einen sagen: “es ist eine Birne!”, und die anderen: “es ist ein Apfel!” spielt keine Rolle.

Die Fortschrittspartei, die von 2000-2008 regierte, fand allerdings, dass die Republik nicht auf, sondern in Taiwan unabhängig geworden war. Dass es einen Apfel und eine Birne, mithin zwei Obste gibt. Wobei das zweite Obst keinerlei Ansprüche auf das erste erhebt. Nach der Wiederwahl der Fortschrittspartei wurden die Rufe nach der Erklärung eines Zweitobstes lauter. Umgehend zeigte die VR nicht nur die Zähne, sondern entsicherte auch die Waffen. Sprich, im Jahre 2005 verabschiedete die VR China das Anti-Abspaltungsgesetz, das militärische Schritte gegen Taiwan vorsah, sobald sich dieses formell für unabhängig erklärte. “Apfel oder Birne” heißt also Frieden. “Apfel und Birne” Krieg. Auch eine sehr brüchige Realität und keine wirklich gute Voraussetzung für eine freie Entscheidung.

Die Spielregeln

Die Fortschrittspartei sah sich also zur Politik der fünf Neins gezwungen. (Man beachte diese bizarre chinesische Begeisterung für Bezifferungen.) Das war der Deal. Die VR China bedroht Taiwan nicht akut militärisch und dafür hält sich Taiwan an die fünf Spielregeln:
Taiwan…

  • erklärt sich nicht für unabhängig
  • ändert nicht den Staatsnamen (zB in Republik Taiwan)
  • schreibt nichts in die Verfassung, was die Beziehungen zur Volksrepublik als „zwischenstaatlich“ bezeichnet
  • hält kein Referendum über die Änderung des Status quo ab
  • ändert nicht die Richtlinie der Wiedervereinigung.

Bei uns merkt man das dann an so Sonderbarkeiten, dass Taiwan an den Olympiaden als “Chinesisch Taipeh” antritt. Übrigens seit 1984 sogar regelmäßig bei den Winterspielen. Diesmal mit drei Athleten. Allerdings medaillenlos.

Was nun?

Nun ist die Vermeidung von Krieg grundsätzlich und bei so ungleichen Voraussetzungen insbesondere, unbedingt wünschenswert. Aber bitte was soll der Unsinn? Seit 1949 gehen beide Länder getrennte Wege. Die Generation, die auf dem Festland geboren wurde, stellte immer nur einen Anteil der Bevölkerung und stirbt langsam aber sicher aus. Warum sollen es nicht de jure zwei Länder sein, was sie de facto schon so lange sind? (Eine Frage, die ich mir und anderen vor über 25 Jahren auch häufig bezüglich DDR und BRD stellte. Das macht mich jetzt natürlich unsicher.)

Also kein Krieg. Aber Schmusekurs? Die ganz praktische Befürchtung ist, dass die VR China durch diese Schulterklopfpolitik die Gelegenheit bekommt, in Taiwan ungebremst ihre Interessen durchzusetzen. Das ist die Kehrseite dieser großen Entspannung und der immer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung der beiden Länder. Und die Größenverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: 1,3 Mrd gegenüber 23 Mio Menschen. Also im Apfel leben mehr als 50 Mal so viele Menschen und er ist auch 260 Mal so groß, wie die Birne. Ein Manga-Superapfel gegen eine Bonsaibirne.

Das größte Problem ist natürlich, dass nur ganze 22 Staaten noch diplomatische Beziehungen zu Taiwan als Republik China unterhalten. Zum Beispiel Swasiland und Tuvalu. Denn das bedeutet, keine diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik zu unterhalten. Wir versuchen das auf sehr bescheidene Art wett zu machen und genießen das Buffet der Frau Botschafterin, die apfel-birnen-technisch eigentlich Repräsentantin der Taipeh-Vertretung heißt.

Kulinarisch und Kultur

Am Buffet gab es zwar weder Äpfel noch Birnen, aber jede Menge andere Köstlichkeiten. Unter anderem Jiaozi, diesen Teigtaschen, die zu Neujahr unbedingt gegessen werden müssen und Niangao, ein Klebreiskuchen, dessen Name als Klebkuchen oder aber auch sinngemäß als “im neuen Jahr wird´s besser” verstanden werden kann.

