Pingpong

Im 18. Jahrhundert herrschte in Europa eine große Chinabegeisterung, die zur sogenannten Chinoiserie führte. Aus den Schilderungen der Jesuiten-Missionare bastelten sich die Menschen in den Ländern der untergehenden Sonne ein Reich zurecht, das nicht nur unvorstellbar exotisch, sondern auch viel gerechter und intellektueller war, als die eigenen Länder daheim.

Die Beamtenprüfung

Einer der Gründe für diese Begeisterung war das Beamtenexamen, das in China etwa 1300 Jahre lang für die Rekrutierung von Staatsbeamten sorgte. Für das feudal bespaßte Europa war das eine Sensation. Und auch wenn man einräumen muss, dass das kaiserliche China recht weit von einer wirklichen Meritokratie entfernt war, gab es doch immerhin die theoretisch vorgesehene Möglichkeit, durch Wissen und Fähigkeit vom einfachen Bauern in höchste Staatsämter aufzusteigen. Wahrscheinlicher war allerdings der Aufstieg eines Sohnes aus adeligem Hause in eine mittlere Beamtenposition. Und auch das war nicht sehr wahrscheinlich, was daran lag, dass das Bestehen der Examen selbst nicht so wahnsinnig wahrscheinlich war. Den für den Eintritt in den gehobenen Staatsdienst erforderlichen Doktortitel Jinshi erreichte gerademal einer von 3000. Zum Vergleich: die juristischen Staatsexamina in Deustchland heute bestehen etwa 2 von 3, was als ordentliches Aussieben gilt. Immerhin durfte man weiland in China so oft antreten wie man wollte und sich leisten konnte. Man heißt natürlich, dass man keine Frau sein durfte, kein ehemaliger Strafgefangener, Mönch, in Trauer oder etwas ähnlich despektierliches.

Das bisschen Jura

Besonders schlimm muss das alle drei Jahre stattfindende Provinzexamen gewesen sein. Damit war man noch kein Jinshi, aber konnte schon einen niedrigeren Beamtenposten ergattern, oder eben zum Hauptstadtexamen (und in späteren Dynastien noch dem Palastexamen) antreten. Das Provinzexamen entspricht also gewissermaßen dem ersten juristisische Staatsexamen. Das war auch schlimmer als das zweite. Und man kann damit auch schon Rechtspfleger werden. Oder Politiker.

Geschrieben habe ich meins  in der Senatsverwaltung für Justiz. Man hatte aus Anonymisierungsgründen eine Nummer, einen zugewiesenen Tisch, der von den anderen vielleicht 60 Plätzen im gleichen Raum getrennt war und man musste eine Taschen- und Bücherkontrolle über sich ergehen lassen. Wenn man aufs Klo oder zum Rauchen (das durfte man damals noch auf dem Flur) wollte, musste man sich abmelden, was nur gestattet wurde, wenn niemand sonst gleichzeitig unterwegs war. Der Prüfungsbereich durfte erst nach Abgabe der Klausur verlassen werden. Beaufsichtigt wurden wir von vielleicht vier Personen. Das ganze an acht oder neun Tagen, jeweils für fünf Stunden. Die paar anderen hundert Prüflinge schindeten und schunden sich in vergleichbaren Räumen. Als Vorbereitungszeit wird etwa ein Jahr reines Lernen empfohlen. Der reinste Spaziergang also.

Nichts für Warmduscher

Denn für die chinesischen Staatsexamina musste man nicht nur unendlich viel mehr gelernt und memoriert haben, sondern auch guter Konstitution sein. Als ein gewisser Zhang Qian aus Jiangsu 1894 endlich das Palastexamen bestand, hatte er nach eigenem und Wikipedias Bekunden 35 Jahre mit Examensvorbereitungen und 160 Tage in Prüfungshallen verbracht.
So ein Prüfungsbezirk, der ja nur alle drei Jahre gebraucht wurde, hatte die Größe eines ganzen Stadtteils. Er war von einer Mauer mit nur einem einzigen Eingang umgeben. Waren alle drin, wurde die Tür versiegelt. Für die Dauer der drei bis neun Tage dauernden Provinzexamensprüfung blieb jeder der rund 20.000 Prüflinge in seiner kleinen Prüfungskammer. Man muss sich das wie endlose Reihen von Minigaragen vorstellen. Fotos von der vorletzten Jahrhundertwende vermitteln den beklemmenden Eindruck eines riesigen Barackenlagers. Die vielleicht 1,20 m breiten, nach vorne offenen Zellen verfügten über ein Brett zum Sitzen, davor eins um darauf zu schreiben. Vielleicht gab es auch noch ein Regalbrett. Nach einem Tag gründlicher Leibes- und Taschenvisitation ging es los. Man blieb für die Tage der Prüfung in seiner kleinen Prüfungsgarage, egal ob ein Herbststurm durch die Gassen fegte und die Füße im Matsch versanken, oder die Herbstsonne die Steine zum Glühen brachte und die Exkremente zum Himmel stanken. Oder alles gleichzeitig. Zu hoffen war, dass das mitgebrachte Essen und das Fassungsvermögen des Nachttopfes reichten. Nicht zu vergessen das Öl in der Lampe. Zum Schlafen rollte man sich dann auf seiner Sitzbank zusammen, oder wer Ungeziefer und Unrat nicht scheute, auf dem ebenfalls zu knapp bemessenen Boden. Überwacht wurden die Prüflinge von zahlreichen Wachtürmen aus. Sieht man mal von der persönlichen Inkommodität ab, war so eine Prüfung eine beachtliche organisatorische Leistung.

Eine Besonderheit bestand darin, dass Schriftstücke, die beschmutzt, angesengt oder verknittert waren, von vorneherein zum Durchfallen führten, genauso wie Schreibfehler, Durchstreichungen oder nicht richtig proportionierte Schriftzeichen. Man kann sich vorstellen, dass unter diesen Bedingungen makellose Schriftstücke abzugeben allein eine große Hürde war. Wenn ich heutzutage Staatsexamensklausuren korrigiere, bin ich ja schon froh, wenn ich sie halbwegs lesen kann. Aber genug von Mühsal und Pein.

Die Exotikprüfung

Mehr auf die Exotik zielte die Geschichte einer anderen Art Prüfung, die fast 200 Jahre die Chinabegeisterung befeuerte: Turandot.
Ein Drama um eine „chinesische“ Prinzessin, das erst de la Croix (1710), dann Gozzi (1762) und dann Schiller (1811) schrieb, und sowohl Busoni (1917), als auch Puccini (1926) zu Opern inspirierte.

Die chinesische Prinzessin

Dass es sich um eine han-chinesische Prinzessin handelt, ist schon wegen des dreisilbigen Namens extrem unwahrscheinlich. (Abgesehen davon, dass die metikulöse chinesische Geschichtsschreibung nicht sehr viel Raum für pseudohistorische Märchen rund um die kaiserliche Familie lässt.) Es könnte vielmehr ein sinisierter Name einer Mandschurin oder Mongolin sein.
Auch spricht die Geschichte als solche dagegen, dass es sich überhaupt um eine chinesische Prinzessin handelt. Darin weigert sich nämlich die namengebende Prinzessin zu heiraten. Sie will einfach nicht. Nur wenn es einem Bewerber gelänge, drei von ihr gestellte Rätsel zu lösen, wäre sie dazu bereit. Wer versagt, wird geköpft. Ich frage mich unwillkürlich, warum die Schlange der Bewerber angesischts der aufgespießten Köpfe nicht abriss. Weil Turandot so wahnsinnig schön war, heißt es dann.
Das ist natürlich Unsinn. Erstens bekam die Öffentlichkeit chinesische Prinzessinnen gar nicht zu Gesicht. Zweitens wollten wahrscheinlich alle nur zeigen, dass sie schlauer sind als die anderen. Das Gegenteil war der Fall.

Selbst wenn Schönheit vom Hörensagen reichen sollte, so bleibt doch zu bedenken: wenn eine chinesische Prinzessin partout nicht heiraten wollte, und ihr kaiserlicher Vater sie aus irgendwelchen Gründen nicht zwingen wollte, dann wäre sie halt ins Kloster gegangen. Oder hätte die anderen Frauen im inneren Palast wahnsinnig gemacht. Oder Astronomie studiert. Oder ihre Kalligrafie perfektioniert. Oder sich umgebracht. Aber sicher hätte sie nicht mit ihrer persönlichen Befindlichkeit die Hauptstadt in Atem gehalten. Zumal ihr Gemahl ja auch niemals Kaiser geworden wäre. Er wäre halt mit einer Prinzessin verheiratet gewesen, was sicher auch den ein oder anderen Vorteil wie Prestige, Titel etc. gehabt haben mag, aber nicht das Potenzial, um eine opernreife Diana-Charles-Geschichte zu entfesseln.

Kopf oder Pferd?

Wenn sie nun aber keine chinesische Prinzessin war, woher stammte sie dann? Ich lese, die Geschichte gehe auf „Die sieben Schönheiten“ des persischen Dichters Nezami zurück. (Um 1200) Dort soll es eine russische Prinzessin sein. Turandocht wiederum, so steht es an anderer Stelle, bedeute Tochter aus Turan, wobei es sich bei Turan um das Tiefland Turan in Zentralasien handeln soll. Das würde nun eher für eine Usbekin oder Kasachin sprechen. Andere behaupten, bei Turandot handele es sich eigentlich um Khutulun (ca. 1260-1306), eine Nichte Kublai Khans, die wiederum zur Bedingung gemacht hatte, dass ihr zukünftiger Gatte sie im Ringen schlagen müsste. Wem das nicht gelang, musste ihr Pferde schenken, womit man letztlich auch viel mehr anfangen kann, als mit abgeschlagenen Köpfen.  Sie soll auf die Art 10.000 Pferde erwitschaftet haben. So oder so ist die Ursprungsgeschichte wohl etwas westlicher als China anzusiedeln.

Pingpong

Es ist jetzt schon über 10 Jahre her, als ich einmal eine chinesische Adaption von Turandot in Beijing gesehen habe. Wobei chinesische Adaption bedeutet, dass sich die Oper dramaturgisch an Carlo Gozzis bzw Friedrich Schillers Bühnenstück orientierte, musikalisch aber nicht das geringste mit der Oper von Puccini zu tun hatte, sondern im Stile einer chinesischen Oper vertont worden war. So eine chinesische Adaption eines europäischen Dramas einer sogenannten chinesischen Prinzessin, führt zu einem dieser schönen kulturellen Pingpong-Projekte, wo wie in einem Spiegelsaal kreuz über quer projiziert wird. Leider habe ich kein Programmheft aufgehoben, so dass ich nicht sagen kann, ob es in der chinesischen Variante auch die Minister namens Ping, Pang und Pong gab.

