Im Zeichen der Blume

Es ist ja immer wieder überraschend, dass es in anderen Ländern auch Dinge gibt, die wir so haben. Zum Beispiel Musikpreise. Da gibt es nämlich nicht nur die Grammy Awards (USA), die Brit Awards (GB) oder den Echo (D), sondern noch allemöglichen anderen. Vermutlich haben sehr, sehr viele Länder eigene Musikpreise, von denen kaum jemand etwas weiß.  Taiwan hat beispielsweise den Jinqujiang, den Goldene-Melodie-Preis. Von dem weiß natürlich nicht kaum jemand etwas, denn er wird auch in die anderen chinesischsprachigen Länder wie die VR China und Singapur übertragen. Es handelt sich also um ein Großereignis, das garantiert von mehr Menschen gesehen wird als der Echo.  Ein an und für sich harmloses Großereignis. Aber nicht harmlos genug, um es in China und Singapur echt live zu übertragen. Sicherheitshalber wird eine 30 sekündige Verzögerung eingebaut. Man kann ja nie wissen. Beziehungsweise: man weiß schon, warum. Und das Wohl des Volkes steht über allem.

Die USA machen das seit 2004 bei ihren Grammys übrigens auch so (wenn auch nur für 5 Sekunden), um ein weiteres Nipplegate, den wahnsinnig traumatisierenden Skandal einer im Fernsehen versehentlich gezeigten weiblichen Brustwarze fürderhin zu verhindern. Über so viel Fürsorge ist man ja froh. Die Russen beherrschen diesen Trick natürlich auch, so dass es der sensiblen russischen Seele erspart blieb, bei der Olympiade einen sich nicht öffnenden Ring sehen zu müssen. Dafür bekamen sie die gelungene Probenvariante serviert und ich staune über die Geschwindigkeit, in der dieser Schnitt vonstatten gegangen sein muss.

An eine andere, etwas historischerere Gelegenheit kann ich mich persönlich sehr gut erinnern. Die funktioniert aber nur, wenn man vorher jemandem das Manuskript der Sendung zu lesen gibt, was sich bei einer Preisverleihung generell nicht so anbietet. Es war Mai 1986 und Tschernobyl noch ganz frisch. Dem bayerischen Rundfunk gefiel das Manuskript des bevorstehenden Scheibenwischers nicht. Insbesondere die an Harmlosigkeit kaum zu überbietende Nummer Der verstrahlte Großvater war irgendwie zu viel des Guten. Trotz des Bayerntums von Dieter Hildebrandt hatte aber nicht der BR über die Ausstrahlung der Sendung zu entscheiden, sondern die ARD. Und die fand das Material ausstrahlungsfähig. Also klinkte sich der BR für die Zeit der Sendung aus dem Programm der ARD aus und die bayerischen Scheiben blieben an diesem Abend ungewischt und matt. Auch das diente natürlich nur dem Volkswohl. Ehrensache.

China und Singapur hatten nun bei der Verleihung der Goldenen Melodie vorher weder ein Manuskript, noch konnten sie harmloses Probenmaterial reinschneiden. Also blieb ihnen wie weiland dem BR nur das schlichte Ausblenden. Stattdessen erschien ein freundlicher Hinweis, dass der Teil dieses Programms zum Übertragen leider ungeeignet sei. Ungeeignet war in dem Fall ein Höhepunkt der Sendung, nämlich die Übertragung des Songs des Jahres. Denn der war von Feuerlöscher (Miehuoqi) und heißt in etwa Inselmorgendämmerung (Daoyu tianguang). Vor diesem Machwerk mussten die zarten chinesischen Gemüter unbedingt bewahrt werden. Denn es handelt sich um die Hymne der Sonnenblumenbewegung.

In China gab es 2011 ja die Jasminbewegung, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzte. Da aber schon ein offener Meinungsausdruck wie eine friedliche Versammlung von 100-200 Leuten verdroschen und massiv kriminalisiert wurde, ging sie notgedrungen in Deckung, wich ins Subversive aus. Auf stumme Spaziergänge und die Bestellung von Jasmintee in Lokalen. Soweit ich weiß, kam die zweite Phase des Aktionsplans: Halten von Jasminzweigen und das Abspielen des äußerst populären Volksliedes Molihua mit dem Handy, nie wirklich in Gang. Dass Celine Dion auf der offiziellen Neujahrsgala 2013 zusammen mit Song Zuying das Lied gesungen hat, dürfte der Subversität desselben auch nicht gut getan haben.

Aber was ist jetzt die Sonnenblumenbewegung?  Während man sich hierzulande mit TTIP herumschlägt, hat Taiwan mit dem Handelsabkommen ECFA zu tun, das zwischen China und Taiwan als Rahmenabkommen beschlossen wurde. Das Abkommen löst auf der kleinen Insel mit den paarundzwanzig Millionen gegenüber dem chinesischen Goliath nicht ganz unbegründete Besorgnis aus. So ist die VR China nicht nur der größte Handelspartner Taiwans, sondern auch der größte politische Gegner. Und der ist nicht gerade für sein zartfühlendes Wesen bekannt.  Taiwan muss also vorsichtig agieren, wenn es zumindest seine faktische Unabhängigkeit bewahren will.

Es war also vereinbart worden, die Unterabkommen im Parlament Punkt für Punkt durchzudiskutieren. Natürlich hatte die Opposition viel zu bemängeln. Das nervt verständlicherweise. Also befand im Frühling 2014 die taiwanische Regierung unter dem Präsidenten Ma Yingjiu das Abkommen plötzlich insgesamt für ratifizierbar. Und das am liebsten heimlich. Insbesondere der Jugend Taiwans riss nun die Hutschnur und sie besetzte für 24 Tage das -insofern übergangene- Parlament. Nachdem ein örtlicher Florist aus Solidarität Sonnenblumen an die Student_innen verteilt hatte, taten sie das ab sofort unter dem Symbol der Sonnenblume.  Schon mal im März 1990 hatte die Demokratie Taiwans unter dem Symbol der wilden Lilie große Fortschritte erzielt, denn diese Bewegung hatte das Ende der Einparteiendemokratie eingeläutet.

Das mit den Blumen kann also durchaus klappen. Und an Etappenzielen gemessen, tat es das auch diesmal. Nach einer kurzen, gewaltsam geräumten Besetzung des Regierungssitzes, verstärkte sich die landesweite Solidarität nur noch. Schließlich lenkte die Regierung ein und kehrte zur Punkt-für-Punkt-Diskussion zurück. Immerhin. Alles weitere bleibt abzuwarten.

Und die hymnentypisch nicht ganz unpathetische Hymne der Sonnenblumenbewegung wurde also auf dem Goldene-Melodie-Award im Juni zum Song des Jahres gekürt, was die VR China ihrem erfolglosen und jasmingebeutelten Volk gerne ersparen wollte. Eigentlich ein schöner Zug. Vielleicht unterschätze ich doch das Zartgefühl der VR China.

Rund um die Zeichenschlagmaschine

Das Problem

Ich weiß nicht, ob sich jemand fragt, der nicht Chinesisch oder Japanisch gelernt hat, wie man eigentlich ein Schriftzeichen im Wörterbuch findet. Oder Chinesisch in den Computer schreibt. Oder sich das gerade jetzt fragt, ohne sich davor je Gedanken darüber gemacht zu haben. Ich werde versuchen, diese womöglich neu generierte Frage sogleich zu beantworten.

Nehmen wir die Zeichen 電腦. Heutzutage ist das natürlich ganz einfach. Ich schreibe die Zeichen mit dem Finger auf die Touchscreen meines Telefons, et voilà sagt mir meine App was die Zeichen bedeuten und wie sie ausgesprochen werden. Aber das war natürlich nicht schon immer so.

Radikale und Listen

Die meisten europäisch-chinesischen Wörterbücher beruhen auf der Phonetik und sind alphabetisch aufgebaut. Wenn ich also weiß, wie das Zeichen ausgesprochen wird, aber nicht was es bedeutet, kann ich einfach nachschlagen. Wenn ich das nicht weiß, wird es etwas umständlicher. Zunächst muss mir klar sein, welcher Teil des Zeichens der Radikal ist und damit auf die Bedeutung hinweist und welcher eher die Aussprache definiert. Das ist bei dem ersten Zeichen oben kompliziert, weil es die hier benutzte traditionelle Form gibt und eine verkürzte, die in der VR China geschrieben wird. Aber ich lass das jetzt einfach mal beiseite. Nach einer Weile kennt man seine Pappenheimer und weiß meistens auf Anhieb, welches der Radikal ist. Im obigen Beispiel beim ersten Zeichen der obere Teil. Der bedeutet Regen, was -hier völlig irrelevant- yu ausgesprochen wird. Das ganze hat also mit Wetter zu tun.

Nun zähle ich die Strichanzahl des Radikals, das sind in diesem Fall 8. Mit diesem Ergebnis gehe ich auf die Radikalliste in meinem Wörterbuch, die je nach Alter und System etwas mehr oder weniger Radikale als 200 kennt, zu der Spalte mit den 8strichigen Radikalen und suche unter rund 10 Alternativen nach meinem. Dort steht bei meinem Radikal nun zB 172. Das bedeutet, dass alle Zeichen mit diesem Regenradikal in einer anderen Liste unter der Ordnungszahl  172 zu finden sind. Idealerweise geht auch diese Liste mit ansteigender Strichzahl vor. Der restliche Teil meines Zeichens schreibt sich mit 5 Strichen und da ist das Zeichen auch schon gefunden. Es liest sich „dian“.

Mit diesem Ergebnis kann ich nun vertraut alphabetisch die Bedeutung nachschlagen und an achter Stelle unter dian (im vierten Ton) steht es auch schon. Dian bedeutet Blitz. Oder Elektrizität.

Beim zweiten geht es schon schneller

Das zweite Zeichen finde ich mit Glück dann unter „dian“ als zusammengesetztes Wort, aber ich wollte ja zu Fuß gehen. Also wieder von vorne. Beim zweiten Zeichen ist der vordere Teil der Radikal, der zwar so aussieht wie das Zeichen wie Mond, aber tatsächlich Fleisch („rou“) meint. Es hat also etwas mit dem Körper (und nicht mit Essen) zu tun. Ich zähle die Strichanzahl des Radikals (4), gehe zur Liste der 4strichigen Radikale und werde unter ca 30 4strichigen Radikalen fündig und auf die Nummer 103 in der anderen Liste verwiesen. Ich zähle die restlichen Striche (9) und stoße unter 103-9 schließlich an 13. Stelle auf mein Zeichen und erfahre, dass es sich nao liest. Erleichtert mache ich mich auf in den alphabetischen Teil und siehe da: nao bedeutet Gehirn.