Es folgte ein entspanntes Geplauder, in dem ich allerlei erfuhr. Zum Beispiel etwas über die Notfallpläne der Stadt Berlin. Es ist schön, dass sich andere darüber Gedanken machen, was passiert, wenn in der Stadt der Strom ausfällt. Was für ein Glück die alten Wasserpumpen darstellen. (Wo ist eigentlich meine nächste?) Dass das Gas mit genug Druck durch die Pipelines kommt und nicht auf Pumpen angewiesen ist. Aber dass zum Beispiel im ganzen Stadtgebiet nur drei Tankstellen einen Anschluss für ein Notstromaggregat haben.Vom Aggregat selber mal ganz abgesehen.

Schließlich erklingt “Für Elise” vom Flügel im Salon. Ein Mitarbeiter der Taipeh-Vertretung läutet den kulturell gepflegten Teil des Nachmittags ein. Es übernimmt spontan ein taiwanischer Kompositionsstudent der Hanns-Eisler-Hochschule für Musik zusammen mit einer Anwärterin auf ein Gesangsstudium an der UdK. Nach einem Neujahrslied zum Mitsingen folgen Schubertlieder, die der Komponist in spe mal eben so vom Blatt spielt. Schließlich überzeugen wir ihn, noch ein Solo folgen zu lassen. Leider will er keine Eigenkomposition zum Besten geben, sondern entscheidet sich für Liszt.  Es ist alles ganz wunderbar. Und ich fühle mich so neunzehntes Jahrhundert.

Steckenpferd

pferdklein_zps374d392b

Es liegt ja nahe, etwas über den chinesischen Jahreswechsel zu schreiben. Denn das Jahr des Pferdes hat just am 30.1.2014 begonnen. Nun hatte ich mich durch das Netz gekramt und verschiedene Prophezeiungen, Charakterisierungen und Aussichten für das Jahr herausgeschrieben. Anschließend habe ich den Zettel verlegt. Ich habe überall danach gesucht. Auch ein beherztes Ausschütten und Durchwühlen meines Papierkorbes änderte daran nichts. Der Zettel und mit ihm seine ganzen Erkenntnisse sind weg.

Vergallopiert

Das fühlt sich in etwa so an, als sei ich vorwärtsgestürmt, um dann plötzlich nicht mehr zu wissen, wo ich hinwollte und warum eigentlich so eilig. In so einer Situation fängt man dann gerne mal an, sich die Schuhe zu binden, oder in der Tasche zu kramen, damit es keiner merkt. Obwohl es allen anderen fürchterlich egal ist, dass man sich vergalloppiert hat. Vielleicht wird so ja das Pferdejahr. Ich weiß es nicht, denn ich habe ja den Zettel verbaselt und um nochmal von vorne anzufangen fehlt es mir ganz pferdisch an Geduld.

Ich brauche jetzt also im übertragenen Sinne eine Übersprungshandlung, ein Übersprungsthema gewissermaßen. Es wird das Jahr des Holzpferdes, also ein Steckenpferd, ein Schaukelpferd oder ein Danaergeschenk in Form eines trojanischen Pferdes? Wer oder was wird herausspringen?

Schritt für Schritt

Da kommt mir einer der berühmtesten Pferdemaler Chinas, Lang Shimin, gerade recht. Hierzulande ist er besser unter seinem Geburtsnamen Giuseppe Castiglione bekannt. Er war Jesuit, Missionar und Maler am Hof dreier chinesischer Kaiser. Ein Mann mit einer Mission, ein fleischgewordenes trojanisches Pferd. Denn im Gewand des Malers sollte Glauben an den Mann gebracht werden. Die Jesuiten wollten China dadurch missionieren, dass sie der chinesischen Elite wissenschaftliche Errungenschaften des Westens präsentierten und sie so langsam an den katholischen Glauben heranführten. Wäre erst die Elite konvertiert, würde der Rest der Schwarzköpfe schon nachfolgen. Die Idee war nicht dumm und so hielten sich ab etwa 1600 knapp 200 Jahre durchgehend einflussreiche und geschätzte Jesuiten am Hof. Sie assimilierten, sprachen, aßen und kleideten sich Chinesisch. Hin und wieder bekehrten sie auch jemanden.

Hürdensprung

Aber es war ein mühsames Geschäft. Obwohl die Jesuiten es vermieden, mit so Nebensächlichkeiten wie dem Kreuzestod Christi ins Haus zu fallen. Schließlich war die Elite in der Regel stark konfuzianisch orientiert und ein normaler Konfuzianer bekam ja schon beim Gedanken an buddhistische Reliquienknochen grüne Punkte im Gesicht. Tod ist schmutzig, Yin, bäh, vielleicht sogar ansteckend. Außerdem entzieht er sich geistiger Erfassung. Schließlich hatte sich Konfuzius ausdrücklich geweigert, über den Tod zu sprechen. So jemandem konnte man also nicht mal eben eine gefolterte Leiche zum Anbeten an die Wand hängen. Da war mehr Fingerspitzengefühl gefragt.