Und jetzt zum Mitmachen

Aber was waren nun die kopfgefährdenden Prüfungen? Die folgten keinem festen Kanon. Schiller dichtete beispielsweise für sein Stück, in dem wie üblich nur drei Rätsel zu lösen waren, alleine 14 Rätsel, um das anspruchsvolle und rätselwütige Publikum weiter ins Theater zu locken. Hier ein Beispiel:

Kennst du das Bild auf zartem Grunde,
Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ists zu jeder Stunde,
Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ists ausgeführet,
Der kleinste Rahmen faßt es ein,
Doch alle Größe, die dich rühret,
Kennst du durch dieses Bild allein.
Und kannst du den Kristall mir nennen,
Ihm gleicht an Wert kein Edelstein,
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
In seinem wundervollen Ring,
Und doch ist, was er von sich strahlet,
Noch schöner, als was er empfing.

Lösung

Und auch Goethe steuerte eins bei:

Ein Bruder ist’s von vielen Brüdern,
In allem ihnen völlig gleich,
Ein nötig Glied zu vielen Gliedern
In eines großen Vaters Reich,
Jedoch erblickt man ihn nur selten,
Fast wie ein eingeschoben Kind,
Die andern lassen ihn nur gelten,
Da wo sie unvermögend sind.

Lösung

Es ist für das gegenseitige Verhältnis vielleicht symptomatisch, dass von der damaligen Chinabegeisterung nicht viel mehr übrig ist, als Puccinis wunderbare und so wenig chinesische Oper Turandot mit ihren Ministern Ping, Pang und Pong.

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Pinkepinke

Ich habe keine wirkliche Beziehung zu Geld. Was nicht heißt, dass ich wahnsinnig viel davon ausgeben würde. Im Gegenteil. Das ist es vielleicht gerade. Denn der Sinn von Geld ist ja der Umlauf. Geld als solches ist nichts. Nur was man damit macht, ist etwas. Und das bedeutet Umlauf. Dafür wurde es erfunden.

Sicher ist es problematisch, wenn man keins hat. Oder das Falsche. Oder an der falschen Stelle. Oder es kann schwierig sein, wenn man es zu den falschen Bedingungen hat. Oder zu viel. Oder zu wenig. Oder ein anderer hat zu viel. Oder zu wenig. Et cetera. Aber irgendwie interessiert mich das alles nicht wirklich.

Edelmetall

Früher, als die Zeiten auch nicht besser, sondern insbesondere anders -und in vieler Hinsicht schlechter- waren, hatte das Geld selber noch den Wert, den es verkörperte. Als Goldmünze zum Beispiel. Was genauerer Betrachtung auch nicht standhält. Denn der Wert von Gold ist auch nur eine Konvention.  Außer für Zähne und meist scheußlichen Schmuck taugt es schließlich nicht zu vielem. Mir persönlich ist beispielsweise Silber viel lieber und damit gewissermaßen teurer. Also vergessen wir den Louis d´or und wenden uns dem historisch wichtigeren, weil landläufigeren Zahlungsmittel zu: den Kupfermünzen. Kupfer hat einen hohen praktischen Wert, weil man daraus allerlei herstellen kann, ohne so sinnlos überteuert zu sein wie Gold. Tatsächlich ist der Materialwert unserer heutigen Kupfermünzen höher als ihr Nennwert, weswegen sie ja auch abgeschafft werden sollen. Was unter anderem das Ende der 9,99 oder 9,95-Preise bedeutet. Die Trauer wird sich in Grenzen halten. Aber so ohne Glückspfennig/-cent, das wird natürlich schon hart. Da muss dann der Glücksgroschen übernehmen.

Nur um das gleich klarzustellen: Geld als Tauschwährung haben die Chinesen nicht erfunden. Aber auch dort gab es schon früh Bronze- und natürlich Kupfermünzen. In Form von Spaten, Messern, Bratspießen und Entenschnäbeln. Und wieder war es (gähn) Qin Shi Huangdi, der berüchtigte erste Kaiser von China (221 vuZ), der diese bekannte Münzenform einführte: rund wie der Himmel und in der Mitte ein Loch, quadratisch wie die Erde. Dieses quadratische Erdloch war nicht nur kosmologisch sinnreich, sondern auch praktisch, weil man die Münzen dadurch auf Schnüre aufziehen konnte. Was dem einen sein Geldbündel, ist dem anderen seine Schnur Kupfermünzen. Die es dann immerhin etwa 2000 Jahre lang gab. Waren größere Investitionen vonnöten, griff man auf Silberbarren zurück, gerne in Schiffchenform. (Silber wohlgemerkt. Kein Gold. Just saying.)

Papiergeld

Aber irgendwas muss der Chinese schon aus Gründen der seelischen Nationalhygiene erfunden haben. Und Gott sei Dank das hat er das auch: nämlich das Papiergeld.  Denn in Zeiten von Inflation, oder beim Umschlag teurer Güter, werden Transport und Lagerung von unendlich vielen Kupfermünzenschnüren plötzlich teurer, als das Geld selbst wert ist. (Scheint eine indigene Kupfermünzenproblematik zu sein.) Oder zumindest total unpraktisch. Zum Beispiel kostete ein Seidenballen um das Jahr 1000 rum in Sichuan 20.000 Kupfermünzen. Das ist in sich eine ähnlich bescheuerte Aussage, wie die zur Kostbarkeit des Goldes, da Seidenballen damals selber eine Währung darstellten. Nicht nur im Binnenmarkt, sondern insbesondere auch im Kontakt mit dem Ausland. Stichwort Seidenstraße. Das chinesische Geld sollte auch damals schon nur im Inland kursieren. Der Kupfermünzen-Seiden-Vergleich ist also weniger eine Kosten-, als eine Währungsrelation, aber ich denke, das Prinzip ist klar.

Jedenfalls wurde zunächst rein privatwirtschaftlich das Papiergeld erfunden, was vom Kaiser schließlich übernommen und monopolisiert wurde. So ein Papier hatte den Wert von 1000 Münzen. Und die lagen während der Songdynastie als Edelmetalläquivalent denn auch irgendwo ganz körperlich und analog herum. Doch wenn hoher Geldbedarf besteht, reißt so was ja gerne ein und man nimmt es dann mit der Deckung nicht mehr so genau und virtualisiert gewissermaßen das Geld. Natürlich lässt dann die Inflation nicht lange auf sich warten. Insgesamt wurde die Idee irgendwann als gescheitert betrachtet und die Geldfrage zunehmend wieder lokal gelöst.  So richtig warm wurde die konfuzianische Elite ja ohnehin schon mit dem dem Handel nicht, was es dem Geld und einem Verständnis dafür nicht unbedingt leichter machte. Und so wurde das Papiergeld in China für die nächsten paar hundert Jahre wieder abgeschafft, als der Rest der Welt damit noch gar nicht begonnen hatte.

Umtausch

Aber genug von den ollen Kamellen. Heute gibt es den Yuan, der sich in 10 Jiao oder Mao, und dieser wieder in 10 Fen teilt. Oder teilte, denn diese lächerlich leichten Fen-Alumünzen habe ich schon länger nicht mehr gesehen. Und die Jiao genannten Groschen auch nur in eher sinnlosen Zusammenhängen. Einen Yuan gibt es auch als Münze, aber im Grunde ist fast ausschließlich Papiergeld im Umlauf. Und das hat bekanntermaßen seine eigenen Probleme.

Bei meiner letzten Reisebgeleitung stand -wie immer am Anfang- das Problem des Geldtauschens an. Der Wechsel von Bargeld, das Annehmen von Fremdwährung, erfordert in der VR China einen großen bürokratischen Aufwand. Schließlich ist man da eigen mit seinem Geld, das hier und nur hier kursieren soll. Früher gab es sogar eine inländische Fremdenwährung, die sogenannten Foreign Exchange Certficates. Da bekam man als Ausländer also diese FEC, während der Chinese mit Renminbi (Volkswährung) entlohnt wurde. Der schwungvolle Schwarztauschhandel dieser zwei Währungen -schließlich gab es Importgüter nur für FEC- ist mir noch lebhaft in Erinnerung. 1994 wurde diese Zwischenwährung abgeschafft und der Renminbi-Yuan knüpfte vorsichtige Kontakte mit der Außenwelt. Der Schwergängigkeit des Geldtauschens tat dies allerdings keinen Abbruch.

Geht man also mit Teilnehmer_innen einer Reisegruppe zum Geldwechseln, braucht es vor allem eins: Geduld. Vielleicht kann ich hier einfügen, dass das chinesische Schriftzeichen für Geduld eine Klinge über dem Herzen darstellt. Diese potenziell qualvolle Angelegenheit  kann man in der Bank zwar auf roten Samtstuhlgruppen absitzen, die häufig mit Spitzendeckchen oder parolenbeschriebenen Schutzkäppchen verziert sind, aber das unterhält nur kurzfristig. Für den Tauschvorgang einer Person ist ohne nennenswerte Wartezeit etwa eine halbe Stunde zu veranschlagen. Tauschen mehrere, kommt es darauf an, wie viele bereit sind, sich zu einem Gruppentausch zusammenzutun. Es handelt sich auf jeden Fall um einen ernsthaften Programmpunkt im Tagesablauf. (Ich persönlich ziehe mir das Geld in etwa 2 Minuten am Automaten, aber aus irgendeinem Grund ist die Begeisterung für urläublichen Bartausch ungebrochen.)

Doch manchmal hilft auch die ganze Geduld nichts. Zum Beispiel, wenn man mit einer der härtesten Währungen ankommt, die es auf der Welt so gibt. Vielleicht sehen Schweizer Franken den Chinesen zu bunt und lustig aus. Selbst in einer Filiale der großen Bank of China in einer großen chinesischen Stadt. Für so fröhliches Geld rücken sie ihre unglaublich ernsthaften Yuan einfach nicht raus. Viel zu riskant. Vielleicht in Peking oder Shanghai, aber nicht in einer Provinzmetropole mit Einwohnern im zweistelligen Millionenbereich. Ja, wenn es Seidenballen gewesen wären… Wir Schwächeleuronutzer_innen belustigen uns natürlich sehr, aber unser Schweizer Paar nimmt es gelassen. Können sie sich ja auch leisten.

Blüten

Und wer weiß, wofür es gut ist? Die Reise davor hatte beispielsweise ein Reiseteilnehmer nach dem bürokratischen Großvorgang in der Bank glücklich zwanzig 100-Yuan-Scheine in der Hand. Hatte sie nach zahllosen Überprüfungen, Berechnungen, Zuständigkeiten, Unterzeichnung von Formularen, Gegenstempelungen, Hand- und Maschinenzählungen etc. vom freundlichen Bankangestellten ausgehändigt bekommen. Bzw unter Sicherheitsglas durchgeschoben bekommen. Geschafft. Liquide. Gerüstet für die praktische Welt.