Heureka

Elektrogehirn also. Wenn es mir nun an Fantasie mangelt oder ich zuviel davon habe, schaue ich in der vorherigen dian-Liste nach „diannao“ und erfahre schließlich, dass es Computer bedeutet. Hätte ich vorher bei dian besser geguckt, hätte ich mir den Umweg sparen können, aber da man nie weiß, welche Zeichen zusammen ein Wort bilden, läuft man diesen Umweg bei einem Satz mit vielen Unbekannten doch recht häufig.

Wer bis hierhin durchgehalten hat, kann vielleicht verstehen, wieso eine App bei der man einfach das Zeichen auf die Touchscreen schreibt, einen wochenlang glücklich machen kann. Was sage ich: monatelang!

Damals die Schreibmaschine

Überhaupt machen Computer die chinesische Schriftsprache wesentlich praktikabler. Eine handelsübliche Tastatur hat rund 100 Tasten, im Chinesischen aber -grob vereinfacht- jedes Wort ein eigenes Schriftzeichen. Um vernünftige Texte schreiben zu können, braucht man Zugriff auf etwa 4000-5000 Zeichen. Deswegen war man früher auf wahre Monster von Schreibmaschinen angewiesen. Man fuhr mit einer beweglichen Vorrichtung über einen Setzkasten mit 2000 Zeichen, suchte das richtige raus und schlug dann die Letter mit einem Hebel auf das Papier. Wenn unter den 2000 Zeichen nicht das richtige zu finden war, gab es noch zwei Ersatzkästen, ebenfalls à 2000 Zeichen.

Wie das funktioniert, sieht man hier.

Es leuchtet unmittelbar ein, dass es schneller ging, mit der Hand zu schreiben.

Phonetische Eingabesysteme

Der Computer bietet heute natürlich ganz andere Möglichkeiten. Dabei lassen sich die Eingabearten in akkustische und optische Systeme unterteilen.

Die akkustischen Systeme basieren auf dem gesprochenen Wort, also der Phonetik. Ich habe oben das Wort 電腦  in chinesischer Hochsprache und dem heutzutage in der VR China für die phonetische Erfassung benutzten Pinyin zu diannao transkribiert. Tippt man nun dian auf der Computertastatur ein, werden einem entsprechend der Häufigkeit ihres Vorkommens (und der eigenen Verwendungshäufigkeit) sortiert eine Vielzahl von Zeichen (hier ca 30)  vorgeschlagen, die dian ausgesprochen werden. Dort klickt man das Zeichen für Elektro/Blitz an und schreibt nao, wo das Gehirn vermutlich gleich an erster Stelle kommt, weil diannao eine übliche Kombination ist. Aus diesem Grund kann man auch gleich diannao schreiben und begründete Hoffnung haben, dass der Computer einem das zusammengesetzte Wort gleich in Gänze vorschlägt.

Der Nachteil des phonetischen Systems ist, dass dieses an die Aussprache gekoppelt ist, die sich dialekthalber innerhalb Chinas stark unterscheidet. Für Fremdsprachler ist es natürlich das Mittel der Wahl, denn die lernen ja ohnehin Mandarin. Wegen der vielen Homonyme, also gleichklingenden Silben, muss man allerdings höllisch aufpassen, dass man auch das richtige Wort geschrieben hat und nicht statt “Computer” zum Beispiel völlig sinnlos „Kissenärger“, was genau gleich ausgesprochen wird.

Natürlich gibt es eine Vielzahl solcher Umschriftssysteme. So ist in Taiwan zB Zhuyin oder Bopomofo gebräuchlich, was eigens erfundene, alphabetähnlich funktionierende Zeichen verwendet. Auch gibt es für das in Hongkong und Südchina gesprochene Kantonesisch eigene Umschriften.

Optische Eingabesysteme

Die optischen Systeme gehen von der Zeichenstruktur aus, zT von der Schreibreihenfolge oder der Zusammensetzung der einzelnen Grundformen. Besonders erwähnen möchte ich hier den vergleichsweise überraschend simplen Viereckenindex. Dieser Index wurde in den 1920er Jahren von Wang Yunwu erfunden und diente damals natürlich nicht der Eingabe in den Computer, sondern wiederum dem Nachschlagen von Zeichen in Wörterbüchern. Wang hatte 10 unterschiedliche Strichklassen festgelegt, die mit Ziffern von 0-9 bezeichnet werden. Jeder Ecke wird je nach Strich dann die entsprechende Ziffer zugeteilt, so dass sich aus einer Kombination von 4 Ziffern  eine kleinere Auswahl von Schriftzeichen ergibt. Man tippt also keine phonetischen Laute, sondern Zahlen ein, die sich aus der Optik des Zeichens ergeben. Der Vorteil hierbei ist, dass die Verwechslungsgefahr geringer ist, der Nachteil, dass man sich sehr lange einarbeiten muss. Und natürlich sicher wissen muss, wie ein Zeichen geschrieben wird.

Zwei Seiten einer Medaille

Das klingt jetzt vielleicht unwahrscheinlich, aber wenn man Chinesisch kann, kann man auf die eine oder andere Art sehr schnell in den Computer schreiben. Laut Wikipedia ist die Schreibgeschwindigkeit pro Satz vergleichbar mit der, die man für einen deutschen Satz auf einer deutschen Tastatur braucht. Als Beispiel: für “Gehirn” muss ich 5 Tasten drücken. Für “nao” ganz ähnlich drei Tasten plus den Klick auf das ausgewählte Zeichen. Oder bei “Schreibmaschine“ auf Deutsch 15 Tasten, auf Chinesisch da+klick und zi+klick und ji+Klick (9 Tasten) , bzw einfach gleich daziji (Zeichen-schlagen-Maschine)+Klick (7 Tasten). Für den Viereckenindex müsste ich dafür 5102-3040-4295 eingeben.

Die Folge dessen ist, dass immer weniger Chinesen ihre Schrift noch sicher schreiben können, denn das Schreiben der Zeichen ist eine Art motorische Übung, die gewissermaßen in der Hand gespeichert wird. Und das setzt regelmäßige Übung voraus. Das geht weit über unsere Ermüdung beim ungeübten Handschreiben hinaus, da wir uns unsere paar Buchstaben wohl gerade noch merken können. Der gemeine Chinese und die gemeine Chinesin lernen derzeit also zunächst mühsam die Zeichen zu schreiben, um sie für den aktiven, händischen Gebrauch dann wieder zu verlernen. Aber das hat zumindest den Vorteil, dass sich Fremdsprachler dann weniger dämlich vorkommen.

 

Der fleißige Pinsel

 

Ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit Gongbi-Malerei. Eigentlich wollte ich das nie, aber was heißt das schon. Gong heißt Arbeit und Bi heißt Pinsel und damit ist das ganze schon ganz gut beschrieben. Eigentlich handelt es sich zwar um eine Abkürzung von gongzheng bi „ordentlicher Pinsel“, aber ich finde, fleißiger Pinsel beschreibt es auch ganz gut. Es handelt sich um eine gut 2000 Jahre alte Art zu malen, eine Palastmalerei, bei der mit wasserlöslichen, transparenten Farben, in zunächst angelegte Außenlinien Farblasur über Farblasur gelegt wird, bis ein detailreiches, prächtiges Bild entstanden ist.

Normalerweise male ich ja im Xieyi-Stil, wobei Xie Schreiben und Yi Gedanke heißt. Eine Gedankenschrift sozusagen oder ein Schriftgedanke. Die hat ihren Ursprung in der chinesischen Gelehrtenmalerei, ist meist monochrom und eben expressiv, flüchtig, spontan. Weder fleißig noch ordentlich. Nicht das Werk gedungener Malerhandwerker, die gebückt und mit Fleiß und dreihaarigem Pinsel nach dem Geschmack der Herrscher Prunk und Pracht der Paläste mehren, sondern der selbstbestimmte Gestus eines Freigeistes. Hah! Der statt eines Pinsels auch mal den eigenen Zopf nimmt oder gleich mit den Fingern in die schwarze Tusche geht. Wenn man es so darstellt, ist klar, wieso ich im Xieyi-Stil male. (Mit der gleichen Berechtigung könnte man allerdings auch die Gongbi-Maler als hingebungsvolle Künstler und die Xieyi-Fraktion als selbstverliebte und versoffene Wichtigtuer bezeichnen.)

Wie gesagt, hatte ich bis vor kurzem nie auch nur das geringste Interesse an Gongbi-Malerei, doch dann hörte ich von einem entsprechenden Seminar, das die Künstlerin Liu Jing gab. Da war dieser Kurs allerdings schon vorbei. Und dass ich ihn verpasst hatte,  fand ich plötzlich schade. Die angedachte Wiederholung fand dann doch nicht statt, also wurde ich auf einmal selber tätig. Glücklicherweise gibt es das Internet. So viel zum Thema: wollte ich noch nie machen.

Das erste zu bewältigende Problem ist das Papier. Denn während man Xieyi-Bilder auf stark saugendem Pflanzenstrohpapier, sogenanntem Xuanpapier malt, das ich stapelweise zuhause habe, soll das Gongbi-Papier eben gerade nicht so stark saugen. Die Farbe soll sich nicht unkontrolliert ausbreiten, sondern präzise Linien malen und auch noch auf dem Blatt verwässert und verstrichen werden können. Auf westlichem Aquarellpapier steht das Wasser wiederum zu viel. Also mache ich mich schlau und rühre mir eine Lösung an, mit der ich mein rohes Xuanpapier behandeln soll.

Spaß machen in dem Lehrvideo, das ich dazu gefunden habe, schon die Mengenangaben, denn der Anteil von Gelatine zu Alaun kann je nach Jahreszeit zwischen 8:2 und 6:4 schwanken. Ich einige mich mit mir auf das Verhältnis 2:1 und frage mich nun aber, wieviel ml eine Tasse sind. Warum, frage ich mich, kann der nette Herr Li, der mich mit einer Mischung aus quälender und in Trance versetzender Langsamkeit auf Youtube unterrichtet, keine international verständliche vernünftige Menganangabe geben? In ml? Was versteht er unter einer Tasse? Aber, denke ich mir, das ist vielleicht auch jahreszeitenabhängig und ich nehme eine gefühlte Juli-Tasse Wasser. (Denn es war Juli.) Gelatine lauwarm einweichen, stehen lassen, heiß aufgießen, abkühlen lassen, Alaun dazu und schütteln. Mein Ergebnis sieht genauso aus wie das von Herrn Li und ich imprägniere damit also mein rohes Papier. Mehrfach. Und nochmal.