Pas de deux

Über Nächstenliebe konnte man sich näher kommen, sich durch ethisches und soziales Handeln empfehlen. Durch Gelehrsamkeit und geziemendes Verhalten bestricken. Der eine, gesichtslose Gott war den Chinesen, die ähnlich amorph einen väterlichen Himmel verehrten, immerhin nicht ganz fremd. Alle anderen Götter lassen sich ja zwanglos zu Heiligen umdefinieren. Das Konzept, dass man nur eins, beziehungsweise nur an einen glauben darf, wurde allerdings weniger einleuchtend gefunden.

Um nicht alle Erfolge von vorneherein zu verunmöglichen, vertraten die meisten Jesuiten ganz pragmatisch die Auffassung, dass die Ahnenverehrung und die Verehrung des Konfuzius genau genommen keine Religion darstellten, sondern nur eine diesseitige Ehrung. Das war eine insofern günstige Auslegung, da ein Konvertit sich daher nicht in heftige Konflikte mit dem Clan und der Pietät verstricken musste. Darüber, ob es sich bei der Ahnenverehrung um etwas religiöses oder soziales handelt, kann man sicher geteilter Meinung sein und war es auch. Auf jeden Fall war das Missionieren so ein gutes Stück einfacher.

Das Einfallstor der Katholiken nach China, ihr trojanisches Pferd war also die Wissenschaft, vor allem die Astronomie. Denn mit deren Hilfe konnte endlich wieder der Kalender richtig berechnet werden, was bei einem lunisolaren Konzept nicht ganz einfach ist. Da ging es dann zwar weniger um Ostern und andere christliche Feste, sondern eher um die Frage, wann welche “heidnischen” rituellen Handlungen ausgeführt werden müssen oder auch um die Bestimmung glückverheißender Tage für verschiedene Aktivitäten. Christlicher wurden die Chinesen dadurch nicht, aber die Katholiken hatten immerhin einen Fuß in der Tür. Matteo Ricci, Adam Schall von Bell und wie sie alle hießen. Daneben gab es dann halt auch noch Maler, Mediziner und Uhrmacher.

Wo laufen sie denn hin?

Es gab allerdings eine sehr viel einfachere und -aus Seelensicht betrachtet- nachhaltige Art von Christianisierung. Gerade ärmere Familien konnten sich nicht zu viele Kinder leisten und schon gar keine Töchter, die erst mitaßen, später mit Mitgift versorgt werden mussten und nach der Heirat einer anderen Familie gehörten. Also wurden weibliche Säuglinge häufig ausgesetzt oder in große Leichengruben geworfen. Da nichts leichter in den Himmel kommt, als ein frisch getauftes Kleinkind, gingen die Brüder also nach weggeworfenen Mädchen suchen, um sie zu taufen. Überlebten sie, nahmen sie sie mit, um sie im Waisenhaus großzuziehen. Aber das war mühsam und zeitaufwändig. Wegen Zölibat und Geschlechtertrennung auch nicht so einfach und außerdem auf Dauer nicht ganz billig. Diese Seelenretterkommandos hofften -wie sich aus Briefen in die Heimat unverblümt ergibt- dass die gefundenen Kinder bestenfalls schon halbtot waren, so dass sie direkt nach der Taufe sterben würden. Dann waren sie glücklich, die Brüder. Denn damit war allen gedient. Der Herrgott hatte gerettete Seelchen, die Kindlein hatten es hinter sich, die Priester hatten ein gutes Werk getan und niemand Scherereien mit den Gören.

Und dann doch abgeworfen

Die christliche Mission verlief also schleppend, aber nicht aussichtslos. Kleinere Christenprogrome mussten immer mal überstanden werden, aber man braucht schließlich auch ein paar Märtyrer, wenn man im Glaubensgeschäft ernstgenommen werden will. Den anderen katholischen Orden gelang es bei Weitem nicht, einen den Jesuiten vergleichbaren Einfluss bei Hof zu gewinnen, was vermutlich auch daran lag, dass ihnen die Assimilation oder Akkomodation der Jesuiten nicht recht geheuer war. Vielleicht war ihnen auch die Sünde des Neides nicht fremd. Sie beschwerten sich jedenfalls beim Papst. Der folgende Ritenstreit führte nicht unbedingt zur Verbreitung des christlichen Glaubens in China. (“Da streiten so ein paar hässliche Hanseles darüber, ob wir unsere Ahnen verehren dürfen? Ja wo samma denn?”) Als der Papst schließlich den Konvertiten die Ahnenverehrung verbot, war es ganz aus. Denn was der Papst kann, kann der Kaiser von China schon lange und der verbot dann eben das Christentum. So schießt man sich selbst ins Knie. Mit reiner Lehre, reiner Weste und reinem Gewissen.