Doch wie sich später herausstellte, war jeder einzelne dieser Scheine gefälscht. (Sie hatten sogar alle die gleiche Seriennummer.) Glücklicherweise war die Hälfte davon schon ausgegeben worden -wenn auch manchmal unter Schwierigkeiten-, bevor wir auf diesen Umstand so mit der Nase drauf gestoßen wurden, dass Leugnen zwecklos gewesen wäre. Sobald einem klar ist, dass man Falschgeld in der Hand hält, ist das in Umlaufbringen ja gleich viel schwieriger. Von strafbarer mal ganz abgesehen.  (Ich finde ja, dieser freundliche Bankangestellte hätte seine Blüten der Fairness halber wenigstens unter all den Wechselwilligen aufteilen können.)

Ein paar der Scheine konnte der Geprellte dann innerhalb der Gruppe verkaufen. Als Kuriosa. Und schon hatten sie wieder einen Wert.

 

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Vom Wege finden

Ich weiß nicht genau, was ich an der Stelle habe, wo bei anderen der Orientierungssinn und der Sinn für Geografie sitzt. Ob in meinem Hirn andere Informationen oder fancy Apps dieses Areal nutzen, oder ob es sich nur um einen müden Hirnabschnitt mit wenigen Windungen handelt, der aus irgendwelchen Gründen verkümmert ist. Jedenfalls ist da bei mir Dunkeltuten angesagt.

Ungekehrt proportional dazu ist meine Begeisterung für Kartenmaterial. Wenn ich irgendwo bin, möchte ich als erstes eine Karte, einen Stadtplan. Das leuchtet natürlich unmittelbar ein, wenn man es recht bedenkt. Denn auf einer Karte gelingt die Orientierung mühelos. In der realen Welt ins haltlos Unklare gestellt, lassen sich auf einer Karte die Bezüge, die Einordnung in die Welt spielend herstellen. Im Sinne von: man versteht zwar nicht, wo man ist, aber man weiß es. Oder umgekehrt. Schon alleine wegen meiner Orientierungs- und Geografieschwäche kann ich von daher ganz gut Karten lesen. Der Kartenlesesinn ist gewissermaßen ein Subsidiärsinn zum Ortssinn. Und so hört man von mir als Beifahrerin nur selten Sätze wie: „Ich habe keine Ahnung, wo wir sind.“ Oder: „Da hätten wir rausgemusst.“

Chinesische Städte sind für so geografisch anders begabte wie mich sehr komfortabel geplant, insbesondere die Altstädte. Eine schick rechteckige Mauer drumrum und drinnen im Grunde Planquadrate. Die Eckigkeit ergibt sich zwangsläufig aus den in China so beliebten Makro/Mikroanalogien. Denn die Erde als solche ist eckig und der Himmel rund. Ob die Erde dabei gleichzeitig eine Kugel ist, ist und war den Chinesen schon seit jeher eher egal. Das Konzept, dass etwas das so ist, nicht gleichzeitig anders können sein soll, hat dort traditionell keine große Überzeugungskraft. Und die Erde ist ihrem Wesen nach eben quadratisch und der Himmel rund. Basta. Daneben darf sich das alles krümmen und zu Formen verdrehen, wie es will. Damit können sich dann die beschäftigen, die es angeht. Astronomen, oder Seefahrer beispielsweise. Aber nicht die Städtebauer.

Weil die Erde quadratisch ist, bietet es sich an, das Land und dann auch die Stadt ebenfalls als Quadrat zu sehen oder zu bauen. Denn das Kleine enthält das Große. Und umgekehrt. In so einer weltenthaltenden Stadt liegt dann der ebenfalls rechtwinklig ummauerte Palast in der leicht nördlichen Mitte. Und wenn der Laden aus Fengshuisicht Überlebenschancen haben soll, lässt sich der Norden an einer Hügelkette oder ähnlichem erkennen. Dazu kommt, gerade in größeren Städten, der freundliche Zusatz von Himmelsrichtungen zu Straßennanmen. Westliche Verjüngungsstraße, mittlere Verjüngungsstraße oder östliche Verjüngungsstraße. Nördliche, mittlere oder eben südliche Glockenturmstraße. Wenn die Stadt entsprechend groß ist, kommt noch der Zusatz „äußere“ oder „innere“ dazu, was sich auf das Stadtzentrum, beziehungsweise die früher mal existente Stadtmauer bezieht. Da Beijing übersetzt nördliche Hauptstadt heißt, kann dann eine Straße schon mal „Äußere-westliche-nördliche-Haupststadtstraße“ heißen. Der Orientierungsservice, der einem da geboten wird, kann ohne weiteres mit den nummerierten Straßen von Mannheim oder Manhattan mithalten.

Beliebt ist auch der Mitte-Berg für Straßennamen. Leicht kann es passieren, dass man sich  auf der „Mittlere-Mitte-Berg-Straße“ wiederfindet. Dabei handelt es sich nicht um eine Zusammenführung der Berliner Schicknessbezirke Mitte und Prenzlauer Berg, sondern um eine Huldigung des ersten Präsidenten der Republik China: Dr. Sun Yatsen. Für die Orientierung ist das natürlich unerheblich, aber ein wenig fragt man sich schon, was Sun Yatsen mit Zhongshan zu tun haben soll.

Und da wird´s dann kompliziert. Vom Klang her besteht offensichtlich kein Zusammenhang. Inhaltlich auch nicht. Denn zwar ist Yatsen die kantonesische Aussprache von zwei chinesischen Zeichen, aber nicht die von Zhongshan 中山, sondern die von Yixian 逸仙. Und so taucht man unverhofft in die wunderbare Fülle chinesischer Namensgebung ein. Herr Dr. Sun hatte davon selbstverständlich etliche.

Zunächst wurde das Kind aus der Familie Sun Wen 文 genannt, ein Begriff der sich auf zivile Kultur insgesamt, und auf Schriftkultur insbesondere bezieht. Außerdem hatte er einen Generationennamen, was sehr hilfreich sein kann, wenn man sich in einem chinesischen Clan zurecht finden muss. Also wer wem Respekt zu zollen hat, wer -obwohl vielleicht Jahrzehnte jünger- zur älteren Generation gehört. Es bekommen alle Abkömmlinge einer Generation die gleiche erste Silbe in den Namen. Beim kleinen Wen war das De. Und dazu kam ganz für ihn persönlich die zweite Silbe Ming. 德明. Tugendhelle.

Für den internen Kernfamiliengebrauch hatte er während seiner Kindheit auch noch einen sogenannten Milchnamen. Da hieß er Dixiang. 帝象. Salopp übersetzt göttlicher Elefant. Tatsächlich bezieht sich die erste Silbe auf einen ganz bestimmten Gott, und zwar auf den daoistischen Xuanwudi, den dunklen Krieger. Aber das würde jetzt zu weit führen.

Für das Erwachsenwerden mit etwa 20 Jahren braucht es dann wieder einen anderen Namen, den Großjährigkeitsnamen, im Falle des göttlichen Elefanten war das Zaizhi. 載之. Das könnte „Überlieferer“ oder „der alles aufschreibt“ bedeuten. Protokollführer gewissermaßen. Etwas später wurde dieser Protokollführer christlich getauft und es ist unmitelbar einleuchtend, dass dafür ein eigener Name fällig wird.  Und der lautete Rixin. 日新. Tägliche Erneuerung. Während seines Studiums in Hongkong bekam er dann den Pinselnamen (das kommt unserem Pseudonym am nächsten) Yixian, 逸仙. Das lässt sich unter anderem mit „müßiger Unsterblicher“ übersetzen. Und damit wären wir immerhin schon mal bei dem bei uns bekannten Yatsen angekommen, wenn auch noch nicht bei Zhongshan.

Aber so müßig und weltvergessen war unser Dr. Sun gar nicht, sondern war ob seiner politischen Aktivitäten und der wenig liberalen Qingdynastie zwischendurch gezwungen, ins Exil zu gehen. Und zwar unter anderem nach Japan. Und da brauchte er ganz praktisch einen neuen Namen zur Verschleierung seiner Identität. Und der lautete Nakayama Sho. Auf Chinesisch Zhongshan Qiao. Warum er in China und Taiwan ausgerechnet unter seinem japanischen Untertauchalias bekannt geworden ist, weiß ich auch nicht. Sein Heimatbezirk, der ursprünglich Xiangshan, also Duftberg hieß, wurde sogar ihm zu Ehren in Zhongshan umbenannt. Insofern ist Zhongshan doch eine geografische Bezeichnung, die mit Mitteberg etwa so charakteristisch ist, wie ein Ort aus meiner Herkunftsgegend, der auf den schönen Namen Neuorthofen hört.

Und so schnell hat man sich dann auch im Quadrat verlaufen. Wenn nicht in der Stadt, dann doch im Thema. Denn eigentlich wollte ich etwas über eine historische Karte schreiben. Und dazu, wieso eigentlich so viele Straßen in China und in Taiwan nach Dr. Sun heißen, habe ich auch nichts gesagt. Je nun. Vielleicht ein andermal.

 

Das Jahr des Affen

Das Jahr des Affen hat begonnen und wie man sich vorstellen kann, soll es eher turbulent werden. Denn Affen gelten als schlau, agil, liebenswürdig und respektlos. Sie sind mutig und haben vor nichts Angst. Okay, mutig ziehe ich zurück. Mutig kann ja nur sein, wer sich fürchtet.

Die Elemente

Noch dazu wechselt das Element von Holz zu Feuer. Noch mehr Energiezufuhr. Also insgesamt Energie, Kreativität, Lebensfreude, Dynamik, Neugier und Rücksichtslosigkeit. Aber, so lese ich, da der Affe zum Westen gehört und das Yang-Feuer damit die untergehende Sonne symbolisiert, gibt es auch eine gewisse Kompromissbereitschaft. Zumindest verglichen mit dem Yang-Holz der letzten zwei Jahre. Denn so ein stur stehender Baum schwört mit seinem unflexiblen Starrsinn Zwiderwurz gewissermaßen geradezu herauf. Und weniger Widerstand heißt weniger Gewalt. Oder kürzere. Oder strohfeurigere.

Die ganze Vorhersage für das Jahr lässt sich ohnehin wahnsinnig gut mit einem Klick ändern. Einfach auf eine andere Seite mit Vorhersagen gehen. Und schon ist alles anders. Wie heißt es so schön: In Drachenjahren finden große Ereignisse statt, in Ziegenjahre fallen Unglücke und in Affenjahren kann alles passieren.  Ein Jahr mit ADHS.

Die Legende

In China verbindet man mit dem Affen insbesondere den Affenkönig Sun Wukong, eine durch und durch anarchische Gestalt. Ein Trickster reinsten Wassers.  „Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“, wie es in „Die Reise nach Westen“, einer der beliebtesten Legenden in China heißt. Wenn auch vermutlich weniger in ihrer Fassung aus dem 16. Jahrhundert, sondern eher als Comic, Anime oder Film.