Dazwischen sehe ich mir alle möglichen Videos an, wie man Gongbi denn nun malt. Als besondere Fertigkeit wird erwartet, dass man mit zwei Pinseln in einer Hand malt. Diese beiden Pinsel, von denen einer voller Farbe und der andere voller Wasser ist, wechselt man blitzschnell und mit einer kartenspielertrickhaften Handbewegung.  Stundenlang übe ich den Pinselwechsel. Das kann man ja gut beim Fernsehen machen, oder bei sonst etwas, wozu man die (in meinem Fall) rechte Hand nicht braucht. Es geht dann auch schon ganz gut und ich setze mich frohgemut vor mein nun nicht mehr rohes Xuanpapier.

Das Ergebnis ist niederschmetternd. Die Farbe läuft zwar weniger als vorher, aber sie läuft. Und läuft. So geht es schon mal nicht. Vielleicht würde es gehen, wenn ich das Blatt noch weitere Male imprägniere, aber auch die nächste aufgetragene Schicht reicht noch nicht aus. Ich lege das Projekt erstmal zur Seite. Wenn es schon so lange dauert, Gongbi-Bilder zu malen, habe ich irgendwie nicht die ganz große Lust, vorher unendlich das Papier zu bearbeiten. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Bei meinem nächsten Chinabesuch ein paar Monate später, kaufe ich bereits professionell behandeltes Papier. Trotz des Hinweises der Verkäuferin, dass die Beschichtung mit der Zeit an Qualität verlöre, führt das Papier weitere Monate ein Mauerblümchendasein in meinem Papierschrank. Aber dann ist es endlich so weit. Ich baue alles auf, Farben, Wasser, Papier, Pinsel und bin bereit loszulegen. Nur um feststellen zu müssen, dass ich leider die Pinselwechseltechnik lange nicht mehr geübt und daher wieder verlernt habe. Bevor nun meine Geduld ein weiteres Mal schwindet, gehe ich einfach auf eine andere Technik über. Ich male beidhändig. Den Pinsel mit der Farbe halte ich links, den mit Wasser rechts. Beidhändiges Arbeiten soll ja eh gut fürs Hirn sein.

Tatsächlich stellt sich diese Art zu malen zwar als langwierig, aber auch als äußerst entspannend heraus. Bei der flüchtigen Gedankenschrift hingegen muss man immer maximal im Hier und Jetzt sein, der Pinsel eins mit der Hand und dem Herz, das Gemüt wach und zielgerichtet, ohne zu wollen. Oder wie auch immer man diesen Zustand beschreiben soll, den es braucht, um eine gelungene Gedankenschrift aufs Papier zu bringen. Nicht so beim fleißigen Pinsel. Ich kann Musik derweil nicht nur laufen lassen, sondern höre sie tatsächlich auch. Und auch bei den Nachrichten stelle ich nicht erst beim Wetterbericht fest, dass ich sie schon wieder verpasst habe. Genaugenommen könnte ich sogar Hörbücher dabei anhören, wenn ich das nur mögen würde.

Wie gesagt handelt es sich aber um ein langwieriges Projekt, so dass das oben gezeigte Bild zum einen nur einen Ausschnitt darstellt und natürlich auch noch nicht fertig ist. Damit ist aber nicht der Hintergrund gemeint. Denn die sonderbare westliche Auffassung, bei einem Bild müssten alle Flächen mit Farbe bedeckt sein, ist nicht nur dem gelehrten Freigeist, sondern auch dem buckligen Palastmaler völlig fremd. Also werde ich an diesem prachtvoll verwelkten Tulpenblatt noch eine Weile herumpinseln und dabei beispielsweise die Bundesligaschlusskonferenz im Radio verfolgen.

Haare auf den Zähnen

Sieht man mal von der Zensur ab, funktioniert das Internet in China nicht viel anders als bei uns. Es gibt Moden, Hypes, Trends, Memes und virale Verbreitung. Ein älteres Beispiel ist das Schriftzeichen jiong 囧, das nicht nur „hell“ oder „Fenster“ bedeutet, sondern ursprünglich auch ein Fenster darstellen soll. Aber der Chinese und die Chinesin von heute sehen etwas anderes darin, nämlich ein trauriges Gesicht. (S.o.) Und als solches wird es in der digitalen Kommunikation als Emoticon verwendet. Als Zeichen für Traurigkeit oder Schock. Und so wurde aus einem Bild ein Wort, und dann aus dem Wort wieder ein Bild. Wenn auch ein anderes.

So etwas kann natürlich schnell zu Missverständnissen führen. Aber dafür braucht man nicht unbedingt das Internet.

Ein ganz besonders schönes und quasi historisches Missverständnisbeispiel stammt aus der Wundertüte chinesischer Stilmittel. Da gibt es platitüdentaugliche Redewendungen die unseren Sprichwörtern ähneln. Sogenannte Sagwörter, die wörtlich übersetzt „Hintenschlafrede“ heißen. Sie bestehen aus zwei Teilen, wobei der zweite in der Regel die Pointe zum ersten darstellt. Beispiele auf Deutsch wären: Wer anderen eine Grube gräbt…  Reden ist Silber … Früher Vogel… Adel…  Schuster… blablabla. Man merkt schon. Den hinteren Teil kann man getrost weglassen. Schlafen lassen. Jeder Muttersprachler könnte den im Schlaf ergänzen. Eines der bekanntesten chinesischen Sagwörter dürfte sein: Der Papiertiger – kann niemanden erschrecken. Dies ist auch ohne die zweite Hälfte leicht zu verstehen. Aber nicht immer ist es so einfach.

Das Missverständnis auf das ich hinaus will, spielt im Jahr 1971 und rankt sich um den amerikanischen Journalisten Edgar Snow.  (Bei Edgar Snow handelt es sich übrigens nicht um den ersten Teil der Hintenschlafrede Edward Snowden.) Kurz vor seinem Tod hatte dieser Snow den großen Vorsitzenden, aka Mao Zedong interviewt.  Dieser labert in dem Interview etwas von einem Mönch und einem Schirm, und Mr. Snow schreibt in seiner Begeisterung, dass sich Mao als „einsamer Mönch mit einem löchrigen Schirm“ begreife. Das klingt nach Bescheidenheit, innerer Größe, Askese und Keuschheit. Damit ist dieser egomane, jungfrauenfressende, eitle, skrupellose und machtgierige Despot nicht sehr gelungen beschrieben. Doch muss man Mao zugestehen, dass nicht er dieses Bild entworfen hatte. Er hatte nur gesagt: „Ein buddhistischer Mönch mit Schirm“. Den B-Teil der Redewendung ließ er einfach mal weg und ich habe tiefstes Verständnis für den Journalisten, dass er sich darauf seinen eigenen Reim machte. Auch wenn dieser von Einsamkeit und Löchern handelte.

Der hintere Teil dieses Sagwortes lautet nun: „keine Haare, kein Himmel“. Was sich darauf bezieht, dass der Mönch glatzköpfig geschoren ist und wegen des Schirmes den Himmel nicht sehen kann. Das könnte natürlich bedeuten, dass Mao auf sein gelichtetes Haupthaar hinweisen wollte und darauf, dass ihm komplett der Durchblick fehlt. Eine kleine selbstironische Schnurre, jovial, wenn nicht gar leutselig ausgebreitet. Doch auch diese Interpretation könnte nicht falscher sein. Und sicherlich hat auch kein Chinese das so verstanden.

Denn der B-Teil meint etwas ganz anderes. Spricht man nämlich „keine Haare, kein Himmel“ nur ganz wenig anders aus, bedeutet der schlafende Teil: „kein Gesetz, kein Himmel“. Hier funktioniert die Bedeutung über die Aussprache, wobei das geschriebene Wort nur der chinesischen Begeisterung für Doppeldeutigkeiten dient. Und damit bedeutet dieses Sagwort eigentlich: kein Gesetz, keinen Gott kennen, oder auch: allen menschlichen und himmlischen Gesetzen zum Trotz. Und wenn Mao in diesen Interviews auch sonst gelogen haben mag, dass sich die Balken biegen, war er an dieser Stelle doch durchaus ehrlich. Er erklärte sich für allmächtig und selbstherrlich. 囧 Nur dass es niemand abendländisches verstanden hat, bis gut 20 Jahre später ein Chinese netterweise auf den Übersetzungsfehler hingewiesen hat.

Natürlich wissen aber auch Chinesen unter sich nicht immer, wovon die Rede ist. Aktuell beschäftigt sich die chinesische Netzgemeinde mit einer wieder anderen Variation des chinesischen Sprachgebrauchs. Seit Ende Februar hat „duang“ das Internet im Sturm erobert. Dieses rein lautmalerische Wort, also gewissermaßen ein Geräusch,  hatte Jackie Chan vor gut einem Jahrzehnt in einem lang vergessenen Werbespot für Antihaarausfallshampoo verwendet. Es war einer dieser Werbespots, in denen der prominente Protagonist sagt, dass er das eigentlich gar nicht machen wollte, weil er nicht Teil von den verlogenen Tricks und Kniffen der Werbung sein will. Aber wegen der Tolligkeit des Produktes dann eben doch macht. Und was soll ich sagen, nach seiner anfänglichen Skepsis war Herr Chan ganz begeistert davon, dass das Shampoo seine Haare so schwarz, glänzend, weich und duang macht. Ganz echt und ohne Trick.  Werbewirksam glücklich schüttelt er dann sein volles, onomatopoetisch geduangtes Haar. Der Mönch mit Schirm hätte mit dem Shampoo sicher nichts anfangen können und wieder nur traurig aus der Wäsche geschaut. 囧

Vor kurzem erschien auf Youku (dem chinesischen Youtube) eine satirische Version dieses Spots. Chan wird dabei unter anderem in den Mund gelegt, seine Haare wären genauso falsch wie der Duangeffekt. Der Spot könnte eine Reaktion darauf sein, dass Chan sich abfällig über Hongkong, Taiwan und die Demokratie geäußert hat, (und das Shampoo krebserregendes Dioxan enthalten soll). Oder aber er soll ihn und seinen neuen Film beaufmerksamen. Das muss notgedrungen offen bleiben. Schließlich gibt es in China nicht nur eine Liebe zur Doppel- Trippel- und Quadrupeldeutigkeit, sondern auch einen Zwang. Die Zensur schläft nie. Und hat weder Haare, noch Himmel. Man sieht, die Themen Haare und Macht bleiben verwoben. Und der Medienprofi Chan nutzt den Hype natürlich längst für sich. Egal wie es gemeint war.