Ende des Parcours

Das ganze hat mit dem Jahr des Pferdes natürlich nicht das geringste zu tun. Aber immerhin irgendwie mit Castiglione. Und dessen berühmteste Bildrolle ist nun mal das “Bild der 100 Rösser”, was mir jemand als Powerpointpräsentation zu Neujahr geschickt hat. Bäume sind auch drauf. Pferd und Holz. Geht doch.

Das einzige, an das ich mich -selbstverliebt wie wir Ziegenjahrgeborene nun mal sind-  bezüglich meiner Recherchen noch erinnern kann, sind die Voraussagen des Jahres für die Ziege. Der eine Wahrsager sagte: schlecht. Ein anderer: gut. Und der dritte: so lala. Das sind doch mal gute Nachrichten!

Pandamania

pandaklein_zps437594ec

Ich wurde gerügt. Ich wurde gerügt, weil ich in meinem letzten Beitrag die Pandas so stiefmütterlich behandelt hatte. Und das, obwohl ich in Chengdu gewesen war. Nicht jedem mag sich der Zusammenhang sofort erschließen, aber Chengdu ist die Hauptstadt der Pandas. Das liegt einerseits daran, dass Chengdu die Hauptstadt der Provinz Sichuan ist, der in dieser Hinsicht wichtigsten der drei Provinzen, in denen überhaupt Pandas leben. Und andererseits weil es in Chengdu eben auch diese sensationelle, einmalige Pandaaufzuchtstation gibt.

Man kommt auch nicht umhin, die innige Verbindung Chengdus mit den Pandas zu bemerken. Schon am Flughafen begrüßt einen ein großes Schaufenster oder gar Atrium, in dem kniehohe Stoffpandas völlig artfremd Plastikdattelpalmen erklimmen. Steigt man dann draußen in ein Taxi, hat dies unumgänglich eine Werbung für die Aufzuchtstation auf der Motorhaube. Dazu gibt es nach konservativer Schätzung sicher 30 verschiedene Zigarettenschachteln mit Pandamotiven. (Diese extrem öde Beschränkung auf wenige Zigarettenmarken hierzulande, ist designerisch ein echtes Armutszeugnis.) Mein Lieblingszigarettenschachtelmotiv war ein jämmerlich dreinblickender Panda. So wie er aussah, hatte er Vater, Mutter und seinen Bambushain verloren. Die Marke wurde dann ausgerechnet mit “Pride” übertitelt. Das chinesische “Charme” darunter passte nicht viel besser. Obwohl: so sehen sie eben aus, Stolz und Charme des Pandas.

Die Anziehungskraft

In einem älteren Werbetext des WWF heißt es: “Wie wohl kein anderes Wildtier vermag der Grosse Panda (Ailuropoda melanoleuca) die Herzen der Menschen im Handumdrehen zu erobern – und zwar nicht allein die Herzen der Tierfreunde, sondern ebenso von Leuten, die sich sonst wenig für die Natur interessieren. Wo immer Bambusbären, wie die Tiere wegen ihrer bevorzugten Nahrung auch heissen, in Zoos gezeigt werden, sind ihre Gehege von morgens bis abends von einer Menge Schaulustiger umlagert. Wann immer die schwarzweissen Bären in die Schlagzeilen der Zeitschriften geraten, werden die Berichte über sie von unzähligen Lesern förmlich verschlungen. Was ist denn der Grund für diese geradezu magnetische Anziehungskraft, die der Grosse Panda auf die Menschen ausübt?” Ehrlich: ich habe keine Ahnung!

Nicht dass ich gleich missverstanden werde: Ich bin grundsätzlich gegen das Aussterben von Tieren. (Obwohl ich bei Zecken, die so gerne Borrelien in mich speien, fast bereit wäre, eine Ausnahme zu machen.) Ich finde, alle Tiere, Pflanzen und Steine sollten genug Lebensraum und Lebensqualität haben. Bambus den Bambusbären, Trauer den Trauerweiden und Blut den Blutsaugern. Aber dass der WWF ausgerechnet den Panda als Symbol des Erhalts von Tierarten gewählt hat, ist besorgniserregend. Hätten sie nicht ein Tier wählen können, das ähnlich gefährdet, aber ein bisschen hartnäckiger darauf erpicht ist, erhalten zu bleiben? Musste es ausgerechnet der Panda  mit seinen wenig auf Arterhalt angelegten Gewohnheiten sein?