Der Affenkönig wurde unsterblich und nebenbei unverwundbar, weil er der Königinmutter des Westens die Pfirsiche der Unsterblichkeit gestohlen hatte. Sich durch ihren Obstgarten gefuttert hatte, den er eigentlich bewachen sollte. Und das bei einer Reifezeit der Pfirsiche -je nach Sorte und Wirkgrad- von 3000 bis 9000 Jahren. Anschließend schlug er noch völlig breit beim guten alten Laozi auf und vertilgte zu allem Überfluss dessen Unsterblichkeitspillen. Der Ärger war natürlich groß, der Skandal perfekt, aber unsterblich ist eben unsterblich. Auch sonst verfügte Sun Wukong über ein ganzes Arsenal magischer Fähigkeiten, wie Gestaltwandlung, Fliegen, Vervielfältigung seines Kampfstockes etc.pp. Dadurch war es praktisch unmöglich geworden, ihn in Schach zu halten.

Unsterblichkeit ist aber nicht immer von Vorteil. Ich schätze, Prometheus kann ein Lied davon singen. Ein recht qualvolles. Und so wurde auch Sun, der sämtliche Himmel, Paradiese, Höllen und Unterwelten Chinas in Unordnung stürzte und der lieben Herrlichkeit dreist auf der Nase herumtanzte, durch eine List von Buddha gefangen und die nächsten 500 Jahre unter dem Berg der 5 Elemente gefangen gehalten. Da drückt dann nicht nur der Berg, sondern auch die vermaledeite Unsterblichkeit. Es ist historisch allerdings etwas sonderbar, dass es einem davor nur wenig bekannten und nur mäßig einflussreichen Buddha gelang (schließlich muss das so gegen 300 nuZ gewesen sein und damals gab es China noch kaum Buddhisten), diesen Affen einzusperren, was dem versammelten altchinesischen Götterhimmel vorher nicht gelungen war. Aber vermutlich müssen da glaubensbedingt einige Abstriche hingenommen werden. Buddhaganda gewissermaßen.

Buddhistischer Strafvollzug

Jetzt stellt sich die Frage, wie sinnvoll diese Maßnahme war, aus heutiger Sicht betrachtet. Moderne Strafsysteme verfolgen grob vier Ziele: Generalprävention,  Genugtuung, Schutz der Allgemeinheit und Resozialisierung/Spezialprävention.

Generalprävention heißt, dass andere abgeschreckt werden sollen, sich genauso aufzuführen. Das kann bei unserem Affen keine Rolle spielen, schließlich handelt es sich bei Sun um eine ziemlich singuläre Erscheinung. So häufig gebären Steine keine Affen. Und solche schon gleich gar nicht. Die wenigsten dürften in der Lage sein, ähnlich gegen bestehende Ordnungen zu verstoßen.

Genugtuung ist grundsätzlich ein problematischer Strafzweck, da nicht so leicht von schlichter Rache zu unterscheiden. Und genügt eine 500jährige Haft, wenn es unter anderem um den Diebstahl von Pfirsichen ging, von denen schon ein einziger 9000 Jahre zur Reife braucht?

Schutz der Allgemeinheit war hier sicher das vorrangige Ziel. Die Götterwelt war ordentlich angepisst und wollte endlich ihre Ruhe haben. Das konnte sie haben. 500 Jahre eitel Ordnung und Sonnenschein. (Wenn nur nicht dieser Parvenue von Buddha gewesen wäre.) Aber konnte man den Affen auf ewig unter dem Berg versauern lassen? Lebenslängliche Haft beißt sich mit der Menschen- und sicher auch Affenwürde. Außerdem ist lebenslang für Unsterbliche einfach wahnsinnig lang.

Aber Buddha wäre nicht Buddha, wenn er es nicht auch mit einer Resozialisierungsmaßnahme versucht hätte. Das bloße Hocken unterm Berg nützt zur Wiedereingliederung (oder meinetwegen Ersteingliederung) in die Gesellschaft natürlich wenig. Das macht so einen Affen höchstens noch hibbeliger. Der Jugendstrafvollzug und Jugendämter waren damals noch nicht erfunden und der Affe auch schon viel zu alt dafür. Bei konservativer Schätzung muss er nach den 500 Jahren etwa 850 gewesen sein. Aber Buddha hatte eine vergleichbare Idee, wie straffällige Jugendliche auf ein Segelschiff zu pferchen, wo sie sich ganz existenziell mit den Lebensanforderungen auseinandersetzen müssen. Er schickte den Affen auf einen Wandertörn. Er sollte mit dem Mönch Xuan Zang nach Indien laufen, um dort Sutren zu holen und so den Buddhismus in China weiter zu verbreiten. Auf die Art war der Affe beschäftigt, aus dem Weg und machte sich obendrein nützlich. Sun zog also mit dem Mönch los, um ihn auf der gefahrvollen Reise nach Westen zu unterstützen. Das lief nicht ohne Verwerfungen ab, aber immerhin brachte er Xuan Zang, der weder sonderlich helle, noch allzu sympathisch gewesen zu sein scheint, wenn man „Der Reise nach Westen“ Glauben schenken mag, inklusive Sutren heile wieder zurück.

Anarchie im kapitalistischen Kommunismus

Aber zurück zum Affenjahr. Die politische Führung Chinas ist natürlich von anarchischen Tendenzen nicht so wahnsinnig begeistert (welche politische Führung ist das schon) und es wird versucht, das Affenjahr stattdessen eher mit dem Verdienen von Geld in Zusammenhang zu bringen. Den Affen sozusagen zu instrumentalisieren, anstatt ihm Zucker zu geben. Zu kapitalisieren. Im Kleinen kann man das hier und da seit jeher im Straßenbild sehen: ein als Affenkönig verkleideter Affe, der artig ein Kunststückchen macht, oder sich auch nur fotografieren lässt und dafür Geld einsammelt. Nicht für sich natürlich, sondern für den Menschen (Buddha?), der ihm das eingebrockt hat. (Und der dahinterstehenden Bettlergilde.)

Sagen wir so: wen man kontrolliert und dressiert, entwickelt nicht seine besten Eigenschaften. Und wenn man alles zu sehr im Griff und unter Kontrolle behalten will, kann es außerdem sein, dass man vor lauter Kontrolle nicht bemerkt, was sich hinter einem im Schatten bildet. Wenn man Pech hat, fliegt einem das dann in so einem ADHS-Jahr alles um die Ohren. Oder bleibt unter dem Berg gefangen. Oder vermehrt brav den Reichtum. Im Jahr des Affen kann eben alles passieren. Vielleicht auch in China.

Sack Reis

Anfang November hatten Ma und Xi sich getroffen.

„Da laust mich doch der Affe“, mag sich einer denken. „Eiderdaus“, eine andere. Eine Dritte streift vielleicht der Gedanke „und was geht mich das an“. Vier, fünf und sechs halten es mit „scheiß der Hund drauf“, während sieben immerhin Neugier beweist: „Wer ist denn diese Ma? Und der Ksi?“ Acht wieder eher rustikal: „Sackl Zement!“ Doch neun hat eine Expertise zu bieten: „Und in China fällt ein Sack Reis um.“

Die beiden Herren, denn um solche handelt es sich, haben sich allerdings nicht in China getroffen, sondern in so einer Art Subsidiärchina, nämlich in Singapur. Dass es Herren sind, wurde als solches lange im Vorfeld vereinbart. Dass sie sich so anreden werden: als Herr Ma und Herr Xi. Oder genauer, als Ma Xiansheng und Xi Xiansheng. Wörtlich trifft dies allerdings nur auf Ma zu, denn der ist ein paar Jahre älter als Xi und Xiansheng heißt wörtlich „der früher Geborene“. So gesehen hätte der früher geborene Ma den später geborenen Xi also als Xi Housheng anreden müssen, aber das wäre dann eher eine saloppe Anrede à la „na, junger Mann?“ gewesen und geht in dem Zusammenhang natürlich gar nicht.

Das offensichtlich faktisch mögliche Treffen, widersprach jedoch theoretisch jeder Logik, denn Ma und Xi liegen auf zwei parallelen Geraden. Und die treffen sich bekanntlich und bestenfalls erst im Unendlichen.

Xi ist der Präsident der Volksrepublik China und Parteichef der KP China und Ma ist der Präsident der Republik China und Parteichef der Guomindang. Und da es nach Meinung beider nur ein China gibt, sich aber zwei chinesische Präsidenten unterschiedlicher Staaten mit dem gleichen Gebietsanspruch getroffen haben, muss selbst das Anredeprotokoll angepasst werden, um die Theorie der Praxis irgendwie anzubiegen.  Also trifft man sich eben in einem Subsidiärstaat und redet sich höflich unbestimmt mit Herr an. In Sachen Gebietsansprüche hat die Volksrepublik natürlich die Nase vorn, da sich die Republik China gegenwärtig nur auf Taiwan und den umgebenden Inseln befindet. Auch was internationale Anerkennung, Wirtschaftsmacht und Einwohnerzahl angeht, schlägt Xi den Ma um Längen. Bei Freiheit, Demokratie und Menschenrechten, sieht das ganze allerdings gleich ganz anders aus.

Das letzte offizielle Treffen der Parteichefs beider Parteien -und damit auch der amtierenden Diktatoren im damals noch andauernden chinesischen Bürgerkrieg- fand vor 60 Jahren statt, in Form von Mao Zedong und Jiang Kaishek. So lange hat die Praxis gebraucht, um sich durch die Theorie zu wurmen.

Jetzt sollte man meinen: reden ist gut. Sich treffen ist gut. Sich die Hand reichen (soll über eine Minute gedauert haben) auch. Ist doch wunderbar, wenn zwei Seiten sich begegnen, die sonst nur über bizarre Umwege kommunizieren. Aber wenn Goliath einen David in die Arme schließen will, ist Vorsicht geboten. Dem kleinen Ma war´s egal, und rumms, fiel in Singapur ein Sack Reis um. Und daheim seine ohnehin kellertiefen Umfragewerte ins Bodenlose.

Aber das war bei der Wahl im Januar in Taiwan vermutlich nur noch eine kleine Schmuckapplikation auf dem politischen Sarg der Guomindang. Denn abgesehen von wirtschaftlichen Problemen und der Angst vor der goliathischen Schwester, wollen die meisten Taiwaner eben genau das sein. Taiwaner. In einer Demokratie. „Wir haben kein Problem mit der Ein-China-Politik. Ich stimme zu: Es gibt nur ein China. Es gibt aber daneben auch ein Taiwan. Und das eine hat mit dem anderen nichts zu tun“, so der politische Shootingstar Freddy Lim.

Also wird in Taiwan im Mai die erste Präsidentin ihr Amt antreten. Cai Yingwen von der Demokratischen Fortschrittspartei. Sie wurde mit absoluter Mehrheit gewählt, und ihre Partei hat nun erstmals auch die absolute Mehrheit im Parlament. Dass Taiwan sich für unabhängig erklärt, bleibt nachwievor theoretisch unmöglich, weil in der VR China ein Gesetz gilt, das in diesem Fall einen militärischen Angriff auf Taiwan zwingend vorsieht. Faktisch ist Taiwan längst ein unabhängiger Staat.  Also zeigt David Goliath nur wie zufällig den Stinkefinger und geht zur Sicherheit ein paar Schritte zurück. Das muss vorerst genügen. Die Geraden der VR China und der Republik China laufen ab sofort nicht mehr parallel, sondern windschief zueinander.