In diesem satirischen Spot wurde das Wort „duang“ erstmals nicht nur gesagt, sondern auch als Untertitel geschrieben. Tatsächlich gibt es aber weder dieses Wort, noch die Silbe „duang“ im Chinesischen. Und das bedeutet, dass man es mangels Alphabet zunächst nicht auf Chinesisch schreiben konnte. Aber in dem insofern nachgiebigeren Latein. Zwar wurde schnell ein Schriftzeichen dafür erfunden, das aus den beiden übereinandergestellten Schriftzeichen von Jackie Chans Namen (Cheng Long 成龙) besteht. Doch auch wenn Duang es schon zu einem Eintrag auf Baidubaike (dem chinesischen Wikipedia) gebracht hat, gibt es das Zeichen dafür bisher nur als Bild, als Logogramm und kann insofern zwar mit der Hand, nicht aber digital in Unicode geschrieben werden. Was dazu führt, dass diese geräuschbasierte, chinesische Wortschöpfung in seiner Heimat, dem Internet, nachwievor mit lateinischen Buchstaben geschrieben werden muss. Die Verwandlung von Laut zu Bild hat also schon stattgefunden. Nur eine Schrift ist es noch nicht geworden.

Was es bedeutet, ist übrigens auch noch offen und so kann man es für alles verwenden.

Mir ist heute zum Beispiel ziemlich duang.

Das Holz der Parasiten

 

Am 19. Februar hat das Jahr der Ziege begonnen.  Das betrifft mich auch persönlich, da ich eine Ziegenjahrgeborene bin. Während nun der westliche Esoteriker dazu tendiert mich zu beglückwünschen, à la: das ist dein Jahr! Mach was draus!, ist der Chinese da wesentlich zurückhaltender. Ziegen haben normalerweise im Ziegenjahr nicht viel zu lachen, sondern zu meckern. Das haben sie ja immer.

In diesem Zusammenhang ist auch die Meldung zu verstehen, dass in China in diesem Jahr ein Einbruch der Geburtenrate zu erwarten ist und die Kaiserschnittrate vor dem Jahreswechsel stark nach oben geschnellt sein soll. In der ein oder anderen Provinz sollen sogar die Geburtsurkunden ausgegangen sein. Denn die Leute wollen zwar nicht unbedingt ein Pferd, wenn es ein Mädchen wird, aber sie nehmen immer noch lieber ein Pferdemädchen als ein Ziegenkind. Inbesondere wenn es das einzige Kind bleiben soll. Denn das Sprichwort sagt sinngemäß: nur eine von zehn Ziegen findet Glück. Alle anderen sind von der Welt gestraft, vom Leben gebeutelt und ohne jede Aussicht auf Besserung. Die Politik versucht gegenzusteuern. Li Keqiang outete sich als Ziege. Und auch Bill Gates wurde als lobendes Beispiel großen Ziegenglücks herausgestellt. Das sind doch nun wirklich nicht Leute ohne Erfolg, was im Groben dem Glück entsprechen soll. Hat aber wohl nicht viel geholfen. Bei dem einen Kind dieses Risiko eingehen?

Ich stelle mir jetzt Kindergärten vor, die alle 12 Jahre mit einem ganzen Haufen reinen Ausschusses zu tun haben. Grundschullehrer die zutiefst seufzen und über einen Burnout nachdenken, weil mal wieder ein Ziegenjahrgang ansteht. Oder einen Boreout. Komplette Schulklassen, die weinend und erfolglos in den Bänken sitzen. Abiturjahrgänge voller Loser. Ein Jahrgang in dem niemand, oder höchstens 10% irgendeine Aufnahmeprüfung bestehen. Bis sich endlich dieses Elend durch die Vermischung mit anderen Jahrgängen weniger aufdrängt.  Einer erfolglosen und unglücklichen Vermischung versteht sich. Weil sie weder Job noch Partner finden, bleiben alle Ziegen zuhause und gehen den Eltern auf die Nerven, bis diese total ausgelaugt sind und sich umbringen. Lieber tot als Ziegeelternteil.

Wenn ich damals nur ein paar Tage länger ausgeharrt hätte, könnte ich nun eine gewitzte, agile und selbstbewusste Affenjahrgeborene sein. Aber ich wollte es nicht anders. Sondern so:

„Die Ziege ist nie mit ihrem Schicksal zufrieden und treibt ihre Mitmenschen durch ihre Launen zur Verzweiflung. Sie ist aufdringlich, ohne sich darüber im Klaren zu sein. Ihre Unbeherrschtheit, ihr ständiges Zuspätkommen (sie hat überhaupt kein Zeitgefühl) machen sie unerträglich. Trotzdem weiss sie zu gefallen, wenn es in ihrem Interesse liegt.“

„Sie verhält sich so, als hinge ihr Schicksal nicht von ihr selbst, sondern nur von anderen ab. Sie ist unglaublich pessimistisch. Sie tut gern so, als sei sie es gewohnt, Befehle zu erteilen, aber in Wirklichkeit ist sie zum Gehorchen geboren. Wenn sie richtig geführt wird, kann sie Erfolg haben und sogar in einem künstlerischen Beruf glänzen, denn sie hat Geschmack.“

„Die Ziege möchte ein Leben in Sicherheit führen und träumt von einer reichen Heirat oder auch von einem großzügigen Gönner. Sie ist aus dem Holz geschnitzt, aus dem Kurtisanen und Parasiten gemacht sind. Aber auch aus dem Holz, aus dem die großen Künstler hervorgehen.“

Ah! Das Holz aus dem Parasiten geschnitzt sind. Wie gut, dass es da zum Künstler nicht weit ist. Mit Liebe und Partnerschaft sieht es da natürlich auch übel aus: „Kein anderes Tier kann die Ziege lange ertragen.“ Die drei, die überhaupt in Frage kommen, machen sich entweder über sie lustig (Hase), ertragen sie irgendwie (Schwein), oder nehmen sie ganz im Ego versunken gar nicht erst zur Kenntnis (Pferd).

Ich gebe zu, dass diese Zitate alle aus der gleichen Quelle stammen und ich vermute, dass da jemand mal eine schlechte Erfahrungen verallgemeinert hat. Aber ich finde mich natürlich total da drin wieder. Immer jammernd und aufdringlich auf der Suche nach jemandem, der mir Zucker in den Hintern bläst. Obwohl ich wie immer zu spät gekommen bin.

So eine Ziege ist nicht nur unerträglich nervig, sondern auch destruktiv. Ich lese nämlich auch, dass Ziegejahrgeborene auf gar keinen Fall Schwarz, Grün oder Blau tragen sollten. Ich sehe in Schrank und Kommode: außer mal einem roten Laibchen hier oder da, werde ich nackt gehen müssen, wenn mir nicht ein Gönner eine neue Garderobe spendiert. Oder ich trage eben Schwarz, Blau und Grün und jammere über mein Unglück, für das ich nichts kann.

Ich habe extra einen Chinesen gefragt, der  einen Freund gefragt hat, der Spezialist für Yijing (früher I Ging geschrieben) und verwandte Themen ist. Der stellte sich standesgemäß als wahres Orakel heraus. Es gäbe, so sagte er, in China zahllose Redewendungen. Manche davon seien wahr, andere falsch. Der Ausdruck (wörtlich): 10 Ziegen, neun unvollständig“ gehöre zu den falschen. Ich bin erleichtert. Habe mich aber zu früh gefreut. Denn, fügte er hinzu, Ziegenfrauen hätten eine hohe Scheidungsrate oder gerieten gerne an gewalttätige Ehemänner. Wenn das die Scheidungsrate erklärt, wäre die Nachricht ja nicht so schlecht. Aber es ist wohl eher so gemeint, dass das mit der Ehe so oder so nicht so toll läuft. Ich sage mal: wer nicht heiratet, ist klar im Vorteil. Die Redewendung ist also genau so wahr wie unwahr. Und wie so häufig trifft es die Frauen.

Aber nun werde ich entgegen meiner egomanverstrickten Natur mal versuchen Auskünfte über das neue Jahr zu geben. Vor lauter Pessimismus fällt mir das natürlich schwer zu sagen, aber es soll besser werden. Ruhiger. Die Neigung zu Verhandlungslösungen soll signifikant steigen. Und das hängt damit zusammen, dass dieses Ziegenjahr ein Yin-Holz-Jahr ist. Weniger starrer Baum wie noch zuletzt im wilden Pferdejahr, sondern mehr sanfte Blume. Aber das möchte ich jetzt nicht vertiefen. Davon abgesehen wird es Dürren und Naturkatastrophen geben. Ziegen macht das ja nichts. Auch die Neigung zu großen Verkehrsunfällen soll bestehenbleiben, wenn auch aus anderen Gründen, als im Pferdejahr. Apropos besser: eventuell steht ein neuer Golfkrieg ins Haus. Und es gibt ohne auf den ersten Blick erkennbaren Zusammenhang einen Hang zur Fettleibigkeit. Ich könnte das alles jetzt begründen, sprich die Begründungen von Oberastrologen abschreiben, aber wen interessiert das schon.

Alle von mir aufgesuchten Seiten sind sich im übrigen einig, dass ich und alle andere Ziegenjahrgeborenen heuer spazierengehen sollen, um Unglück und Maladaisen abzuwenden. Na, das ist meine leichteste Übung. Außerdem soll ich mich gesund ernähren. Obst und Gemüse und so.  Was im Übrigen wegen der Gefahr der Fettleibigkeit in diesem (!) Jahr für alle gilt. Andere Tipps sind eben das Vermeiden von Schwarz, Grün und Blau, das Tragen von kleinen Pferdeanhängern und bestickten Handtaschen. Wenn mich demnächst also jemand in Gelbtönen sehen sollte, mit einer bestickten Handtasche um die Schulter (in der sich ein ganzes Sammelsurium von Pferdeanhängern befindet, die aber nicht aus Holz sein dürfen) ist eins klar: ich bin nicht mehr in Gefahr. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen.

Die Sinisierung des Abendlandes

Ich bin ein wenig verwundert, dass sich noch keine PESIDA gegründet hat, die Patrioten Europas gegen die Sinisierung des Abendlandes. Da schauen ein paar angeblich Besorgte ganz gebannt auf eine marginale Anzahl Muslime oder was sie dafür halten. Gleichzeitig werden ihnen große abendländische Kulturgüter unterm Hintern weggeklaut, ohne dass ein Hahn danach krähte. Vielleicht weil sich äußerlich nichts verändert. Dabei ist es gewissermaßen wie die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel.  Da rast der abendländische Hase wie eine g´sengte Sau über das Feld, doch der chinesische Igel war immer schon da. Denn der hat ja alles immer schon vorher erfunden, gewusst und durchdrungen. Kompass, Papier, Schießpulver, Buchdruck, das binäre System etc.pp. Aber es kommt noch schlimmer.