Das Sexualleben

Schon die Fortpflanzung ist ein Problem. In Gefangenschaft wollen sie gar nicht. Das ist auch irgendwie nachzuvollziehbar. Möchte man Kinder in die Gefangenschaft setzen? Pandapornos helfen da auch nur sehr bedingt, Viagra gar nicht, so dass mittlerweile hauptsächlich zur künstlichen Befruchtung übergegangen wurde. In freier Wildbahn kommt es wohl alle paar Jahre mal zum GV. Man muss dazu wissen, dass die Pandainen nur drei Tage im Jahr fruchtbar sind. Nach mehreren Monaten bekommt Mutterpanda im Schnitt zwei Junge in maximal Hamstergröße. Beide aufzuziehen ist ihr dann aber schon wieder zu viel und so sucht sie sich eins davon aus, das sie dann allerdings auch eineinhalb Jahre pampern muss. Das andere hat halt Pech gehabt und stirbt persönlich aus. Mir ham´s ja. Dann zieht das nunmehr auf Bärengröße gewachsene Kind aus, um in vielleicht sechs oder sieben Jahren selber für Nachwuchs zu sorgen. Okay. Das ist im Vergleich zu uns ganz schön schnell und wir haben es ja auch zu einer Überbevölkerung gebracht. Selbst die Chinesen stehen trotz Einkindpolitik noch nicht knapp vor ihrer Ausrottung. Ganz im Gegensatz zum Panda.

Es ist unbestritten, dass die Eingrenzung und Zerstückelung seines Lebensraumes Hauptursache für die Dezimierung ist. Trotzdem fehlt es ihm grundsätzlich an Lebenstüchtigkeit. Ein in Gefangenschaft geborener Panda, der im Jahr 2006 nach drei Jahren Vorbereitung ausgewildert wurde, überlebte kein Jahr. Er fiel vom Baum. Ursache dafür waren womöglich Revierkämpfe. Die Dasbootistvollmentalität ist eben auch den Pandas nicht fremd. Er wurde nur fünf Jahre alt. In Gefangenschaft sieht das natürlich etwas anders aus. Baobao zum Beispiel, den Helmut Schmidt 1980 zum Geschenk erhielt, starb 2012 sicher im Zoo im reifen Alter von 34 Jahren. Allerdings ebenfalls kinderlos.

Die Ernährung

Eine Pandaüberbevölkerung ist auch wegen seiner ungesunden Ernährung kaum zu erwarten. So frisst er fast nur Bambus, obwohl er den praktisch nicht verwerten kann. Er ist ja schließlich ein Bär und keine Ziege. Dafür ist er den ganzen Tag (12-16 Stunden) mit dem Vertilgen der Stengel beschäftigt, bis er die etwa 20 kg geschafft hat, die ihn mit einem Minimum an Energie versorgen. Mit der Spezialisierung auf diese einseitige Ernährungsweise, stellt er sich gleichzeitg noch besonders effektiv ein Bein, da Bambus großflächig alle paar Jahrzehnte hysterisch blüht und dann ebenso großflächig stirbt. Bei dem Futterbedarf und der Trägheit der Tiere kam es sicher auch damals schon zu Hungertoten, als die Bambuswälder weniger zersiedelt und zerstückelt waren.

Der tiefere Sinn

Zunächst habe ich die Information, der Panda sei erst 1869 entdeckt worden, für so einen typisch eurozentristischen Unsinn gehalten. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher. Vielleicht hat sich die Evolution einen kleinen Scherz erlaubt und spaßeshalber erst kürzlich ein putziges, aber wenig überlebensgeeignetes Tier designt und auf den Markt geworfen? Und wartet jetzt amüsiert ab, wie Welt, Panda und Mensch aufeinander reagieren?

Als ich den Pandas in der Aufzuchtstation beim Fressen zusah, fläzten sie auf ihrem Hintern, griffen in einem mechanischen Ablauf nach Futter und schoben sich das systematisch und unbeteiligt ins Maul. Die Reste fielen auf ihren dicken Bauch. Ablauf und Haltung wirkten wie eine Parodie eines HartzIV-Empfängers in dritter Generation beim Chips essen vor dem Fernseher. Nur dass sich der nicht so viele Chips leisten kann, wie der Panda Bambus braucht. Aber es handelt sich, um eine ähnlich einseitige Mangelernährung. Und langsam verstehe ich auch die hellsichtige Wahl des Pandas zum WWF-Wappentier: er ist das Symbol gegen Gentrifizierung. Im schwarzweißen Jogginganzug.