Wie zum Hohn wurde auch noch der Deathmetal-Star und Menschenrechtler Freddy Lim von der (aus der Sonnenblumenbewegung hervorgegangen) New Power Party per Direktmandat ins Parlament gewählt. Dass sein Guomindang-Gegenkandidat ihn als langhaarigen Geisteskranken diffamierte, änderte nichts daran. „Man stelle sich vor, Rammstein-Sänger Till Lindemann hätte in München-Süd CSU-Schlachtross Peter Gauweiler geschlagen, um eine Ahnung davon zu bekommen, was da passiert ist,“ kommentiert Kai Strittmatter.

Und was sagt Goliath dazu außer erbost zu schnauben? Noch nicht viel. Ich finde, der mächtige Xi Jinping sollte ein wenig über seinen Namen meditieren. Übersetzt man den nämlich wörtlich, so bedeutet er: üben, sich dem Frieden zu nähern. Das kann auf keinen Fall schaden. Gib Stoff, Xi, du schaffst das!

Tohuwabohu

Nun ist bald wieder Halloween (veralt.: Allerheiligen) mit seinem Transitverkehr von Drüben nach Hüben. Ich vermute, dass das auch in China und Taiwan von einigen gefeiert wird, obwohl dafür eigentlich kein weiterer Bedarf besteht. Denn in Taiwan steht man gewissermaßen immer im Austausch mit der jenseitigen Welt. Und in China war das zumindest früher so. Täglich grüßte man die Ahnen oder stellte ihnen was zu essen hin. Aber weil das Leben -oder der Tod- nicht nur aus Alltag bestehen soll, gibt es auch noch das Gräberfest Qingming im Frühjahr, und den Doppelneunten im Herbst, wo man seine Toten besucht und ihnen noch mehr und besseres Essen anbietet als ohnehin schon. Und damit die Toten auch mal die Möglichkeit haben, diese Besuche zu erwidern, gibt es im siebten Monat des Mondkalenders den Geistermonat. Da gehen die zwischenweltlichen Ventile in die andere Richtung auf. Und am Vollmond dieses Monats, also dem 15.7., da herrrscht dann Hochbetrieb. Keinen Geist der auf sich hält, hält es da zuhause. Heidewitzka. Wer hat, geht Familie besuchen. Der Rest amüsiert sich ohne die bucklige Verwandtschaft. Ich erinnere mich an die viele Warnungen, die ich in Taiwan um diese Zeit erhielt. Keine Wäsche aufhängen (damit sich kein Geist darin verfängt), nicht ans Wasser gehen (damit kein Wassergeist die Gelegenheit erhält, mit mir Rollen zu tauschen), nicht radfahren (viel zu gefährlich), überhaupt nicht am Verkehr teilnehmen (viel zu gefährlich). Am besten gar nicht vor die Tür gehen. (Immer noch gefährlich genug.)

Das chinesische Jenseits ist allerdings keinesfalls geisterhaft unstrukturiert, und schlägt katholische Vorstellungen von Himmel, Hölle und Fegefeuer staatsorganisatorisch um Längen. Da gilt es ja auch verschiedensten Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Für die Buddhisten muss das mit dem Karma geregelt werden. Das allein ist schon unendlich kompliziert. Für die Volksreligion braucht es Vorstellungen von wenigstens posthumer Gerechtigkeit, wofür auch mal Lebende zur Zeugenaussage geholt werden müssen. Und der Konfuzianer fürchtet sich ohnehin am meisten vor Luan, dem Chaos. Also hat er schon aus Selbstzweck dem Totenreich seinen organisatorischen Stempel aufgedrückt. Da gibt es Beamte, Gerichtsverfahren, den Totenkönig, Beförderungsstau, Akten, Karteileichen, Leibstrafen, Warteschlangen, Kompetenzprobleme, Gefeilsche und Bestechung. Im Grunde geht es im chinesischen Totenreich also nicht viel anders zu als im Diesseits. Nur die Strafen fallen drastischer aus und das mit der Korruption geht häufiger nach hinten los. Im Übrigen bleibt man wie gehabt der Obrigkeit unterworfen. Und ob posthum Gerechtigkeit walten wird, ist auch nicht unbedingt gesagt.

Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass sich unter diesen Umständen so mancher Daoist der Unterwelt entziehen und es lieber mit der Unsterblichkeit versuchen wollte. Sei es durch Qigong, Sexualpraktiken, Diät oder Quecksilberpräparate. Gelungen ist es wohl den wenigsten. Und so finden auch diese sich im allgemeinen Getümmel.

Da gibt es Wassergeister, die mal ertrunken sind. Hungrige Geister, die von der Verwandtschaft nicht genug gefüttert werden. Die zwei Unbeständigen, die einen in die Unterwelt geleiten. Die Totenstarren, die sich in einem unappetitlich angewesten Zustand etwa wie unsere Zombies aufführen. Unzählige weibliche Rachegeister, die wahrscheinlich alle gute Gründe für ihre Rachsucht haben und meist weiß gekleidet sind. Andere unerlöste Geister, die sich auch mal wie Heinzelmännchen verhalten. Bananengeister, die einem die Lottozahlen verraten können. Erdgeister, die von ihrer Scholle nicht loskommen. Gehängte, die man an ihren raushängenden Zungen erkennt. Die Kopflosen auf der Suche nach ihrem Kopf. Die aus Papier hergestellten und verbrannten Papierdiener. Die ochsenköpfigen und pferdegesichtigen Wächter der Unterwelt. Die unverheirateten Toten, für die die Lebenden noch Ehegesponse suchen und Geisterhochzeiten abhalten, damit dann Ruhe ist im Karton. Und und und. Und all die, die sich in irgendeinem Zustand des Transits befinden.

Kein Wunder, dass sich alles auf die Sommerferien freut. Einen Monat haben sie also frei und dürfen diese streng organisierte Unterwelt verlassen. Ich finde, das klingt alles sagenhaft deprimierend. Man stelle sich das vor: K. in „Das Schloss“ würde sich aus Verzweiflung umbringen, um dieses gnadenlose Schloss mit seiner Bürokratie loszuwerden. Um sich dann in einer Schlange vor irgendwelchen scheusaligen Beamten unterschiedlichster Zuständigkeiten wiederzufinden. Womöglich mit Wartenummer. Oder nur mit Onlinetermin. Man könnte sich schier die Kugel geben, wenn das nur gerade helfen würde!

Allerdings gibt es einen Ausweg. Und der heißt 聻. (In einer anderen Variante wird das Zeichen unten mit Radikal Geist geschrieben, aber das kennt mein Computer nicht.) Richtig viel habe ich darüber nicht in Erfahrung bringen können. Meine Handyapp behauptet, das Zeichen würde zhan ausgesprochen, aber übersetzen will sie es nicht. Ein Onlineübersetzer ist für die Aussprache Jian, drückt sich aber auch vor einer Übersetzung. Ich greife also zum analogen Medium. Zum Cihai, dem Meer der Wörter, einem „umfassenden“ einsprachigen Wörterbuch, einem Standardwerk, das erstmals 1936 herausgegeben wurde. Doch auch das hält mich zunächst an der kurzen Leine. Jian soll das Zeichen ausgesprochen werden, da ist das Lexikon eindeutig. Aber was soll es bedeuten? Sehe ich unter der Variante mit Geistradikal nach, verweist es mich auf das obige Zeichen. Schaue ich da nach, verweist es auf die vereinfachte Schreibweise. Ich will schon aufgeben, weil ich eine Zirkelverweisung befürchte, doch dann finde ich das entscheidende Zitat aus dem 17. Jahrhundert: Wenn ein Mensch stirbt, wird er zum Geist, wenn ein Geist stirbt, wird er zum Jian. Ich weiß natürlich nicht, wie sich das Leben, oder besser gesagt Dasein eines Jians gestaltet. Vermutlich wird sich dies auch in Zukunft notgedrungen im Bereich spekulativer Wissenschaft bewegen müssen, aber ich bin doch beruhigt, dass es auch für Geister einen Ausweg aus ihrer Bürokratenhölle gibt. Und gerade dass ich sonst gar nichts dazu finde, macht Hoffnung.

Denn dazu fällt mir die schöne Geschichte von Hundun aus dem Buch Zhuangzi, (ca 300 vuZ) ein: „Der Kaiser des Südmeeres war Shu, der Kaiser des Nordmeeres war Hu. Der Kaiser der Mitte war Hundun. (Oder Ungeteiltheit, oder Chaos, oder Tohuwabohu.) Shu und Hu trafen sich häufig bei Hundun und der behandelte sie zuvorkommend. Shu und Hu wollten Hunduns Güte vergelten und sagten: alle Menschen haben sieben Öffnungen mit denen sie sehen, hören, essen und atmen. Nur Hundun nicht. Wir wollen ihm welche bohren. Jeden Tag bohrten sie Hundun eine Öffnung. Am siebten Tag war Hundun tot.“

Nachdem also das Ungeteilte durch zuviel Nachbohren seine Ursüpplichkeit verloren hat und selbst Geister einen Urlaubsmonat brauchen, um sich von all den Geisterstrapazen zu erholen, bleibt Jian als letzte Hoffnung. Wie gut, dass man so wenig darüber weiß.

Papier

Man denkt ja, etwas ist gut und richtig, wenn es echt und wahr ist. Dazu gehört, dass es richtig bezeichnet wird. Dass ein Seidenhemd nicht aus Nylon ist. Dass es Angriffskrieg heißt und nicht präventiver Erstschlag. Dass etwas bei seinem Namen genannt wird. Wie schon weiland Konfuzius unter dem Schlagwort der „Richtigstellung der Begriffe“ forderte. Aber so einfach ist es eben nicht. Denn Sprache ist trotz allen Anspruchs nicht präzise, wenn sie nicht mit großem Aufwand so gestaltet wird. Wie beispielsweise Programmiersprachen. Oder Mathematik. Ganz zu schweigen von dem redlichen, aber unvollkommenen Versuch der juristischen Sprache.

Nehmen wir das Wort Papier. Leicht einsichtig kommt es von Papyrus. Auf dem besagten Papyrus hat man geschrieben und konnte theoretisch auch Dinge darin einwickeln. Vielleicht sogar Fisch vom Markt in Zeitungspapyrus. So weit, so gut, so zutreffend bezeichnet. Trotzdem ist der Papyrus seinem Wesen nach kein Papier. Er ist ein Geflecht, ein verwobenes Gebilde aus flachgeklopften, ineinanderverhakten, glattgeschliffenen Schilfstengeln der Sorte Papyrus. Klopfen, verhaken, schleifen. Man merkt schon, es ist ein Produkt der Mechanik, der Physik. Papier selber wird allerdings nicht nur mit Hilfe der Physik, sondern auch mit Hilfe der Chemie hergestellt. Das ist sein Wesen. Und ist Kohle etwa ein Diamant? Oder Beton Marmor? Ist ein Notizzettel das gleiche wie eine Notizapp im Handy? Ein beschreibbares Display ein Blatt Papier?