Denn nun hat der in Hongkong lebende Historiker Angelo Paratico etwas Neues herausgefunden, was auch weit in die Vergangenheit reicht und das Abendland ungeahnten Gefahren aussetzt. Er hat nämlich entdeckt, dass es sich bei der Mona Lisa (kurz nach 1500 gemalt) um Leonardo da Vincis Mutter handelt. Gut, davon war Freud auch schon ausgegangen.  Das ist nicht in dem Sinne neu.

Doch Herr Paratico ist überzeugt davon, dass es sich bei der Mutter ausgerechnet um eine chinesische Sklavin gehandelt habe. Beweise sind zum Beispiel die „eindeutig chinesische“ Landschaft im Hintergrund. Ganz eindeutig. Ein schwerwiegendes Indiz. Zwecks meiner könnte es auch Feuerland oder von mir aus ein in sfumato gemaltes Mordor sein. Ein anderer Beweis soll sein, dass da Vinci von links nach rechts geschrieben habe. Was sich auch einfach damit erklären ließe, dass er Linkshänder war. Außerdem schreiben Chinesen von oben nach unten. Und das dann erst von rechts nach links. Das gewichtigste Argument gegen die These der chinesischen Mona Lisa ist meiner Ansicht, dass da Vinci ein miserabler Maler gewesen sein muss, wenn die abgebildete Person tatsächlich eine Chinesin darstellen soll. Aber das nur nebenbei.

Ein weiterer Beweis für die chinesische Abstammung da Vincis soll sein, dass er Vegetarier war. Was ich für einen ganz besonders bizarren Beweis halte, da man in China zwar wirklich wunderbar vegetarisch essen kann, dies aber als Ernährungsgrundsatz außer bei ordinierten Buddhisten ungefähr so stark verbreitet ist, wie im ländlichen Bayern vor 30 Jahren.

Oder das „geheimnisvolle“ Lächeln. Leute, geht mir das auf die Nerven.  Was haben bloß alle mit diesem blöden Lächeln der Mona Lisa? Und zwar egal, ob es sich um die chinesische Mutter da Vincis, seine italienische Cousine, die lombardische Mutter eines unehelichen Sohnes eines Auftraggebers, eine englische Gouvernante, spanische Nachbarin oder seinen missratenen Liebhaber und Adoptivsohn gehandelt hat. Sicher ist es ein gut gemaltes Bild. Aber bitte wo ist das ganz besondere Geheimnis? Dass man (bis zur Enthüllung Paraticos) nicht wusste, wen es darstellt? Das ist auf tausenden von Kunstwerken so. Dass sie so geheimnisvoll lächelt? Sie lächelt halt genau so, wie Frauen lächeln, denen von klein auf gesagt wurde, dass sie ihre Zähne nicht zeigen sollen. Oder  eine Art Gebiss haben, dass sie selber darauf verzichten, die Zähne zu zeigen, um Kiefernorthopäden keine feuchten Träume zu bereiten. Blöd nur, dass es andere feuchte Träume auf den Plan ruft.

Theophile Gautier schrieb 1858 nämlich beispielsweise über die Mona Lisa: „… aber ihr Ausdruck, weise, tief, samtig und voller Versprechungen, zieht euch unwiderstehlich an und vergiftet euch, während der sinnliche, schlangenhafte […] Mund euch mit so viel Süße, Anmut und Überlegenheit verspottet, daß man sich ganz schüchtern fühlt, wie ein Schuljunge vor einer Herzogin.“ Oder etwas später der Essayist Walter Pater: „Die Gestalt, die hier so seltsam neben den Wassern auftaucht, drückt die Erfüllung eines tausendjährigen Begehrens des Mannes aus. Es ist eine Schönheit […], in welche die Seele mit all ihrem kranken Sinnenleide hineingeflossen ist! […] Gleich dem Vampyr hat sie schon viele Male sterben müssen und kennt die Geheimnisse des Grabes; sie tauchte hinunter in die See und trägt der Tiefe verfallenen Tag in ihrem Gemüt.“ Da haben wohl welche zu tief ins Absinthglas geschaut und die Mona Lisa mit der grünen Fee verwechselt. Oder zu viel in Opiumhöhlen herumgelegen.

Doch plötzlich denke ich, dass Paratico vielleicht tatsächlich Recht hat. Denn alle meine chinesischen und taiwanischen Freundinnen haben so ein Lächeln drauf. Einstudiert, perfektioniert und fotogen. Bewundernswert. Nie würde ich dabei allerdings an krankes Sinnenleiden, tausend Tode, verfallene Tage und Schlangenhaftigkeit denken. Ich schwöre.

Wie auch immer. Mona-Lisa-Fan-Artikel verkaufen sich in China jetzt wie geschnitten Brot. Vielleicht hat der Herr Paratica einen netsprechenden Vertrieb. Und ich bin mir sicher, nächstes Jahr stellt sich heraus, dass Aristoteles auch Chinese war. Und Jesus ein buddhistischer Wanderprediger aus Fernost, der sich eine rührselige Asylgeschichte zusammengesponnen hatte. Und was bleibt dann übrig vom Abendland?

 

 

Smogblog

 

Es gibt Leute, die finden den Smog in Beijing nicht schlimm. Zum Beispiel hörte ich von einem aus dem Pott, der dort Kind war, als das Wort Umweltschutz genauso abgehoben klang, wie das Wort Katalysator. Und fast so unbekannt war wie Smartphone.  Als die Wäsche grau, der Himmel gelblich, die Grünen noch nicht erfunden und Ruß im Essen und Staub in der Lunge normal waren. Als der Pott noch nicht auf Kultur sondern auf Kohle machte. So einer entwickelt Geborgenheitsgefühle im Beijinger Smog, wie andere beim Geruch von Zimtsternen im Backofen kurz vor Weihnachten.

Um die nicht mehr ganz so stark wachsende Wirtschaft zu stützen, wird -von singulären Ereignissen wie der APEC-Konferenz abgesehen- weniger getan, als leicht möglich wäre. Für die Konferenz werden dann eine Woche lang die staatlichen Betriebe stillgelegt, um so das erwünschte APEC-Blau am Himmel zu erzielen. Das bedeutet für viele Zwangsurlaub, der allerdings nachgearbeitet werden muss. Eine dauerhafte Lösung sieht anders aus. Natürlich wird auch der Verkehr runtergeregelt. Das passiert aber auch schon mal ohne APEC. Als ich letztens mit dem besten Reiseleiter der Welt plus Gruppe in Beijing war, wurden wir überraschend Zeugen und Objekte einer solchen Verkehrsberuhigung. Wir waren auf dem Weg ans Meer, freuten uns über einigermaßen zügig befahrbare Straßen und auf eine angenehme und nicht zu langwierige Busfahrt. Doch es kam anders. Denn die Autobahn wurde wegen Smogs gesperrt.

Der Sinn, den dies auf den ersten Blick hatte, wurde auf den zweiten Blick etwas geschmälert. So war an dem Tag gar nicht so wahnsinnig schlimmer Smog. Die Smogstufen wurden in der App meiner Zimmergenossin M farblich veranschaulicht. Grün ist die niedrigste Stufe. Die niedrigeste Smogstufe und keine Smogabwesenheitsstufe wohlgemerkt. Von da hangelt sich die Luft, die irgendwie auch zum Atmen gedacht ist, fröhlich durch den Regenbogen. Wenn sie bei Lila angekommen ist, ist sie tatsächlich eher gelblich und gilt als riskant. Da die dunkelrote Stufe davor schon als erheblich gesundheitsgefährdend gilt, meint riskant hier wohl lebensgefährlich.  An diesem Tag befanden wir uns auf einem mickrigen Orangerot. Wieso also jetzt auf einmal verkehrseinschränkende Smogmaßnahmen?

Noch schmaler wurde der Sinn auf den dritten Blick, denn die Autobahn wurde mit allen Autos darauf gesperrt. Dauerstau zur Smogbekämpfung. Interessantes Konzept. Die Motoren laufen. Werden abgestellt. Wieder angemacht. Auf weiten Teilen der Stadtautobahn. Wir machten auch mit. An. Und aus. Und an. Und wieder ein Meterchen. Und aus.

Auf den vierten Blick steht der Sinn dieser Maßnahme auf einer Basis so breit wie der Yangtse, wo Mao ihn durchschwommen hat (12 km). Leider kann ich ihn wegen des Autoabgasnebels nicht erkennen.

Nach über einer Stunde wurde die Sperrung hinter dem fünften Ring wieder geöffnet und die Fahrt ging weiter. Für solche Sperrungen erweisen sich Mautstellen als extrem praktisch. Wir fuhren wie gesagt nach Osten. Ans Meer. Zum Kopf des alten Drachen. Also dort wo die große Mauer das Meer trifft. Ich hoffe, der alte Drache verträgt Salzwasser, wenn er da schon mit der Nase dringhängt. Unsere Nasen blieben überwasser und freuten sich jedenfalls über Frischluft und Meeresbrise.

Der Weg nach Osten, aufs Meer, ist spätestens seit dem ersten Kaiser Chinas, Qin Shi Huangdi (um 200 vor) mit Unsterblichkeit verbunden. Denn dort irgendwo soll die Penglaiinsel liegen, auf der die acht Unsterblichen wohnen. Ein ziemlich exzentrischer Haufen mit ziemlich schlechter Frauenquote (12%), soweit man weiß. Nun hatte der erste Kaiser von China -wie so viele vor und vermutlich noch viel mehr nach ihm- dieses Ding mit der Unsterblichkeit am Laufen. Wenig überraschend machten ihn die ganzen aus diesem Zweck eingenommenen Quecksilberpräparate auch nicht schlauer und so schickte er einmal (so 210 v Chr) eine von dem Magier Xu Fu angeführte, 3000-5000 Mensch starke Seeexpedition los. Sie sollten die Insel der Unsterblichen finden und bitte schön irgendetwas Unsterblichmachendes wieder mitbringen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen, bei denen nur ein Wal dran glauben musste, verschwand diese riesige Expedition.

Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Sie konnten selber nicht widerstehen, haben sich mit Unsterblichkeitskraut, -pilzen und -pfirsichen den Wanst vollgeschlagen und sind unsterblich gen Himmel entfleucht. Oder sie sind alle abgesoffen. Oder sie haben sich an irgendeinem anderen Ufer niedergelassen, weil klar war, dass sie eine erfolglose Heimkehr sicher nicht überleben würden. Eine Sage sagt, bei der Expedition habe Xu Fu Japan „entdeckt“ und verschiedene kulturelle Errungenschaften eingeführt. Angeblich wird er dort tatsächlich unter seinem japanischen Namen Jofuku als Gott des Ackerbaus, der Seide und der Medizin verehrt. Hab ich irgendwo gelesen. Keine Ahnung, ob das stimmt. In diesem Fall hätte es für den einen von all den tausenden mit der Unsterblichkeit geklappt.

Aber zurück nach Beijing. An einem dieser lila-gelb gestalteten Tage, an denen man sich fragt, ob atmen wirklich eine gute Idee ist,  oder ob man es nicht lassen könnte, besuchte ich mit M chinesische Freunde. Wir fuhren sehr, sehr weit mit der U-Bahn und als die nicht mehr weiterfuhr noch mit dem Taxi. Dort befindet sich aus Platzgründen ausgelagert, die größte und älteste Jurafakultät Chinas, wo mein Freund J arbeitet.

Während wir später bei ihm und seiner Familie zu Hause genüsslich auf Schweineohren und die Kinder auf den mitgebrachten Gummibärchen herumkauten, diskutierten wir dabei natürlich Probleme, Lösungsansätze und Aussichten des Smogproblems. Man kommt dem Thema halt ganz buchstäblich nicht aus.

Und so wurden natürlich auch Witze erzählt. Für den folgenden muss ich jetzt ein wenig ausholen. Denn es geht um die „Reise nach Westen“.  Gewissermaßen das Gegenteil der Ostmeerunsterblichkeitsexpedition. Ein Hauptdarsteller dieses mingzeitlichen Romans ist der aus einem Stein geborene Affenkönig Sun Wukong, eine Art Gottheit mit gewissen Autoritätsproblemen. Der andere ist der historische Mönch Xuanzang, der in der Tangdynastie buddhistische Schriften aus Indien nach China gebracht hatte. Also eine Westlanderkenntnisexpedition. Alle Ostasiaten kennen die Geschichte, die unzählige Male adaptiert wurde. Dragonball ist beispielsweise eine neuere davon. Durch diese Bekanntheit sind Xuanzang und der Affenkönig Sun Wukong so häufige Witzprotagonisten, wie bei uns ein Bayer, ein Ostfriese und ein Engländer, oder von mir aus der Papst und die Queen.

Der Witz: Xuanzang und Sun Wukong kommen auf ihrer Reise nach Westen nach Beijing. Es liegt geheimnisvoll in eine Art Nebel gehüllt. Wie eine Insel der Unsterblichen. Wie eine Abschussrampe in die Erleuchtung. Xuanzang sagt zum Affen: hier bleiben wir. Der sieht sich um und sagt erstmal nichts. Nach einer Weile sagt er: Wollten wir nicht in den Westen? Xuanzang: Es gibt keinen schnelleren Weg in den Westen, als hierzubleiben.

Hahaha.

Ok. Um den Witz zu verstehen, muss man auch wissen, dass „nach Westen gehen“ auch „sterben“ bedeutet.

Und am nächsten Tag strahlte so unverschämt blauer Himmel auf Beijing runter, dass dieser aschig-metallische Geschmack im Mund der Rest eines Alptraums zu sein schien.

 

Umzingelt

Mein persönlicher Fundus an den im letzten Beitrag erwähnten Chengyus (also viersilbigen chinesischen „Sprichwörtern“) ist leider sehr klein. Man könnte auch sagen: verschwindend gering.  Aus ungeklärten Gründen ist mir jedoch ausgerechnet „aus allen vier Richtungen ertönen Chu-Lieder“ im Kopf hängengeblieben. Das wirkt wie mehr als vier Zeichen, aber genaugenommen heißt es: „Vier Seiten Chu Lied“.

Dieses Chengyu ist nun nicht sehr frohgemut. Es beschreibt eine außerordentlich bedrohliche Situation und passt vordergründig wie die Faust aufs Auge der Kurden in Kobane. Das Zitat stammt aus dem Shiji, den Aufzeichnungen des Historikers (von Sima Qian) und ist gut 2000 Jahre alt. Die Situation, die darin beschrieben wird, muss man sich so vorstellen:

Der erste Kaiser von China Qin Shi Huangdi (das ist der mit der Terrakottarmee) ist tot, das Reich zerfällt, bzw wird zum Zankapfel verschiedener Generäle oder auch Warlords, der jeweils vorher zwangsvereinigten Völker, wie die Chu, die Han und noch ein paar Hanseles und Jinseles. Ich glaube, ich muss das nicht näher erläutern, das kann man ja gerade überall beobachten. Ganz vorne dabei ist ein gewisser Xiang Yu aus dem Hause Chu. Dieser Xiang Yu errichtet nun seine ganz eigene Schreckensherrschaft, die der des Qin Shi Huangdi in nichts nachsteht. So soll er beispielsweise 200.000 Qin-Soldaten habe töten lassen, die sich ihm ergeben hatten. Er gilt also eher als grausam und auch als politisch wenig geschickt, um es mal so auszudrücken.

Die wichtigsten Gegner waren die Han unter Liu Bang. Wenn man sich klar macht, dass auf die Qin-Dynastie bald die Han-Dynastie folgte und dass es Han-Chinesen und nicht Chu-Chinesen heißt, wird das Ergebnis dieses Konfliktes nicht überraschen. Aber bis dahin würde noch viel Blut fließen.

Die Aggressionsformen, mit denen ich alltäglich zu tun habe, sind natürlich vergleichsweise lächerlich. Und doch eine Frage der Dosis. Man bekommt manchmal eine Ahnung, wie schnell der zivilisatorischer Firniss abplatzen könnte, wenn man etwas weiter an der Schraube drehte.  Ein aktuelles Beispiel erlebte ich ausgerechnet am 103. Jahrestag der Republik China/Taiwan. Ein Grund zu feiern. Sogar die auf dem zugehörigen Empfang gehaltenen Reden waren irgendwie erträglich. Zwar störte das extreme Übergewicht der Erwähnung von Wirtschaftsdaten, doch dafür entschädigten kleine Sprachungenauigkeiten, die durch Fremdsprachengebrauch unweigerlich auftreten.  Ein MdB klang exakt wie Seehofer und gab als Begrüßung insofern erwartbar ein zünftiges „Nie Hau!“ zum Besten. Wesentlich subtiler war da die Repräsentantin der Taipeh-Vertretung,  Agnes Chen, die tatsächlich sehr gut Deutsch spricht. Trotzdem entwickelten sich bei ihr Dinge friedrich statt friedlich (und nicht etwa fliedlich) und bei den Furzenden der Handelskammer handelte es sich eigentlich um deren Vorsitzende. Auf eine subversive Art unklar blieb allerdings, was mit Witzewirtschaftsministerium gemeint sein könnte. Musik gab es auch noch. Ein zivilisierter Abend also. So weit, so gut.

Aber dann wurde das Buffet eröffnet. Wir hatten vorher die Information bekommen, dass wir uns in der Nähe desselben aufhalten sollten, wenn wir tatsächlich etwas essen wollten. Und zugegeben: wir wollten. Also hielten wir uns schamlos im Bereich Pole-Position etwa 50 cm neben einem Stapel Teller auf. Je mehr Reden vergingen, desto voller wurde es dort. Klar. Doch auf das, was dann kam, waren wir nicht vorbereitet. Wir waren hungrig, lieb und harmlos.

Und hatten keine Chance. Kaum war das Buffet eröffnet, wurden wir von schwarzen Anzügen eingekesselt. Von allen Seiten Chu-Lieder. Wir wurden ellbogenbearbeitet und weggedrückt. Zu Boden getreten.  Zertrampelt. Im Meer schwarzen Zwirns ertränkt. Was nützt der eigene Ellenbogen, was die Abwehrrakete, wenn man nicht weiß, wie sie einzusetzen sind? Keine Bedienungsanleitung hat? Oder keine Zeit, sie zu lesen? Wenn das  Training fehlt? Und die Impertinenz? Hunger allein reicht einfach nicht. Ein Teil der bundesdeutschen Elite, wenn man diese schockweise aufgetretenen Bundestagsabgeordneten und ähnliches Personal dazu zählen mag, war auf uns zu, durch uns durch und über uns drüber gerollt. Mehrere Mann stark bildeten die schwarz und grau uniformierten Herren (und sehr wenige Damen) (und noch weniger Damen und Herren aus Taiwan) das Bollwerk vor der Futterkrippe. Nach zwei ernsthaften Anläufen etwas zu essen zu kriegen, blieb uns nur noch der Ausfall und wir strichen so entnervt wie hungrig Segel. Wie anno dazumal der von Chu-Liedern Umzingelte. Also hungrig war der zwar eher nicht, aber er floh.

Jetzt kann man sich fragen, wieso überlebt denn ausgerechnet ein dermaßen plattes Zitat die Jahrtausende? Die Truppen eines grausamen Herrschers umzingeln einen, klar ist das bedrohlich! Genausogut könnte der Satz „Witz komm raus, du bist umzingelt!“ Weltliteratur werden. Aber so war es nicht. Ohne ein bisschen Pingpong wird es keine chinesische Geschichte. Denn der, der da so schreckerfüllt sagt: „Von allen vier Seiten ertönen Chu-Lieder“ ist Xiang Yu, der Herr der Chu selbst, der sich in Gaixia in einem Belagerungszustand befindet. Er hört ganz vertraute Lieder. Ein bisschen Heimat im Feldzug. Schön eigentlich. Doch seine Reaktion ist eine ganz andere. Und zwar nicht weil er dachte, dass sich seine Leute gegen ihn erhoben haben könnten. Er geht vielmehr davon aus, dass die Han mittlerweile sein Heimatland erobert und die Menschen aus Chu in ihren Kriegsdienst gezwungen hätten. Und das sind doch so viele! Seine zahllosen Untertanen! Das macht ihm Angst. Das Echo der eigenen Lieder. Der Böse selbst hat Angst, gewissermaßen vor sich selbst.

Das ist wie bei mir im Straßenverkehr der Großstadt. Es sei denn, ich bin in Sanftmut gebadet und habe Blumenduft gefrühstückt. (Kommt auch vor.) Ansonsten stürmen von allen Seiten Feinde auf mich ein, erschrecken mich zu Tode oder stehen saublöd im Weg rum. Und dann wird erbittert zurückgeschossen. Zur Not auch präventiv. Auf dem Rad bin ich ein selbstgerechtes Arschloch und im Auto ein nervös-aggressives Opfer.  Hass und Zwiderwurz brechen hervor und kommen von überall zurück. IS, das sind nicht nur die wahnsinnige Terrormiliz vom „islamischen Staat“, sondern auch meine Initialen. Von allen Seiten Chu-Lieder.