Papier also. Wer hat´s erfunden? Die Chinesen. Und unter diesen Chinesen angeblich ein Herr Cai mit Rufnamen Lun. Ein Eunuch, der um 100 nuZ in den kaiserlichen Werkstätten für die Papierherstellung zuständig war. Der kann aber nicht der Papiererfinder gewesen sein, da es Papierfunde von etwa 300 Jahren vor seiner Zeit gibt. Er kann auch schlecht für etwas zuständig gewesen sein, was er erst noch erfinden musste. Das würde für einen ungeheuer schnellen Verwaltungsapparat sprechen, wogegen die Erfahrung spricht. Aber vielleicht bin ich einfach berlingeschädigt. Wie dem auch sei. Erfunden hat Herr Cai das Papier nicht, aber die Qualität des rauen Hanfpapieres entschieden verbessert. Das sollte man ihm lassen.

Wie macht man also Papier? Man nimmt zum Beispiel Hanf, Lumpen, alte Fischernetze und Maulbeerbaumbast. Reinigt, stampft, kocht alles in Lauge und wässert es. Es entsteht idealerweise eine gleichmäßige Pulpe. Davon schöpft man eine Lage auf ein Sieb. Trocknet und oder presst es auf die ein oder andere Art, et voilà.

Im vierten Jahrhundert hatte sich das Papier in ganz China durchgesetzt und die Gelehrten und Beamten und Zauberer konnten sich Seide, Holztäfelchen und Schildkrötenpanzer als Schreibgrund schenken. Kultur und Wissenschaft konnte viel schneller und in größerem Ausmaß verbreitet werden. Gleichzeitig dehnte sich die Kunst der Papierherstellung nach Vietnam und Korea aus. Und die Rohstoffe auf Reisstroh, andere Baumrinden und Bambus. Als dann noch die Erfindung des Blockbuchstabendrucks dazu kam, beschleunigte sich das nochmal. Man muss sich das ungefähr so vorstellen wie die Erfindung des Internets. Technik und Wissensverbreitung explodieren. (Als kleinen Exkurs möchte ich erwähnen dass laut Joseph Needham „zum Beginn des 19. Jahrhunderts mehr gedruckte chinesische Seiten existierten als in allen übrigen Sprachen der Welt zusammengenommen.“)

Im achten Jahrhundert führen die Chinesen vorübergehend eine Art Papiergeld ein, wobei man sagen muss, dass es sich eher um ein Schuldscheinsystem handelte. Um die Jahrtausendwende wurden durch Geldreserven gedeckte Geldscheine eingeführt und der Staat schaffte sich schließlich ein Ausgabemonopol. Da dies zuweilen zu galoppierender Inflation führt, schafft man das Papiergeld ein paar hundert Jahre später kurzerhand wieder ab. Zu dieser Zeit hat es in Europa immer noch keinen einzigen Geldschein gegeben.

Doch zurück ins achte Jahrhundert. Da jagen die Araber den Chinesen nicht nur Samarkand ab, sondern auch die dortige Papiermühle nebst kundigen Handwerkern. Jetzt ist der Siegeszug des Internets, ach nein, des Papiers nicht mehr aufzuhalten. Okay, das christliche Europa sträubt sich noch ein Weilchen, weil sie das muslimische Teufelszeug nicht anrühren wollten. Die allein schreibkundigen Mönche fanden es wohl gottgefälliger, auf Pergament, also auf den gestreckten Häuten von jungen Säugetieren zu schreiben.  Aber im 12. Jahrhundert ergab man sich schließlich -Teufel hin, Satan her- der überlegenen Technologie.

Das Papier setzte sich in Europa derart durch, dass ein Rohstoff knapp wurde: Lumpen. Ein damals unverzichtbarer Bestandteil des Papiers. Die Lumpensammler, gewissermaßen Haderlumpen, waren die Dealer von damals, denn Lumpenschmuggel von einem Land ins andere war streng verboten und wurde drastisch bestraft. In England wurde sogar verboten, jemanden im Leichenhemd unter die Erde zu bringen, wo man doch aus diesem wunderbaren Totenhemd noch Papier herstellen konnte. Der Kampf um die Lumpen führte natürlich auch dann und wann zu Bandenkriegen unter den Lumpendealern. Erst im 18. Jahrhundert beschäftigte sich hierzukontinent jemand eingehender mit der Idee, Papier auch aus Pflanzenfasern oder Holz herzustellen. Etwa 100 Jahre später wurde es schließlich möglich, Papier auf Holzbasis in entsprechender Qualität herzustellen. Und die Bedeutung der Lumpensammler nahm ab. Jetzt wird zwar ein bedeutender Anteil des Papiers aus Altpapier hergestellt und ich kann mich erinnern, dass wir früher damit auch die ein oder andere Mark verdient hatten. (Wobei der Kilopreis für Illustrierte weit unter dem von Zeitungen lag.) Aber das ist lange her und schon damals hätte man kein lukratives Bandenwesen darauf aufbauen können.

Und wo ich jetzt schon bei Kindheitserinnerungen bin: den Weg zur Schule konnte man drastisch abkürzen, wenn man -verbotenerweise- über das Gelände einer stillgelegten Fabrik ging. Man musste nur über eine Mauer klettern und sparte sich mindestens die Hälfte der Zeit. Unter uns hieß es, das sei eine Papierfabrik gewesen. Jetzt kommt mir das komisch vor, denn eine solche braucht viel Wasser und davon gab es bei uns in der Gegend weit und breit keins. Später wurden die Baracken auf dem Gelände der mutmaßlichen Papierfabrik nur noch als Lager benutzt und als eine davon abbrannte, hatten wir alle stapelweise nur leicht angesengte Kartendecks.

Der Name für dieses Wunderwerk aus dem auch diese Spielkarten waren, mit oder ohne Lumpen, stammt also -ohne Papyrus zu sein oder damit etwas zu tun zu haben- von dem Wort Papyrus ab. Papier, paper, papir, papel, papier (frz), papier (pln) und so weiter. Nur die Italiener, die nennen es carta. Das kommt von griechisch chartes, Papierblatt, was womöglich auf dem ägyptischen Wort für Schreiberkästchen beruht und damit passenderen Ursprungs wäre. Die Russen sagen irgendwie sowas wie Bumaga. Wie es auf arabisch heißt, konnte ich auf die Kürze nicht überzeugend herausfinden. Zwischen wara´at und (phon) wodecha blieb ich hängen. Die Ethymologie muss ich in den beiden letzten Fällen leider ebenfalls schuldig bleiben.

Danach könnte Papier also auf Deutsch korrekter Karte heißen. Oder hoch spekulativ Bumens (von russisch Bumaga) oder Weutel (von arabisch irgendwas mit w). Der Chinese und die Chinesin, und die haben es ja schließlich erfunden, nennen es aber zhi. Sprich: dschsch. Dschschtüte, ein Blatt Dschsch,  Dschschstau, „Zeigen Sie mir mal Ihre Dschsch!“, dschschschnipsel, Essdschsch, Löschdschsch etc. Da mögen Tschechen oder Polen noch lachen, aber Deutschen oder gar Spaniern bleibt das Lachen im Zungenknoten hängen. So gesehen sind wir mit Papier -Konfuzius und seine Richtigstellung der Begriff hin oder her- doch eigentlich ganz gut bedient. Praktikabilität geht schon mal vor Präzision.

Anthropophagie

Ein Sommerlochthema muss her. Doch da der größte und damit älteste Wels, der in Polen je gefangen wurde und in dessen Magen noch Knöpfe von einer Wehrmachtsuniform gefunden worden sein sollen, nichts mit China oder Taiwan zu tun hat, kommt der nicht in Frage. Aber Menschenfresserei geht als Thema natürlich trotzdem immer gut und wenn es nicht der Wels sein soll, dann eignet sich Kannibalismus mindestens genauso. Und damit meine ich jetzt nicht Kannibalismus aus Not oder Magie, sondern aus Kulinarie, oder sonstigen, nicht lebensnotwendigen Gründen.

Die chinesische Literatur und Historie ist voll von Beispielen zum Verzehr von Menschenfleisch. Um nur ein Beispiel zu nennen: Yi Ya servierte seinem Fürsten aus Gründen der Geschmackssensation den eigenen erstgeborenen Sohn. (Rund 500 vuZ)

Ich überspringe 2400 Jahre und versichere, dass der Reigen des Menschenfleischkonsums bzw seine literarische Verabreitung in der Zwischenzeit nicht abreißt. 1918 schreibt Lu Xun, gewissermaßen der Vater der literarischen Moderne, das „Tagebuch eines Verrückten“ aus der Sicht eines Menschen, der befürchtet von seinen Mitmenschen gegessen zu werden, weil er sich nicht korrekt verhalten habe. Gleichzeitig argwöhnt er, selber versehentlich schon Menschenfleisch gegessen zu haben. Auch Konfuzius spendet ihm keinen Trost. Kaum will er in „Die Gespräche des Konfuzius“ lesen, sieht er nur zwei Worte: Menschen essen. Um das mal ganz platt zu interpretieren: nicht nur die Revolution, sondern auch die Tradition frisst ihre Kinder. Die anscheinend missratenen ganz besonders gern.

Oder „Die Schnapsstadt“ (1993) des umstrittenen Literaturnobelpreisträgers Mo Yan. Dort wird der Sonderermittler Ding in eben diese Schnapsstadt geschickt, weil dort bei Banketten angeblich Kinder verspeist werden. Wie in einer Schnapsstadt nicht weiter verwunderlich, verfängt sich der Sonderermittler im Nebel.

Oder der Performancekünstler Zhu Yu der auf dem shanghai arts festival 2000 eine Fotoserie ausstellte, die ihn bei der Zubereitung und dem Verzehr eines menschlichen Fötus zeigt. Die Echtheit des Fötus´hat erst Scotland Yard und dann auch Zhu dementiert. Aber, sagt er, es gäbe kein Gesetz, das den Verzehr von Menschenfleisch untersage. Selbst die meisten Religionen äußerten sich nicht dazu. Keines der 10 christlichen Gebote laute: Du sollst deinen Nächsten nicht essen.

In Sachen Gesetz habe ich für hierzulande nachgelesen: § 168 StGB „Störung der Totenruhe“ ist einschlägig. Der Bundesgerichtshof hat sich anlässlich des „Kannibalen von Rothenburg“ damit auseinandergesetzt, ob es sich auch dann noch um beschimpfenden Unfug handele, wenn die Mahlzeit vorher in ihren Verzehr eingewilligt habe. Der BGH stellt dazu mittelmäßig überzeugend fest: „§ 168 StGB schützt auch das Pietätsempfinden der Allgemeinheit. Diesem liegt das Bewußtsein von der jedem Menschen zukommenden und über den Tod hinauswirkenden Würde und von der Würde des Menschen als Gattungswesen zugrunde. Über dieses Rechtsgut konnte das Opfer nicht verfügen, so daß sein Einverständnis dem Handeln auch nicht den beschimpfenden Charakter nehmen konnte.“ Tja, Zhu Yu, da hast Du Deine Rechnung ohne den Wirt vom BGH gemacht. Anders ist es vermutlich, wenn sich jemand lebendig selber einen Schinken aus dem Bein schneidet, um ihn jemanden vorzusetzen. (So Jie Zitui wieder um 500 vuZ für seinen kranken Prinzen) Das ist nur Störung der Lebendruhe, wo Schimpf und Unfug strafrechtlich weniger relevant sind. Außerdem soll dieses „lebende Fleisch“ viel mehr Qi, also Energie haben.