Nun irrt aber der belagerte Xiang Yu. Es sind gar nicht seine Chu, die da gegen ihn singen. Die Han haben sein Chu-Land noch gar nicht erobert. Vielmehr hat sein Widersacher Liu Bang seine Leute angewiesen, Chu-Lieder zu singen. Wäre Xiang Yu nur etwas aufmerksamer, hätte er hören können, dass sie Furzende statt Vorsitzende singen.

Aber Xiang Yu hört nicht lange zu, sondern reagiert seinerseits mit einem Lied. (Deutsche Sprichwörter bewegen sich ja leider eher auf dem Niveau: „Da wo man singt, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“. Was soll man dazu sagen?) Denn es gibt noch einen romantischeren Grund, warum sich das Zitat mit den Chu-Liedern versprichwörtlicht hat. In dieser Nacht, als der Despot Xiang Yu schaudernd und gleichzeitig unaufmerksam den Chu-Gesängen lauscht, befindet er sich in Gesellschaft einer Dame. Es handelt sich um seine Konkubine Yu, die darauf besteht ihn auch auf Feldzügen zu begleiten.  Ich stelle sie mir als eine Art Eva Braun vor.

Er besingt in dieser Reihenfolge seine frühere Macht, sein windschnelles Pferd und die Konkubine Yu. Die letzteren beiden mit Worten, die „Was kann ich noch für dich tun?“ oder „Was soll ich nur mit dir tun?“ bedeuten können. Das Pferd antwortet naturgemäß nicht und wird im Verlauf der weiteren Geschichte verschenkt. Die Konkubine antwortet ihrerseits mit einem Schwerttanz. Und wie es der Chu so Art ist, mit einem Lied. Der Inhalt soll etwa gewesen sein: Unser Land ist verloren, um uns herum singen die Chu, mein König ist erschöpft, wozu soll ich da leben? Und flugs schneidet sie sich die Kehle durch. (Wem das jetzt bekannt vorkommt: aus der Geschichte entstand eine chinesische Oper, die im gleichnamigen Film „Lebwohl, meine Konkubine“ von Chen Kaige eine wichtige Rolle spielt. )

Ein Schicksal, dass sich Xiang Yu kurze Zeit und viele Tote später, zu teilen entschließt. Obwohl ihn ein Fährmann in seine bisher uneroberte Heimat und in Sicherheit bringen würde. Aber nachdem er seine ganze Armee aufgeraucht hat, ist ihm das irgendwie unangenehm. Die (vielfach schamanistischen) Chu-Lieder haben als tatsächlich gesungenes Liedgut bald keine Chance mehr. Niemand wird sie mehr singen. Nicht auf einer, nicht auf zwei und schon gar nicht auf allen vier Seiten. Aber immerhin überleben sie als Literatur.

Wenn also aus allen Richtungen Chu-Lieder ertönen, handelt es sich dann um eine bedrohliche Situation? Um eine eingebildete bedrohliche Situation? Um eine eingebildet dramatisierte Situation? Um ein Hassecho? Um eine schlichte Tragödie? Eine Fehleinschätzung gigantischen Ausmaßes? Und was ist eigentlich der Unterschied?

Und so übe ich mich in Sanftmut und Verständnis: Vermutlich war die 103-Jahrfeier der Republik China der erste Tag im Jahr unserer armen Bundestagsabgeordneten, sich endlich mal satt zu essen. Vorher lebten sie mutmaßlich in Verhältnissen wie in einem unter Ebolaquarantäne stehenden Slum in Liberia. Da muss man dann schon mal ein bisschen Verständnis haben.  Und mir wird klar, dass angesichts dessen eine Diätenerhöhung reiner Wahnsinn wäre. Mit noch mehr Diät werden unsere Abgeordneten völlig unberechenbar. Radikalisiert, ja fanatisiert. Der IS wartet schon darauf, unsere völlig ausgemergelten Volksvertreter zu rekrutieren. Ich fordere Fett zu Pflugscharen! Waffen zu Kohlehydraten! Fürze zu Vorsitzenden!

Der alte Sai verliert ein Pferd

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„Der alte Sai verliert ein Pferd“ ist ein chinesisches Sprichwort, ein sogenanntes Chengyu. Wörtlich übersetzt bedeutet das in etwa Fertigrede. Eine solche Fertigrede besteht ausnahmslos aus vier Schriftzeichen und wird gerne adjektivisch oder adverbial gebraucht. Um das mal im Deutschen zu veranschaulichen, könnte ich beispielsweise sagen: „Ich schenkte mir „aufeinembeinkannmannichtstehenisch“ nach“. Dieses Beispiel erklärt in etwa so viel, wie es verfälscht. Denn während bei uns der Gebrauch von Sprichwörtern insbesondere der Verbreitung von Platitüden dient, gehört die Beherrschung chinesischer Fertigreden ganz klar zur gehobenen Sprache, und damit gerne auch zur schriftlichen. In der Regel sind sie außerdem nicht selbsterklärend. Der alte Sai verliert ein Pferd. Kann ich sagen: „Ich schenkte mir deraltesaiverlierteinpferdisch nach?“ Könnte ich. Aber ist das gut oder schlecht? Wie kam es zu dem Verlust? Und wer -zefixhallelujah- ist eigentlich dieser Sai? Es schadet nicht, die Geschichte dahinter zu kennen, wenn man ein Stück Fertigsprache korrekt verwenden möchte.

Die Geschichte geht so: Dem alten Sai entläuft sein Pferd. Alle Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Ein paar Tage später kommt das Pferd wieder. Es wird begleitet von einem anderen Pferd, bzw einem edlen Ross. Und die Nachbarn kommen und sagen: da schau her! und: da legst di nieda! Und der alte Sai sagt: Na, schaunmer mal.

Und dann reitet sein Sohn das neue, prächtige Pferd. Es wirft ihn ab und er bricht sich das Bein. Und die Nachbarn kommen und sagen: ojeoje und ohmeiohmei. Und der alte Sai sagt: Wer weiß, wofür´s gut ist. Und dann ist Krieg und alle jungen Männer werden eingezogen, aber nicht der junge Sai, denn der kann gerade nicht laufen. Und so überlebt er.

Wenn ich mir also deraltesaiverlierteinpferdisch nachschenke, könnte es sein, ich habe am nächsten Tag einen Kater und gehe deswegen nicht nach xy und mir entgeht deswegen ein Wahnsinnsgeschäft. Dass ich allerdings eh nicht abgeschlossen hätte, da just an dem Tag die S-Bahn entführt wird und alle Insassen am berlinbrandenburgischen Flughafen BER als Geiseln gehalten werden. Oder so.

Doch so ein Leben ist auch gerade jenseits der Theke voll von deraltesaiverlierteinpferdischen Ereignissen. Wenn auch nicht so dramatisch. Und auf so ein Beispiel möchte ich jetzt hinaus: Es war einmal ein Mann, der lud alle zwei Monate zu einem landesspezifischen Treffen ein und als es um Taiwan ging, schlug ich ihm vor, mich auch einzuladen und so geschah es. Ich erklärte mich außerdem einverstanden ein paar meiner Bücher als Tombolagewinne zur Verfügung zu stellen. Die Zeit war knapp, also fragte ich nicht beim Verlag nach, sondern brachte eigene (und also selbstbezahlte) mit. Das Versprechen war: Werbeeffekt bei interessiertem Publikum durch Auslegen der Bücher und durch Bewerben im Rahmen der Tombola. (Der alte Sai hat ein Pferd. Das hat er schließlich auch mal irgendwie erworben.)

Doch dann wurden die Bücher zu nah an den Takeaways der Taipehvertretung ausgelegt, so dass irgendjemand sie mutwillig für Werbegeschenke hielt. So verschwanden schon mal zwei von drei Büchern. Ohne jeglichen Werbeeffekt. So wertgeschätzt wie Billigkugelschreiber, blinkende Anstecknadeln und Werbebroschüren. Ich hatte einfach irgendwem Bücher geschenkt. Ja, dachte ich, ich hab´s ja. Man verdient mit Büchern auch so wahnsinnig viel. Hallelujah. Auch auf die werbewirksame Besprechung bei der Verlosung wartete ich vergebens. Denn es wurde spät, die Leute wollten gehen und die Preise wurden -ohne auch nur hochgehalten zu werden- schnell an die Gewinner verteilt. Ich fühlte mich nicht sonderlich gut behandelt und war sehr weit von der Haltung des alten Sai entfernt. (Das Pferd war trotzdem weg.)

Abgesehen davon lernte ich an diesem Vormittag eine Taiwanerin kennen, mit der ich mich gut verstand. Etwas später rief sie mich an, um mich mit einer Freundin, taiwanischen Bestsellerautorin, Dramaturgin etc.pp bekanntzumachen. Chen Yuhui. Oder hiesig: Jade Chen. Nach ein paar Treffen und diversen Flaschen Wein waren wir uns einig, dass ich ihr damals letztes Buch übersetzen sollte. Denn, so sagte sie, ihr sei nicht wichtig, wie gut mein Chinesisch sei, solange mein Deutsch gut wäre. (Das Pferd kam mit einem edlen Ross zurück.)

Das Nationale Literaturmuseum Taiwan erklärte sich einverstanden, dieses Projekt zu fördern, allerdings nur in Höhe der Hälfte der beantragten Summe. Und die ganze Summe wäre nicht im Bereich „Geldregen“, sondern ungefähr bei „ganz okay“ angesiedelt gewesen. Es gab also die Hälfte von „ganz okay“, abzüglich pauschal 20% Einkommenssteuer in Taiwan. Das kann man nicht als Beinbruch bezeichnen. Vielmehr handelt es sich um eine Art als Hauptgewinn verkleideten Genickschuss. Und passt damit gut zu meiner generellen Begabung, mir meine Arbeit durch anderweitige Arbeit zu finanzieren. (Der Sohn ist malad.)

Doch die Arbeit ist nun getan, Bein und Genick sind gewissermaßen verheilt. Und nun ist es da. Das Buch. Ein interkulturelles Pingpongspiel im Porzellanladen. Ein Sachse des 18. Jahrhunderts schreibt ein Tagebuch über seine Reise nach China, um mehr, weitere und tiefere Geheimnisse der Porzellanherstellung zu ergründen und ergründet sich letzlich vor allem selbst. Geschrieben hat dieses sächsische Tagebuch eben jene Taiwanerin. Aus Sicht des Protagonisten habe ich es gewissermaßen zurückübersetzt.

Nebenbei habe ich sehr viel über Porzellan gelernt. Die Unterschiede zwischen hartem und weichem Porzellan, Unterglasur- und Überglasurfarben, wie sich die Farbpalette für Porzellan erweitert hat und wieso Rosa in China „ausländische Farbe“ hieß. Schrühbrand, Glattbrand, Dekorbrand. Insbesondere über das Porzellan der Songzeit (um 1000) könnte ich jetzt jede Menge erzählen. Seltenheit, Textur, Krakelée etc. Und inwiefern „Die Tränen des Porzellans“ einen Hinweis auf dessen Echtheit bieten.  Auch habe ich erfahren, was das ganze mit Jade zu tun hat. Oder warum selbige auch schon mal mit einem toten Hund begraben wird. Die aus meiner agnostischen Sicht sonderbaren Grabenkriege der katholischen Missionsorden in China durfte ich gratis mitübersetzen. Auch eine Recherchefahrt nach Meißen habe ich mir gegönnt. (Das chinesische Pendant Jingdezhen hat die sächsische Kriegskasse dann doch nicht hergegeben.) Alles in allem kann man sagen, dass der malade Sohn im Krankenbett genug Stoff zum Nachdenken und Lesen hatte. Ist ja häufig so, dass es dazu erst einen Krankenhausaufenthalt braucht.

Und ich lebe noch. Wie dem Sai sein Sohn. Was jetzt weiter aus dem wird, kann noch niemand sagen. Und: „Schaunmer mal“ würde der alte Sai jetzt sagen.

Goldrausch im Himalaya

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Der Ort

Auf dieser wunderbaren Wanderung in Osttibet hatte jeder Tag seine eigenen Herausforderungen. An einem Tag hatte sich der Nebel auf knapp 4000 Metern zu Niederschlag verdichtet. Die Umgebung war schroff, felsig, ohne erkennbare Gemütlichkeit und wunderschön. Der Wind biss einem die Graupel direkt ins Gesicht. Die bunten Flechten wurden allmählich weiß. Aus unbekannten Gründen kriege ich in solchen Situation häufig extrem gute Laune, lache dem Graupel ins von vornherein formlose Gesicht und finde alles großartig. Als wäre mir die Natur umso freundlicher gesonnen, je feindseliger sie sich aufführt.

Es war gewissermaßen ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Tür jagt. Und Hunde begegneten uns auch tatsächlich nicht. Aber schräg unter uns, wo noch ein paar Büsche am Hang wuchsen, wuselte es von Menschen. In einer nahezu unbewohnten Gegend bei zwiderwurzigem Wetter. Alle gebückt, augenscheinlich am Suchen. Es musste sich also lohnen. Während der nächsten Rast bei einer tibetischen Familie wurden wir aufgeklärt.

Das Wesen

Sie suchen Yartsa Gunbu, das Wunderwesen Sommergras-Winterwurm. Bei den Chinesen heißt es andersrum, aber genauso rätselhaft Dongchong Xiacao, also  Winterwurm-Sommergras. Die Bezeichnung ist allerdings inhaltlich so oder so falsch, auch wenn man beachtet, dass Gras in diesem Zusammenhang ein sehr weitgefasster Begriff ist. Denn es handelt sich um keine Pflanze, sondern einen Pilz. Auf Deutsch heißt das Wesen dann auch ganz korrekt Raupenpilz. Mittlerweile hat man sich nämlich darauf geeinigt, dass Pilze keine Pflanzen sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass Pilze keine Photosynthese betreiben, sondern zwecks Energiegewinn organisches Material verstoffwechseln. Wie wir. Wie die Schnecke im Garten und der Panda im Zoo.

(Ganz nebenbei frage ich mich nun, ob manche Vegetarier aus Überzeugung keine Pilze essen.) (Und wo ich nun schon bei den Einschüben bin: Es gibt eine Schnecke -Elysia chlorotica- die kann auch Photosynthese, ist aber trotzdem ein Tier.  Eine Grenze ist eben doch weniger präzise als angenommen. Weil es so schön ist, möchte ich noch hinzufügen, dass dieses hermaphroditische Pflanzentier zu den Schlundsackschnecken gehört.)

Der Preis

Die tibetische Familie zeigte uns also eine kürzlich gesammelte Tier-Pilz-Hybride und wir erfuhren, dass sie dafür die stolze Somme von 80 Yuan (knapp 10 €) erwarten. Und dass sie in der Stadt dann vielleicht für 800 Yuan in einer hübschen Geschenkverpackung an den Endverbraucher geht.

Der Raupenpilz ist schon sehr lange ein wichtiger und nicht ganz billiger Bestandteil der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin, der nur im Himalaya auf Höhen zwischen 3000-5000 Metern vorkommt. Dort wird er aber mittlerweile in rauhen Mengen gesammelt. Es kursieren Zahlen wie 200 Tonnen (grob geschätzt 600 Mio Pilze) im Jahr, was 2007 bereits einem Wert von etwa 700 Mio € entsprochen haben soll. Es heißt, der Preis steigt pro Jahr um etwa 20%. Dann hätte sich der Umsatz bis heute mehr als verdoppelt. Da lohnt es sich kaum noch, ein Vieh auf die Weide zu stellen und das ist auch ganz gut, denn die Berge sind hoffnungslos überweidet. Für die Bergbewohner stellt der Raupenpilz mittlerweile die mit Abstand größte Quelle für Bargeld dar. Und davon können sie sich dann Fernseher, Motorrad, Schule und Krankenhausaufenthalt leisten. Abgesehen von teilweise blutigen Revierkämpfen um die Sammelgebiete, hat das Sammeln also einen Haufen Vorteile.

Der Nutzen

Die Vorteilen des Sammelns resultieren aus den Vorteilen des Raupenpilzes. Denn der ist ganz allgemein ein Tonikum, spendet Lebenskraft und wirkt dem Alterungsprozess entgegen. Natürlich und insbesondere soll er auch die Potenz stärken. Chinesische Sportler rühmen ihn außerdem schon seit den Neunzigern als erlaubtes Doping. Darüberhinaus soll er einen gewissen Nutzen in Aids- und Krebs-Therapie entfalten. Es gibt also viele Gründe, ihn als Arzneimittel zu schätzen. Sehr chinesisch ist die Sitte, so etwas nobel verpackt als Prestiggeschenk zu verwenden. Ich stelle mir gerade vor, wie hierzulande einem Geschäftsfreund bei einem Empfang ein extrem teures Aids-Medikament in Schmuckbox überreicht wird. Oder wie ich jemandem das segensreiche Pilzprodukt Penicillin oder das Allheilmittel Knoblauch in einer gülden ausgeschlagenen Schachtel zum Geburtstag schenke. Gesundheit ist schließlich ein hohes Gut.

Die Raupe

Wer ist aber dieser geheimnisvolle und prestigeträchtige Raupenpilz? Auf Latein heißt er Ophiocordyceps und hat eine ganz miese Nummer drauf. Er befällt eine im Hochland endemische Gespenstermottenlarve. Diese Raupen (Familie der Wurzelbohrer) leben unterirdisch und bohren dort familientypisch Wurzeln. Nun kommt manch angebohrter Wurzel, beispielsweise einer Windröschenwurzel, ein Pilz zur Hilfe und befällt unsere Raupe, die davon zunächst nichts merkt. Behaupte ich jetzt mal. Sonst wird es zu unangenehm. Plötzlich benimmt sich unsere Raupe jedoch frembestimmt, als hätte ihr jemand (ein Außerirdischer? Die CIA? Die NSA?) einen Chip implantiert. Und während ihre unbefallenen Artgenossen sich im Herbst auf den Weg in tiefere Tiefen machen, um dort den Himalayawinter zu überstehen, wird unsere Raupe ferngesteuert und nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche zum Stehen gebracht. Wie der Pilz (die Außerirdischen? Die CIA? Die NSA?) das anstellen, ist noch unerforscht. Gefährlich nah an der Oberfläche ist sie nun, unsere Raupe, nah an Eis- und Schnee- und Gefriergefahr. Aber keine Sorge. Sie wird nicht erfrieren.

Der Pilz

Denn vorher bringt der Pilz sie um. Sobald der Pilz unsere Raupe in die Pole-Position gebracht hat, macht er ihr den Garaus. Und verstoffwechselt alles außer ihrem Exoskelett und breitet sich selbst darin aus. Damit ist die Phase Sommerwurm beendet und die Larve der Gespenstermotte zu einer Gespensterraupe geworden. Eine untote Raupe, gefangen in der Zwischenwelt.

Im Frühjahr wächst dieser mit Mycelgespinst gefüllten Gespensterraupe ein brauner Stengel aus dem Kopf. Es ist der Fruchtkörper unseres Pilzes. (Ich wechsel jetzt mal die Partei, denn es ist doch irgendwie angenehmer auf der Seite der Überlebenden zu sein.) Dieser Fruchtkörper wächst und wächst, bis er durch den Erdboden ans Sonnenlicht stößt. Er blinzelt ein wenig, reckt und streckt sich, sieht sich um, singt „Hallelujah“ und macht sich bereit seine -den Gespenstermottenlarven todbringenden- Sporen in die Welt zu streuen.

Interruptus

Bisher haben das Weidenröschen (dem der Pilz letztlich doch nicht geholfen hat) und die Raupe Schmach, Pein und/oder Tod erleiden müssen, um es unserem Pilz zu ermöglichen, seine Gene übers Hochplateau zu pusten. Doch jetzt kommt der Mensch ins Spiel, denn das ganze Gebilde ist mehr wert, wenn es noch schön fest ist, also bevor der Pilz sein ganzes Pulver verschossen hat. Er wird samt Raupe ausgegraben und endet nach einem Zwischenstopp in einer Geschenkverpackung vielleicht in einer Schnapsflasche oder als Hühnchenfüllung.

Die feindliche Raupenübernahme findet nun schon seit Tausenden von Jahren statt und hat der Population der Gespenstermotte nicht wesentlich geschadet. Wie allerdings die massive Jagd auf den Raupenpilz sich auf diesen auswirkt, bleibt abzuwarten. Währenddessen entstehen in den tibetischen Tälern zum Teil pompöse Neubauten, die erst noch wie eine Gespensterraupe mit Leben gefüllt werden müssen.

Und die bucklige Verwandtschaft

Natürlich ist der Raupenpilz nicht der einzig parasitierende Pilz. Alle seine Brüder und Schwester, Onkeln und Tanten, Kinder, Neffen und Nichten, Cousinen fünften Grades und Großväter bis ins siebte Glied namens Cordyceps suchen sich einen Wirt, den sie sich selbst als Gulasch zubereiten lassen.

Mahlzeit.

P.S: Wer sich dafür interessiert, was Kakerlaken für Blüten treiben können, sei dieser Link empfohlen.