Ich gestehe, schon mal gedacht zu haben: bei einem einerseits so aufs Essen versessenen Menschenschlag,  großen sozialen Unterschieden und entsprechender Rechtlosigkeit auf der anderen Seite, da liegt es doch vielleicht nahe, dass in China hier und da für viel Geld ein zarter Knabenschenkel auf dem Tisch landet? Also hypothetisch natürlich. Und theoretisch. Aber eben denkbar. À la: wo wenn nicht da?

Dementsprechend habe ich in einem Artikel gelesen, dass im Chinesischen „flesh“ und „meat“ nicht unterschieden werden, sondern es in beiden Fällen nur Rou heißt.  Die Autorin des Artikels nimmt diese Erkenntnis als Einstieg für Überlegungen zum Kannibalismus in China. Warum der vielleicht – so die steile These – dort weiter verbreitet sei, als woanders. Und bei mir regt sich erster Widerspruch: auf Deutsch heißt Fleisch auch nur Fleisch. Da bleibt sogar das Rind ein Rind, wenn es tot und medium auf dem Teller liegt und wird nicht plötzlich zum Beef. Nichtsdestotrotz ist der Unterschied zwischen Fleischeslust und Fleischlust klar. Selbst wenn es anders wäre, glaube ich irgendwie nicht, dass aus sprachlichen Gründen der Kannibalismus in Deutschland (oder in Frankreich, oder Spanien, oder Polen, oder sonstwo) verbreiteteter ist, als beispielsweise in England. Rothenburg hin oder her.

Als ich also fröhlich in Sachen Menschenfleisch vor mich hingoogele, stoße ich schnell auf Seiten (zB China intern), in denen fanatische Chinahasser abstruseste Thesen aufstellen und „Beweise“ für kulinarischen Kannibalismus in China ins Netz stellen. Soweit mir ersichtlich wurden die alle widerlegt. Jetzt ist die Widerlegung eines Beweises kein Beweis der Unschuld, aber diese Seiten sind so widerlich und doof und bösartig und propagandistisch, dass mir der Appetit auf das Thema gründlich vergangen ist. Selbst oder gerade als Gedankenspiel. Gute Güte, Leute! Wenn man China, die chinesische Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Rechtslage  etc pp kritisieren will, gibt es wirklich genug gute Gründe, ohne irgendwelche Ammenmärchen fälschen zu müssen. Und angewidert stehe ich jetzt mit so einem halbgaren Thema da.

Habe ich dem etwas entgegenzusetzen? Und dem Umstand, dass bei Wikipedia der Eintrag zu Kannibalismus ausgerechnet und ausschließlich einen gesonderten Absatz zu China enthält?

Ich könnte anführen, dass die Zeit des Abendlandes mit Kannibalismus beginnt. Denn Kronos, Sohn der Gaia und des Uranos aß seine eigenen Kinder (Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon). Und das noch nicht mal als Gourmet, aus Not oder Magie, sondern nur um sie zu töten. Weil er Angst hatte, sie würden ihn später töten, wie er selbst seinen Vater. Wie geschmacklos ist das denn? Nur Zeus entging ihm dank einer List seiner Mutter und Kronos ereilte daraufhin das Schicksal der Paranoiker: die selbsterfüllende Prophezeiung. Als solche machte Zeus ihm den Garaus. Obwohl man mit Fug und Recht behaupten kann, dass die Zeit ihre Kinder verschlingt, muss ich eingestehen, dass Kronos doch nicht mit Chronos, dem Gott der Zeit gleichzusetzen ist. Aber der Sohn von Himmel und Erde steht gleichwohl ziemlich am Anfang unserer Kultur.

Und was ist mit der Eucharistie? Der Leib in der Hostie, das Blut im Wein? (Nebenbei bemerkt: der o.g. Performancekünstler Zhu Yu ist Christ.) Mit Karl Denke, Fritz Haarmann oder Joachim Kroll? Und was ist mit Hänsel und Gretel? Was wir als Kinder gehört, gelesen, gesehen und sogar als Oper genossen haben: wird da nicht ein Kind gemästet, um ein schön knuspriger Braten zu werden? Eben.

Um in diesem Beitrag, der nirgends hingeführt hat, jetzt noch vollständig zurückzurudern: einen Beleg für den anthropophagen Wels mit den Wehrmachtsknöpfen habe ich auch nicht gefunden.

Im Zeichen der Blume

Es ist ja immer wieder überraschend, dass es in anderen Ländern auch Dinge gibt, die wir so haben. Zum Beispiel Musikpreise. Da gibt es nämlich nicht nur die Grammy Awards (USA), die Brit Awards (GB) oder den Echo (D), sondern noch allemöglichen anderen. Vermutlich haben sehr, sehr viele Länder eigene Musikpreise, von denen kaum jemand etwas weiß.  Taiwan hat beispielsweise den Jinqujiang, den Goldene-Melodie-Preis. Von dem weiß natürlich nicht kaum jemand etwas, denn er wird auch in die anderen chinesischsprachigen Länder wie die VR China und Singapur übertragen. Es handelt sich also um ein Großereignis, das garantiert von mehr Menschen gesehen wird als der Echo.  Ein an und für sich harmloses Großereignis. Aber nicht harmlos genug, um es in China und Singapur echt live zu übertragen. Sicherheitshalber wird eine 30 sekündige Verzögerung eingebaut. Man kann ja nie wissen. Beziehungsweise: man weiß schon, warum. Und das Wohl des Volkes steht über allem.

Die USA machen das seit 2004 bei ihren Grammys übrigens auch so (wenn auch nur für 5 Sekunden), um ein weiteres Nipplegate, den wahnsinnig traumatisierenden Skandal einer im Fernsehen versehentlich gezeigten weiblichen Brustwarze fürderhin zu verhindern. Über so viel Fürsorge ist man ja froh. Die Russen beherrschen diesen Trick natürlich auch, so dass es der sensiblen russischen Seele erspart blieb, bei der Olympiade einen sich nicht öffnenden Ring sehen zu müssen. Dafür bekamen sie die gelungene Probenvariante serviert und ich staune über die Geschwindigkeit, in der dieser Schnitt vonstatten gegangen sein muss.

An eine andere, etwas historischerere Gelegenheit kann ich mich persönlich sehr gut erinnern. Die funktioniert aber nur, wenn man vorher jemandem das Manuskript der Sendung zu lesen gibt, was sich bei einer Preisverleihung generell nicht so anbietet. Es war Mai 1986 und Tschernobyl noch ganz frisch. Dem bayerischen Rundfunk gefiel das Manuskript des bevorstehenden Scheibenwischers nicht. Insbesondere die an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Nummer Der verstrahlte Großvater war irgendwie zu viel des Guten. Trotz des Bayerntums von Dieter Hildebrandt hatte aber nicht der BR über die Ausstrahlung der Sendung zu entscheiden, sondern die ARD. Und die fand das Material ausstrahlungsfähig. Also klinkte sich der BR für die Zeit der Sendung aus dem Programm der ARD aus und die bayerischen Scheiben blieben an diesem Abend ungewischt und matt. Auch das diente natürlich nur dem Volkswohl. Ehrensache.

China und Singapur hatten nun bei der Verleihung der Goldenen Melodie vorher weder ein Manuskript, noch konnten sie harmloses Probenmaterial reinschneiden. Also blieb ihnen wie weiland dem BR nur das schlichte Ausblenden. Stattdessen erschien ein freundlicher Hinweis, dass der Teil dieses Programms zum Übertragen leider ungeeignet sei. Ungeeignet war in dem Fall ein Höhepunkt der Sendung, nämlich die Übertragung des Songs des Jahres. Denn der war von Feuerlöscher (Miehuoqi) und heißt in etwa Inselmorgendämmerung (Daoyu tianguang). Vor diesem Machwerk mussten die zarten chinesischen Gemüter unbedingt bewahrt werden. Denn es handelt sich um die Hymne der Sonnenblumenbewegung.

In China gab es 2011 ja die Jasminbewegung, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzte. Da aber schon ein offener Meinungsausdruck wie eine friedliche Versammlung von 100-200 Leuten verdroschen und massiv kriminalisiert wurde, ging sie notgedrungen in Deckung, wich ins Subversive aus. Auf stumme Spaziergänge und die Bestellung von Jasmintee in Lokalen. Soweit ich weiß, kam die zweite Phase des Aktionsplans: Halten von Jasminzweigen und das Abspielen des äußerst populären Volksliedes Molihua mit dem Handy, nie wirklich in Gang. Dass Celine Dion auf der offiziellen Neujahrsgala 2013 zusammen mit Song Zuying das Lied gesungen hat, dürfte der Subversität desselben auch nicht gut getan haben.

Aber was ist jetzt die Sonnenblumenbewegung?  Während man sich hierzulande mit TTIP herumschlägt, hat Taiwan mit dem Handelsabkommen ECFA zu tun, das zwischen China und Taiwan als Rahmenabkommen beschlossen wurde. Das Abkommen löst auf der kleinen Insel mit den paarundzwanzig Millionen gegenüber dem chinesischen Goliath nicht ganz unbegründete Besorgnis aus. So ist die VR China nicht nur der größte Handelspartner Taiwans, sondern auch der größte politische Gegner. Und der ist nicht gerade für sein zartfühlendes Wesen bekannt.  Taiwan muss also vorsichtig agieren, wenn es zumindest seine faktische Unabhängigkeit bewahren will.

Es war also vereinbart worden, die Unterabkommen im Parlament Punkt für Punkt durchzudiskutieren. Natürlich hatte die Opposition viel zu bemängeln. Das nervt verständlicherweise. Also befand im Frühling 2014 die taiwanische Regierung unter dem Präsidenten Ma Yingjiu das Abkommen plötzlich insgesamt für ratifizierbar. Und das am liebsten heimlich. Insbesondere der Jugend Taiwans riss nun die Hutschnur und sie besetzte für 24 Tage das -insofern übergangene- Parlament. Nachdem ein örtlicher Florist aus Solidarität Sonnenblumen an die Student_innen verteilt hatte, taten sie das ab sofort unter dem Symbol der Sonnenblume.  Schon mal im März 1990 hatte die Demokratie Taiwans unter dem Symbol der wilden Lilie große Fortschritte erzielt, denn diese Bewegung hatte das Ende der Einparteiendemokratie eingeläutet.

Das mit den Blumen kann also durchaus klappen. Und an Etappenzielen gemessen, tat es das auch diesmal. Nach einer kurzen, gewaltsam geräumten Besetzung des Regierungssitzes, verstärkte sich die landesweite Solidarität nur noch. Schließlich lenkte die Regierung ein und kehrte zur Punkt-für-Punkt-Diskussion zurück. Immerhin. Alles weitere bleibt abzuwarten.

Und die hymnentypisch nicht ganz unpathetische Hymne der Sonnenblumenbewegung wurde also auf dem Goldene-Melodie-Award im Juni zum Song des Jahres gekürt, was die VR China ihrem erfolglosen und jasmingebeutelten Volk gerne ersparen wollte. Eigentlich ein schöner Zug. Vielleicht unterschätze ich doch das Zartgefühl der VR China.

Rund um die Zeichenschlagmaschine

Das Problem

Ich weiß nicht, ob sich jemand fragt, der nicht Chinesisch oder Japanisch gelernt hat, wie man eigentlich ein Schriftzeichen im Wörterbuch findet. Oder Chinesisch in den Computer schreibt. Oder sich das gerade jetzt fragt, ohne sich davor je Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich werde versuchen, diese womöglich neu generierte Frage sogleich zu beantworten.

Nehmen wir die Zeichen 電腦. Heutzutage ist das natürlich ganz einfach. Ich schreibe die Zeichen mit dem Finger auf die Touchscreen meines Telefons, et voilà sagt mir meine App was die Zeichen bedeuten und wie sie ausgesprochen werden. Aber das war natürlich nicht schon immer so.

Radikale und Listen

Die meisten europäisch-chinesischen Wörterbücher beruhen auf der Phonetik und sind alphabetisch aufgebaut. Wenn ich also weiß, wie das Zeichen ausgesprochen wird, aber nicht was es bedeutet, kann ich einfach nachschlagen. Wenn ich das nicht weiß, wird es etwas umständlicher. Zunächst muss mir klar sein, welcher Teil des Zeichens der Radikal ist und damit auf die Bedeutung hinweist und welcher eher die Aussprache definiert. Das ist bei dem ersten Zeichen oben kompliziert, weil es die hier benutzte traditionelle Form gibt und eine verkürzte, die in der VR China geschrieben wird. Aber ich lass das jetzt einfach mal beiseite. Nach einer Weile kennt man seine Pappenheimer und weiß meistens auf Anhieb, welches der Radikal ist. Im obigen Beispiel beim ersten Zeichen der obere Teil. Der bedeutet Regen, was -hier völlig irrelevant- yu ausgesprochen wird. Das ganze hat also mit Wetter zu tun.

Nun zähle ich die Strichanzahl des Radikals, das sind in diesem Fall 8. Mit diesem Ergebnis gehe ich auf die Radikalliste in meinem Wörterbuch, die je nach Alter und System etwas mehr oder weniger Radikale als 200 kennt, zu der Spalte mit den 8strichigen Radikalen und suche unter rund 10 Alternativen nach meinem. Dort steht bei meinem Radikal nun zB 172. Das bedeutet, dass alle Zeichen mit diesem Regenradikal in einer anderen Liste unter der Ordnungszahl  172 zu finden sind. Idealerweise geht auch diese Liste mit ansteigender Strichzahl vor. Der restliche Teil meines Zeichens schreibt sich mit 5 Strichen und da ist das Zeichen auch schon gefunden. Es liest sich „dian“.

Mit diesem Ergebnis kann ich nun vertraut alphabetisch die Bedeutung nachschlagen und an achter Stelle unter dian (im vierten Ton) steht es auch schon. Dian bedeutet Blitz. Oder Elektrizität.

Beim zweiten geht es schon schneller

Das zweite Zeichen finde ich mit Glück dann unter „dian“ als zusammengesetztes Wort, aber ich wollte ja zu Fuß gehen. Also wieder von vorne. Beim zweiten Zeichen ist der vordere Teil der Radikal, der zwar so aussieht wie das Zeichen wie Mond, aber tatsächlich Fleisch („rou“) meint. Es hat also etwas mit dem Körper (und nicht mit Essen) zu tun. Ich zähle die Strichanzahl des Radikals (4), gehe zur Liste der 4strichigen Radikale und werde unter ca 30 4strichigen Radikalen fündig und auf die Nummer 103 in der anderen Liste verwiesen. Ich zähle die restlichen Striche (9) und stoße unter 103-9 schließlich an 13. Stelle auf mein Zeichen und erfahre, dass es sich nao liest. Erleichtert mache ich mich auf in den alphabetischen Teil und siehe da: nao bedeutet Gehirn.

Heureka

Elektrogehirn also. Wenn es mir nun an Fantasie mangelt oder ich zuviel davon habe, schaue ich in der vorherigen dian-Liste nach „diannao“ und erfahre schließlich, dass es Computer bedeutet. Hätte ich vorher bei dian besser geguckt, hätte ich mir den Umweg sparen können, aber da man nie weiß, welche Zeichen zusammen ein Wort bilden, läuft man diesen Umweg bei einem Satz mit vielen Unbekannten doch recht häufig.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, kann vielleicht verstehen, wieso eine App bei der man einfach das Zeichen auf die Touchscreen schreibt, einen wochenlang glücklich machen kann. Was sage ich: monatelang!

Damals die Schreibmaschine

Überhaupt machen Computer die chinesische Schriftsprache wesentlich praktikabler. Eine handelsübliche Tastatur hat rund 100 Tasten, im Chinesischen aber -grob vereinfacht- jedes Wort ein eigenes Schriftzeichen. Um vernünftige Texte schreiben zu können, braucht man Zugriff auf etwa 4000-5000 Zeichen. Deswegen war man früher auf wahre Monster von Schreibmaschinen angewiesen. Man fuhr mit einer beweglichen Vorrichtung über einen Setzkasten mit 2000 Zeichen, suchte das richtige raus und schlug dann die Letter mit einem Hebel auf das Papier. Wenn unter den 2000 Zeichen nicht das richtige zu finden war, gab es noch zwei Ersatzkästen, ebenfalls à 2000 Zeichen.

Wie das funktioniert, sieht man hier.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass es schneller ging, mit der Hand zu schreiben.

Phonetische Eingabesysteme

Der Computer bietet heute natürlich ganz andere Möglichkeiten. Dabei lassen sich die Eingabearten in akkustische und optische Systeme unterteilen.

Die akkustischen Systeme basieren auf dem gesprochenen Wort, also der Phonetik. Ich habe oben das Wort 電腦  in chinesischer Hochsprache und dem heutzutage in der VR China für die phonetische Erfassung benutzten Pinyin zu diannao transkribiert. Tippt man nun dian auf der Computertastatur ein, werden einem entsprechend der Häufigkeit ihres Vorkommens (und der eigenen Verwendungshäufigkeit) sortiert eine Vielzahl von Zeichen (hier ca 30)  vorgeschlagen, die dian ausgesprochen werden. Dort klickt man das Zeichen für Elektro/Blitz an und schreibt nao, wo das Gehirn vermutlich gleich an erster Stelle kommt, weil diannao eine übliche Kombination ist. Aus diesem Grund kann man auch gleich diannao schreiben und begründete Hoffnung haben, dass der Computer einem das zusammengesetzte Wort gleich in Gänze vorschlägt.

Der Nachteil des phonetischen Systems ist, dass dieses an die Aussprache gekoppelt ist, die sich dialekthalber innerhalb Chinas stark unterscheidet. Für Fremdsprachler ist es natürlich das Mittel der Wahl, denn die lernen ja ohnehin Mandarin. Wegen der vielen Homonyme, also gleichklingenden Silben, muss man allerdings höllisch aufpassen, dass man auch das richtige Wort geschrieben hat und nicht statt “Computer” zum Beispiel völlig sinnlos „Kissenärger“, was genau gleich ausgesprochen wird.

Natürlich gibt es eine Vielzahl solcher Umschriftssysteme. So ist in Taiwan zB Zhuyin oder Bopomofo gebräuchlich, was eigens erfundene, alphabetähnlich funktionierende Zeichen verwendet. Auch gibt es für das in Hongkong und Südchina gesprochene Kantonesisch eigene Umschriften.

Optische Eingabesysteme

Die optischen Systeme gehen von der Zeichenstruktur aus, zT von der Schreibreihenfolge oder der Zusammensetzung der einzelnen Grundformen. Besonders erwähnen möchte ich hier den vergleichsweise überraschend simplen Viereckenindex. Dieser Index wurde in den 1920er Jahren von Wang Yunwu erfunden und diente damals natürlich nicht der Eingabe in den Computer, sondern wiederum dem Nachschlagen von Zeichen in Wörterbüchern. Wang hatte 10 unterschiedliche Strichklassen festgelegt, die mit Ziffern von 0-9 bezeichnet werden. Jeder Ecke wird je nach Strich dann die entsprechende Ziffer zugeteilt, so dass sich aus einer Kombination von 4 Ziffern  eine kleinere Auswahl von Schriftzeichen ergibt. Man tippt also keine phonetischen Laute, sondern Zahlen ein, die sich aus der Optik des Zeichens ergeben. Der Vorteil hierbei ist, dass die Verwechslungsgefahr geringer ist, der Nachteil, dass man sich sehr lange einarbeiten muss. Und natürlich sicher wissen muss, wie ein Zeichen geschrieben wird.

Zwei Seiten einer Medaille

Das klingt jetzt vielleicht unwahrscheinlich, aber wenn man Chinesisch kann, kann man auf die eine oder andere Art sehr schnell in den Computer schreiben. Laut Wikipedia ist die Schreibgeschwindigkeit pro Satz vergleichbar mit der, die man für einen deutschen Satz auf einer deutschen Tastatur braucht. Als Beispiel: für “Gehirn” muss ich 5 Tasten drücken. Für “nao” ganz ähnlich drei Tasten plus den Klick auf das ausgewählte Zeichen. Oder bei “Schreibmaschine“ auf Deutsch 15 Tasten, auf Chinesisch da+klick und zi+klick und ji+Klick (9 Tasten) , bzw einfach gleich daziji (Zeichen-schlagen-Maschine)+Klick (7 Tasten). Für den Viereckenindex müsste ich dafür 5102-3040-4295 eingeben.

Die Folge dessen ist, dass immer weniger Chinesen ihre Schrift noch sicher schreiben können, denn das Schreiben der Zeichen ist eine Art motorische Übung, die gewissermaßen in der Hand gespeichert wird. Und das setzt regelmäßige Übung voraus. Das geht weit über unsere Ermüdung beim ungeübten Handschreiben hinaus, da wir uns unsere paar Buchstaben wohl gerade noch merken können. Der gemeine Chinese und die gemeine Chinesin lernen derzeit also zunächst mühsam die Zeichen zu schreiben, um sie für den aktiven, händischen Gebrauch dann wieder zu verlernen. Aber das hat zumindest den Vorteil, dass sich Fremdsprachler dann weniger dämlich vorkommen.